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Leselupe.de > Erotische Geschichten
Kein Entkommen
Eingestellt am 13. 04. 2017 18:27


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Arno Abendschön
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Registriert: Aug 2010

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Entkommen – ich bin ihm entkommen und triumphiere innerlich. Dennoch weiß ich und bin vielleicht sogar stolz darauf, ich habe etwas ganz Besonderes erlebt. Bei ihm war von Anfang an so viel Kraft und Schönheit - aber leider auch Schrecken. Doch jetzt zählt allein, ich bin wieder frei und bald in Sicherheit. Ich habe ihn abgeschüttelt und fahre auf schnellstem Weg zurück nach Berlin. Alex muss heim in die Prignitz, in sein Kaff da, fast tut er mir leid. Doch ich versage mir diese Regung, es war zu viel Gefahr in unserem Spiel. Diese Anklageschrift, die ich gestern gefunden habe - schon damals war er zu weit gegangen.

Als er mich vorhin in jenem Abrisshaus suchte und nach mir rief, da klang es brüderlich warm, hilfsbedürftig. Die Rollen schienen wieder einmal nahe am Vertauschtwerden. Er wolle sich ändern, er brauche mich … Aber das bleiben immer nur Ansätze. Er ist die Gewalt, er allein. Ich das Opfer. Die letzten Wunden sind noch nicht verheilt. Vor drei Tagen hat er plötzlich wieder zugeschlagen. Wenn er sich angegriffen fühlt, reagiert er auf eine Weise, die mich anfangs getäuscht hat. Zunächst wirkt er meist grüblerisch, sogar ein wenig schuldbewusst. Man könnte meinen, er wird nachgeben oder zumindest etwas einräumen. Stattdessen explodiert er auf einmal und schlägt sehr rasch zu, wortlos. Sein Gesicht ist dann ohne jeden Ausdruck. Alle Energie fließt in die gegenwärtige Attacke. Er mag dabei unbeherrscht sein, die Kontrolle über seinen Geist verloren haben, doch körperlich reagiert er bewundernswert exakt, zielgenau. Er hört genau dann auf, wenn er Gefahr läuft, den anderen totzuschlagen.

Oder er beherrscht sich und greift einen sehr bewusst punktuell an. Dabei spricht er, stellt Forderungen, formuliert genau. Er beleidigt einen auch. Ich wusste gleich, sagt er zum Beispiel, dass du ein Schwächling und Versager bist, eine Null ... Zwischen den dosierten Einzelschlägen überzeugt er sich, dass er mich beeindruckt hat. Zeige ich mich fügsam? Muss er noch mal zuschlagen? Wenn er mich fertiggemacht hat – so nennt er das -, verrät sein Gesicht keine Spur von Befriedigung. Er wirkt sachlich wie einer, der ein kleines, wenig einträgliches Geschäft abgeschlossen hat. Hinterher kommt manchmal ein letzter Streich, gern mir ins Gesicht. Der ist vollkommen überflüssig, doch für ihn die Kür nach der Pflicht, und nur in diesen Momenten scheint auf seinem Gesicht die Lust auf, die er empfindet. Er lächelt dabei, gluckst sogar ein wenig vor Vergnügen. Manchmal habe ich ihn dafür angespuckt. Seltsam, dass er darauf nie reagiert und schon gar nicht noch einmal geschlagen hat. Es ist, als hätte ich damit weniger Widerstand geleistet oder Verachtung ausgedrückt – als vielmehr eine Kapitulation erklärt oder zumindest einen Vertrag zwischen uns unterschrieben.

Ich habe Alex in diesen drei Wochen keinen Augenblick gehasst, hasse ihn auch jetzt nicht. Vielleicht war ich sogar nahe daran, ihn zu lieben. Ich habe diese Flucht nur angetreten, um nicht unterzugehen. Soll er weiter im Netz seine Fallen stellen, sich nach Opfertieren umsehen, wenn er mag, mir hat dieses eine Experiment genĂĽgt. Ich muss mich jetzt aufs Fahren konzentrieren. Der Verkehr wird dichter, ich bin schon auf dem Berliner Ring.


