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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Kerzenschein
Eingestellt am 04. 08. 2014 13:29


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Aligator
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Registriert: Apr 2013

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„VorwĂ€rts Marsch! Bewegt eure faulen Knochen!“

Wir stapfen durch den eisigen Schnee, die FĂŒĂŸe in Lumpen gewickelt. Manche haben nicht mal das. Ab und zu hallt ein Schuss durchs Lager. Wieder hat es einer geschafft, aus dieser Hölle zu entkommen. Wer weiß, wie viele Jahre so schon vergangen sind?
Sie kommen und sie gehen, genauso wie die Menschen. In Viehwaggons gepfercht und wieder entlassen durch das Feuer eines blinden Hasses.
Hier habe ich gelernt, dass, wer die Hoffnung aufgibt, im Graben landet, genauso, wer die Liebe erlöschen lÀsst.
Deshalb achte ich darauf, dass mir keine meiner Erinnerungen verloren geht. Sie geben mir Hoffnung auf ein Danach.

Vater geht mit mir spazieren, es ist Sonntag. Die Sonne scheint durchs BlÀtterdach, als wir die mit Birken gesÀumte Allee am Rande des Flusses erreichen. Wir versuchen, Vögel nach ihrem Gesang zu bestimmen.
Ein alter Mann kommt uns entgegen. Er ist in schmutzige Klamotten gehĂŒllt. Er humpelt, stĂŒtzt sich auf einen Stock, wirkt Ă€ngstlich.
„Vater, was hat dieser Mann?“, flĂŒstere ich.
„Das GlĂŒck hat ihn verlassen“, raunt Vater voller Abscheu.
Mein edler und gerechter Vater! Hat ihn etwa das GlĂŒck begĂŒnstigt, als sie des nachts kamen und ihm Frau und Tochter nahmen? Als sie ihn aus nĂ€chster NĂ€he gerichtet haben?

Meine HĂ€nde sind blau, ich spĂŒre die Finger nicht. Diese Finger, die einst Chopin spielen konnten, sind heute dazu bestimmt, die Schaufel zu halten. Sie sind unter der Kontrolle von denen, die mit dem Maschinengewehr regieren.
Da sehe ich sie wieder. Sie kommt aus der Baracke mit den anderen Frauen. Wie wir alle gleicht sie einem mit Haut bespanntem KnochengerĂŒst. Alle Weiblichkeit ist verdorrt, wie eine Lilie ohne Wasser. Doch ich weiß, sie ist es.
Auch wenn ich sie nicht wirklich kenne. Ich habe gehört, sie heißt Hannah. Das reicht mir. Meine Hannah 


„Augen auf den Boden, beweg' dich du Hund!“

Ich spĂŒre die HĂ€rte eines Gewehrkolbens in meinem Kreuz. Fast wĂ€re ich gestĂŒrzt. Das wĂ€re mein Ende gewesen. Nur ein Gedanke hĂ€lt mich noch auf meinen Stelzen: Es ist der Gedanke an ihre Augen, in die ich vor einiger Zeit blicken durfte.
Ich sah sie zufĂ€llig im VorĂŒbergehen. Nein, es war wohl eher FĂŒgung, es war Gottes Wille, dass ich hineinblickte. Ich habe mich in ihnen gespiegelt, darin das Bild meiner Leiche betrachtet. Sie lĂ€chelte.
Da war es dieses GlĂŒck, von dem Vater gesprochen hatte: Unendlich weit, Trost und Geborgenheit spendend.
Sollen sie mich doch misshandeln, einÀschern, in die Winde verstreuen, niemals werden sie es mir nehmen können. Es ist ihnen auch egal. Es zÀhlt nicht.

Hat das GlĂŒck sie nicht verstoßen?

Die Gruppe der Frauen bewegt sich in Richtung der Anlage. Ein stĂ€ndiger Ascheregen hat die Umgebung geschwĂ€rzt. Jeder weiß, dass es von dort keinen Ausgang gibt. Aber niemand spricht darĂŒber, als gĂ€be es ein stillschweigendes Abkommen. Was hĂ€tte Reden hier auch fĂŒr einen Sinn gehabt?
Ich versuche den Gedanken zu verdrĂ€ngen, sie das letzte Mal gesehen zu haben. Zu was wĂ€ren meine Augen dann noch nĂŒtze, was hĂ€tte mein Leben noch fĂŒr einen Wert?

