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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Kaufrausch
Eingestellt am 07. 10. 2006 15:46


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MĂ€rchentante
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Kaufrausch

Endlich Montag! Ab 9 Uhr hatten die GeschĂ€fte in der Innenstadt wieder geöffnet. Wie lang doch so ein Wochenende sein konnte! Zwar hatten die meisten LĂ€den jetzt auch am Samstag bis abends geöffnet, aber der Sonntag, meine GĂŒte, da war nichts los in der Stadt, nicht der kleinste Laden hatte auf. Keine Hektik herrschte dann in der Stadt und außer dem GlockenlĂ€uten vom Dom wurde die Ruhe durch nichts unterbrochen. Nur vereinzelte BlumenlĂ€den und BĂ€ckereien hatten stundenweise geöffnet. Charlotte seufzte: „Was soll ich mit Blumen, die habe ich selbst im Garten und Kuchen? Der schmeckt selbst gebacken sowieso am besten.“

Der Sonntag war fĂŒr die attraktive EndfĂŒnfzigerin der langweiligste Tag der Woche. Nach dem Mittagessen ging sie in den Garten, und machte es sich mit der Zeitung auf einer Liege im Schatten der BĂ€ume bequem. Charlotte bereitete sich innerlich bereits auf den Montag vor. Wohlige Schauer rannen ihr ĂŒber den RĂŒcken, als sie die vielen Sonderangebote studierte. "Ich werde mich frĂŒh auf die Socken machen mĂŒssen, ehe mir die anderen das Beste vor der Nase weggeschnappen", dachte sie. Dieses aufgebrezelte Weib fiel ihr ein, die ihr letztens in einem der KaufhĂ€user eine ungewöhnlich schicke Bluse fast aus den HĂ€nden gerissen hatte und damit schnurstracks zur Kasse lief. „Noch nicht einmal anprobiert hat die das gute StĂŒck, Hauptsache, sie hat die Bluse ergattert, ob sie passt oder nicht.“, dachte Charlotte sauer. Tagelang war sie wegen diesem Teil unterwegs, immer in der Hoffnung, dass es heruntergesetzt wurde. Und als es dann endlich soweit war, kam ihr diese Zimtzicke zuvor. Das sollte ihr so schnell nicht noch mal passieren!

Schlag neun war Charlotte, tiptop gestylt, in der Stadt. Ach ja, shoppen war die schönste Sache der Welt. Was es nicht alles zu sehen gab in diesen wundervollen Einkaufstempeln. All diese herrlichen Sachen anfassen, fĂŒhlen und dann ab damit zur Kasse. Die ganze Welt versank um sie herum. Machten sich ihre FĂŒĂŸe bemerkbar, ging sie in ihr Lieblingscafe. Bei Kaffee und Kuchen sinnierte sie darĂŒber, woran es wohl lag, dass ihre FĂŒĂŸe manchmal so schmerzten. Komisch, immer wenn sie mitten im Kaufrausch war, musste sie diesen unterbrechen und ein wenig ruhen. Plötzlich wusste sie den Grund. Es lag an ihren Schuhen, eindeutig! Das sie darauf nicht gleich gekommen war. Sofort mussten neue her. Gleich um die Ecke hatte doch ein neues SchuhgeschĂ€ft aufgemacht, dort wĂŒrde sie jetzt flugs hineilen. Wie elektrisiert sprang Charlotte auf. Mit fahrigen Fingern zog sie einen Geldschein aus dem Portemonnaie und legte ihn auf das kleine Tischchen. Hastig schnappte sie sich Taschen und TĂŒten, rief der Bedienung zu: „Stimmt so!“, und flitzte eilig aus dem Laden, verfolgt von den erstaunten Blicken der Serviererin.