2

Am Tag darauf. Den Vorstellungstermin hier habe ich durch den langen Aufenthalt auf dem Land nicht einhalten können. Der Job ist weg. Ich muss sehen, dass ich etwas anderes bekomme. Und die Agentur hat erst in zwei Wochen einen neuen Termin für mich. Als ich heimkomme und den Lift verlasse, sehe ich ihn auf der obersten Stufe der Treppe nach unten hocken. Er sitzt quer, mit dem Rücken zur Wand. Die Beine blockieren den Abgang. Über ihn hinwegsteigen, kommt nicht in Frage. Die Lifttür schließt sich gerade. Soll ich treppauf flüchten und weiter oben den Lift abwärts nehmen? Falls er mich dann nicht schon auf der Treppe einholt, kann er unterwegs zusteigen und ich sitze erst recht in der Falle. Mich wundert, dass ich schon wieder so klar denken kann, nach dem ersten Schock. Ich lehne mich gegen die Wand neben meiner Wohnungstür. Ich kann jetzt nicht öffnen, er würde mich sofort packen, hineinstoßen und drinnen über mich herfallen. Ich frage ihn, wie er so schnell an die Adresse gekommen ist.

„Du hast ja in der Eile nicht alles zusammengerafft …“ Alex spricht ruhig, ohne besondere Betonung. Er sieht zu mir herüber und zugleich wie durch mich hindurch. So wie ich ihn kenne, ist er in dieser Verfassung am gefährlichsten. Womöglich wird er mich gleich hier angreifen.

„Keine Angst“, sagt er, „ich tu dir nichts. Lass mich mit rein.“ Ich schüttele nur stumm den Kopf.

Nein, davon, ihn zu lieben, kann keine Rede sein. Ich denke jetzt nur an mich, also an meine Sicherheit, und dass er sofort verschwinden soll. Ich fixiere ihn, um ihm meine Abwehrbereitschaft zu zeigen. Damit erreiche ich nur, dass er aufsteht. Er kommt langsam näher, bleibt einen Meter von mir entfernt stehen, quer zur Wand. So bilden unsere Körper einen rechten Winkel. Er überragt mich um mehr als einen Kopf, ist viel breiter und wie immer gekleidet: Lumberjack, rotschwarzkariert, Blue Jeans, kurze schwarze Stiefel. Dazu heute ein schwarzer Rucksack, den habe ich an ihm noch nie gesehen. Was mag darin sein?

„Was willst du? Welchen Sinn soll das jetzt noch haben?“

„Nur reden. Lass mich rein … Ich muss sehen, wie es dir geht. Tut’s noch weh? Ich hab was dabei.“ Er deutet auf den Rucksack. Inzwischen scheint die akute Gefahr fürs Erste vorbei zu sein. Sein Tonfall hat jetzt wieder diese sanftmütige Note, die mich gegen meinen Willen noch immer anspricht. Als ob ich nicht wüsste, wie unberechenbar er ist. Ich schiebe das aufkeimende Gefühl für ihn beiseite, raffe meine Verstandeskräfte zusammen und sage:

„Nein, auf keinen Fall. Du machst mir Angst. Du bist ja vorbestraft …“

„Bin ich nicht. Hör doch nicht auf das Gerede.“ Mit wem hätte ich denn reden können, so isoliert wie er dort ist? Er weiß also nicht, dass ich in seinen Papieren gekramt habe, als er fort war? Nur das Urteil kenne ich nicht.

Wir sehen uns eine Weile stumm an. Einer müsste jetzt den anderen bluffen, aber mir fällt nichts ein. Da lässt er den Rucksack von den Schultern gleiten, vorsichtig erst von der einen, dann von der anderen, wobei er mich nicht aus den Augen lässt. Ich mache mich schon auf allerhand gefasst. Er zieht einen Reißverschluss auf und zerrt etwas vom Rucksackboden herauf. Es blitzt erst und klirrt dann. Handschellen? Auch die habe ich bei ihm noch nie gesehen. Glaubt er wirklich, ich lasse mich darauf freiwillig ein? Ich löse mich rasch von der Wand und mache mich bereit, doch noch nach oben zu rennen, aber er sagt:





„He, wart mal ab. Siehst du, da …“ Im Nu hat er beide Hände durch die Öffnungen geschoben und weist sie so, bis in Brusthöhe erhoben und nach vorn abgewinkelt, vor. Bärentatzen werden manchmal so dargestellt. Seine sind leicht behaart.

