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Leselupe.de > Krimis und Thriller
Kein gutes Versteck
Eingestellt am 12. 05. 2001 21:59


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Willi Corsten
Manchmal gelesener Autor
Registriert: Apr 2001

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Angelika Meinert schlĂ€gt entsetzt die TĂŒr des Schuppens wieder zu und eilt zurĂŒck ins Haus. ‚Die Sache muss ein Experte regeln', denkt sie und greift zum Telefon. Doch das Schicksal hat die Karten schon gemischt...
Die junge Frau musste im Leben schon manches Leid erfahren. Ein Unfall raubte ihr den Mann und nahm der kleinen Tochter den Vater. Zwei Jahre spÀter lernte Angelika Herbert Dillinger kennen, verliebte sich in den Mann und erkannte viel zu spÀt, dass der Kerl ein sadistischer Teufel war. Weil ihre Tochter seine perversen Spiele nicht mitmachen wollte, schlug er das Kind, bis es tot auf dem Boden liegen blieb.
Bei der Gerichtsverhandlung nutzte der Verteidiger jedes Mittel, um Recht und Gesetz zu verdrehen. Ein neunmalkluger Seelendoktor redete von einem zu hastig geschlucktem Löffelchen Haferbrei, das postwendend retour gekommen war. Dadurch sei das Ästhetikempfinden der kindlichen Psyche nachhaltig geschĂ€digt worden. Just in dieser sensiblen Entwicklungsphase habe eine MĂŒcke das Kind gestochen und bei dem zarten Buben die Grenzen zwischen Gut und Böse irreparabel eliminiert. Folglich sei der Totschlag kein Verbrechen gewesen, sondern das Selbstverwirklichungsstreben einer gequĂ€lten Seele in der ach so feindlichen Umwelt.
Der Richter hörte staunend den AusfĂŒhrungen des studierten Mannes zu und ĂŒberlegte bei sich, wie eng doch Genie und Wahnsinn beieinander liegen. Und weil er bei dem VortragskĂŒnstler letzteres vermutete, bestellte er ein zweites Gutachten. Dillinger wurde zu fĂŒnfzehn Jahren Haft verurteilt.
Angelika Meinert war erschĂŒttert ĂŒber das milde Urteil. Steht nicht in der Bibel geschrieben: Auge um Auge und Zahn um Zahn. Warum billigte man dem TĂ€ter ein Recht zu, das er seinem unschuldigen Opfer verwehrt hatte, warum durfte so ein Mörder weiterleben?
Die verbitterte Frau suchte die Einsamkeit und fand sie in einer Bauernkate, nur einen Steinwurf vom Zoo entfernt.

Angelika hat den Experten zur Eile gedrĂ€ngt. Als sie den Hörer auflegt, steht plötzlich Dillinger in der TĂŒr. Der Mann grinst böse und sagt: „Was fĂŒr eine Überraschung. Ausgerechnet meine Ex- Schlampe lĂ€uft mir bei der Flucht ĂŒber den Weg." Seine Stimme trieft vor Hohn. „Gut so, ich brauche Geld und andere Klamotten."
„Aber nicht von mir. Scher dich zum Teufel, du Dreckskerl."
Brutal schlĂ€gt Dillinger zu. Die Frau wimmert leise, doch als vor dem Haus ein Wagen hĂ€lt, bringt der Mann sie mit einer herrischen Geste wieder zum Schweigen. Blitzschnell greift er nach einem Messer, richtet es drohend auf sein Opfer und zischt: „Wer ist der Mann in dem Lieferwagen?"
Angelikas Gedanken ĂŒberschlagen sich. Fieberhaft sucht sie nach einem Ausweg und sieht plötzlich eine Chance. JĂ€h auflodernder Zorn bestimmt fortan ihr ganzes Handeln. „Der Mann ist Schreiner“, sagt sie. „Er repariert die Fenster im Haus."
Dillinger gerĂ€t in Panik. „Wo kann ich mich so lange verstecken? Los, mach' den Mund auf, du Schlampe, sonst..."
"Kannst ja draußen in den Schuppen kriechen, wenn du Freude daran hast." Es klingelt. Dillinger huscht durch den Hofausgang und eilt zum Schuppen. Die Klingel schrillt ein zweites Mal. Angelika bittet den Fahrer ins Haus.
„GnĂ€dige Frau, wir haben miteinander telefoniert. Herido ist mein Name, Herido vom Stadtrandzoo. Ich wollte frĂŒher kommen, wurde aber von der Polizei aufgehalten. Die Herren dachten wohl, ich wĂ€re der Mann, den sie ĂŒberall suchen. Aus der Haftanstalt ist doch wieder mal einer ausgebĂŒxt. Sperren sie also TĂŒren und Fenster zu, wenn ich nachher wegfahre."
„Keine Sorge", antwortet Angelika und fĂŒgt leise hinzu: „vermutlich ist der Kerl lĂ€ngst dort, wo er bestimmt nicht hin wollte."
Doch unbeirrt fĂ€hrt Herido in seiner redseligen Art fort: „Eigentlich mĂŒsste ich an meine eigene Brust schlagen, denn Anja ist ja ebenfalls ausgebĂŒxt."
„Wer ist denn Anja?"
„Anja ist mein bester Schatz. Stellt sich nur ein wenig prĂŒde, das gute MĂ€dchen und lĂ€sst niemanden an sich heran. Bei fĂŒnf Metern Entfernung hört der Spaß auf. Wer dennoch sein GlĂŒck versucht, wird schnell ein Opfer ihres eigenwilligen Charmes. Und das mit tödlicher Sicherheit! Na ja, diese kleine Unart muss man einer Schwarzen Mamba halt verzeihen." Herido schaut sich suchend um. „Es war lieb von Ihnen, uns den Fund zu melden. Wo haben sie die reizende Giftschlange denn entdeckt, gnĂ€dige Frau?"
Wortlos deutet Angelika Meinert auf den kleinen Schuppen, der ĂŒberaus friedlich dort hinten in der Mittagssonne steht.

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flammarion
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sehr

fein gesponnen. die geschichte ist echt ein kleines meisterwerk. danke fĂŒr den schluß, bin sehr befriedigt! ganz lieb grĂŒĂŸt
__________________
Old Icke

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Willi Corsten
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Registriert: Apr 2001

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Hallo oldicke

ich freue mich, dass Dir der Schluss so gut gefÀllt.
Er ist aus voller Überzeugung so geschrieben.
Ganz lieb grĂŒĂŸt Dich
Willi

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