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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Kein Tag wie jeder andere
Eingestellt am 19. 01. 2001 00:18


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paradise_lost
Hobbydichter
Registriert: Oct 2000

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Kein Tag wie jeder Andere


Prolog


Der kleine Junge saß zu FĂŒssen seines Grossvaters, der es sich in seinem alten Lehnstuhl bequem gemacht hatte. Eine rot- schwarz karierte Wolldecke lag ĂŒber seinen Knien und wĂ€rmte seine von Gicht geplagten Glieder. Das Schnee weise Haar war zu einem ordentlichen Scheitel gekĂ€mmt, sein sandfarbenes Hemd war eine spur zu groß, doch zeitlebens hatte er seine Hemden so getragen und er dachte nicht im Traum daran, jetzt, am Ende seines langen Lebens etwas daran zu Ă€ndern. Er nippte an der dampfenden Tasse Kaffee, wie immer trank er eine selbst zusammengestellte Mischung kolumbianischer und brasilianischer Bohnen deren aromatischer Duft ihm jetzt in die Nase stieg und er genoß jeden Schluck den er trank mit bedacht. Der Junge blickte in die wĂ€ĂŸrigen Augen des alten Mannes, lĂ€chelte ihn glĂŒcklich an und streichelte ihm die Hand , die jetzt locker auf der Armlehne des Lehnstuhls lag. „ Opa .....“ setzte der Junge vorsichtig an „Ja Mark, was hast Du denn?“ kam die Antwort mit einer sanften, tiefen Baßstimme, deren Kraft jeden der sie zum ersten mal hörte in Erstaunen versetzte. „Opa ..erzĂ€hlst Du mir nochmals die Geschichte, als die Welt sich zum Guten gewandelt hat, ich hör sie doch so gern, weißt Du “ . Der alte Mann liebte das freche Blitzen in den Augen seines Enkels, „ ein aufgeweckter kleiner Junge“ dachte er, und ein zĂ€rtlicher Ausdruck machte sich auf seinem von Wind und Wetter gegerbten Gesicht breit, er liebte den Jungen mehr als alles andere das er auf dieser Welt besaß und das war nach menschlichen MaßstĂ€ben gerechnet ein ganze Menge. „ Klar mein Junge, komm setzt dich auf meinen Schoß, dann erzĂ€hl ich Dir von dem Tag der so anders war als alle anderen Tage in meinem Leben“. Er half dem Jungen auf seinen Schoß zu klettern, ignorierte den Schmerz den das ungewohnte Gewicht in seinen Gliedern verursachte, sah zu wie es sich sein Enkel bequem machte, sich eng an ihn schmiegte und den Kopf erwartungsvoll auf seine Brust lehnte. Er legte seinen Arm um den kleinen Jungen, in dem er so viel von sich selbst zu erkennen glaubte und begann mit gleichmĂ€ĂŸiger Stimme zu erzĂ€hlen ...



17.September 2000

Der Jahrtausendwechsel war ohne grĂ¶ĂŸere ZwischenfĂ€lle ĂŒber die BĂŒhne gegangen, wenn man von den wenigen Störungen in Kernkraftwerken und militĂ€rischen Anlagen einmal absah, von denen die Öffentlichkeit nie etwas erfahren hatte. Die kleine radioaktive Wolke die Teile SĂŒdostasiens in jener Nacht ĂŒberzogen hatte war ebenso unbemerkt geblieben, wie der Austritt eines neuartigen biologischen Kampfstoffes auf der Basis des Milzbranderregers aus einem militĂ€rischen Forschungslabors in der NĂ€he von Middletown, Ohio. Die Wiederkehr Jesus, von vielen selbsternannten Propheten fĂŒr diese „heilige Nacht“ heraufbeschworen, war auf unbestimmte Zeit verschoben und hatte eine Reihe von religiösen Glaubensgemeinschaften in eine schwere IdentitĂ€tskrise gestĂŒrzt. Nicht wenige sahen sich mit einem nie erwarteten AnhĂ€ngerschwund konfrontiert, der ihre FĂŒhrer ernsthaft um den Fortbestand ihres eintrĂ€glichen GeschĂ€fts fĂŒrchten ließ. Die unzĂ€hligen Endzeitsekten die zum Ende des alten Jahrtausends wie Pilze aus dem Boden geschossen waren, verschwanden fast genauso schnell wieder von der BildflĂ€che wie sie aufgetaucht waren. Ihre AnhĂ€nger zerstoben in alle vier Himmelsrichtungen, weiterhin auf der Suche nach etwas, von dem sie in letzter Instanz nicht einmal selbst wußten, was es eigentlich war. Allein die AktienmĂ€rkte an den Weltbörsen hatten in der Folgezeit mit einem wahren Kursfeuerwerk auf den ausgebliebenen Millenium Gau reagiert, hatten die Lust und die Gier nach schnellem Reichtum weiter angeheizt. Politisch blieb ebenfalls alles beim Alten. Manipulierte Wahlergebnisse in EntwicklungslĂ€ndern gehörten ebenso zur Tagesordnung wie Korruption und parteiinternes Schmierentheater in den G8 Staaten. Das Aufflammen kleinerer regionaler Konflikte auf dem Balkan und anderen Teilen der Welt interessierte wie schon im alten Jahrtausend außer den tatsĂ€chlich Betroffenen und einer handvoll Idealisten niemand wirklich, dafĂŒr machte man sich Gedanken ob man den nĂ€chsten Urlaub auf den Malediven oder doch lieber in der Karibik verbringen sollte. Niemand ahnte etwas von den heraufziehenden „VerĂ€nderungen“ und schon gar nicht aus welcher Richtung sie kommen sollte.


