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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Kauf dir einen bunten Luftballon
Eingestellt am 07. 02. 2016 13:05


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Rhondaly DaCosta
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Registriert: Dec 2012

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Es klappt nicht. Andreas h├Ąlt die Luftballons umklammert und blickt auf den Boden unter sich. Er schwebt immer noch nicht in der Luft. Nein, nein, er sitzt nach wie vor auf dem Sand.
Mit einem Seufzer wickelt er die Leine von seinem rechten Zeigefinger und bindet die Ballons an ein kr├Ąftiges St├╝ck Treibholz neben sich. Schade. Er h├Ątte sich sosehr gew├╝nscht, dass die Atem├╝bungen diesmal eine Wirkung gezeigt h├Ątten. Siebenundsiebzig Mal hat er rhythmisch und bewusst die Luft eingesogen und durch den leicht ge├Âffnetem Mund ausflie├čen lassen. Naja, vielleicht stehen die Sterne noch nicht so g├╝nstig wie das Horoskop angab. Oder er ist, wie immer, zu ungeduldig.
Aber so schnell gibt Andreas nicht auf. Er greift sich einen kleinen Ast und kniet sich hin. Dann malt er ein Dreieck in den Sand. In dieses Gebilde zeichnet er nun ein senkrecht entgegengesetztes Dreieck, das sich mit dem ersten in der Mitte ├╝berschneidet.
Nun steht er auf und umrundet das Zeichen, zuerst sieben Mal in Uhrzeiger Richtung. Anschlie├čend vollf├╝hrt er die Prozedur in die Gegenrichtung. W├Ąhrend der Umrundung tanzt er wechselseitig auf einem Bein. Dabei intoniert er leise die Formeln aus dem Buch des aufgestiegenen Meisters von Chinoa.
Andreas setzt sich wieder hin und h├Ąlt sein Gesicht eine Zeit lang in die untergehende Sonne. Nichts r├╝hrt sich.
Wortlos steht er auf und geht ├╝ber den Strand zu seiner Wohnung zur├╝ck.

In dem kleinen Apartment bei der Kolonie z├╝ndet er eine Kerze an. Umsichtig verschlie├čt er die T├╝r. Er pr├╝ft zwei Mal, ob das Schloss und der Riegel auch richtig eingerastet sind. Dann zieht er die Vorh├Ąnge am Fenster zu.
Behutsam holt er den Umschlag mit der Kreditkarte und dem Kontoauszug hervor. Das Versteck ist sehr raffiniert angelegt. Manchmal versp├╝rt er selbst eine leichte Furcht davor, dass er seinen Schatz auch wirklich dort verborgen h├Ąlt ÔÇô und wiederfinden wird. Das Konto zeigt siebenunddrei├čigtausend Euro und ein paar Zerquetschte. Damit kommt er roundabout noch drei Jahre aus.
Andreas verstaut den Umschlag wieder und setzt sich im Schneidersitz auf den Schaffellteppich. Zittern seine H├Ąnde? Nein, nicht sehr. Er ├╝berlegt. Was soll er machen, wenn weder das Luftballonritual noch die Geheimformeln ihn in eine h├Âhere Dimension tragen?
Er nagt am Nagel seines rechten Zeigefingers. Na klar, er h├Ątte den Posten als Niederlassungsleiter nicht so ohne weiteres aufgeben sollen. Die Bank hatte die Filiale wohl geschlossen. Sie hatte ihm aber auch eine fast gleichwertige Position in einer Nachbarstadt angeboten.
Allerdings wollte er schon lange raus aus der Tretm├╝hle. Alternativ leben, mehr Zeit f├╝r sich haben. Spiritualit├Ąt erfahren. Frei sein. Und au├čerdem, so sagt man, wird der Bankensektor zur Stahlindustrie der n├Ąchsten Jahre, personell gesehen. Das gibt ein Gemetzel, das wei├č er jetzt schon. Wo sollen alle diese Leute hin? Hoffentlich kommen nicht allzu viele auf den gleichen Gedanken wie er selbst.
Also, er hat die f├╝nfzig Mille Abfindung genommen und sich hier auf La Gomera einquartiert. Zehntausend sind f├╝r die Umzugs-Logistik, f├╝r das Horoskop und f├╝r das Jahresabo der Gruppensitzungen draufgegangen. Dreitausend haben die ersten drei Monate gekostet. Das war im Plan. F├╝r den Aufstieg in die n├Ąchste Dimension h├Ątte er laut Horoskop einhundertneunundsechzig Tage gebraucht, dreizehn Mal dreizehn.
Heute ist er genau einhundert Tage dabei. Die ber├╝hmten hundert Tage. Es ist Zeit, eine Zwischenbilanz zu ziehen.

