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Leselupe.de > Krimis und Thriller
Kidnapped
Eingestellt am 08. 09. 2008 18:32


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de Laura
Möchtegern-Schreiber
Registriert: Sep 2008

Werke: 3
Kommentare: 1
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KIDNAPPED


EINS


Es war Herbst geworden. Das musste sie mit Erschrecken feststellen, als sie mit ihrer Mutter die Allee herunterschlenderte. Die Bäume waren verfärbt, es sah nett aus, aber es würde bald Winter werden. Trotzdem war es noch warm und sonnig. Zumindest heute.
„Hey, schau doch mal hier. Ist das nicht süß?“
Ihre Mutter war vor einem Geschäft stehen geblieben und schien sich in Gedanken schon ihre Tochter in dem Traum von einem Kleid vorzustellen. Die warf einen Blick auf das Objekt der Begierde und dann auf das Preisschild.
„Mama, vergiss es.“ Sie grinste übermütig. „So etwas kannst du mir kaufen, wenn du von deiner Rente lebst. Und das nicht schlecht“
Ihre Mutter knuffte sie freundschaftlich.
„Nicht zu frech junge Dame. Sonst lebe ich von meiner Rente und du kannst dir dein Studium selbst verdienen.“
„Ach du würdest mich doch nicht mal irgendwo studieren lassen, wo ich länger als zehn Minuten von dir weg wohne.“
„Das ist Erpressung!“
Sie lachten ausgelassen. Es war ein wirklich gelungener Tag.
„Sag mal…“, fing ihre Mutter an, „was war jetzt eigentlich mit diesem Typen da, den du letztens zum Essen da hattest? War da denn was?“
„Was soll denn da gewesen sein?“, sie schmunzelte.
„Ach komm, erzähl schon!“
Sie grinste verschmitzt und räusperte sich.
„Es gibt Themen, über die sollte man einfach nicht mit seinen Eltern reden. Ich treffe mich heut mit ihm. Nachher. Ich hab dir ja schon vorher gesagt, dass du alleine nach Hause fahren musst.“
„Aber zum Abendessen bist du wieder bei mir?“
„Wie war das mit den zehn Minuten?“
Sie hakte sich unter und lachend schlenderten sie weiter.

„Sag mal, geht es deinen Füßen auch so beschissen wie meinen?“
„Ach Mama, du wirst einfach alt.“
„Wer hat dich eigentlich erzogen?!“
Ihre Mutter sah noch gar nicht alt aus. Ihre Haare waren noch voll und lockig, obwohl sich schon einige graue Strähnen unter die dunkelbraune Pracht mischten. Färben kam für sie jedoch nicht in Frage, denn sie war sich bewusst, wie gut sie sich gehalten hatte und war der Meinung, frau müsste es nicht übertreiben. Natürlich sah sie nicht mehr aus wie Mitte dreißig, aber immerhin wie Anfang vierzig, und darauf konnte sie als Mittfünfzigerin stolz sein.
„Du, ich muss dann los, setzt dich ins Auto, ich fahr mit der Bahn.“
„Bist du sicher, dass ich dich nicht zu deinem Date fahren soll?!“
„Manche Dinge sollte man einfach nicht seinen Eltern überlassen.“ Sie grinste.
„Ach du. Aber heute Abend…“
„…Komme ich natürlich pünktlich, damit du dir nicht wieder unnötig Sorgen machen musst. Ich hab dich lieb. Fahr nach Hause, Mama.“
„Ich lass dich zwar ungern alleine, aber mir bleibt ja wohl keine Wahl.“
„Hey, ich bin kein Kind mehr.“ Sie drückte ihre Mutter an sich und küsste sie.
„Machs gut, meine Süße.“
Sie schaute ihrer Mutter noch eine Weile hinterher, dann drehte sie sich um und schlenderte die Straße herunter.
Sie hielt nach einer Straßenbahn Ausschau. Da bemerkte sie den silbernen Kleinwagen. Es war mehr ein Gefühl, eine Ahnung vielleicht. Denn nicht das Auto zog ihre Aufmerksamkeit auf sich, sondern der Fahrer. Sie kniff die Augen zusammen, die Sonne blendete sie.
Schnell schaute sie weg. Der Mann hinter dem Steuer sah eigentlich ganz gewöhnlich aus, jung, vielleicht ein Student, gut aussehend. Aber er starrte sie so unverschämt an, dass sie sich mit einem flauen Gefühl im Magen abwandte und schnell weiter eilte. Sie hatte beschlossen zu laufen. Es war ja nicht weit. Nach ein paar Schritten drehte sie sich flüchtig um, konnte aber das Fahrzeug inmitten der anderen Wagen nicht mehr ausmachen, die sich ihren Weg durch den Berufsverkehr bahnten.
Plötzlich war ihr kalt geworden.