Vater und ich kommen nach Hause zurĂŒck. Es duftet nach frisch gebackenem Kuchen. Meine kleine Schwester sitzt am Esstisch. Freudig steht sie auf, eilt uns entgegen, um uns kosten zu lassen. Sie stolpert und fĂ€llt mit samt dem KuchenstĂŒck hin. Nach dem Schreck beginnt sie jĂ€mmerlich zu heulen.
Mutter kommt herbeigeeilt und nimmt sie auf den Arm. Sie trocknet ihre TrÀnen und singt ein altes russisches Wiegenlied. Es handelt von einem MÀdchen, das seinen Liebsten verloren hat und ihn unendlich vermisst. Sie stirbt am gebrochenen Herzen. Doch am Ende werden sie sich wieder sehen. Unter einem Baum im Garten.
Mutter hat auch erzÀhlt, dass die, die sich lieben, niemals fern voneinander wÀren.

„Herzen sind BrĂŒcken“, hat sie uns gesagt.

Die Gruppe ist nun unmittelbar vor der Verbrennungsanlage. Wie sehr ich mir wĂŒnsche, dass sie sich jetzt zu mir umdreht, dass sie mir ein Zeichen gibt.
Aber wahrscheinlich weiß sie nicht mal von mir.
Wenn ich nur könnte, wĂŒrde ich zu ihr hinrennen und sie umarmen, so fest ich nur kann. Mein Leben schenkte ich ihr.
Doch kÀme ich wohl nicht mal in ihre NÀhe, ohne mit Kugeln vollgepumpt zu werden.
Hannah, du denkst jetzt bestimmt an deine Lieben.
Nein, du hast bestimmt keine Furcht. Leise summe ich Mutters Lied.

Da kann ich nicht mehr an mich halten und schreie so laut ich nur kann:
„Hannah! Ich liebe dich!“
Und sie dreht den Kopf zu mir.

Plötzlich eine Explosion. Flugzeuge donnern ĂŒber uns. Es herrscht große Aufregung. Menschen rennen umher. Jeder denkt nur an sich selbst, versucht weiter zu leben. Ich nicht. Ich eile zu ihr, sie streckt mir ihre Hand entgegen. Wir laufen zum Zaun. Wir springen ab und fliegen. Hand in Hand schweben wir ĂŒber den WĂ€ldern. Uns wird ganz warm. Wir steigen höher und höher. Sie lĂ€chelt mir zu. Und ich bin so glĂŒcklich.


Version vom 04. 08. 2014 13:29
Version vom 04. 08. 2014 17:10
Version vom 13. 08. 2014 11:31
Version vom 13. 08. 2014 11:36

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USch
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Hallo Aligator,
eine aufwĂŒhlende Geschichte.
Ein paar redaktionelle VorschlÀge, wenn du magst:

Wir stapfen durch den eisigen Schnee, die FĂŒĂŸe in Lumpen gewickelt. Manche haben nicht mal das. Ab und zu hallt ein Schuss durchs Lager. Wieder hat es einer geschafft, geschafft aus dieser Hölle zu entkommen. Es sind schon Jahre vergangen, wer weiß wie viele?
Sie kommen und sie gehen, genauso wie die Menschen. In Viehwaggons gepfercht und wieder entlassen durch das Feuer eines blinden Hasses.
Hier habe ich gelernt, dass,Komma wer die Hoffnung aufgibt, im Graben landet, genauso, wer die Liebe erlöschen lÀsst.
Deshalb achte ich darauf, dass mir keine meiner Erinnerungen verloren geht. Sie geben mir Hoffnung auf ein Danach.

Vater geht mit mir spazieren, es ist Sonntag. Die Sonne scheint durchs BlÀtterdach, als wir die mit Birken gesÀumte Allee am Rande des Flusses erreichen. Wir versuchen, Vögel nach ihrem Gesang zu bestimmen.
Da kommt uns einEin alter Mann kommt uns entgegen. Er ist in schmutzige Klamotten gehĂŒllt. Er humpelt, stĂŒtzt sich auf einen Stock, hat einen Ă€ngstlichen Ausdruck im Gesicht.
„Vater, was hat dieser Mann?“, flĂŒstere ich.
„Das GlĂŒck hat ihn verlassen“, raunt Vater mit Abscheu im Gesicht. Sein Gesicht zeigt Abscheu, als er das sagt.
Mein edler und gerechter Vater! Hat ihn das GlĂŒck begĂŒnstigt, als sie des nachts kamen und ihm Frau und Tochter nahmen? Als sie ihn aus nĂ€chster NĂ€he gerichtet haben?