„Ich geb dir jede Sicherheit. Damit du deine Scheißangst überwindest … Da, sind schon eingerastet. Beide Schlüssel stecken, du musst sie nur abziehen und an dich nehmen. Los doch!“

Das ist ein Trick. Komme ich ihm nahe genug, ist im Nu erst der eine, dann der andere Schlüssel wieder draußen, er lässt die Hände sinken, die Handschellen fallen zu Boden und er zieht mich zu sich heran. Während ich wieder einmal zögere, geschieht gar nichts, wir sehen uns weiter nur gespannt an. In diesem Moment höre ich Geräusche aus der Tiefe des Treppenhauses. Da hat einer den Lift, der gerade erst wieder leer von hier hinuntergefahren ist, geöffnet und lässt, nachdem er ihn betreten hat, die Tür hinter sich zufallen, nur ein leise klackender Ton. Wenn nun ein Nachbar oder ein Besucher auf unserer Ebene herauskommt und uns so sieht? Wird er dann ein Verbrechen für weniger wahrscheinlich halten als ein SM-Spiel zwischen zwei jungen Männern? In jedem Fall könnte es peinlich werden. Ich weiß ja selbst nicht genau, worum es jetzt geht. Alex verzieht schon sein Gesicht. Da gehe ich rasch auf ihn zu und ziehe die Schlüssel ab. Ich verstaue sie tief in zwei Hosentaschen.

„Nicht verlieren“, sagt er. Ich greife noch rasch nach dem Rucksack, öffne meine Tür, und er, den ich über eine Schulter im Blick habe, passiert sie ruhigen Schrittes, zwar mit gesenktem, festgeschlossenem Händepaar, doch eher gelangweiltem Gesichtsausdruck, als käme er zum hundertsten Mal nur eben kurz vorbei.


3

Er ist eine Weile im Wohnzimmer herumgegangen, hat wortlos die Buchreihen im Regal betrachtet und sich dann in einen Sessel geworfen. Da liegt er nun und schweigt. Was soll ich mit ihm anfangen?

„Durst“, sagt er. „Gibt’s bei dir was zu trinken?“

Ich bringe ihm ein Bier, das trinkt er meistens. Von der Kochnische aus, wo der Kühlschrank steht, habe ich ihn noch unter Kontrolle. Er ruckelt mit den Hüften im Sessel hin und her, die Beine lang von sich gestreckt, und weiß vermutlich so wenig wie ich, wie es weitergehen soll. Ich öffne das Bier für ihn. Trinken kann er allein. Dazu muss er die freie Hand zusammen mit der, die die Flasche hält, hochheben. Er ist momentan behindert, wie ich es neulich bei ihm war, mit dem Verband damals. Die Handschellen klirren und rasseln gegen das Flaschenglas. Ich trinke jetzt nichts.

„Du warst sauer wegen der Frau, nehme ich an.“

„Gar nicht.“ Tatsächlich hatte mir sein Techtelmechtel erst Luft verschafft, Zeit zum Nachdenken und Abstand gewinnen.

„Doch, du hast dich an den Rand geschoben gefühlt. Aber ich bin nicht wie du …“

„Wie oder was bin ich denn?“

„Das weißt du doch selbst. Willst du es wieder hören?“ Ich verzichte gern auf die speziellen Kosenamen, die er sonst für mich hat, und deute ein Kopfschütteln an. Als Reaktion darauf legt er die Füße auf den Couchtisch, mit den schweren Stiefeln dran. Meine Augenbrauen heben sich nur wenig, dann habe ich mich schon wieder in der Gewalt.