Sie war so schön. So unbeschreiblich schön, dass es ihm fast den Atem nahm.
Idiot, dachte er.
Verdammter Idiot. Denk doch mal nach. Bald schon, bald.
Gedulde dich. Lange musst du nicht mehr warten. Nicht mehr lange…
Und dann gab er Gas.

ZWEI


Das alles war jetzt schon so lange her. Fast wie aus einem anderen Leben, dachte sie manchmal. Dabei lag es noch gar nicht so lange zurück. Oder etwa doch? Woran maß man Zeit? Woran konnte sie Zeit messen? Eine Stunde konnte so schnell vergehen und doch so ewig andauern, ebenso eine Minute, ein Tag, ein Jahr. Ja, vielleicht hatte sie schon Jahre hier verbracht, ohne es zu wissen. Aber war das nicht egal, wenn sie das Gefühl hatte, hier ein ganzes Menschenleben gelebt zu haben? Und es war nicht mal mehr ihr eigenes gewesen…
Solche Gedanken kamen ihr oft; typisch, dachte sie, so ist das dann, wenn man zu lange allein war, einsam, zu lange Zeit hatte, über sich und die Welt nachzudenken.
So wie sie.

Ihre Mutter stand in der Küche. Sie wusste, ihre Tochter liebte Aufläufe. Deshalb kochte sie gerade Nudeln für ein Gratin mit Spinat. Nicht, dass sie ständig Zeit hätte, sich in die Küche zu stellen und stundenlang das Abendbrot vorzubereiten, aber heute hatte sie sich diese Zeit genommen.
Sie seufzte. Wahrscheinlich hätte sie genau das öfter tun sollen. Sich Zeit nehmen.
Zeit für sich, Zeit für ihre Familie. Für ihre Tochter.
Wie oft machte sie sich Vorwürfe.
Früher, als sie ihr Mädchen aufwachsen gesehen hatte, genau da hatte sie nur für ihre Karriere gelebt. Sie hatte so viel falsch gemacht, und sie wusste, dass sie es nur der Fähigkeit ihrer Tochter, nichts außer dem Guten im Menschen sehen zu wollen, verdankte, dass diese sich in der Zeit nicht von ihr abgewandt hatte.
Sie war allein erziehend. So nannte man das heutzutage, wenn da so ein verheiratetes Arschloch daher gekommen war, ihr das Blaue vom Himmel erzählt und sie danach geschwängert hatte. Nachher, ja, da war sie ein Ausrutscher, kaum der Rede wert, und er schwor seiner Frau die ewige Liebe. Wie oft hatte sie sich gefragt, wie sie nur so blauäugig hatte sein können. Naiv wie sie war hatte sie nichts gesagt, den Mund gehalten, das Geld genommen und geglaubt, dass er irgendwann in ihr seine wahre große Liebe erkennen und zu ihr zurückkehren würde.
Irgendwann war bis jetzt nicht eingetreten. Natürlich. Sie wusste doch, dass Märchen nicht wahr werden konnten. Sie hatte es schmerzlich lernen müssen, in den Jahren, in denen sie wartete. Und sie wartete noch lange. Ihrem Mädchen zuliebe. Wartete auf den Versuch von ihm, Kontakt zu knüpfen, seinem Wunsch, sein Kind zu sehen. Vergeblich. Sie fühlte sich beschissen, als sie auf die Frage nach dem Vater nicht antworten konnte und Geburtstag um Geburtstag auf dem Wunschzettel >Papa treffen< stand.
Doch das alles hatte nie einen Schatten auf die Liebe zu ihrer Tochter geworfen. Sie liebte ihre Tochter. Mehr als alles andere auf der Welt. Sie lächelte und dachte an die Situation am Vormittag. Nun ja, wahrscheinlich übertrieb sie ja wirklich manchmal. Aber sie könnte es sich nie verzeihen, wenn ihrem Kind etwas zustoßen würde. Nie. Ihre Tochter war ihr ein und alles, auch wenn es manchmal nicht einfach gewesen war.
Plötzlich kochte das Wasser im Topf über. Sie fluchte, dann drehte sie die Temperatur am Herd herunter und wischte schnell das Wasser rundherum mit einem Papiertuch auf. Sie nahm sich einen Löffel, um eine Nudel zu naschen. Sie waren fertig. Hoffentlich kam ihre Tochter bald nach Hause.

