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Leselupe.de > Humor und Satire
Kein Christbaum in diesem Jahr
Eingestellt am 13. 12. 2006 11:35


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Seshmosis
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Kein Christbaum in diesem Jahr

Vaters Entschluss stand fest: kein Christbaum in diesem Jahr. Aus und basta!
Da mochte die Mutter protestieren und die Kinder greinen, in diesem Jahr würde die Ecke neben dem Fenster im Wohnzimmer leer bleiben. Das hatte er bereits am ersten Advent verkündet.
Selbst die Drohung der Mutter, in diesem Fall den Heiligen Abend mit den drei Kindern Paul, Marga und Johannes im Frauenhaus zu verbringen, ließ ihn nicht erweichen. „Glaubst du denn, ich riskiere wieder mein Leben für so einen blöden Baum? Ich höre heute noch die Kugeln um die Ohren pfeifen.“
„Selber schuld“, sagte Mutter. „Warum musst du auch ausgerechnet bei Vollmond zum Christbaumklauen gehen? Wo doch jeder hier in der Gegend weiß, dass da die Jäger auf Wildschweinjagd sind.“
„Willst du damit sagen, dass sie nicht wegen des Baumes auf mich schossen, sondern weil sie mich mit einem Wildschwein verwechselt haben? Das ist ja das Allerletzte!“, empörte sich das selbsternannte Familienoberhaupt.
„Na, ausgesehen hast du wie ein Einzelkämpfer auf Freigang. Mit dem geschwärzten Gesicht und dem Tarnanzug.“
„Auf jeden Fall gehe ich in diesem Jahr kein Risiko ein. Ich will die Weihnachtsgans nämlich noch erleben.“
„Du könntest zur Abwechslung ja mal einen Christbaum kaufen, so wie andere auch.“
„Kommt überhaupt nicht in Frage! Mein Vater hat nie einen Christbaum gekauft. Und sein Vater auch nicht. Es ist Familientradition bei uns, keinen Christbaum zu kaufen.“
„Und warum?“, wollte die verschnupfte Ehefrau wissen.
„Ein gekaufter Baum ist wie gekaufte Liebe. Das ist nichts Echtes.“
„Du spinnst, Ewald!“, Mutter schüttelte heftig den Kopf.
„Das ist eine Frage der Ehre!“, rief der Vater pathetisch.
„Willst du damit sagen, bei den Reinmüllers nebenan steht eine mit Glaskugeln behängte Nutte im Wohnzimmer?“. Mutter kam langsam in Fahrt.
„Du verstehst das nicht. Du kommst aus einer Stadtfamilie. Dir fehlt der Bezug zur Natur.“ Es sollte versöhnlich klingen.
„So, so, Christbaumklauen ist also ein Zeichen besonderer Naturverbundenheit? Höchstwahrscheinlich hat dein Großvater den Weihnachtsbraten noch persönlich mit der Flinte geschossen.“
„Woher weißt du das?“
„Ich habe eben auch einen Sinn für Traditionen“, sagte Mutter ironisch. „Aber eines sage ich dir, nur weil du aus einer Familie von Wilderern und Strauchdieben, besser Baumdieben, stammst, lasse ich mir das Weihnachtsfest nicht verderben. Denk doch mal an die Kinder!“
„Mach ich doch dauernd. Deshalb gehe ich ja nicht in den Wald. Ich will doch nicht, dass sie Halbwaisen werden.“ Vater triefte vor Selbstmitleid.
„Sie werden so oder so bald keinen Vater mehr haben. Wenn du auf stur schaltest, ziehe ich aus. Auch wenn heute Heiligabend ist!“
In diesem Moment klingelte es.
„Geh du!“, forderte der Vater.
„Warum ich?“, fragte die Mutter, setzte sich aber dennoch in Bewegung und öffnete die Tür.
Draußen stand eine Fichte. Und hinter der Fichte grinste ein Gesicht: Paul, Vater Ewalds jüngerer Bruder.
„Paul, du bist ein Schatz!“, rief Mutter und bat den Schwager herein.
Der stürmte gleich ins Wohnzimmer, den Baum vor sich hertragend wie ein Banner, und stellte ihn in die bewusste Ecke, die schon immer für den Christbaum reserviert war. Vater Ewald schaute ihn mit großen Augen an, „Was soll das?“
„Das siehst du doch, Großer, das ist euer Christbaum“, antwortete Paul lachend, „Handgeklaut, wie es die Familientradition verlangt.“
„Woher weißt du?“, stotterte Ewald.
„Da fragst du? Du erzählst doch schon seit vier Wochen, dass du heuer nicht in den Wald gehst. Da konnte ich euch doch nicht hängen lassen.“
Es klingelte. Mutter öffnete die Tür. Draußen stand eine Tanne. Und hinter der Tanne grinste Opa Schrader.
„Mach Platz, Kindchen, damit ich das Prachtstück ins Wohnzimmer stellen kann“, sprach es und drängte sich an der Hausfrau vorbei ins Wohnzimmer.
Leider war die angestrebte Ecke bereits von Pauls Fichte besetzt.
„Scheint so, als hätte noch ein anderer eine geniale Idee gehabt“, sagte Opa Schrader kleinlaut.
Es klingelte. Mutter öffnete die Tür. Draußen stand eine Nordmanntanne. Der Träger war nicht erkennbar, aber Mutter war sich sicher, dass er grinste.
Dann sagte die Stimme ihres Bruders Walter hinter dem Baum: „Das Fest ist gerettet.“
Er drängte in die Wohnung. Das musste er auch, denn ein Baum drückte ihm ins Kreuz. Es war der nette Nachbar Reinmüller, der auch von der drohenden Katastrophe gehört hatte, mit einer ausladenden Fichte.
Er schob Mutters Bruder mit der Nordmanntanne ins Wohnzimmer und sich samt Fichte hinterher. Dort wurde der Wald langsam dichter, was zur Folge hatte, dass sich die Baumträger kaum noch sehen konnten. Vor allem als Vaters Chef sich mit einer kanadischen Prachttanne hinzugesellte, gefolgt von Mutters Freundin Mona mit einem Designer-Weihnachtsbaum aus Buchenholz. Die nach und nach eintreffenden Familienmitglieder und Freunde verteilten sich mit ihren jeweiligen Fichten, Tannen und sonstigen Bäumen in der übrigen Wohnung, weil man das Wohnzimmer ohne vorherige Rodung nicht mehr betreten konnte.
Von irgendwoher kam ein Rufen: „Mama, Papa, wo seid ihr? Wir sind verwunschen. Wir stehen im Wald!“

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