„Du kannst sie mir auch ausziehen. Dann bist du was? Der Stiefelknecht!“ Er grinst mich an und gegen meinen Willen lächele ich dünn. Er soll mich nicht noch einmal umdrehen. Immerhin bin ich ruhiger geworden. Er scheint mir heute nicht gefährlich zu werden. Doch die Handschellen soll er sicherheitshalber weiter tragen.

„Wir sind so verschieden“, fängt er wieder mit dem Thema an, „und kommen doch nicht voneinander los. Irgendwie tragisch, findest du nicht auch?“

Ich gehe weiter im Zimmer auf und ab. „Wie bist du denn, deiner Meinung nach?“

„Heute so und morgen wieder anders. Irgendwie wild. Jedenfalls undefinierbar. Aber du, du bist durchsichtig wie Glas. Vorhersehbar in allem.“

„Und willst mich heute noch mal überraschen? Dass du überhaupt hier bist, genügt mir schon.“

„Mal sehen. Jetzt muss ich erst zum Pissen.“ Er ist schon aufgestanden.

Mit einer Hand weise ich ihm den Weg. Die Tür zum Flur ist offen. Die Klinke der Badezimmertür kann er mit dem Ellbogen herunterdrücken. Als er drinnen ist, ruft er mich hinein: „Komm, hilf mir, du musst erst den Deckel hochklappen.“

Also bin ich ihm gefolgt und hineingegangen. Jetzt soll ich außerdem seine Hose öffnen. Als ich den Reißverschluss heruntergezogen habe und meinen Kopf noch gesenkt halte, drückt er ihn mit beiden Händen nach unten. Ich könnte mich wehren, mich trotzdem aufrichten, es darauf ankommen lassen. Darauf verzichte ich, bin ihm schon zu weit entgegengekommen. Ich soll ihm einen blasen? Klar, auch das mache ich noch, darin habe ich bei ihm ja schon Übung.

„Setz dich hin. Aber klapp vorher den Deckel wieder runter.“

Der sexuelle Akt hat für mich in dieser Position immer etwas Unpersönliches. Er erregt mich fast gar nicht. Mein Mund ist nur eine schwach ausgebildete erogene Zone, aus Küssen mache ich mir auch sonst nicht viel. Ich tu ihm jetzt etwas zuliebe, darauf kann ich mir was zugute halten. Das läuft alles über den Verstand. Ich blicke zu ihm auf, um ihn zu beobachten. Er schaut zwar herunter, doch nur auf meinen Kopf, meine glatten schwarzen Haare. Seine sind braun und leicht lockig wie der kurze, trotzdem etwas zottelige Bart. Sein Gesicht ist länglich, die Stirn breit. Er sieht auch von unten gut aus, doch nicht zu gut. Nur eben wie ein hübscher, friedvoller Landbewohner. Jetzt macht er einen Versuch, trotz der Fesselung meinen Kopf mit den Händen enger an seinen Unterleib zu drücken. Ich verstehe, ich soll ihn nicht studieren, er will allein die Kontrolle behalten. Damit scheitert er und richtet daher den Blick geradeaus. Ich bleibe die Kamera hier unten und bin jetzt doch etwas erregt. Die Konturen seines Gesichtes verändern sich, werden weicher, schlaffer, wie in Auflösung, Zersetzung begriffen. Seltsam, dass mir auch das an ihm gefällt.

Ich weiß nicht, was unmittelbar vor seinem kurzen, heftigen Erguss für ihn an der Badezimmerwand an Bildern aufgetaucht ist. Er zieht ihn schnell raus und ich habe schon alles geschluckt. „Brav“, sagt er. Ich denke auch, dass ich brav gewesen bin, und verachte mich dafür ein wenig. Als er mit seiner nun ebenso leisen wie rauen Stimme sagt: „Jetzt du, mach’s dir selbst, hier, ich seh dir zu“, fühle ich mich schon besser. Ich stehe auf, stelle mich seitlich neben ihn hin, wieder im rechten Winkel zu ihm, und fange an. Ich lehne dabei meinen Kopf gegen seine Schulter. Den dicken Stoff seiner Jacke empfinde ich zugleich als weich und kratzig, er riecht nach Waldarbeit, nach frischem Sägespänenmehl, nach Kiefernnadeln. Auf einmal ist die sanfte, breite Schulter dieses schönen, kräftigen, gewalttätigen Mannes nicht mehr nur Körperteil, oberes Ende einer Extremität: Der ganze Alex konzentriert sich jetzt in dieser Schulter oder vielmehr in diesem Jackenschulterstück, es ist schon seine Substanz – ich finde sie einfach überwältigend.

