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Keine Lügen mehr ?
Eingestellt am 25. 03. 2011 23:37


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Herbert Schmelz
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Keine Lügen mehr ?

Bemerkung zu einer Schlagzeile*

Die Ideologie der >friedlichen Nutzung< der Kernenergie scheint sich zur Legitimierung der Stromerzeugung in Atommeilern ähnlicher Argumente zu bedienen, die der Verstand aus der Beobachtung eines beliebigen Verbrennungsvorgangs abstrahierend konstruiert. Brennstäbe werden ‚abgebrannt’, durch die entstehende Wärmeenergie werden Turbinen zur Stromerzeugung angetrieben. Das passt alles ganz gut in unsre üblichen Formen äußerlicher und unabweisbar rationaler Naturkenntnisse, die uns beruhigen und selbstbewusst damit umgehen lassen. Der "technische Fortschritt" kann daher das Interesse und Vertrauen vieler Menschen automatisch für sich vereinnahmen.

Jedoch der Spaltvorgang atomarer Kerne bestimmter Stoffe ist von ganz anderer Natur als das Verbrennen von Holz, Kohle, Öl und Gas. Die Spaltung von Atomkernen mit ihrer gewaltigen Energiefreisetzung, die mit bloßem Auge nicht direkt beobachtbar ist, muss durch den gesamten technischen Apparat eines Reaktors in Schach gehalten werden und darf niemals unkontrolliert ablaufen. Mitarbeiterkompetenz, Zustand und Wartung aller technischen Systeme und Bauten müssen aufeinander abgestimmt sein. Nur wenn dies tatsächlich der Fall ist, kann überhaupt Strom erzeugt werden.

Aber er kann niemals störungsfrei erzeugt werden, weil das komplexe Zusammenspiel sehr vieler Faktoren nicht absolut sicher zu gewährleisten ist. Beispielsweise können verheerende Wirkungen entfalten: Materialermüdung; ein winziges Ventil im Kühlmittelkreislauf funktioniert nicht zuverlässig; Fehler von Mitarbeitern, Fehler in den Überwachungsregelungen, beim Verständnis ihrer Anwendung; Verantwortungsabwälzungen im Bereich der gesamten Betreiberhierarchie aufgrund ökonomisch-politischer Sparauflagen, Vorgaben u.s.w.. Ebenso die Störanfälligkeit durch Naturkatastrophen, Flugzeugabstürze etc. Also nach heutigem technischen und Erfahrungswissen, vor allem aber unter den vorherrschenden ökonomischen Interessen, ist ein störungsfreier Betrieb von KKWs nicht organisierbar.

Die reale Geschichte der KKWs ist deshalb prall gefüllt mit Störfällen, die durch ein sechsstufiges System nach ihrer Schwere erfasst werden könnten und zu beschreiben wären , wenn die Betreiber, die staatliche Aufsicht und kritisch nachfragende Bürgeröffentlichkeit eben dahingehend zusammenwirken. Der Normalbetrieb, seine künstliche Verlängerung über einen kritischen Punkt hinaus, wo es nur noch um völlig einseitige Ausschöpfung der subventionierten Profitmöglichkeit geht, setzt Entmündigung der Bürger und Entdemokratisierung eines bestimmten Entwicklungsgrades der Gesellschaft voraus.

Erst, wenn weltweit ein ins Gewicht fallender Bewusstseins- und Erkenntnisfortschritt zu verzeichnen ist, Tatsachen und nicht Illusionen als gültige Ausgangsorte von Entscheidung und Handeln anzuerkennen, ist die Zeit für eine begründete Hoffnung angebrochen. Dann erscheint auch die Formulierung der tatsächlichen Gefahren der >friedlichen Nutzung< der Kernenergie nicht mehr als übertriebener Alarmismus. Seit Jahrzehnten "predigen" Experten, ohne von den politischen Entscheidern wirklich gehört oder gar verstanden zu werden: Das Gewaltpotential eines einzigen Kernkraftwerks mit Plutoniumfreisetzung ist in der Lage, die gesamte Menschheit zu vernichten. Allmählich, schleichend auch demokratische Öffentlichkeit. Dem Inhalt nach, nicht in der zivilen Form, steckt in jedem Reaktor eine Atombombe.