17.September 2000 11:55 Ortszeit
CNN Studio Washington D.C.

Hektisches Treiben herrschte in dem winzigen Fernsehstudio im Zentrum Washingtons in dem CNN fĂŒr gewöhnlich die 12 Uhr Nachrichten produzierte und in die ganze Welt ausstrahlte. Die Einschaltquoten waren atemberaubend und wie immer kurz vor der Sendung spielten sich mehr oder weniger chaotische Szenen ab, so daß ein Außenstehender niemals erwartet hĂ€tte, daß in weniger als 5 Minuten hier ĂŒberhaupt etwas vernĂŒnftiges wĂŒrde ĂŒber die Bildschirme flimmern können. Madeleine Fredericks die Regisseurin, saß gelangweilt vor dem großen Mischpult, beobachtete die 24 Kontrollmonitore mit den verschiedenen Kameraeinstellungen, ließ von den Technikern zum 5 mal die Einspielungen der Korrespondenten aus aller Welt ĂŒberprĂŒfen und warf einen letzten Blick durch die große Glassscheibe der ihr zeigte, daß das Chaos langsam in geordnete Bahnen gelenkt wurde. „ Noch 3 Minuten“ mahnte ihre Assistentin, die direkt hinter ihr Stand. Sie haßte diese jungen, gutaussehenden Dinger, die es ihrer Meinung nach allesamt nur auf ihren Job abgesehen hatten. Aber so ist das nun mal in diesem GeschĂ€ft, dachte sie resigniert, schließlich war sie auf die gleiche Art und Weise an diese Stelle gekommen, also warum sich beschweren. „ Noch 2 Minuten“. Die Sprecherin zupfte ein letztes mal an ihrer Bluse, bekĂ€mpfte die trotz aller Routine vorhandene NervositĂ€t in dem sie ihre TextblĂ€tter nochmals ordnete und mit den Fingerspitzen die RĂ€nder des Stapels glattstrich. NatĂŒrlich dienten sie nur fĂŒr den Notfall, wenn die Monitore ausfallen wĂŒrden. Die Maskenbildnerin prĂŒfte zum x-ten mal das Gesichtsmakeup, warf einen fragenden Blick in Richtung Kontrollraum, und als ihr von dort versichert wurde, daß es keine Schatten gab, verschwand sie blitzartig aus Madeleines Blickfeld. Routine, dachte Madeleine, ein Teufelskreis, alles verlor nach einer Weile seinen Reiz, der Job, die Beziehung zu ihrem Mann mit dem sie seit mehr als 10 Jahren verheiratet war, ja sogar beim Sex mit ihrem um 9 Jahre jĂŒngeren Liebhaber hatte sie in den letzten Wochen deutlich weniger Befriedigung gefunden, und sie machte sich ernsthaft Sorgen, ob es allmĂ€hlich wieder an der Zeit war sich nach etwas Neuem umzusehen. FĂŒr eine Karrierefrau wie sie kein all zu schwieriges Unterfangen, wenn man einmal davon absah, daß sie aufgrund ihres Bekanntheitsgrades auf Verschwiegenheit und Diskretion angewiesen war. Bisher hatte sie ihr weiblicher Jagdinstinkt jedoch noch nie im Stich gelassen und noch keiner ihrer abgelegten SpielgefĂ€hrten hatte sich nicht durch ein mehr oder weniger ĂŒppiges Geschenk davon abhalten lassen an der Öffentlichkeit schmutzige WĂ€sche zu waschen. Sie lĂ€chelte bei dem Gedanken und konzentrierte sich zugleich.„ Noch 1 Minute“ im selben Augenblick wurde die zweiteilige TĂŒr des Notausgangs mit einem lauten Krachen aufgestoßen, die TĂŒr brach aus ihren Angeln. Madeleine erstarrte, da sie die Bewegung aus dem Augenwinkel heraus wahr genommen hatte, wie war das möglich, die TĂŒr war doch von außen gar nicht zu öffnen. Ein Anschlag„ durchfuhr es sie, oh mein Gott auch das noch, wahrscheinlich irgendwelche religiösen Spinner die ihre Botschaft auf diesem Weg verbreitet sehen wollten. Wo war nur der Sicherheitsdienst ? Schon mehrfach war CNN von Fanatikern heimgesucht worden , doch jedesmal war es dem Sicherheitsdienst, fĂŒr den der Sender schließlich auch eine gewaltige Geld locker machte, gelungen, die Situation in kĂŒrzester Zeit in den Griff zu bekommen. Gebannt starrte sie auf die TĂŒr, sah wie sich zwei Sicherheitsleute mit gezogenem Revolver in Richtung TĂŒr stĂŒrzten, dann jedoch in merkwĂŒrdig gekrĂŒmmter Haltung mitten in der Bewegung wie zu Statuen erstarrten. Madeleine konnte nicht glauben was sie da sah, geschweige denn es begreifen. Sie blickte zu ihrer Assistentin um zu prĂŒfen , ob sie Opfer eines Scherzes mit versteckter Kamera geworden war. Ein Blick in das völlig verzerrte Gesicht genĂŒgte um ihr zu beweisen, daß nichts was sie gesehen hatte ihrer Phantasie entsprungen war. Als sie wieder zurĂŒck zur TĂŒr starrte trat eben ein etwa 1.90 großer Mann durch die nicht mehr vorhandene TĂŒr ins Studio. „Wow“ dachte sie, schalt sich jedoch gleich selbst, ĂŒber so viel KaltschnĂ€uzigkeit. Er hatte kurzes schwarzes Haar, trug einen teuren Schwarzen Anzug, und sah unglaublich gut aus, unverschĂ€mt gut sogar. Erneut war sie verwirrt ĂŒber die Reaktionen die dieser Fremde in ihr hervorrief, jemand der gewaltsam in ihr Allerheiligstes eingedrungen war, der sie den Job kosten wĂŒrde und der dabei war ihr Leben in Schutt und Asche zu legen aber sie konnte sich seiner Anziehungskraft und seiner erotischen Ausstrahlung einfach nicht entziehen. Wie hypnotisiert beobachtete sie das Geschehen am Sprecherpult, unfĂ€hig einzuschreiten, unfĂ€hig ĂŒberhaupt etwas zu unternehmen. In diesem Augenblick wand der ungebeten Besucher ihr den Kopf zu und schenkte ihr ein strahlendes LĂ€cheln, so entwaffnend, daß es sie mitten ins Herz traf.
„ WĂ€hren Sie doch bitte so freundlich und wĂŒrden sich erheben, junge Dame, ich habe der Welt etwas mitzuteilen, es wird nicht allzulange dauern“ erklang die warme, sympathische Stimme ĂŒber den Kontrollmonitor.
Die Sprecherin erhob sich zögerlich um dann um so schneller die Chance zur Flucht zu ergreifen und das Studio panikartig zu verlassen. Der Mann, er hatte sich mitlerweile gesetzt, schaute freundlich in die Kamera direkt vor ihm, Frontalaufnahme. Als sie den roten leuchtenden Punkt an der rechten Seite der Kamera registrierte wurde Madeleine bewußt, daß sie schon seit mehreren Minuten auf Sendung waren.


17.September 2000 12:01,Ortszeit
Washington D.C. Capitol Hill



Die Berater des PrĂ€sidenten der Vereinigten Staaten von Amerika, dem derzeit wohl mĂ€chtigsten Mann der Welt saßen völlig verstört auf den bequemen Sofas im Oval Office und starrten zusammen mit dem PrĂ€sidenten auf das, was sich auf dem großen Bildschirm der an der gegenĂŒberliegenden Wand befestigt war, abspielte. Niemand war in der Lage sich zu bewegen, geschweige denn ein Wort zu sprechen. Matt McDermott der Chef des CIA wollte aufspringen, doch irgend etwas hielt in an seinem Platz. Sein Körper verweigerte den Gehorsam und er mußte tatenlos mit ansehen, wie Welt um ihn herum aus den Fugen geriet. Waren die bei CNN denn jetzt völlig durchgedreht , dachte er, was soll denn dieser verdammte Mist, und er schwor sich daß er, wenn der Spuk erst mal vorĂŒber war, diesen Laden der ihm schon lange ein Dorn im Auge war, umgehend dichtmachen wĂŒrde.