„Fertig, geschafft. Und jetzt wird geschifft, Deckel wieder hoch.“ Er fängt schon an, bevor ich mich ganz aufgerichtet habe, und pisst mir mit Absicht sechs, sieben Sekunden lang auf meine Hände. Er lacht daraufhin leise und glucksend. Ich sehe ein, es ist Zeit, ihm die Handschellen abzunehmen. Indem ich mit meinen Händen in beiden Hosentaschen nach den Schlüsseln krame, wische ich sie zugleich am Innenfutter ab. Mit abgetrockneten Händen wird mir erst bewusst, wie warm sein Urin gewesen ist.


4

Am Abend desselben Tages. Ich habe eine Pizza für jeden von uns bestellt. Jetzt liegen wir nebeneinander wartend im Wohnzimmer auf dem Fußboden. Im Raum ist es halbdunkel, von draußen fällt Schein aus unterschiedlichen Lichtquellen herein, zeichnet ein wirres Muster auf den Teppichboden. Alex hat verlangt, dass wir, während wir hier ruhen, schweigen. Ich gehorche ihm weiterhin. Er liegt abgewinkelt neben mir und berührt mich nur an einer Stelle, mit seinem Ellbogen auf meiner Schulter. So liege ich flach da, er in Seitenlage mit dem Kopf aufgestützt, von mir abgewandt. Die Last seines Oberkörpers auf meiner linken Schulter ist fühlbar, verursacht langsam Schmerz. Der kleine Schatten einer dicht über den Wohnblocks den Flughafen ansteuernden Maschine gleitet über unsere Körper hinweg, die Buchreihen im Regal aufwärts, verschwindet hinter dem Fensterrahmen. Ich ahne schon, binnen kurzem wird all das hier für mich Vergangenheit sein.

Ich weiß auch, wie viel es gerade ihn innerlich gekostet haben muss, sich aufzumachen und hierherzukommen. Ich werde dauernd in seiner Schuld stehen. Das erfüllt mich, ich weiß nicht genau womit: Hinnahme, Einverständnis – oder Schuldbewusstsein als ein paradoxes Versprechen von Glück?

Es klingelt. Der Pizzabote ist der erste andere Mensch, den ich sehe, seit Alex hier ist. Ich denke: Noch könnte ich … Was? Gar nichts. Ich habe es nur gedacht, um mich als Opfer fühlen zu können. Bin ich das denn? Alex beobachtet vom Sessel aus, wie ich bezahle und die Lieferung in die Küche trage. Er hilft mir aus eigenem Antrieb beim Aufdecken. Es ist noch Bier für uns beide da.

Beim Essen meint er: „Ich sollte dich in Zukunft nicht mehr schlagen …“ Ja, das sollte er, wirklich. Er isst bedächtig, kaut langsam, scheint zu grübeln. Er will, dass wir in der zweiten Nachthälfte zu ihm zurückfahren und vorher zwei, drei Stunden ruhen. Morgen früh um sieben fängt sein Dienst wieder an. Er sagt: „Vielleicht kann dich mein Cousin einstellen.“ Richtig, da war noch ein Cousin, den hat er schon mal erwähnt, sein Cousin, die unbekannte Größe. – „Wo war noch sein Hotel, in Rheinsberg?“ – „Nee, in Wittstock.“ Regelt sich alles? Mir schwindelt fast vor so vielen neuen Aussichten. Er kann darüber nicht erst seit gestern gebrütet haben … Dann will er wissen, wo ich mich auf meiner Flucht vor ihm in der Ruine versteckt hatte. Ich kann es ihm jetzt sagen: „Unter der eingestürzten Treppe.“ – „Raffiniert“, sagt er und nimmt zwei große Schlucke schnell hintereinander, wie um etwas wegzuspülen.

