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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Kein Trallala auf Sokotra
Eingestellt am 06. 03. 2016 17:44


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Friedrich Malinowski
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Registriert: Feb 2016

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Kein Trallala auf Sokotra

Unweit der Stelle, an welcher der komische Vogel ‚ÄěAepyornis maximus‚Äú seine Eier abzulegen pflegte, also auf der Nordspitze von Madagaskar, ungef√§hr in der H√∂he des Hafens von Diego Suarez, gr√ľndeten knapp hundert Jahre vor der Franz√∂sischen Revolution der Dominikanerm√∂nch Caraccioli und der von primitiven Idealvorstellungen beseelte Pirat Misson ihre eigene Freibeuter Republik und gaben ihr den Namen ‚ÄěLiberta.‚Äú Hier bereits schrieb man sich die utopisch-sozialen Zielsetzungen ‚ÄěFreiheit, Gleichheit und Br√ľderlichkeit‚Äú auf die Fahnen. In Liberta gab es nur Gemeindeeigentum. Die einzelnen Wohngebiete durften nicht durch Hecken oder Z√§une getrennt werden. Lebensmittel wurden als Naturalien verteilt und Geld gab es nur aus der Gemeinschaftskasse.
Welch paradiesische Zustände. Madagaskar schrieb Geschichte. Davon konnte Sokotra nur träumen.
Sie lag träge im Golf von Aden, umschlungen vom Indischen Ozean, blinzelte in das gleißende Sonnenlicht und wartete darauf, dass etwas passierte. Aber es passierte nichts. Absolut nichts. Nicht die mindeste Brise machte Anstalten, sich zu bewegen. Man gähnte sich den ganzen Tag in Langeweile.
Zur gleichen Zeit gerieten zwei deutsche Abenteurer, die mit einem Paddelboot auf den Wellen des Euphrats nach Bagdad unterwegs waren, in ein veritables Unwetter. Schleusenartig hatten sich die dunklen Wolken Berge urpl√∂tzlich ge√∂ffnet und sch√ľtteten unbarmherzig. Diese zyklonartigen St√ľrme, wie sie von Zeit zu Zeit √ľber Mesopotamien hinziehen sind unberechenbar. Nasse F√ľ√üe sind dann nur das kleinere √úbel. So eine Abwechslung h√§tte Sokotra auf andere Gedanken gebracht, denn immer noch d√∂ste man in den Tag hinein.
Das √§nderte sich allerdings, als der ehrw√ľrdige Leuchtturmw√§rter aus Altersgr√ľnden abgel√∂st werden sollte. Erst jetzt kam so etwas wie Bewegung in die Sache. Masterson, der Leuchtturmw√§rter, war auf der Insel sehr beliebt und angesehen, was zum einen daran lag, dass er schon fr√ľhzeitig den mohammedanischen Glauben angenommen hatte, zum anderen verstand er was von Ackerbau und Viehzucht, dem elementarsten Wirtschaftszweig auf Sokotra. Jetzt aber taten seine Beine es nicht mehr, seine Arme waren geschwollen, die t√§glichen Verrichtungen gelangen ihm nur noch unzureichend, und √ľberhaupt sehnte er sich nach seinem heimeligen Kamin, der zu Hause auf ihn wartete. Wahrscheinlich w√ľrde er nun noch einige Zeit im Schaukelstuhl verbringen und sich dann unter seinem geliebten Drachenblutbaum begraben lassen.
Aber noch war es nicht so weit. Denn die f√ľr die Neubesetzung zust√§ndige Regierung in Aden hatte den Generationen Wechsel in dieser Sparte regelrecht verschlafen. Trotz aller Bem√ľhungen wollte sich kein Nachfolger finden lassen. Was man auch versuchte oder versprach. Kein Job auf Sokotra!