Gott sei Dank fand sie in dem neuen Laden nach langer Suche tatsĂ€chlich passendes Schuhwerk. Das war gar nicht so einfach, denn Charlotte hatte sehr komplizierte FĂŒĂŸe. Sie waren leider sehr groß, was sie stets bedauerte, weil es ihrer Meinung nach die allerschönsten Schuhe immer nur in den kleinen GrĂ¶ĂŸen gab. Außerdem waren ihre FĂŒĂŸe sehr schmal und Ă€ußerst druckempfindlich. Italienische Modelle kamen eh nicht in Frage, denn die sind generell nicht so bequem und gut verarbeitet erst recht nicht. Umringt von mindestens 20 Paar Schuhen, hielt sie der VerkĂ€uferin triumphierend die eleganten Pumps mit der schwarzen Lackspitze hin: „Hier, die nehme ich, sie passen topp zu meinem gerade gekauften Rock und bequem sind sie auch noch, toll.“ Die VerkĂ€uferin wischte sich den Schweiß von der Stirn, nahm wortlos die Schuhe entgegen und brachte sie zur Kasse. Mit einem gemurmelten: „Ich wĂŒnsche Ihnen noch einen schönen Tag“, suchte die Geplagte das Weite. GlĂŒcklich ĂŒber die schicke Neuerwerbung, schlenderte Charlotte weiter durch die Einkaufsmeile.

Plötzlich hörte sie ein: „Huhu, Charlotte“, rufen. Sie blickte sich um und entdeckte ihre beste Freundin Ines, die, ebenfalls stramm bepackt, im Laufschritt auf sie zueilte. „Hallo, Ines“, begrĂŒĂŸte Charlotte ihre Freundin mit einem Bussi rechts und links, erfreut. „Hast du Zeit? Komm, lass uns ein wenig zusammen bummeln gehen. Oh, hast du einen neuen Duft?“, sie schnĂŒffelte. „Riecht nicht schlecht, vielleicht ein bisschen zu sĂŒĂŸ, was ist es?“ Ines gluckste: „Weiß ich, ehrlich gesagt, gar nicht. Habe im Vorbeigehen bei Douglas mal eben ein ProbeflĂ€schchen geschnappt und mich eingesprĂŒht. Wir könnten ja nachher in die Filiale am Domplatz gehen, ich wollte mir sowieso einen neuen Duft gönnen.“ „Gute Idee“, meinte Charlotte bereitwillig“, „meine Tagescreme geht auch langsam zur Neige. Sie sollen jetzt eine sensationelle Antifaltenserie haben.“ „Brauchen wir das denn schon in unserem Alter?“, fragte die 60jĂ€hrige Freundin skeptisch. „Ich finde, meine Haut sieht doch noch super glatt aus.“ Charlotte grinste: „Na ja, wenn man von den kleinen KnitterfĂ€ltchen und dem leicht schrumpeligen Hals bei dir absieht.“ Empört funkelte Ines ihre beste Freundin an: „Meinst du das etwa im Ernst? Theo findet ich sehe noch fantastisch aus. Und wo wir schon mal beim Thema sind. Soll ich dir mal vom Zustand deiner Haut erzĂ€hlen? Außerdem hast du um die HĂŒften in letzter Zeit ordentlich Fett angesetzt.“

Charlotte schnappte nach Luft. Doch ehe sie der Freundin eine giftige Antwort entgegenschleudern konnte, entdeckten sie fast gleichzeitig den WĂ€schestand vor einem der vornehmeren GeschĂ€fte. „Oh, schau mal“, sagte Ines atemlos, und hielt ihrer Freundin ein zartes Gebilde in rot vor die Nase. „Das mĂŒsste wohl passen, was denkst du? Ich werde meinem Theo mal wieder eine kleine Freude machen. Du weißt ja, kleine Geschenke erhalten die Freundschaft.“ Die Freundin kicherte geistesabwesend, denn ihr gefiel das spitzenbesetzte Dessous, das eine andere Dame ihr gegenĂŒber in den HĂ€nden hielt. „Hoffentlich legt die es gleich wieder hin“, zischte sie Ines zu, „genau das fehlt mir noch in dieser Farbe.“