17.September 2000 18:01 Ortszeit
Rom - Der Vatikan


Der neugewĂ€hlte Papst, ein in seinen Ansichten sehr liberaler Mann, der in den wenigen Monaten seiner Amtszeit eine kleine Revolution in der katholischen Kirche ausgelöst hatte, starrte auf den 21 Zoll Bildschirm seines Compaq Rechners, auf dem er wie immer um diese Zeit die CNN - Mittagsnachrichten verfolgte. Er war das jĂŒngste Kind einer einfachen Familie mit 3 BrĂŒdern und 4 Schwestern, in Mexiko aufgewachsen. Dort hatte er in den Elendsvierteln von Mexiko Stadt die Bekanntschaft mit Gott gemacht und mit ihm dort an einem glĂŒhend heißen Sommertag Freundschaft geschlossen. Nachdem er vor mehr als zwanzig Jahren in einem Traum seinen Auftrag erhalten hatte, begann er seine beeindruckende Karriere in der römisch-katholischen Kirche, kein einfaches Unterfangen fĂŒr einen weltlich so verwurzelten Mexikaner wie ihn, doch so wie es Gott ihm in jenem Traum prophezeit hatte, fĂŒhrte sein Weg bis an die Spitze, auf den heiligen Stuhl. So saß er an diesem Tag an seinem Schreibtisch und verfolgte das ungewöhnliche Treiben auf seinem Bildschirm. Er wußte das sich das was sich auf seinem Monitor abspielte mehr als 10 000 km entfernt in eben diesem Moment wirklich ereignete und daß es sich um kein Fernsehspiel oder einen schlechten Scherz handelte, die nackte ungeschminkte RealitĂ€t Sein Freund Gott hatte es ihm in der Nacht zuvor mitgeteilt.

17.September 2000 18:01 Ortszeit
London



Riesige Menschenmassen hatten sich vor den Schaufenstern versammelt, auf jedem Bildschirm flimmerte die Live Übertragung aus dem Washingtoner CNN Studio, unzensiert, unkommentiert und völlig unbegreiflich. Vereinzelt erhoben sich „ Der Herr sei gepriesen“ Rufe aus der Menge doch ansonsten verharrte die Menge in stiller Erfurcht, wollte den Worten lauschen die dieser namenlose Unbekannte gleich an sie richten wĂŒrde. Einem stillen Beobachter wĂ€re wohl aufgefallen, daß es trotz der zufĂ€lligen Zusammensetzung der Menge aus Menschen unterschiedlicher Rassen, verschiedensten Kulturen und sozialen Schichten, sowie Altersstufen zu keinerlei GedrĂ€nge kam, auch gab es offensichtlich keine BerĂŒhrungsĂ€ngsten, viele hatten sich in stiller Übereinkunft an den HĂ€nden gefaßt, warteten ehrfĂŒrchtig auf den großen Augenblick der unmittelbar bevorstand.

Dann begann es ....




17.September 2000 12:04 Ortszeit
Washington D.C. - CNN Studio


Madeleine hatte versucht die Übertragung zu unterbrechen, doch das Mischpult hatte ihren Befehlen nicht mehr gehorcht, sogar das Kappen der Hauptstromversorgung hatte nichts genutzt. NatĂŒrlich wußte sie, daß die USV in einem solchen Fall den reibungslosen Fortlauf der Sendungen garantierte, doch hĂ€tte sie eigentlich in der Lage sein sollen durch BetĂ€tigen des EMERGENCY- Schalters den sofortigen Zusammenbruch der Stromversorgung herbeizufĂŒhren. Die EigentĂŒmer des Senders hatten diesen Schalter gefordert, nachdem Mitte der 90er Jahre mehrere Fernsehstudios fĂŒr politische Demonstrationen mißbraucht worden waren.

