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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Kein Tag für Blumen
Eingestellt am 28. 04. 2003 19:10


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Wastebo
Hobbydichter
Registriert: Mar 2003

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"emuärtnemulB" stand in großen grünen Buchstaben auf dem Schaufenster. Für die Leute draußen hieß es "Blumenträume". Ralf hatte es oft genug gelesen.
Er konnte zwischen den Lücken der Schrift hindurch ihren Rücken sehen.
Die junge Frau ging vor seinem Laden auf und ab. Unter dem Arm trug sie irgendwelche Broschüren. Nichts Wichtiges. Niemand beachtete sie. Die Fußgänger blickten angestrengt nach vorn, betrachteten ihr Lieblingsstück vom Horizont, lauerten der Sonne auf wie nachtaktive Tiere.

Vielleicht war sie das auch, ein nachtaktives Tier. Eine große Sonnenbrille hielt die Frühlingssonne von ihr ab. Wenn sie den Kopf drehte, glitt ihr das Haar über die schmalen Schultern. Haselnussbraun. Genau wie Ralfs Hemd.

Es sollte Regen geben, irgendwann in der Grauzone zwischen dem Jetzt und dem Später. Zwischenzeitlich hatten sich hellblaue Inseln in den Wolken aufgetan. Am Mittag hatte sich der Himmel dann wieder verdunkelt und im Augenblick konnte man unmöglich sagen, wie es weitergehen würde. Ralf fuhr sich mit der Hand durchs Haar und gähnte. Er warf einen Blick auf die große Uhr neben der Tür. Nicht viel los heute, dachte er, und lächelte dann, als er sah, dass es bei der jungen Frau auch nicht besser lief. Niemand schien sich für ihre Broschüren zu interessieren. Kein Tag für Broschüren. Und auch kein Tag für Blumen.

Ralf wandte dem Schaufenster den Rücken zu, er schritt langsam die Regale mit den Blumen ab. Akazien, Azaleen, Chrysanthemen, rote gelbe weiße, Fuchsien und Gladiolen, Nelken, weiß und rosa. Vor den Tulpen blieb er stehen. Von den gelben waren nicht mehr viele da, vielleicht hinten im Lager noch ein paar. Jeden Frühling dasselbe Spiel. Alle wollten Tulpen. Er schüttelte den Kopf und ging in Richtung Hinterzimmer, um die Bestände zu überprüfen. Da ertönte das kleine Glockenspiel über der Tür. Erschrocken wandte er sich um. Nur ein Kunde. Der erste an diesem Tag. Ralf grüßte, der Mann nickte kurz zurück. Irgendetwas machte ihn verlegen. Nachdem er sich eine Weile zwischen den Tischen und Regalen umgesehn hatte, bemerkte er Ralfs Blicke und sah nun ebenfalls herüber.

„Kann ich ihnen behilflich sein?“ Der Mann runzelte die Stirn. „Es soll für eine Freundin sein. Nur was Kleines. Ein hübscher Strauß oder so.“
„Was ist ihre Lieblingsfarbe?“
„Meine Lie...bitte?“
„Nicht ihre“, entgegnete Ralf gelassen, „Die Lieblingsfarbe ihrer Freundin.“
Der Mann atmete sichtlich auf. „Achso. Gelb, glaube ich.“
Ralf lächelte. „Gelb. Dann nehmen sie doch Osterglocken, draußen ist ja Frühling. Meistens. Die sind auf dem Tisch da drüben. Kommen sie, ich zeig sie ihnen.“
Keine Tulpen.

Wieder allein im Laden ging er zurück zu den Regalen. Schloss die Augen und atmete tief ein. Früher hatte er jede Blume am Duft erkannt. Irgendwann innerhalb der letzten Monate war ihm die Fähigkeit abhanden gekommen. Wenn man den ganzen Tag von Blumen umgeben war, hörte man früher oder später mit dem Riechen auf.
Was hatte der Kerl beim Bezahlen noch gemeint?
„Sagen sie mal, kennen sie die?“, mit dem Finger aufs Schaufenster deutend. „Nicht? Dann sollten sie vielleicht mal hingehn und sie bitten, ihr Zeug woanders unter die Leute zu bringen. Soll sie sich doch von ihrem Jesus helfen lassen. Man muss sich ja regelrecht vorbeischleichen an der Göre, wenn man in den Laden will.“
Ralf trat ans Fenster.

Vorbeischleichen.

Dabei war sie doch so dünn. Der Pullover, der sich bei jedem Windstoß aufbauschte, der Rock zu lang. Malvenfarben. Und altmodisch dazu, hoffnungslos. Vielleicht hatte der andere doch recht.

Stau am Himmel, die Wolken lagen dicht an dicht. Ein leichter Wind war aufgekommen, die junge Frau hatte Mühe, die Zettel beisammen zu halten. Immer wieder ging sie zu den Leuten hin und versuchte, ihnen ihre Broschüren in die Hand zu drücken. Doch die meisten winkten verlegen lächelnd ab. Andere griffen zu, lachten und warfen die Zettel gleich wieder weg, nicht in den Mülleimer. Erst jetzt fiel ihm auf, wie vorsichtig sie einen Fuß vor den anderen setzte, vielleicht hatte sie Angst, ihren weiten Rock zu verlieren, durch den Wind oder einfach so beim Laufen.
Unsinn.