„Wie wĂ€rÂŽs mit einem Kaffee?“, fragte Ines, wĂ€hrend sie etwas spĂ€ter in einem eleganten Geschirrladen vor einem heruntergesetzten Service eines bekannten Herstellers standen. Charlottes Kopf flog hoch und starrte sie an: „Ich hatte schon einen.“ „Ich aber nicht“, schmollte Ines. „Na gut“, gab Charlotte seufzend nach, „aber nicht lange hinsetzten, es ist bald Ladenschluss. Hoffentlich setzen sie bald mal durch, dass die LĂ€den rund um die Uhr öffnen dĂŒrfen, immer diese Hektik. Ich schlage vor, wir gehen eben nach Tchibo.“ Also stellten die beiden sich dort an einen Stehtisch und wĂ€hrend sie in kleinen, hastigen Schlucken den heißen Kaffee schlĂŒrften, besahen sie sich die angebotenen Sonderartikel in dem Stehcafe. „Übrigens, ich bin etwas knapp“, flĂŒsterte Charlotte. „Wem sagst du das “, flĂŒsterte Ines zurĂŒck, „ob wir gleich mal unser GlĂŒck bei der Bank versuchen? Das Konto sieht zwar mau aus im Moment, doch wenn der dicke Hartmann hinterm Schalter sitzt, haben wir eine Chance. Bei dem haben wir bisher noch immer was gekriegt.“ Charlotte lachte und wisperte ihr zu: „ja, stimmt. Ich glaube, der ist scharf auf uns. Los komm, wir versuchen es.“

Als sie das BankgebĂ€ude betraten, war von Herrn Hartmann nichts zu sehen. Ihnen schwante Schlimmes. Eine Angestellte teilte ihnen mit, dass der Kollege fĂŒr drei Wochen auf den Seychellen in Urlaub war. So ein Pech. VerdrĂŒckt dieser Kerl sich glatt fĂŒr volle drei Wochen und lĂ€sst sich die Sonne auf den dicken Bauch scheinen, Herrschaftszeiten! Wie sollten sie jetzt ĂŒber den Monat kommen? Die vorher so ausgezeichnete Laune der Freundinnen schlug um. „Blöder Hund“, sagte Ines, „was machen wir denn jetzt?“ Schweigend gingen sie nebeneinander her, bepackt wie die Esel. „Ich habs“, jubelte Charlotte plötzlich so laut, das die anderen Passanten zu ihnen herĂŒber sahen. „Los erzĂ€hl schon, aber sei gefĂ€lligst leiser“, stieß Ines hastig hervor. „Hast du denn noch nicht gehört dass hier in der Stadt ein Pfandhaus aufgemacht hat?“, raunte Charlotte. „Dort kann man Schmuck oder andere WertgegenstĂ€nde hinbringen und bekommt Bares dafĂŒr. Innerhalb einer bestimmten Frist kann man die Sachen wieder auslösen. Wenn wir es raffiniert anfangen, bekommt zu Hause niemand etwas davon mit.“
„So was Tolles gibt es hier?“, fragte Ines begeistert. „Klar, das machen wir! Ich habe zum Beispiel das alte Silber von Oma noch im Schrank, das benutze ich sowieso nie. DafĂŒr geben die mir sicher einige Euros.“ Die gute Laune war zurĂŒckgekehrt, doch dann fiel ihnen ein, dass sie ja noch nichts zum Abendessen eingekauft hatten. Schnell ging es noch zum Fleischer um die Ecke, um irgendetwas an Aufschnitt fĂŒr die Lieben daheim zu kaufen.

Erledigt, voll gepackt mit TĂŒten und PĂ€ckchen, ging es nach Hause. NatĂŒrlich nahmen sie ein Taxi, denn mit ihren vielen EinkĂ€ufen in einen vollbesetzten Feierabendbus steigen war nicht ihr Ding. Nach einer Viertelstunde verabschiedete sich Charlotte von ihrer Freundin, die noch ein paar Straßen weiter fahren musste.
Gerade steckte Charlotte den SchlĂŒssel ins Schloss, als auch schon ihre neugierige Nachbarin Erika SchĂ€fer im Treppenhaus erschien: „Ach, guten Abend Lottchen, wieder auf Shoppingtour gewesen?“, fragte sie sĂŒffisant. Charlotte fuhr herum: „Wie du siehst, Erika“, antwortete sie gallig, öffnete die TĂŒr, schob all ihre SchĂ€tze in den Flur und schlug sie hinter sich zu. Diese hausbackene Erika ging ihr gehörig auf die Nerven. Außerdem hasste sie es, wenn man sie Lottchen nannte. Vor einiger Zeit sah die Sache noch anders aus, da verstanden sich die beiden prĂ€chtig. Zusammen machten sie die Innenstadt unsicher und pilgerten mit großer Lust von Laden zu Laden. Als aber Erikas Gatte den Geldhahn zudrehte, hörte der Spaß abrupt auf. So ein elender Matcho, gönnte seiner Frau aber auch nicht nur eine Kleinigkeit! Von da an verfolgte Erika sie mit ihrem Neid.

