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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Kerstins Weihnachtswunsch - Eine (fast) wahre Geschichte
Eingestellt am 16. 11. 2000 23:37


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Frank Zimmermann
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Kerstins Weihnachtswunsch

Ende November war es, die Tage kurz und das Wetter schmuddelig. Ich war elf und wie jedes MĂ€dchen in meinem Alter wĂŒnschte ich mir nichts sehnlicher, als eine Tanzpuppe mit einem RĂŒschenkleid, verpackt in einem Karton mit WĂ€nden aus Folie, im dem sie aussah, wie Schneewittchen in ihrem glĂ€sernen Sarg. Ich hatte gar nicht damit spielen wollen. Nicht mal aus dem Karton nehmen wollte ich sie. Sie sollte in ihrem glĂ€sernen Sarg bleiben und im Regal neben dem Schreibtisch stehen. Da könnte ich sie dann bewundern und vielleicht auch mit ihr sprechen, wenn wir uns aneinander gewöhnt hĂ€tten und natĂŒrlich, wenn niemand anderes in der NĂ€he wĂ€re. Besonders nicht meine Mutter, denn die hatte stĂ€ndig etwas an mir auszusetzen, besonders, weil sie fand, ich sei fĂŒr mein Alter viel zu kindisch. Als sie so alt war wie ich, ließ sie mich immer wieder wissen, war sie schon fĂŒr den Haushalt und ihre kleinen BrĂŒder verantwortlich. Sie sei sehr stolz, betonte sie immer wieder, daß sie mir solch eine Kindheit ersparen könne, und daß es mir so gut gehe. Gleichzeitig ließ sie mich aber auch immer spĂŒren, daß ich mich nicht zu sehr an meinem Schicksal freuen dĂŒrfe, denn darĂŒber könnte ich ja vergessen, ihr dankbar zu sein.
Dies tief in meinem Hinterkopf verankert, mehr spĂŒrend als wissend, machte ich mich daran, meinen diesjĂ€hrigen Weihnachtswunschzettel zu schreiben.
ZunĂ€chst erledigte ich den Pflichtteil, von dem ich wußte, daß meine Mutter ihn lesen wollte: ich erwĂ€hnte ein paar Schulutensilien und die obligatorischen Kurzwaren und hoffte damit ausreichend meine Vernunft dokumentiert zu haben. Denn die Frage, die meine Mutter mir am hĂ€ufigsten stellte war: "Wann wirst du nur endlich erwachsen, Kind?".
Dann setzte ich alles auf eine Karte und schrieb nur noch einen weiteren Wunsch: eine Tanzpuppe.
Zu meiner Überraschung hielt meine Mutter sich mit Kommentaren zurĂŒck, als ich ihr den Wunschzettel gab, damit sie ihn - wovon ich schon wußte, das sie es nicht tat - an das Christkind weiterleiten könnte.

Die Zeit bis Weihnachten schlich dahin, wie der Nebel ĂŒber die Felder. Ich hoffte und bangte und fieberte. Nur diese Puppe mĂŒĂŸte unter dem Weihnachtsbaum liegen, dann wĂ€re alles gut, dann hĂ€tte ich endlich jemanden, dem ich mich anvertrauen könnte und wie wĂ€re immer fĂŒr mich da, in ihrem glĂ€sernen Sarg, im Regal neben dem Schreibtisch.
Am Abend vor Weihnachten lag ich im Bett und wĂ€lzte mich hin und her, vergeblich auf den Schlaf wartend. Zu groß war die Aufregung, da half auch SchĂ€fchenzĂ€hlen nichts. Gerade hatte ich mich vom Bauch wieder auf den RĂŒcken gedreht, da hörte ich vom Wohnzimmer her das Rascheln von Geschenkpapier. Einem unwiderstehlichen Impuls folgend schlich ich barfuß und im Nachthemd zur WohnzimmertĂŒre, kniete mich davor und sah durch den Schlitz, in dem schon lange der Einsatz aus Milchglas fehlte. Nur mit MĂŒhe unterdrĂŒckte ich einen Freudenschrei, denn ich sah gerade noch, wie der transparente Karton in seiner Verpackung verschwand. ÜberglĂŒcklich schlich ich zurĂŒck in mein Zimmer. Einmal zuckte ich zusammen, als der alte Holzboden vernehmlich unter mir knarrte; wie gefroren stand ich starr im Flur und lauschte. Doch meine Mutter schien nichts bemerkt zu haben, denn die WohnzimmertĂŒre blieb geschlossen. Erleichtert huschte ich in mein Zimmer und schlĂŒpfte unter die Decke.