Sie erinnerte sich noch genau daran, wie es passiert war.
Wie in einem Film konnte sie alles vor sich abspielen, anhalten, heranzoomen, jedes Detail.
Die Gasse, menschenleer.
Wie in einem Film, irgendwie der Klassiker, dachte sie.
Plötzlich diese Angst, diese unheimliche Gewissheit, die Stille vor dem Sturm.
War es Schicksal?
Das Aufheulen des Motors hinter ihr. Sie drehte sich um.
Sah das Auto.
Das silberne Auto.
Die Sonne reflektierte auf der Scheibe. Der Wagen raste auf sie zu.
Plötzlich war alles ganz nah. Viel zu nah. Sie schrie und riss die Arme hoch, um ihr Gesicht zu schützen. Der Aufprall raubte ihr für einige Sekunden den Atem.
Überall nur noch silber. Und dann schwarz.
Was blieb, war die Angst.

Ohnmächtig lag sie vor ihm. Er betrachtete sie und musste an sich halten.
Sie war so schön.
Es war nicht weit, er lud sie in den Kofferraum, vorsichtig, als wäre sie zerbrechlich, und das war sie ja irgendwie auch. Er war in einem fast euphorischen Glückszustand.
Er schlug die Klappe zu und stieg ins Auto. Dann fuhr er los. Leise summte er vor sich hin. Sag mir, wo die Blumen sind. Ein altes, schönes Lied. Bei der Strophe >Sag mir wo die Mädchen sind – Männer nahmen sie geschwind< musste er lachen. Jetzt hatte er auch ein Mädchen.

Als sie aufwachte, lag sie im Dunkeln, wieder nur schwarz, kein Licht. Nur Dunkelheit. Und Angst. Ungewissheit. Wo? Wer, und warum? Was sollte mit ihr geschehen? Einige Momente sinnierte sie über diese Fragen, dann brachte stechender Kopfschmerz sie zur Besinnung. Sie spürte ihr Bein vor Schmerzen pochen. Die Stille um sie herum schien sie zu erdrücken. Ebenso die Schwärze. Das machte sie schier verrückt.
Lange lag sie so da, orientierungslos, und wartete auf irgendein Zeichen, etwas, das ihr sagen würde, was mit ihr geschah.
Dann ließ ihr Bewusstsein die Erinnerungen zu. Plötzlich wieder die Bilder. Das Auto. Das silberne Auto. Es war ein Unfall gewesen. Und jetzt? War das hier das Krankenhaus? Unmöglich! Aber was dann? War sie tot? Nein, dann würde sie den Schmerz nicht mehr spüren.
Oder?
Erschöpft atmete sie tief ein und aus. Versuchte, einen klaren Gedanken zu fassen und eine komplett logische Erklärung zu finden.
Sie scheiterte.