Jetzt fing es an. Die ersten Tropfen zerplatzten auf dem Pflaster. Die überall auf dem Boden verstreuten Zettel wurden nass, das Papier wellte sich und begann zu glänzen. Der Regen schien sie nicht zu stören. Sie nahm nicht einmal ihre Sonnenbrille ab, aber der Regen war ja auch nicht stark. Nur ein Nieselregen. Regenbogenwetter.

Vielleicht sollte er doch rausgehn. Nur, was sollte er denn sagen. Entschuldigen sie, aber hätten sie die Güte zu verschwinden. Nein, man musste höflich bleiben. Allein schon der anderen Leute wegen.
Blumen. Warum nicht. Durch eine Blume gesprochen, wird jedes Wort zur Höflichkeit. Magnolien? Lieber nicht. Passionsblumen? Zu offensichtlich.

Malven.

Als die Tür zuschwang, ertönte gedämpft das Glockenspiel. Bemüht, die Blumen möglichst unauffällig zu halten, näherte er sich der Frau. Die warmen Regentropfen verfingen sich im Stoff seines Hemdes. Eine Jacke hätte sie möglicherweise als beleidigend empfunden, schließlich lief ihr das Wasser inzwischen in langen Fäden über das Gesicht. Wie blass sie ist, dachte Ralf, aber eigentlich auch ganz hübsch. Geschmeidig. Wie ein scheues Tier.

Auf ihrem Pullover war in bunter, verschnörkelter Schrift zu lesen: „Jesus, öffne uns die Augen!“

Sie kam auf ihn zu und hielt ihm einen der Zettel hin. Das Papier war aufgeweicht und dunkel. Er lehnte hastig ab. „Nein danke, ich...wollte sie eigentlich...“ Wieso sah sie ihn so kühl an: „Oh, sie haben Malven dabei. Welche Farbe haben sie?“
Ralf verstand nicht. Ihre Blicke machten ihn nervös. Er fasste sich. „Sagen sie, würde es ihnen etwas ausmachen, die Sonnenbrille abzusetzen. Die Sonne ist ja auch schon nicht mehr da.“

„Ja“, sagte sie, die Brille vorsichtig abnehmend, „die Sonne ist schon nicht mehr da.“
Dann lächelte sie ihn mit ihren leeren, weißen Augen an.
„Los! Beschreiben sie mir die Farbe. Die Farbe der Blumen.“

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kaffeehausintellektuelle
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„Blumenträume“ stand in großen grünen Lettern auf dem Schaufenster.
Ralf konnte zwischen den Lücken der Schrift hindurch ihren Rücken sehen.
Die junge Frau ging vor seinem Laden auf und ab. Unter dem Arm trug sie irgendwelche Broschüren. Nichts Wichtiges. Niemand beachtete sie. Die Fußgänger blickten angestrengt nach vorn, betrachteten ihr Lieblingsstück vom Horizont, lauerten der Sonne auf wie nachtaktive Tiere.

Lieber wastebo

Im ersten absatz schreibst du aus ralfs perspektive. Aber aus ralfs perspektive steht da nicht blumenträume, sondern von draußen. Warum verwendest du „letter“, wo es doch so ein schönes deutsches wort für buchstaben gibt?
Die broschüren, nichts wichtiges, schreibst du. Das passt nicht. Ralf weiß nicht, ob das was wichtiges ist oder nicht. Wenn es aber ihre perspektive ist, dann hat sie nicht irgendwelche broschüren in der hand, sondern ganz bestimmte. Die fußgänger – was betrachten die? Welches lieblingsstück? Eine blume in der auslage? Die ampel? Das bleibt im unklaren. Ich merk, hier entsteht kein bild für mich, wo die sind, wo die lauern, warum die lauern.

Wenn ihr das haar im nächsten absatz von den schulter rutscht, hatte sie dann eine perücke auf und steht jetzt kahlköpfig da?

Am Morgen hatte es noch nach Regen ausgesehn. Zwischenzeitlich hatten sich hellblaue Inseln in den Wolken aufgetan. Am Mittag [b|hatte ....

Er warf einen Blick auf die große Uhr neben der Tür. Was sieht er da? Ist es schon spät? Ist es noch früh?

Er schüttelte den Kopf und ging hinter die Kasse, um die Bestände zu überprüfen. – Grad eben dachte ich noch, die blumen wären im lager. Jetzt sind sie hinter der kassa?
Da ertönte das kleine Glockenspiel über der Tür. Erschrocken wandte er sich um. – Warum erschrickt er deshalb?

umgesehEn

„Kann ich ihnen (vielleicht) behilflich sein?“

„Es soll für eine Freundin sein. Irgendein kleiner Strauß.“ - Für freundinnen kauft man nicht IRGENDEINEN strauß, sondern einen hübschen bunten strauß, z.b.

so. ich muss jetzt los. Solltest du an weiteren kommentaren von mir interessiert sein, sag es einfach.