Er untersucht meinen Rücken. Die Krusten, die ich noch spüre, bildeten sich zurück, sagt er und verreibt vorsichtig eine Tinktur. Ich soll sie ruhig einziehen lassen, während er duschen geht. Ich sehe zu, wie er sich auszieht. Ich kann seinen sich langsam darbietenden Rückenakt betrachten, bekomme die kräftige Muskulatur dort im Spiel der Bewegungsabläufe plastisch vor Augen geführt. Alles an diesem Bild erzählt von Kraftüberschuss. Das Kunstlicht im Raum ist honigfarben, wie von Orangenblütenhonig, darin schimmert seine Haut wie altes Gold, buddhaähnlich. Dabei weiß ich, dass sein nackter Körper bei Tag eher bleich wirkt. Alex entschwindet Richtung Bad. Sein Gang ist wie so oft wieder energisch tappend, ein bisschen stampfend, wobei er sich sehr gerade hält, Muskeln spielen lässt und nach rechts und links äugt. Sein Gehen ist fast theatralisch, es signalisiert dem Betrachter: Mit mir ist zu rechnen, wage es nur nicht.

Er kommt nach meiner Seife duftend zurück. Er will, dass wir jetzt ins Bett gehen, und fängt an, mich auszuziehen. Dann schiebt er mich vor sich her und wirft mich im Schlafzimmer aufs Bett, Gesicht und Bauch nach unten. Er hat mich vorher noch nie gefickt. Ich warte auf ihn, dann drückt mich sein Gewicht tiefer in die Matratze. Er ist nicht grob, er ist nicht sanft. Er ist geschmeidig, ich bin es auch. Wir wachsen zusammen, fühle ich, verschmelzen schon ein wenig. Es ist so normal wie möglich, kommt mir vor, bis er auf einmal meine linke Brustwarze mit zwei Fingernägeln seiner Rechten zu foltern beginnt. Der Schmerz ist sofort voll da, hält an und ich gewöhne mich nicht an ihn. Ich kann mich nicht wegdrehen, sein rechter Arm hat mich fest im Griff. Wenn ich stöhne, wird sogleich die Lust, die er empfindet, für mich fühlbarer. Mir bereitet es keine. Masochist war ich nie, bin es nicht, werde es niemals sein: meine Erkenntnis des Schmerzes. Ich rette ein bisschen Stolz, indem ich den Mund nicht aufmache und nicht sage: Stopp, hör auf. Er schneidet weiter mit den Nägeln in dieses allerempfindlichste Fleisch. Aus dem anhaltend Unhaltbaren dieser Qual wird für mich ein Begriff davon, wie Ewigkeit beschaffen sein muss. Erst jetzt erkenne ich Alex in Wahrheit und nehme ihn ganz in mich auf. Er ist gerade gekommen und rollt sich von mir weg.

Nachher ist irgendwann. Er schläft und ich betrachte ihn in dem schwach honigfarbenen Lichtschein, der von nebenan ins Schlafzimmer hereinfällt und sich mit dem Nachtgrau hier vermischt. Alex’ Haut sieht in dieser Beleuchtung fleckig wie das Fell eines alten Wolfsrüden aus, teils grauweiß, teils schmutzig-gelb, keine Spur von Schönheit oder Kraft. Zum ersten Mal habe ich Lust, seine Hände zu küssen. Ich werde nur eine Hand küssen, sehr leicht, er wird es nicht merken. Aber er war schon wach.

„Du hast Recht“, sagt er, „Zeit zum Aufbruch.“ Er setzt sich auf und fügt hinzu, während sein Blick mich umkreist: „Du willst es doch auch.“

Ich weiß, was er meint, und antworte ihm: „Ich bin mir nicht sicher … Egal, ich geh jetzt duschen und packe dann.“

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