Meine HĂ€nde sind blau, ich spĂŒre die Finger nicht. Diese Finger, die einst Chopin spielen konnten, sind heute dazu bestimmt, die Schaufel zu halten. Sie sind unter der Kontrolle von denen dort, die mit dem Maschinengewehr regieren.
Da sehe ich sie wieder. Sie kommt aus der Baracke mit den anderen Frauen. Wie wir alle gleicht sie einem mit Haut bespanntem KnochengerĂŒst. Alle Weiblichkeit ist verdorrt, wie eine Lilie ohne Wasser. Aber, sie ist es einfach.
Mir ist egal, wenn ich nichts ĂŒber sie weiß. Ich habe gehört, sie heißt Hannah. Das reicht mir. Meine Hannah 


„Augen auf den Boden, beweg' dich du Hund!“

Ich spĂŒre die HĂ€rte eines Gewehrkolbens in meinem Kreuz. Fast wĂ€re ich gestĂŒrzt, fast wĂ€re es zu Ende mit mir gegangen. Nur ein Gedanke hĂ€lt mich noch fest auf den Stelzen, die einst meine Beine waren: Es ist der Gedanke an ihre Augen, in die ich vor einiger Zeit blicken durfte.
Ich sah sie zufĂ€llig im VorĂŒbergehen. Nein, es war wohl eher FĂŒgung, es war Gottes Wille, dass ich hineinblickte. Ich habe mich in ihnen gespiegelt, darin das Bild meiner Leiche betrachtet. Sie lĂ€chelte.
Da war es dieses GlĂŒck, von dem Vater sprach. Es war die Wirklichkeit des GlĂŒcks: unendlich weit, Trost und Geborgenheit spendend.
Langsam erlischt der brennende Schmerz meiner Rippen. Sollen sie mich doch misshandeln, einÀschern, in die Winde verstreuen, niemals werden sie es mir wieder nehmen können. Es ist ihnen auch egal. Es zÀhlt nicht.

Ich glaube, es hat sie verstoßen.
Der Satz hĂ€ngt fĂŒr mich in der Luft, oder ich verstehe es nicht

Die Gruppe der Frauen bewegt sich in Richtung der Anlage. Ein stĂ€ndiger Ascheregen hat die Umgebung geschwĂ€rzt. Jeder weiß, dass es von dort keinen Ausgang gibt. Aber niemand spricht darĂŒber, als gĂ€be es ein stillschweigendes Abkommen. Was hĂ€tte Reden hier auch fĂŒr einen Sinn gehabt?
Ich versuche den Gedanken zu verdrĂ€ngen, sie das letzte Mal gesehen zu haben. Zu was wĂ€ren meine Augen dann noch nĂŒtze, was hĂ€tte mein Leben noch fĂŒr einen Wert?

Vater und ich kommen nach Hause zurĂŒck. Es duftet nach frisch gebackenem Kuchen. Meine kleine Schwester sitzt am Esstisch. Freudig steht sie auf, eilt uns entgegen,Komma um uns kosten zu lassen. Da Sie stolpert und sie fĂ€llt mit samt dem KuchenstĂŒck vor uns hin.Als sie alles auf dem Boden sieht, undbeginnt sie jĂ€mmerlich zu heulen.
Mutter kommt herbeigeeilt und nimmt sie auf den Arm, Sie trocknet ihre TrÀnen und singt ein altes russisches Wiegenlied. Es handelt von einem MÀdchen, das seinen Liebsten verloren hat und ihn unendlich vermisst. Mit gebrochenenm Herzen und vor lauter Kummer muss sie sterben. Am Ende treffen sie sich wieder, irgendwo unter einem Baum.
Uns Kinder hat Mutter damit immer getröstet. Sie hat auch erzÀhlt, dass die, die sich lieben, niemals fern voneinander wÀren.

„Herzen sind BrĂŒcken“, hat sie uns gesagt.

Die Gruppe ist nun fast angelangt. Die TĂŒr der Anlage gleicht dem Schlund eines Monsters. Wie sehr ich mir wĂŒnsche, dass sie sich jetzt zu mir umdreht und mir ein Zeichen gibt.
Aber wahrscheinlich weiß sie nicht mal, wer ich bin.
Wenn ich nur könnte, wĂŒrde ich zu ihr hinrennen und sie umarmen, so fest ich nur kann. Mein Leben schenkte ich ihr.
Doch kÀme ich wohl nicht mal in ihre NÀhe, ohne mit Kugeln vollgepumpt zu werden.
Vielleicht denkt sie jetzt an die Menschen, die sie geliebt hat.
Nein, sie hat bestimmt keine Furcht. Ich merke, wie ich Mutters Lied summe.

Da kann ich nicht mehr an mich halten und schreie so laut ich nur kann:

„Hannah! Ich liebe dich!“

Und sie dreht den Kopf zu mir.
Plötzlich eine Explosion. Flugzeuge donnern ĂŒber uns. Es herrscht große Aufregung. Als die Menschen durcheinander rennen, denkt jeder nur an sich selbst, nur daran, weiter zu leben. Ich nicht. Ich renne zu ihr, sie streckt mir die Hand entgegen. Wir laufen zum Zaun. Wir springen ab und fliegen. Hand in Hand schweben wir ĂŒber die WĂ€lder. Uns wird ganz warm. Wir steigen höher und höher. Sie lĂ€chelt mir zu. Und ich bin so glĂŒcklich.

Bewertung erfolgt gegebenfalls nach Überarbeitung.
LG USch

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