Doch die Atomkatastrophen unsres Zeitalters, soweit sie aus Störfällen in KKWs resultieren, sind weniger bekannt und ausgewertet, als die Abwürfe der Bomben über Hiroshima und Nakasaki. Selbst die ‚Experimente’ der USA, UdSSR, Großbritanniens und Frankreichs in den 40er und 50er Jahren, womit die politisch Verantwortlichen Teile ihres unwissenden militärischen Personals , auch sogenannter ziviler Bevölkerung. atomarer Druckwellen und Strahlung aussetzten, sind inzwischen deutlicher im Bewusstsein angekommen, als die Störfallgeschichte der KKWs.

Aber aus dem Betrieb der Kernreaktoren ist nicht nur die reale Möglichkeit der jeder Zeit eintretenden Superkatastrophe zu lernen. Aus ihnen ist vor allem zu lernen, wie der Irrglaube der >friedlichen Nutzung< der Kernenergie und der Irrweg der Atomwirtschaft funktioniert. Dabei kann das verhängnisvolle Lügengebäude freigelegt werden, aus dem die >Wahrheit< bisher verkündet wurde.

Die so genannte Sicherheit unterliegt der Abnutzung, materiell wie immateriell. Nicht nur, wenn das Betriebsleben eines KKW endet, sondern schon während seiner aktiven Lebensperiode ist es ein von der Gesellschaft subventioniertes Unternehmen. Kein einzelner Investor und Betreiber kann alleine die Stromproduktion wirtschaftlich tragen und zudem für Brennstoff und strahlenden Abfall gerade stehen. Der Strom ist nur in der subventionierten Form verkäuflich. Der >billige< und >saubere< Atomstrom ist eine Propagandalüge.

Die Gläubigen der so genannten friedlichen Nutzung der Kernenergie nötigen sich zur gewohnheitsmäßigen systematischen Dauerlüge, einer Unwahrheit, die als solche gar nicht mehr bewusst wird. Sie wissen aber, dass Sicherheitsmaßnahmen in erster Linie darauf ausgelegt sind und sein müssen, um auf dem Wege der Kernspaltung überhaupt Strom erzeugen zu können. Ohne Sicherheitsaufwand kein Strom.

Viele Menschen spüren nun das Pulverfass, auf dem sie wandeln. Ihre Angst, die als irrational diffamiert wird, ist rational begründet. Die angebliche Rationalität der naturwissenschaftlich Gebildeten enthält oft eine für Spielernaturen typische Portion Risikobereitschaft, für die nicht mit Verantwortung bezahlt werden kann. Zusammen mit den Schmeicheleien, die der Bürger von der Politik vernimmt, denn es gehe ja in erster Linie um seine Sicherheit, ist dieses billige Restrisikogerede eine substanzlose Irreführung. Seit Fukushima trägt diese Ideologie endgültig den Stempel der Unglaubwürdigkeit.

Die populistischen Politiker, die das, was in den Atomreaktoren geschieht, für >verantwortbar< halten, ohne über eine einzige sachliche Begründung zu verfügen, müssen zwangsläufig die Bürger belügen. Immer dann, wenn die begründete Nervosität anzuwachsen droht, gehen sie zum Schein, einzig um gewählt zu werden, in oberflächlich unglaubwürdiger Weise auf die Gefahren der Kernenergieproduktion ein. Sie verschweigen für den Moment ihre Überzeugung und behaupten, den Ausstieg >ehrlicher< als die Umweltbesorgten zu wollen. Solche Lügen sind demagogisch zu nennen. Tatsächlich möchten sie die mit der Atomwirtschaft notwendig verbundene Verschwendung menschlicher und sachlicher Ressourcen, ja die Kapitalvernichtung nur vertuschen. Das ist deutlich zu unterscheiden von Anwendungsbereichen der Kernspaltung, die medizinischen Zwecken dienen.