Charlotte atmete tief durch. Jetzt war erstmal ein Fußbad und bequeme Kleidung angesagt. Das war aber auch immer eine Hatz! Kein Wunder, dass sie nach solch einem Tag so mĂŒde war, dass sie am Abend vor dem Fernseher regelmĂ€ĂŸig einschlief.
Nun ging es ans auspacken, eine herrliche Angelegenheit! Sie freute sich ĂŒber jedes ausgepackte Teil, als sehe sie es zum ersten Mal. Oh, diese wundervolle, heruntergesetzte Handtasche, sie passt zu den neuen Schuhen, wie die Faust aufs Auge. Wie gut, dass sie auch noch zu dem gĂŒnstigen Pulli den passenden Lippenstift gefunden hat. Der rosa Bademantel wĂ€re eigentlich nicht nötig gewesen, da sie ja schon vier im Schrank hatte, jeden in einer anderen Farbe, aber fĂŒr den Preis konnte man ihn doch nicht hĂ€ngen lassen! Das blaue T-Shirt und die beiden Oberhemden, schnappte sie noch schnell vom Grabbeltisch fĂŒr ihren Gatten Heinz, auf dem Weg zur Kasse. Er hatte zwar schon zehn gestreifte Hemden, aber egal, ihm musste sie ja auch etwas mitbringen und außerdem, Hemden konnte ein Mann nie genug haben. Damit beruhigte Charlotte ihr schlechtes Gewissen ihm gegenĂŒber ein wenig.
Das neu erstandene KostĂŒm mit passender Bluse, befreite sie sofort von den Preisschildchen und hĂ€ngte es in ihren Kleiderschrank, damit Heinz erst gar nicht in die Lage kĂ€me, ĂŒber ihre Verschwendungssucht zu lĂ€stern, was sie immer sehr Ă€rgerte. WĂŒrde er sie beim ersten Tragen erstaunt fragen: „Oh, ist das neu?“, bekĂ€me er wie so oft zur Antwort: „Aber Heinz, das hĂ€ngt doch schon eine Ewigkeit im Schrank, ich habe es bisher nur noch nicht getragen.“ Und damit war fĂŒr sie der Fall erledigt.

Als Charlotte noch schnell Kassensturz machte, wurde ihr fast schlecht, obwohl sie das GefĂŒhl gut kannte, es war ja ihr stĂ€ndiger Begleiter. Morgen musste sie unbedingt in ihr LieblingsbekleidungsgeschĂ€ft. Die neue Herbstkollektion sollte vorgestellt werden. Aus dem Anlass wurden ein paar sĂŒndhaft teure KleidungsstĂŒcke stark reduziert. Bestimmt war da so ein SahnestĂŒck fĂŒr sie dabei. Auch wenn Charlotte noch nicht wusste zu welchem Anlass sie das Kleid oder den Hosenanzug tragen konnte oder ob sie das Teil ĂŒberhaupt brauchte. Sie seufzte deprimiert. Das Leben war schon eine teure Angelegenheit und das schöne Geld ungerecht verteilt. Zum GlĂŒck fiel ihr das neu eröffnete Pfandhaus wieder ein und ihr Herz machte einen HĂŒpfer. Gleich nach dem Abendessen, wenn Heinz bei den Nachrichten sitzt, will sie mal sehen, was sich so alles in ihren SchrĂ€nken und Schubladen verbirgt, das man versilbern kann. Bestens gelaunt deckte Charlotte den Tisch an diesem Abend besonders liebevoll.

MĂ€rchentante

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