DREI


Diese Stunden waren so schnell vergangen, wie sie da so lag, unfähig, klar über ihre Situation nachzudenken oder etwas zu unternehmen. Regungslos blieb sie liegen. Es war die Angst gewesen. Sie hatte sich nicht rühren können, hatte keinen Ton von sich gegeben, hatte einfach nur dagelegen und versucht, nicht aufzufallen. Flach zu atmen, damit man sie nicht hörte, nicht beachtete. Denn sie hatte Angst vor dem, was danach sein würde, wusste nicht, was sie erwartete.
Vielleicht hatte sie auch nur Angst, weil sie sich nicht sicher sein konnte, ob das, was danach kam, besser sein würde, als das, was sie jetzt hatte. Besser, als einfach nichts zu tun.
Nicht gesehen, gehört, bemerkt zu werden ist nicht schlimm. Schlimmer ist es, selbst nicht mehr daran zu glauben, dass das, was danach kam, besser sein würde. Nicht mehr daran zu glauben, jemals wieder bemerkt zu werden. Einfach so liegen zu bleiben. Für immer.
Nach einiger Zeit, die ihr wie eine Ewigkeit vorkam, merkte sie plötzlich, dass sich etwas verändert hatte, dass da jemand war. Sie spürte, dass sie beobachtet wurde. Und sie hatte Angst davor. Riesige Angst, hier liegen zu bleiben. Für immer.

Er war in den Raum getreten, katzenhaft und leise, hatte darauf geachtet, ja kein Geräusch zu machen, er wollte nicht, dass sie wusste, dass er da war. Aber er war sich ja nicht mal sicher, ob sie überhaupt schon wach war. Seit Stunden lag sie einfach nur da, obwohl die Tür offen stand. Sie hätte einfach gehen können, zumindest bis zu einer weiteren Tür, bis er sie aufgehalten hätte. Er wollte testen, wie weit sie gehen würde, wollte, dass sie Angst bekam, Panik. Und er wollte die Angst in ihrem Gesicht sehen.
Sie hätte auch Licht anschalten können. Elektrisches Licht. Es tat ihm Leid, aber er würde sie kein Tages- oder gar Sonnenlicht sehen lassen. Denn wer die Sonne sieht, kann hoffen. Und Hoffnungen wecken Sehnsüchte. Er wollte nicht, dass sie sich sehnte, dass sie sich nach Hause sehnte. So etwas macht man nicht. Wenn man bei Freunden zu Gast ist.
Er wollte, dass sie sich nach ihm sehnte, vor ihrer Einsamkeit in seine Arme floh. Bei diesem Gedanken stahl sich ganz leise und unbemerkt ein Lächeln auf sein Gesicht.

Jetzt war sie sich ganz sicher. Sie war nicht mehr allein.
Trotz ihrer Angst löste das ihre Starre, befreite sie von ihrer alles blockierenden Panik. Zumindest konnte sie jetzt darüber nachdenken, was zu tun war. Ruckartig setzte sie sich auf.
„Hallo?“, fragte sie kläglich in die Schwärze hinein. Dann lauter. Ihre Stimme wurde fest.
„Ist da jemand? Hallo? Wo bin ich? Was wollen Sie von mir?“
Sie blickte verwirrt in der Dunkelheit umher.
Er hatte ihr amüsiert zugehört.
„Du hattest einen Unfall.“
Er hatte das Licht angeschaltet, hatte beschlossen, dass es Zeit war, den Tatsachen ins Gesicht zu sehen. Ihr ins Gesicht zu sehen.
Sie war so schön.
Zuerst war sie geblendet von dem grellen, unschönen Licht, dass die Leuchtstoffröhren ausstrahlten. Sie kniff die Augen zusammen.
Sie musterte den Mann, der jetzt erschreckend nah vor ihr stand. Dann erkannte sie ihn.
Der Schreck fuhr ihr durch alle Glieder.
Es war der Fahrer des Wagens. Er war es gewesen, der sie erst angestarrt und dann vermutlich auch angefahren hatte.
Sie musste nur die Hand ausstrecken, um ihn zu berühren. Muskulös war er, und gut gebaut. Groß, aber nicht riesig. Sein schwarzes Haar war so lang, dass es ihm in die Stirn fiel und er hatte es so gekämmt, dass es eins seiner dunklen Augen halb verdeckte. Ein sehr markantes Gesicht, das aber höchstens durch Attraktivität auffallen würde. Doch sie schreckte es ab. Er strahlte so eine Kälte, so eine Beherrschung aus, dass sie erschauderte. Seine Augen…
„Und jetzt?“, fragte sie. Sie wusste immer noch nicht, wo sie hier wirklich war, auch wenn sie ein sehr ungutes Gefühl hatte. Irgendetwas lief hier verkehrt. Verdammt verkehrt.
Unsicher kam sie auf die Beine. Das erste Mal schaute sie sich bewusst um. Sie befand sich in einem relativ kleinen Raum, nicht größer als ein gewöhnliches Badezimmer. Verwundert stellte sie fest, dass die Wände schwarz gestrichen waren. Schwarz und beängstigend. Wie in einem Gefängnis, schoss es ihr durch den Kopf.
Mach den Leuten Angst und sie werden gehorchen. Ein altes Prinzip.
Ein chromfarbenes Waschbecken – in einer Ecke an der Wand befestigt – war das einzige Einrichtungsstück. Darunter stand nur ein roter Plastikeimer.

