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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Katzenauge
Eingestellt am 29. 10. 2003 06:51


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para_dalis
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Katzenauge

Es d√§mmerte bereits und der Nebel tauchte die Landschaft in ein milchiges Licht, das nur von den orangenen T√∂nen der Bl√§tter aufgelockert wurde. Sie lief und lief und bef√ľrchtete, dass ein vor√ľber fahrender Wagen sie erfassen k√∂nne. Sie sprang in den Graben neben der Stra√üe, wenn sie die Ger√§usche der sich n√§hernden Fahrzeuge h√∂rte, und es schien, als wolle sie nicht bemerkt werden. Nur Wald war um sie und die Stra√üe. Eine Stra√üe, die durch den Wald f√ľhrte.

Den Abend zuvor hatte sie in einer Bar verbracht.
Sie sa√ü am Tresen. Ihr Blick ging nach innen und sie drehte das Glas in ihren H√§nden. Selbst die sonst so ausgehungerten M√§nner, die dankbar f√ľr jede Abwechslung eben auch diese Bar aufsuchten, sprachen die Frau nicht an, oder √ľbersahen sie. Sie hatte so etwas abweisendes, eben etwas nach innen gekehrtes.
Den Kopf hielt sie gesenkt.
Sie hatte einen schlechten Platz. Immer wenn sich die T√ľr √∂ffnete, erkannte sie aus den Augenwinkeln urinierende M√§nner. Die Hosen hingen zwischen den Kniekehlen und die Handbewegung nach dem Verstummen des Ger√§usches lie√ü sie einen Brechreiz bek√§mpfen. Gegen√ľber der Toiletten h√∂rte sie das Klappern der T√∂pfe und die Fl√ľche des Koches. Sie mochte sich nicht vorstellen, was in den K√∂pfen kochte, und was die G√§ste zu speisen gedachten. Ihr Kopf schmerzte, ihre Augen tr√§nten. Ihr Augapfel, der rechte, begann sich vorzuw√∂lben. Es hatte zugenommen im Laufe der Jahre. Es muss sich eingeschlichen haben. Immer √∂fter wurde sie auf die unterschiedliche Gr√∂√üe ihrer Augen angesprochen.

Die unterschiedliche Gr√∂√üe und Auff√§lligkeit ihrer Augen war die eine Sache. Die Schmerzen hinter dem Auge eine andere. Morgens, sie war meist noch nicht richtig wach, begann sich dieser dumpfe Schmerz bereits anzuk√ľnden. Gegen Mittag war der Schmerz so pr√§sent, dass sie nur noch in ihre abgedunkelte Wohnung wollte. Sie verlagerte ihre Arbeitszeit. Und ging tags√ľber schlie√ülich gar nicht mehr ins Freie. Ihre Augen, besonders das rechte, wurden immer lichtempfindlicher. Die Schmerzmittel wurden st√§rker. Und verloren dennoch immer wieder ihre Wirkung.
Sie begann schlecht zu tr√§umen. Sie tr√§umte von Katzen auf B√§umen, die sie im Dunkeln pfl√ľckte und in ihren Beutel packte. Sie tr√§umte von Katzen, die sie anz√ľndete. Die kleinen, s√ľ√üen Katzenk√∂pfchen brannten lichterloh und sie hielt eine sterbende Katze zur n√§chsten noch Lebenden, um das Feuer auch auf sie zu √ľbertragen. Sie sch√§mte sich f√ľr ihre Tr√§ume und beschloss nicht mehr zu schlafen. Sie blieb tage- und n√§chtelang wach und die Schmerzen verschlimmerten sich. Sie wurde abweisend und unausstehlich, und f√ľhlte sich missverstanden. Sie wollte nicht so sein wie sie war. Ihr Auge hatte ihre Psyche ver√§ndert.