„ Nun denn“ begann der Fremde unterdessen, machte eine kleine Pause, wĂ€hlte seine nĂ€chsten Worte mit Bedacht. Sofort war Madeleine gefesselt, die Sanftmut seiner Stimme schien sie vollstĂ€ndig in seinen Bann zu ziehen und sie hielt urplötzlich den Atem an als er weitersprach, „sie möchten sicher gerne wissen, wer ich bin. Ein nachvollziehbarer Wunsch ihrerseits. Ich werde mich bemĂŒhen ihre Neugier alsbald zu befriedigen. Aber lassen sich mich vorneweg ein paar Dinge klarstellen, die mir sehr am Herzen liegen.“ Madeleins Atem ging stoßweise, sie glaubte ihre Lungen wĂŒrden jeden Augenblick bersten, doch das hatte bereits wieder jede Bedeutung fĂŒr sie verloren, als er fortfuhr „Sehen sie, ich weiß nicht welche Vorstellung sie vom Himmel haben, es ist letztendlich auch nur von untergeordneter Bedeutung. Wenn sie GlĂŒck haben, dann werden sie vielleicht eines Tages in den Genuß kommen sich diesen Ort einmal aus der NĂ€he zu betrachten, wer weiß. Ich fĂŒr meinen Teil war schon mal dort. Ein bißchen langweilig , das Unterhaltungsprogramm ist auch etwas eintönig, aber wemÂŽs gefĂ€llt, bitte.“ er machte eine kleine Pause um die Worte wirken zu lassen, dann fĂŒhr er fort „Ich schweife ab.“ Sein ehrliches Lachen offenbarte zwei Reihen Schnee weißer ZĂ€hne, die im grellen Scheinwerferlicht immer wieder aufblitzten. Eigentlich mĂŒĂŸte er doch ohne MakeUp schwitzen, dachte Madeleine. „ Mmmmmh, vielleicht ist es doch besser ich stelle mich erst mal vor.“ Ein gĂŒtiges LĂ€cheln spielte um seinen Mundwinkel und ein sehnsĂŒchtiger Blick lag in seine Augen als er mit ruhiger Stimme weitersprach.

„ICH ... BIN ... DER TEUFEL“.


17. September 2000 18.06 Ortszeit
Rom - Der Vatikan


Der Papst lĂ€chelte, wie hatte er sich spitzbĂŒbisch auf diesen Augenblick gefreut. Welch ein Schauspiel dachte er bei sich, die beste Inszenierung in der Geschichte der Menschheit, ohne Zweifel. Aber im selben Augenblick dachte er auch an die Tragweite dessen, was nun folgen wĂŒrde, und ein wohliges Kribbeln durchfuhr seinen Körper. Die ganze Laste der Mitwisserschaft fiel mit einem mal von ihm ab und er fĂŒhlte eine innere Leichtigkeit, die er noch nie zuvor empfunden hatte. Aber was wĂŒrde nach diesem Tag noch so sein wie zuvor, fragte er sich, alles wĂŒrde sich verĂ€ndern, es war der Anbeginn einer neuen Zeitrechnung und er war glĂŒcklich darĂŒber.


17.September 2000 12:07 Ortszeit
Washington D.C. - CNN Studio

„ Jetzt schauen sie doch nicht so geknickt, was haben Sie denn gedacht wen sie vor sich haben ?“ sprach er in die Kamera, wiederum begleitet von diesem gewinnenden LĂ€cheln. Sein gĂŒtiger Blick tat seine Wirkung und Madeleine erstarrte vor Ehrfurcht. „ Dies soll der Teufel sein ?“ dachte sie und im selben Augenblick spĂŒrte sie wie etwas von ihren Gedanken Besitz ergriff. „Madeleine, soooo unglĂ€ubig“ , sie erahnte das Zwinkern seiner Augen mehr, als daß sie es sah und in ihrem Kopf schien alles zu vibrieren. „ Ganz ehrlich, den Teufel hast Du Dir anders vorgestellt, was?“ Sie nickte stumm, unfĂ€hig das zu glauben, was sie da sah, begreifen konnte sie es ohnehin nicht. Sie lauschte andĂ€chtig als er nun fortfuhr. „ Können sie sich vorstellen wie frustrierend es ist, wenn man immer nur der Böse ist, wenn einen keiner liebt. Wenn man immer fĂŒr alles UnglĂŒck der Welt verantwortlich gemacht wird, wĂ€hrend der da oben die Lorbeeren einsammelt ? Nein, können sie sicherlich nicht.“ Ein trauriger Glanz spiegelte sich in seinen Augen und sie verspĂŒrte den Drang ihn zu trösten. „ Es ist schon gut, Madeleine, ich danke Dir fĂŒr Dein MitgefĂŒhl“, die Worte hallten durch ihren Kopf. Vor der Kamera lachte der Teufel nun vergnĂŒgt „Haben sie mich jemals in ihr Abendgebet einbezogen, sehen sie, sicherlich nicht. DafĂŒr haben sie mir ja auch mit jedem * Zum Teufel mit Dir* ihre schlimmsten Feinde angetragen. Der ganze Abschaum der Menschheit tummelt sich bei mir in der Hölle, kein angenehmer Aufenthaltsort, wenn dort nur solche Verkrachten Existenzen ihr Unwesen treiben. Also habe ich vor einer Weile mit umfassenden Umstrukturierungsmaßnahmen begonnen, und sie werden sehen, es wird ihnen dort gefallen.

