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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Kein Freund und Helfer
Eingestellt am 02. 01. 2016 22:37


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onivido
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Blöde Ziege die Sekretärin. Hatte sie das nicht gesehen? Nach einem zehnstündigen Flug von Caracas nach Frankfurt würde er fünf Stunden auf einen Anschlussflug nach Stockholm warten müssen. Sie hatte ihm das Ticket in die Hand gedrückt und er hatte es nicht angesehen. Muss man sich denn um alles selbst kümmern? Na ja, da war nichts mehr zu ändern. Ein paar deutsche Biere würden ihm gewiss nicht schaden und vielleicht könnte er sogar endlich wieder einmal einen richtigen Schweinebraten essen.

Hans schnappte seinen Aktenkoffer, zwängte sich in die Passagierschlange, die sich im Gang des Flugzeuges gebildet hatte und wurde Schritt für Schritt zum Augang geschoben. Er belächelte die Hektik seiner Mitreisenden und schlenderte langsam zur Passkontrolle.
Am Schalter erkannte er eine ältere Frau, die ein paar Sitzreihen vor ihm im Flugzeug gesessen hatte. Sie sah ihn hilfesuchend an und fragte schüchtern:
“Habla aleman, mi hijo – sprechen Sie deutsch?”
“Si Señora, was kann ich für Sie tun?”
“Ich weiss nicht, was er von mir will.”
Sie meinte den Beamten der Passkontrolle.
Hans lächelte gewinnend und wandte sich an den Uniformierten hinter dem Schalter.
Noch bevor er den Mund auftun konnte, sagte dieser schroff:
“Ihren Pass!”
Hans legte seinen Pass wortlos auf den Schalter.
Der Beamte prüfte ihn sorgfältig, sah mehrmals von dem Passfoto auf Hans und gab ihn schweigend zurück.
Hans zählte bis zehn, wie ihm sein Vater für solche Umstände geraten hatte.
Dann fragte er: "Stimmt etwas mit den Papieren de Dame nicht?"
"Fragen Sie sie, wo ihr Pass ist!"
Hans lächelte wieder und zeigte auf die gefaltete Seite Papier, die die Frau vorgelegt hatte.
"Das ist doch kein Pass," schnautzte der Beamte.
"Das ist ein Behelfspass, weil der venezolanischen Regierung das Passmaterial ausgegangen ist."
"Reden Sie keinen Quatsch!"
Hans unterdrückte den Impuls sein Gegenüber kräftig zu ohrfeigen. Statt dessen entgegenete er ruhig:
"Lesen Sie, wenn Sie können. Hier steht Pasaporte, Passport, Passaporto, Passeport, Reisepass. Hier ist das Foto der Dame, alle für einen Pass notwendigen Eintragungen, Stempel und Siegel sind vorhanden. Wieso sagen Sie, das sei kein Pass? Wo steht, dass ein Pass eine Heftform haben muss?"
"Das ist der grösste Unsinn, den ich je gehört habe!"
"Sie führen bestimmt keine Selbstgespräche!"
"Wie?"
"Ach, nichts!"
Der Beamte enschloss sich schliesslich das Dokument genau zu inspizieren und kam offensichtlich zu seinem Bedauern zu dem Schluss, dass es sich dabei wirklich um einen gĂĽltigen Reisepass handelte.
Aber so leicht gab er nicht auf.
"Wo ist das Visum?" fragte er streng.
"Venezolaner können sich bis zu drei Monaten ohne Visum in Deutschland aufhalten."
"Venezolaner benötigen ein Visum", erwiderte der Polizist bockig.
Hans wusste nur zu genau, dass dies nicht den Tatsachen entsprach. Sein Frau reiste mit einem venezolanischen Pass.

Dementsprechend fiel seine Antwort aus.
"Ich möchte mit ihrem Chef sprechen!"
"Gut, kommen Sie mit".
Die Frau und Hans folgten dem Beamten in ein Büro, wo er sie alleine liess. Vergebens warteten sie fast eine Stunde auf den Chef des Mannes. Señora Perez erzählte, dass ihr Schwiegersohn bei der venezolanischen Luftwaffe sei, zur Zeit auf einem Lehrgang in Deutschland. Er musste in der Empfangshalle auf sie warten. Sie war besorgt, dass er, des Wartens müde, ohne sie den Flughafen verlassen würde.
Hans verlor die Geduld. Er ging auf den Gang und fand den Mann im Tratsch mit Kollegen in einem anderen BĂĽro.
"Wo bleibt ihr Chef?"
"Was weiss ich denn", war die patzige Antwort.
"Sie können uns doch nicht stundenlang hier aufhalten"
"Niemand hält Sie auf, Sie können gehen, wann sie wollen".
"Und die Frau?"
"Wir können ihr ein, auf eine Woche befristetes, Visum austellen".
“Worauf warten Sie noch?"
"Das kostet zwanzig Mark."
Hans zuckte die Schultern, holte die Venezolanerin und zog einen Schein aus seiner Brieftasche.
Der Beamte stempelte das Visum in den Behelfspass.
"Sie können jetzt gehen," sagte er, als Hans keine Anstalten machte sich auf den Weg zu machen.
"Es fehlt noch eine Kleinigkeit", sagte Hans
"Was wollen Sie denn jetzt noch", fragte der Polizist.
"Wie heissen Sie".
"Was bilden Sie sich ein, mich hier zu verhören?"
"Nennen Sie mir Ihren Namen, sonst machen Sie die Sache nur noch schlimmer. Es ist ein Leichtes festzustellen wer um 10:15 am Imigrationsschalter 3 Dienst getan hat."
"Und was wollen Sie mit meinem Namen?"
"Ich nichts! Aber der Schwiegersohn der Dame ist Militärattaché bei der venezolanischen Botschaft und möchte natürlich eine Beschwerde einlegen."
"Ich habe nur meine Pflicht getan!"
"Sie haben eine Dummheit gemacht, sich flegelhaft benommen, sie waren unhöflich, unbelehrbar und frech. Und zu guter Letzt haben Sie mir zwanzig Mark abgenötigt. Das alles wird von der venezolanischen Botschaft auf diplomatischem Weg beanstandet. Ihr Vorgesetzter wird sich darüber freuen."
"Also wie ist Ihr Name?"
"Friedrich Dunkel", sagte der Polizist trotzig, aber sichtlich beunruhigt.
Hans zog umständlich seinen vergoldeten Kugelschreiber aus der Jackentasche und notierte den Namen genüsslich auf der Rückseite einer Vistenkarte.
Dann fasste er die Tragtasche der Frau und begleitete sie durch die Korridore der Büros zum Ausgang. Als er an die schlaflosen Nächte dachte, die seine kleine Lüge dem Beamten hoffentlich bereiten würde, lachte er zufrieden.


Version vom 02. 01. 2016 22:37

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