Belustigt hatte er ganz genau auf ihr Mienenspiel geachtet.
Erst Überraschung, dann die Fragen, Verwirrung, später Entsetzen. Er weidete sich an ihren Emotionen, die sie so schlecht verstecken konnte und achtete penibel darauf, dass ihm auch ja keine noch so kleine Regung in ihrem hübschen Gesicht entging.
„Aber…“, setzte sie an, doch etwas in seinem Gesicht sagte ihr, dass sie keine Antwort erhalten würde. Verwirrt runzelte sie die Stirn und schüttelte den Kopf. Was sollte das alles? Sie beschloss, es einfach zu versuchen.
„Ich würde jetzt gern gehen.“
Sie verstand nicht, warum er in Lachen ausbrach.
„Was wollen Sie von mir?“, fragte sie verunsichert.
„Dich.“, bekam sie zur Antwort. „Nur dich.“
Und dann plötzlich verstand sie. Es traf sie unvorbereitet wie ein Faustschlag.
Mitten ins Gesicht.
Sie wich zurück, ging Schritt um Schritt, immer schneller.
„Nein.“, stieß sie ungläubig aus, „Nein!“
Dann spürte sie die Wand hinter sich. Kühl. Beruhigend.
„Das kann nicht Ihr Ernst sein.“ Sie lachte nervös.
„Kommen Sie, lassen Sie mich gehen, ich hab Ihnen doch nichts getan, bitte, ich…“
Sie stockte, als sie sein gefühlsloses Gesicht sah, wie eine Maske.
Er hatte sich nicht bewegt, hatte nicht mal den Blick schweifen lassen, er sah sie einfach nur ganz ruhig an. Sie bekam Angst vor dieser Kälte in seinen Augen, Angst vor seinem verkniffenen Mund, vor diesen Händen, die ihr plötzlich so riesig vorkamen, so bedrohlich. Und sie fühlte sich so machtlos, fühlte, wie ihre Ohnmacht immer größer wurde. Sie war diesem Mann ausgeliefert. So einfach und so kompliziert war das.
Und dann rannte sie los. Sie rannte einfach auf ihn zu, wollte einfach nur noch diesen Raum verlassen, raus hier, weg von diesem Mann, weg von diesem schrecklichen chromfarbenen Waschbecken und diesem unausstehlich Eimer. Einfach nur weg.
Sie hatte vorgehabt, ihn umzurennen, unter seinen Armen hindurch zu schlüpfen, hatte sich nicht viele Gedanken gemacht.
Natürlich hatte sie keine Chance. Sie prallte gegen ihn, mit voller Wucht, aber er wich nicht einen Zentimeter. Er zeigte sich völlig unberührt. Wütend schlug sie um sich, hämmerte auf seine Brust, versuchte zu treten und auf irgendeine Weise an ihm vorbeizukommen. Er hielt sie mit ausgestreckten Armen von sich. Er war ihr so überlegen, war so übermächtig. Verzweiflung packte sie.
Er spürte, wie sie unter seinen Händen erschlaffte. Sie schluchzte auf, schrie.
Er ließ sie los, stieß sie von sich und sie taumelte zurück, stolperte. Auf dem Boden brach sie endgültig zusammen. Ohne ein weiteres Wort drehte er sich um und verließ den Raum mit festen Schritten.
Regungslos blieb sie liegen, zitterte nur unaufhörlich, von Weinkrämpfen geschüttelt.