„Madeleine wĂŒrdest Du bitte die Aufzeichnung abfahren ....“ wieder dieses LĂ€cheln, dachte sie bei sich„ den kleinen grĂŒnen Knopf bitte“ . Sie löste sich aus der Erstarrung, blickte verwirrt auf das Regiepult und drĂŒckte dann den Startknopf fĂŒr die Videoeinspielungen, irgendwie noch immer damit rechnend, daß gleich alles in die Luft fliegen wĂŒrde.


17. September 2000 18:10 Ortszeit
Der Vatikan


Er kannte den Film bereits. WĂ€hrend der Vorspann lief gönnt er sich einen Schluck, er liebte das leichte, etwas herbe Prickeln den der Prosecco auf seiner Zunge verursachte, genoß es wie Tropfen um Tropfen seine Kehle hinabrann und die angenehme KĂŒhle ihn erschaudern ließ. Er spĂŒrte wie die ungeheuere Anspannung ein wenig von ihm abfiel und er seine innere Ruhe wiederfand. Er ignorierte das wilde hĂ€mmern an der schweren EichentĂŒr, was hĂ€tte er den völlig verwirrten KardinĂ€len auch sagen können. Dann entdeckte er das vertraute Gesicht und im gleichen Augenblick verstummte das Klopfen an der TĂŒr. Alles lauschte gebannt.

17.September 2000 12:10 Ortszeit
Washington D.C. Capitol Hill


Der PrĂ€sident spĂŒrte die Verwirrung die seine Berater erfaßt hatte. Die tĂ€gliche Routinesitzung war angesichts der sich ĂŒberschlagenden Ereignisse zu einer Farce geworden. Er musterte seinen Beraterstab, 12 regungslose Gestalten die in den schwarzen Ledersesseln saßen, er wußte daß sie von der selben Todesangst heimgesucht wurden wie er selbst. Sie hatten den Blick stur auf den Bildschirm gerichtet, so als warteten sie darauf, daß der Teufel höchstpersönlich daraus hervortreten und sie bestrafen wĂŒrde. GrĂŒnde fĂŒr eine Bestrafung, so schoß es ihm durch den Kopf gab es genĂŒgend. Ohne Vorwarnung erschien nun auf dem Bildschirm der Titel des angekĂŒndigten Films in roter Schrift