Eine möglichst umfassende und anschauliche Störfallgeschichte der AKWS muss breit veröffentlicht werden. Die gezielt schlampige Meldepflicht von Störfällen und ihre politische Handhabung sind faktisch nichts anderes als eine Kumpanei des Verschweigens. Folgerichtig gelten die bisherigen Fälle, bei denen die Kernspaltung nicht mehr kontrollierbar war und Kernschmelze eintrat, in den Augen der nach >bestem Wissen und Gewissen< Handelnden nur als Vorfälle einer nicht mehr greifbaren Vergangenheit. Ihre verelendende Wirkung in Gegenwart und Zukunft wird systematisch ausgeblendet. Das ist auch eine Lüge, die zum Charakter populistischer Politik gehört, mit einem >kurzen Gedächtnis< des Publikums kalkulierend.

Wieviele verseuchte Landstriche, bewohnte wie unbewohnte, müssen wir noch registrieren? Wird Tokio, eines der größten städtischen Ballungsgebiete der Erde, schon in nächster Zukunft so massiv kontaminiert sein wie die Umgebung von Fukushima, Tschernobyl, Tschelyabinsk? Wie hoch wird man die europäischen Toleranzwerte für verstrahlte Lebensmittel noch treiben? Müssen wir die entsprechenden Verwüstungen im gesellschaftlichen Organismus blind ertragen?

Die Dreifachkatastrophe von Fukushima, darin ist Helmut Schmidt zuzustimmen, sollte nicht für kurzfristige politische Ziele instrumentalisiert werden. Und doch steht sofort die beschämende Lüge eines deutschen Moratoriums verlängerter Laufzeiten einem traurig und wütend stimmenden Katastrophenverlauf in Japan gegenüber,dessen unmittelbare Zeugen auch deutsche Experten waren. Aber vielleicht gewinnt das Moratorium noch den positiven Sinn eines schnelleren Ausstiegs, hinter den die Fans der >friedlichen Nutzung< der Kernenergie nicht mehr zurück können.

Das dicht besiedelte Japan jedoch hat nach zwei Wochen verzweifelten Sicherheitskampfes leider noch die schrecklichsten Wirkungen seiner Atomkatastrophe vor sich.
Dazu zählt nicht nur das unmittelbare menschliche Leid, das unter der abgeschirmten Weltöffentlichkeit wuchert, sondern die unzweifelhafte ökonomische Schwächung des entwickelten Industrie- und Finanzsystems dieser fernöstlichen Kultur.
Weltweite Hilfen für Japan sind nötig, gleich, ob der Super-Gau noch vermieden werden kann oder nicht.

Wir sehen immer klarer, dass es kein Atomkraftwerk gibt, welches in den üblichen Größenordnungen und in berechenbarer Verantwortung unter dem demokratischen Anspruch nationalstaatlicher Souveränität betrieben werden kann. Ganz zu schweigen von den vielen Scharlatanen, den >privaten< Betreibern, denen es allmählich auch etwas heiß wird. Und der Ausstieg aus dem Irrweg erlaubt keine faulen Ausreden mehr, nur noch, dass einzelne zielstrebig vorangehen und der Bevölkerung die offene Kostenrechnung mit allen strittigen Punkten präsentieren. Für Deutschland eröffnen sich ganz neue Chancen in der Welt, über die Förderung des energiepolitischen Fortschritts hinaus auch einen kulturpolitischen Beitrag zu leisten, wenn es sich konsequent aus dem verlustreichen industriellen Großprojekt der Kernenergie heraus zieht.

*DIE ZEIT Wochenzeitung 17. März 2011: Keine Lügen mehr!

__________________
Ernst H.Stiebeling,EHS

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