*

Die magischen Rituale haben bisher keinerlei Wirkung gezeigt. Keine kosmische Zufriedenheit ÔÇô nix. Hat er Mist gebaut?
Die Sache mit den Luftballons und dem Atemritual hat ihm einer aus der Gruppe eingeredet. Andreas hatte sich schon gewundert, dass man ihm dieses Requisit aus einem Schlagertext und keine uralten Runentafeln oder ├ähnliches empfohlen hatte. Er ist auch der Einzige, der genau diese ÔÇ×TechnikÔÇť, gegen einen kleinen Obolus, erhalten hat. Andere fahren w├Ąhrend der Atem├╝bungen mit dem Zeigefinger auf handlichen Labyrinthen herum oder schwingen Gl├Âckchen mit Fibonacci Spiralmustern. Und er sitzt halt wie ein Kind mit Luftballons am Strand.
Zuerst dachte er, der Gruppenleiter w├╝rde ihn ver├Ąppeln mit seinen spirituellen Spr├╝chen ├╝ber Affirmation und wiedererwachtes kulturelles Erbe. Allerdings genie├čt der Typ in der community ein hohes Ansehen. Er, Andreas, braucht im Moment jemanden, an den er sich halten kann. Sonst geht er im Alleinsein unter. Er redet sowieso schon viel zu viel mit sich selbst.
Gezieltes Atmen macht irgendwie Sinn. Das bringt mehr Sauerstoff in die Lungen. Aber dann kommt die Sache mit dem einbeinigen H├╝pfen. Zum Schluss der Gruppensitzungen h├╝pfen sie alle einbeinig im Kreis. Er hat nachgefragt und sp├Ąter im Internet nachgeschlagen. Ein keltischer Gott namens Lugh soll auf einem Bein getanzt sein und alle Feinde, sprich Probleme, beseitigt haben. Andreas hat jetzt ein paar Probleme, das stimmt schon. H├╝pfen f├Ârdert den Gleichgewichtssinn, so sagen sie im Vortrag, es beeinflusst die Ventrikel im Gehirn und so weiter ÔÇô er muss das glauben.
Die Sache mit dem verschlungenen Dreieck nennen sie Merkaba. Es soll ein schamanisches Fahrzeug f├╝r den Aufstieg des Geistes sein. Andreas hat das Symbol und die begleitende Evokation des Meisters von Chinoa immer noch nicht kapiert. Er brabbelt einfach die Laute vor sich hin, die in der Gruppensitzung vorgegeben werden.
Andreas sucht st├Ąndig eine logische Br├╝cke. Es gibt tausende, wenn nicht zehntausende von B├╝chern ├╝ber die Rituale solcher Meister und ├╝ber die Macht der Symbole. Neuro├Ąsthetik nennt sich dieser Wissenszweig. Die Autoren k├Ânnen nicht alle komplett daneben sein.
Und ├╝berhaupt, w├╝rde die Menschheit sonst nicht seit Urzeiten solche Riten praktizieren? Die authentischen Massai tanzen und singen doch auch und springen dabei hoch - allerdings auf zwei Beinen. Vielleicht dauert es sehr lange, bis die Rituale wirken. Das wird es sein.
Oder auch nicht? Vielleicht ist es doch alle Humbug?
Am Anfang war dieses Leben schon dufte. Aber seit neuestem kriegt er manchmal eine richtige Wut auf diese Luftballons. ÔÇ×Achte auf deine GedankenÔÇť, so proklamiert dieser Guru-Verschnitt st├Ąndig. Zumindest damit hat er recht.
Andreas steht auf und legt sich mit hinter dem Kopf verschr├Ąnkten Armen auf das Bett. Wenn er jetzt den Glauben an die Esoterik aufgibt, ja was dann?

*

Nebenan wohnt Henna Hanna. Man nennt sie so, weil sie sich Tattoos mit Hennafarbe auf die Oberseite der F├╝├če malt. Alle paar Tage entfernt sie das alte Muster und erfindet neue Motive. Das ist ganz clever im Vergleich zu einem Permanent-Tattoo, findet Andreas.
Hanna ist auch sonst eine interessante Nachbarin. Sie ist immer fl├╝ssig. Anscheinend bekommt sie an jedem Ersten eine ├ťberweisung von irgendwoher. Au├čerdem jobbt sie als saisonale Servicekraft in den umliegenden Hotels. Hanna ist keine schlechte Partie.
Eigentlich hat Andreas im Moment genug von Liaison und Co. Das Desaster mit Karin steckt ihm noch in den Knochen. Dar├╝ber muss auch erst einmal Gras wachsen. Dennoch - er darf die Hanna Option nicht aus den Augen verlieren. Hoffentlich dockt sie zwischendurch nicht woanders an. Das w├Ąre Pech.
Apropos Pech. Morgen, bei Sonnenaufgang, muss er den Doppelpack wieder versuchen; wird er wieder versuchen. Luftballon-Konfirmation und Merkaba-Tanz.
Luftballons ÔÇô er hat die Luftballons am Strand vergessen.
Aufgeregt will Andreas aus dem Haus st├╝rzen. Die T├╝r ist verschlossen und der Riegel eingerastet. Hastig beseitigt er das Hindernis, ├Âffnet die T├╝r und rennt zum Strand hinaus.
Gott sei Dank, die Ballons sind noch da. Und bei Hanna geht das Licht an.

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