Familienbande


Der Film begann mit einer Weitwinkelaufnahme. Das spitzbĂŒbische Lachen des Teufels war in dieser Einstellung kaum zu sehen, als er zu sprechen begann . „Meine sehr verehrten Damen und Herren, treten sie doch ein in mein bescheidenes Heim, fĂŒhlen sie sich wie zu Hause“. Die Kamera zoomte auf sein Gesicht , als er weitersprach. „Es ist an der Zeit das 7 Tage Wunder meines Bruders wieder ins rechte Licht zu rĂŒcken. Ja, sie haben richtig gehört, Gott, Allah, Manitou oder wie sie ihn auch sonst nennen mögen ist mein Bruder.“ Es folgte eine lĂ€ngere Pause, offenkundig dazu da diese neuerliche Unfaßbarkeit wirken zu lassen. Dann fuhr er fort „ Die Schöpfung der Erde war sein Werk, ganz ohne Zweifel und ich möchte mich auch gar nicht mit fremden Federn schmĂŒcken, wozu auch. Ich an seiner Stelle hĂ€tte sicher manches anders gemacht, aber er hat mich nun mal nicht um Rat gefragt. Im Zeitraffer flimmerte nun die vollstĂ€ndige Schöpfungsgeschichte ĂŒber den Bildschirm, im Mittelpunkt ein junger Mann mit schwarzem Vollbart der dem Teufel zum Verwechseln Ă€hnlich sah. Er hatte ein wildes unberechenbares Blitzen in den Augen und fuchtelte scheinbar unkontrolliert mit den Armen in der Gegend herum, dennoch schien sich das in den ersten Einstellungen herrschende Chaos langsam aber sicher zu ordnen und Gestalt anzunehmen. „Ja, sah am Anfang wirklich gelungen aus, stimme ich ihnen ohne Vorbehalt zu, lief auch lĂ€ngere Zeit prĂ€chtig, bis dann, aber sehen sie einfach selbst“. Auf dem Bildschirm erschienen nun zwei junge MĂ€nner auf einem weitlĂ€ufigen Maisfeld, die offensichtlich in wildem Zorn aufeinander einredeten. „Kain und Abel, sie streiten sich wegen einer Kleinigkeit, nicht weiter von Bedeutung. Links das ist Kain, rechts das ist Abel“ Kain hob nun einen Stein auf und schlug mit aller Kraft auf Abels SchĂ€del ein, der blutend zu Boden stĂŒrzte. Anstatt einzuhalten und seinem schwer verletzten Bruder zu helfen, schlug er immer wieder mit weit ausholenden Bewegungen und verzerren GesichtszĂŒgen auf Abel ein, bis dieser sich nicht mehr bewegte und leblos am Boden liegen blieb. Im selben Augenblick erschien eine hell strahlende Aura um den Sterbenden. „Ja, Abel stirbt, und seine Seele wird einen Platz im Himmel meines Bruders finden. Er wird ihn mit offenen Armen in seinem Paradies, das er fĂŒr die Seelen der Menschen erschaffen hat, empfangen. Aber was ist mit Kain ?“ Der Himmel verdunkelte sich mit unvorstellbarer Geschwindigkeit. Der Mond verschwand hinter schwarzen Gewitterwolken und Blitze tanzten wild am nĂ€chtlichen Firmament. Kain stand auf dem Feld, die HĂ€nde gen Himmel gereckt, den blutverschmierten Stein noch immer in der Hand. „Der Zorn und die Strafe meines Bruders kann manchmal grausam sein“ Ein heller Blitz suchte sich seinen Weg zum Boden, schlĂ€ngelte sich durch die Nacht und fand seinen Weg zu Kain. Dessen Körper begann durch die ungeheuren Energiemengen sofort zu brennen. Unter markerschĂŒtternden Schmerzensschreien sank nun auch er zu Boden und blieb dort als verkohlter Torso liegen. Das ganze hatte nicht lĂ€nger als 30 Sekunden gedauert. Um den toten Kain erschien jetzt ebenfalls ein weißer Lichtkegel, jedoch von schwarzen dunklen Flecken durchzogen, die dem ganzen einen dĂŒsteren Ausdruck verliehen. „ KainÂŽs Seele hat nun ein Problem, denn mein Bruder wird ihn nicht in sein Paradies reinlassen. Also wenn sie mich fragen hĂ€tte sich mein Bruder bei seiner schöpferischen Großtat etwas mehr Zeit lassen und gerade bei seinem MeisterstĂŒck Mensch etwas sorgfĂ€ltiger Vorgehen sollen, aber er wollte ja unbedingt in 7 Tagen fertig sein, immer dieser sinnloses Ehrgeiz. Außerdem hĂ€tte die Menschheit ja nicht unbedingt ein Selbstbildnis werden mĂŒssen, wußte er doch um seinen Zorn, seine Gier und seinen unkontrollierbaren Trieb, aber er wollte ja nicht auf mich hören. Nun gut, um der Seele des bemitleidenswerten Kains eine Heimat zu geben, habe ich beschlossen die Hölle zu schaffen. In weiser Voraussicht, daß er nicht der Letzte sein WĂŒrde der bei meinem Bruder auf Grund seiner Taten und Gedanken in Ungnade fallen wĂŒrde, habe ich sie zum GlĂŒck groß genug angelegt. Sie ist nicht so komfortabel und luxuriös wie der Himmel , aber sehr zweckmĂ€ĂŸig und das Betriebsklima stimmt auch. Bei dem Chef schließlich auch kein Wunder.“ VergnĂŒgt lachte er ĂŒber seinen eigenen Scherz. “So schauen sie sich um, hier ist alles vertreten was die Menschheit an MonstrositĂ€ten zu Tage gefördert hat Die Kamera schwenkte nun in weitem Bogen ĂŒber den Platz, auf dem sich allerlei bekannte und unbekannte Gesichter tummelten, Vergewaltiger, Massenmörder, Politiker, Priester, Ehebrecher. Kurtz um, alles was jemals die 10 Gebote gebrochen hatte. Sie alle lĂ€chelten und winkten freundlich in die Kamera. „Sie wundern sich sicher, wie es mir gelungen ist aus diesen Bestien so wunderbare Geschöpfe zu machen. Das war einfach, ich habe einfach die schlechten Eigenschaften meines Bruders eliminiert.“
Die Kamera ging nur auf eine ungefĂ€hr fĂŒnf Minuten dauernde Fahrt durch die Hölle und was sie zeigte war von ungeheurer Schönheit.