Die k.

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Zarathustra
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Die Geschichte ist gut,

wird immer besser, je weiter man sich hineinliest.
Sehr, sehr vieldeutig finde ich das Zusammenspiel des Blumenverkäufers und dem Mädchen mit der Brille.

Beide ergänzen sich, jeder hat das, was dem Anderen fehlt.
Er hat das Augenlicht, ist aber nicht fähig die Blumen am Duft zu erkennen (aus Überdruss?). Ihr muss man die Farbe der Malve beschreiben, die sie aber schon am Duft erkannt hat.



Was ich aus dieser Geschichte allerdings nicht herauslesen kann, ist das Problem mit "irgendeinen Strauß", den ein Kunde kauft.

Hast du das absichtlich so geschrieben, dass er so ein liebloser Mensch ist (gibt es öfter als man denkt), der für seine Liebste "irgendwas" kauft? Ist er ein Egoist? Weil er seine Lieblingsfarbe nannte?

Abschliessend meine ich:
Eine wunderbare Parabel hast du da geschrieben.
Und beide, Ralf und das Mädchen brauchen einander. Haben im Leben keine Chance, wenn sie genauso oberflächlich handeln wie der Kunde im Laden...
__________________
Was sind das für Zeiten, wo ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist, weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschließt! (Bertold Brecht)

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Wastebo
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Hi kaffehausintellektuelle

Vielen Dank für deine ausführliche Kritik. In vielen Punkten muss ich dir rechtgeben, einige Stellen sollte ich noch überarbeiten.
Allerdings kann ich vielleicht die ein oder andere Sache erklärn.

Die broschüren, nichts wichtiges, schreibst du. Das passt nicht. Ralf weiß nicht, ob das was wichtiges ist oder nicht.

Er weiß es nicht, aber er schließt darauf, weil sich die Leute auch nicht interessieren. Handelte es sich um eine Sensation, würden sie ja stehenbleiben. Wenn ich die Perspektive ganz penibel halten wollte, müsste ich "Blumenträume" in Spiegelschrift schreiben

Das mit dem Lieblingsstück vom Horizont soll lediglich ein klein bisschen Engstirnigkeit und Egoismus verdeutlichen. Nachtaktive Tiere lauern auf das Untergehen der Sonne, natürlich nicht im wörtlichen Sinne...

Wenn ihr das haar im nächsten absatz von den schulter rutscht, hatte sie dann eine perücke auf und steht jetzt kahlköpfig da?

Hab nicht gedacht, dass man das auch so verstehn kann
Findest du "Strähne" wirklich besser? Oder "ihr Haar glitt von der SChulter ab" ?

Das auf-die-Uhr schauen soll einfach die Zähigkeit des Tages darstellen. Im nächsten Satz steht ja dann der Grund.

Die restlichen Anmerkungen habe ich soeben verbessert.

Würde mich sehr über eine zweite Antwort von dir freuen.

@Zarathustra
Vielen Dank für die lobenden Worte, freut mich, dass es dir gefallen hat.

Liebe Grüße
wastebo

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kaffeehausintellektuelle
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So, ich war ja noch nicht fertig

Also ich hätt gern gewusst, warum ihm die fähigkeit abhanden gekommen ist. Ich glaub nicht, dass man aufhört zu riechen, wenn man ganzen tag riecht. Was machen parfumeure denn da?

Weiter: eine broschüre ist kein zettel. Du musst dich entscheiden.

Ja, dann schreibst du immer sehn und gehen ohne e hinten (mein computer setzt das immer selber ein) das ist nicht schön.

Sie in der anrede ist groß zu schreiben.

Nein, man musste höflich bleiben. Warum man? Warum nicht „er“?

Als die Tür zu schwang, ...
Eine Jacke hätte sie möglicherweise als beleidigend empfunden, schließlich lief ihr das Wasser inzwischen in langen Fäden über das Gesicht. (das gehört nicht in ein und denselben Satz)
Wie blass sie ist, dachte Ralf, aber eigentlich auch ganz hübsch. (eigentlich und ganz ... braucht es das?)

Auf ihrem Pullover war in bunter, verschnörkelter Schrift zu lesen: „Jesus, öffne uns die Augen!“

Sie kam auf ihn zu und hielt ihm einen der Zettel hin. Das Papier war aufgeweicht und dunkel. (warum dunkel?)

Warum macht die brille ihn nervös? Das versteh ich nicht.

Dann lächelte sie ihn mit ihren leeren, weißen Augen an. wie lächeln leere augen?

„Los! Beschreiben sie mir die Farbe. Die Farbe der Blumen.“

Ja, da ist sie mir jetzt ein bisschen zu direkt. Erst scheint sie scheu zu sein und unsicher und blass. Und plötzlich sagt sie zu einem wildfremden mann „los!“ ? das passt nicht zu ihrer persönlichkeit, find ich.

Und ich stimme nicht zu, dass die beiden einander brauchen. Offensichtlich haben sie auch bis jetzt gelebt, ohne einander.

Findet
Die k.

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