An Tagen wie diesen, an denen nichts mehr geht, wohlfeile Wunder Wunschtr√§ume bleiben, hat sich hier, wie auch anderen Orts, die kultivierte Kunst des Aussitzens bew√§hrt. Es sei denn, der Zufall kommt einem zu Hilfe. Ein K√ľstendampfer n√§mlich, brachte die Nachricht nach Aden, dass zwei Deutsche auf der 100 Meilen entfernten Insel Perim angekommen seien und in den n√§chsten Tagen in Aden eintreffen w√ľrden. Sie hatten den Weg von M√ľnchen bis in den Golf von Aden im Paddelboot zur√ľckgelegt und wollten weiter nach China. Die beiden Deutschen waren die Br√ľder Pappenberger, die sp√§ter in die Annalen der Seefahrt Geschichte eingehen sollten.
F√ľr die Pr√§fektur in Aden stand fest, dass dies ein Fingerzeig von oben sein musste. Sogleich begann sich die Staatsmaschinerie in Bewegung zu setzen. Vorbereitungen f√ľr einen Staatsbesuch erster Klasse wurden angeordnet, die Pr√§sidenten-Suite im renommierten Marina-Hotel am Hafen wurde hergerichtet und um den Hafen selbst, wo man die wackeren Deutschen erwartete, lie√ü man bewaffnete Patrouillen sicherheitshalber Streife laufen. Man scheute keine Kosten, eingedenk der Tatsache, dass es sich letzten Endes rechnen w√ľrde.
Als tags darauf der K√ľstendampfer am Kai anlegte, war ganz Aden mit Kind und Kegel aus dem H√§uschen. F√§hnchen schwingend jubelte man den tapferen Deutschen zu, die nach all den Strapazen in einer erstaunlich guten Verfassung waren, und die blau√§ugig, alles, was hier ablief, f√ľr jemenitische Gastfreundschaft hielten.
Am n√§chsten Tag gab es zwei Audienzen. Einmal die feierliche Eintragung in das Goldene Buch der Stadt Aden, die am Vormittag stattfand, und am Nachmittag ein Treffen mit der Ministerin f√ľr Verkehr und Landwirtschaft. Die Ministerin hatte ihren Doktor in Deutschland gemacht, sprach ein sauberes Deutsch und bestand darauf, sich handschriftlich mit einem Gru√üwort und den besten W√ľnschen f√ľr die Heimfahrt im Reisetagebuch der Pappenberger verewigen zu d√ľrfen. Danach tauschte man Nettigkeiten aus, kam man sich n√§her, wobei die Ministerin erfuhr, dass der j√ľngere der beiden Br√ľder, Jakob, einen abgeschlossenen Master in den Ingenieurwissenschaften in der Tasche hatte. Das gab den Ausschlag.
Tag drei nach Pappenberger platzte die Bombe. In einer n√§chtlichen Marathonsitzung hatte der Rat der Stadt Aden einstimmig beschlossen, Bruder Jakob den vakanten Posten des Leuchtturmw√§rters anzutragen. Ad√§quat dazu sollte sein Bruder einen nicht unerheblichen Geldbetrag erhalten, der es ihm erm√∂glichte, sich w√§hrend seiner Reise nach China, √ľber Wasser zu halten.
Man verlor keine Zeit. Mit dem hoffnungsvollen Leuchtturmw√§rter-Aspiranten an Bord, machte sich der Tender und seine Crew, die verantwortlich f√ľr die Versorgung der Leuchtt√ľrme und Seezeichen, mit allen notwendigen Dingen war, auf den Weg nach Sokotra. Kurz vor dem Ziel wurde ein Dingi zu Wasser gelassen, mit dem der Deutsche Jakob Pappenberger dem Strand zu pullte.
Zwei Wochen später meldeten in Aden einlaufende Schiffe, das Feuer von Sokotra brenne nicht mehr. Sofort stach ein Boot in See, um nach dem Rechten zu sehen. Und in der Tat, das Feuer brannte nicht und von dem jungen Deutschen keine Spur. Viel später erst fand man unterhalb des Leuchtturms ein Häufchen abgenagter Knochen.
Seither ist das Leuchtfeuer der Insel automatisch. Metall mögen Kannibalen nicht. So schrieb auch Sokotra Geschichte. Eine traurige, aber immerhin …

Die Geschichte ist von mir, das Reise Tagebuch von Pappenberger.

Näheres Internet: Pappenberger/Canoe







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Frima

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