17.September 2000 13:00 Ortszeit
Washington D.C. - CNN Studio

Über den Bildschirm flimmerte „THE END“ und eine Überblende zeigte nun wieder den im Studio sitzenden Teufel.
„So und jetzt mal das Ganz kurz und schmerzlos auf den Punkt gebracht. Ich hab keine Lust mehr auf diese Scheiße. Ich kann mit meiner Zeit durchaus was besseres anfangen als mir mit dem Abschaum der Menschheit die Tage und NĂ€chte um die Ohren zu schlagen. Aus diesem Grund habe ich mich mit meinem Bruder zusammengesetzt und wir haben beschlossen ein paar Kleinigkeiten in Ordnung zu bringen. Aus dem Hintergrund trat nun eine weißgekleidete Gestalt vor die Kamera, ebenfalls sehr gut aussehend, aber mit einer Menge Sorgenfalten im Gesicht. Er trat neben den Teufel und lĂ€chelte ihn liebevoll an, ergriff seine Hand, zog ihn vom Stuhl zu sich empor und nahm ihn dann fest in die weit geöffneten Arme. Die Kamera erhaschte wie jedem der beiden eine kleine TrĂ€ne die Wange hinabkullerte, und als kleiner Diamant auf dem Boden aufschlug.

17.September 2000 13:01 Ortszeit
Washington D.C. - CNN Studio

Madeleine wußte nicht was mit ihr geschah, aber sie spĂŒrte die VerĂ€nderung die in ihr vorging. Ein seltsames Kribbeln breitete sich in ihrem Körper aus, abgelöst von heftigem Zittern das in schnell sich wieder lösenden KrĂ€mpfen mĂŒndete. Dann von einer Sekunde zur nĂ€chsten war sie von einer inneren Ruhe und Zufriedenheit erfĂŒllt, die sie noch nie in diesem Maße gespĂŒrt hatte und sie fĂŒhlte sich unbeschreiblich GlĂŒcklich. Plötzlich erklang eine vertraute Stimme in ihrem Kopf *Madeleine .. komm zu mir ... *

17.September 2000 13:01 Ortszeit
Vatikan

Der Papst trat mit TrĂ€nen in den Augen hinaus auf den Balkon und beobachtete das Treiben auf dem Petersplatz. Wildfremde Menschen nĂ€herten sich einander, nahmen sich liebevoll in die Arme, ungeachtet des Alters, der Herkunft oder der Rasse. Es gab keine unterschiedlichen sich gegenseitig zerstörenden Religionen mehr, nur noch diese eine wundervolle Wahrheit und er war froh darĂŒber.

17.September 2000
Welt

Geschosse blieben in den Abschußrampen, obwohl die sie steuernden Computerprogramme das Gegenteil befahlen. Auf den Schlachtfeldern wurden die Waffen weggeworfen und die sich vor wenigen Augenblick noch Hass erfĂŒllt in den SchĂŒtzengrĂ€ben gegenĂŒberliegenden menschlichen Marionetten rannten von Liebe getrieben aufeinander zu.



Epilog


„Mami, Mami“ mit einem Satz war Marc aufgesprungen, rannte zur TĂŒr und fiel seiner Mutter in die Arme. „ Engelchen, wie sehr ich dich vermißt habe“, sie drĂŒckte ihn fest an sich und kĂŒĂŸte ihn zĂ€rtlich auf den Mund. „Daddy, hast Du mir etwas mitgebracht“ „ Jetzt warte doch erst mal bis wir im Haus sind“ lachte sein Vater und seine Mutter schĂŒttelte belustigt den Kopf. „Mark, sei doch nicht immer so gierig, von wem Du das nur hast“ und sie schaute liebevoll in die pechschwarzen, undurchdringlichen Augen ihres Mannes.“ Von mir sicher nicht“ erklang es in ihrem Kopf, „ICH habe damit ĂŒberhaupt nichts zu tun, wie du ja genau weißt, bei allen Höllenhunden“, er liebte dieses Spiel und sie genoß es nicht minder. „Laß das Du Ausgeburt der Unvernunft“ und ihr Lachen erfĂŒllte den Raum „wenn du nicht sofort aufhörst, kannst Du nachher eine Runde im Keller Kohlenschippen“ „Ihr sollt Euch in meiner Gegenwart wie anstĂ€ndige Menschen unterhalten, zum Teufel nochmals“, erklang es jetzt amĂŒsiert aus dem Wohnzimmer. Marcs Vater betrat den Raum, ging vor seinem Schwiegervater in die Knie, nahm seine HĂ€nde, drĂŒckte sie fest und mit einem mal waren die Schmerzen aus den gepeinigten Gliedern des Greises gewichen. Dann hob er den alten Mann empor, trug ihn auf den Armen in die EßkĂŒche und setzte ihn auf seinen ihm angestammten Platz “Du solltest aufpassen mit dem was Du sagst, denn manchmal holt dich der Teufel schneller als Dir lieb ist...... und wenn es nur zum Mittagessen ist“.

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