Die Weihnachtsmesse schien mir in diesem Jahr lÀnger denn je und ich war heilfroh, als wir zum "Stille Nacht" aufstanden. Die neue Strumpfhose kratzte.
Dann, wieder zuhause, endlich die Bescherung: da lag das lĂ€ngliche Paket und obwohl meine Mutter sonst immer darauf bestand, daß ich zuerst die kleineren Geschenke auspackte, ließ sie mich gewĂ€hren, als ich direkt darauf zustĂŒrmte. Voller Vorfreude öffnete ich das Geschenkpapier und fand darin - einen leeren Karton.
Mit offenem Mund sah ich meine Mutter fragend an.
"Tja", sagte sie, "da hat wohl jemand versucht zu lauern, dann nimmt das Christkind die Geschenke wieder mit. Das weiß doch jedes vernĂŒnftige Kind!"

(fĂŒr Ute)

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Eine Kritik

Weil es ein gutes Beispiel fĂŒr das ist, was ich im Thread 'Talent oder Übung' eigentlich sagen wollte (aber anscheinend nicht verstĂ€ndlich ’rĂŒbergebracht habe), hier also meine Kritik zu Franks Geschichte.

Erste Kategorie: Was will der Autor loswerden, was fĂŒr eine Gedanke steckt dahinter?

Tja. Ich habe einen leisen Verdacht, dass mir zu der Geschichte ein Kontext fehlt, sie ist ja anscheinend speziell fĂŒr jemand geschrieben, der ihn vielleicht kennt, aber der Leser nicht, und damit ist er fĂŒr die weitere Betrachtung bedeutungslos.

Also will mir der Autor jetzt sagen: ‚Kinder, werdet vernĂŒnftig’ oder ‚es gibt Eltern mit einem kranken Sinn fĂŒr Humor’? Am Wahrscheinlichsten scheint mir die Möglichkeit: ‚Ich will eine Weihnachtsgeschichte schreiben, und sie soll nicht so kitschig sein und gut ausgehen, wie all die anderen WeihnachtsmĂ€rchen.’

Na gut. Nicht sehr spannend, aber vielleicht kann man was draus machen. Sehen wir mal weiter.

Zweite Kategorie: Wie wird die Idee umgesetzt?

Form: Es geht hier um Literatur, Roman wĂ€re zu lang und wĂŒrde die Idee auch etwas ĂŒberfordern. Bleibt noch Lyrik oder Kurzgeschichte. In Versform und mit etwas Pep hĂ€tte was draus werden können. Und die Idee mit einem Kind, dass ohne ausreichenden Grund sein Geschenk nicht bekommt, kann ich nicht als ĂŒberragend bezeichnen.

Letzter Teil: Handwerk/Arbeit.

Die Sprache ist flĂŒssig, aber nicht inspiriert, die Wörter ‚gefroren’ oder ‚lauern’ sind nicht besonders glĂŒcklich, aber das ist nicht so wild. Die Vorfreude auf die Puppe kommt ganz gut rĂŒber. Aber wir finden ein Klischee nach dem anderen, angefangen mit dem MĂ€dchen und der Puppe, die anfĂ€ngliche Darstellung der Mutter (ich musste auf meine BrĂŒder aufpassen, gut dass du es besser hast, bla bla), der knarrende Fußboden, die vernĂŒnftigen Weihnachtsgeschenke etc. etc. Nun sind Klischees grundsĂ€tzlich nicht schlecht, wenn sie (in Maßen) NormalitĂ€t vermitteln sollen, locker oder ironisch verwendet werden, eben mit einer gewissen GenialitĂ€t. Aber zumindest mich langweilen sie hier nur. Dann haben wir einen Spannungsbogen, der den Leser am Ende in der Luft verhungern lĂ€sst. Es wĂ€re noch schlimmer, wenn das Wort ‚schien’ vorher nicht schon alles verraten wĂŒrde. Und schließlich ist das Ende unglaubwĂŒrdig, denn wenn die Mutter ihrer Tochter Vernunft eintrichtern will, warum soll sie sich dann so albern verhalten und ausserdem was vom Christkind faseln. Falls das Ironie sein soll (direkt oder indirekt) dann passt sie nicht zu dem vorher doch recht langweilig gezeichneten Charakter der Mutter und kommt zumindest bei mir nicht an.

Und zum Schluß: NatĂŒrlich ist das jetzt etwas ungerecht, weil es Vadi war, der meine Vorstellung von Arbeit angezweifelt hat und nicht Frank, aber, ehrlich gesagt, da fĂ€ngt bei mir noch nicht mal das VergnĂŒgen an, und vielleicht geht ihr mit dem Begriff etwas zu locker um.



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