Manchmal sa√ü sie in ihrer dunklen Ecke des gro√üen, ger√§umigen Zimmers und wollte sich das Auge aus der Augenh√∂hle rei√üen. Es einfach von sich werfen, das gro√üe, glotzende Auge. Und manchmal begab sie sich im Dunkeln aus dem Haus und suchte verschiedene Lokale auf, in der Hoffnung, sich ablenken zu k√∂nnen. Dann sa√ü sie zwischen abgerissenen Arbeitern und urinierenden Gesch√§ftsm√§nnern in einer Kneipe und stellte sich vor, was in den K√∂pfen kochte, und was die G√§ste verspeisten. Sie konnte ihren Augapfel hinein werfen, es w√ľrde nicht bemerkt werden. Die G√§ste starrten auf den √ľberdimensionalen Bildschirm an der Decke in der Mitte des Raumes und schaufelten das Essen in sich hinein. Es k√∂nnten Aug√§pfel sein. Es k√∂nnten andere Dinge sein, die in den K√∂pfen vor sich hin brodelten, es w√ľrde nicht bemerkt werden. Es k√∂nnten die angebrannten Katzen sein, die wie √Ąpfel an den B√§umen hingen, auch das w√ľrde niemand merken.

An guten Tagen, wenn ihr Auge weniger schmerzte, betrachtete sie die Menschen. Sie bemerkte hervorstehende Adern auf alten Handr√ľcken, die sichelf√∂rmig angeordnet waren, oder auch andere Glotzaugen. Dann wollte sie die Person ansprechen und nach ihren Schmerzen fragen. Sie unterlie√ü es. An anderen Tagen war sie bem√ľht, sich abzulenken. Sie besuchte mittelm√§√üige Lesungen in unterirdischen Mauern oder betrachtete Kunstwerke, die sie so gar nicht als Kunst betrachten konnte. Sie fragte sich, was ein einzelnes Plastikreh hinter Glas aussagen wollte oder warum Eva, die sehnsuchtsvoll und mit perlenverhangenem Gesicht nicht zum Apfel fand. Sie verstand nicht, warum zwei St√ľhle hinter einem Vorhang die Besucher einluden, einem alten Mann beim onanieren beizuwohnen.
Die Versuche sich abzulenken, waren von wirklich kurzer Dauer. Sie schlief immer weniger und die Schmerzen nahmen zu. Das Auge begann zu zucken, der Schmerz wurde unertr√§glich. Es war, als ob ihr rechtes Auge den Sch√§del verlassen wollte und es nicht konnte. Es wollte aus ihrem Kopf. Es f√ľhrte schon l√§ngst ein Eigenleben.

Einmal, es d√§mmerte bereits und der Nebel verdunkelte die Landschaft, war es ihr gleich, ob ein Auto sie erfassen w√ľrde. Sie sprang in keine Gr√§ben mehr und sie verlie√ü auch nicht mehr die Mitte der Stra√üe, als sie das herannahende Fahrzeug h√∂rte. Sie warf das schmerzende Auge von sich. Sie riss es sich einfach aus der H√∂hle und warf es mitten auf die Stra√üe.

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glasperlenspielerin
???
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so intensiv ...

hi heike,

deine bildersprache so intensiv, surrealistisch, bedr√ľckend einerseits, aber auch mit einer mit einer prise anarchie
nach dem motto: "mach kaputt, was dich kaputt macht" oder so ähnlich(?)

augen als spiegel der seele - sehen zu viel - mutieren zu katzenaugen, sie sehen tags und nachts - all die hässlichen bilder werden unerträglich - die rettung: sich vom "sehen" befreien, lieber blind und tot(?)
bzw. die seele will sich dem außen nicht mehr offenbaren?

deine bilder könnten einem bunuel film entsprungen sein

habe nun schon einiges von dir gelesen, liebe heike, aber diese story gefällt mir besonders gut
kleine kritik am rande: der schluss - als leser erwartet man etwas mehr, naja ich zumindest ... d.h. beruhigendes, tröstendes u.ä.

so long



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para_dalis
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danke dir!

;-)

mit den schl√ľssen habe ich so meine schwierigkeiten.

;-)

will ich schnell fertig werden? will ich meine gedanken, (meine schmerzen?)
schnell los werden? mich nicht mehr damit befassen und es von mir reißen??

und es gibt nun mal leider nicht immer etwas tröstendes. manches ist wie es ist.

doch das ist vielleicht schon wieder zu eigensinnig, zu engstirnig. wenn man schreibt, schreibt man zu gefallen des lesers oder um sich zu befreien? ideal ist wohl, wenn man beides vereinen kann.
ich arbeite dran.
versprochen!

und nochmal
danke!!

Gruß
Heike

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