VIER


Nach ein paar Stunden hatte sie sich wieder beruhigt, sie hatte eine Weile geschlafen, die Wände angestarrt und sich einfach nur erschöpft und verarscht gefühlt. Was sollte das alles?
Irgendwann merkte sie, wofür der rote Plastikeimer gedacht war. Die erste Zeit versuchte sie das Gefühl zu ignorieren, sie verging allein bei dem Gedanken an die Blöße, die sich damit geben würde vor Scham. Und sie wusste, wenn sie den roten Eimer benutzte, hätte sie aufgegeben, verloren im Kampf, den sie mit ihrem Entführer im Stillen ausfocht. Wann würde er sie weich gekocht haben?
Doch später hielt sie es nicht mehr aus. Ihre Blase schmerzte dermaßen, dass sie nicht mal mehr liegen konnte, ohne vor Schmerz das Gesicht zu verziehen. Dann war es vorbei mit ihrer Selbstbeherrschung.
Nachdem sie sich erleichtert hatte, tröstete sie sich mit dem Gedanken, dass eine verlorene Schlacht noch kein verlorener Krieg war.
Nachdem sie sich den Vorfall, die erste Begegnung, noch einmal durch den Kopf gehen lassen hatte, war ihr klar geworden, dass sie es mit einem extrem intelligenten und berechnenden Gegner zu tun hatte. Doch jeder machte Fehler. Und sie wollte unbedingt diesen Fehler finden, auch wenn sie wusste, dass das unglaublich schwer werden würde.
Oh Gott, warum tust du mir das an.
Warum.
Sie sehnte sich nach ihrer Mutter

JUNGE FRAU SPURLOS VERSCHWUNDEN –
MUTTER VERZWEIFELT

Gestern wurde ein Mädchen als vermisst gemeldet, nachdem es am Abend des Vortages nicht nach Hause gekommen war; Sie tauchte schon bei einer Verabredung am Nachmittag nicht auf.
Die verzweifelte Mutter hält es für unwahrscheinlich, dass die junge Frau weggelaufen sei.
„Sie war doch mein einziges Kind.“, meint die sichtlich mitgenommene Frau unter Tränen, „Wir haben uns super verstanden. Klar gab es manchmal Streit, aber das waren Kleinigkeiten.“ Die Polizei nahm bisher noch nicht Stellung zu dem Vorfall, bittet die Bevölkerung aber um Mithilfe. […]


KEINE NEUIGKEITEN IM FALL DES VERSCHWUNDENEN MÄDCHENS

Leider kann die Polizei noch immer keine Fortschritte im Fall des Verschwindens von Karin F. [Name geändert] bekannt geben. „Wir bitten Sie noch einmal: Wenn Sie etwas Konkretes zu diesem Fall gesehen oder beobachtet haben, und ist es auch nur eine Kleinigkeit, Sie können uns damit sehr behilflich sein. Bitte, melden Sie sich! Da wir uns noch immer nicht sicher sind, ob es sich überhaupt um eine Entführung handelt, kann uns jedes Detail weiterhelfen.“, so der Ermittlungsleiter. […]


Er war in den Raum getreten. Sie hatte ihn kaum bemerkt, hörte nur die Tür zuschlagen. Sie schaute auf.
In sein ausdrucksloses Gesicht.
Wortlos warf er einen Blick auf den Eimer und nahm ihn kommentarlos mit nach draußen. Nach fünf Minuten kehrte er zurück. Den leeren Eimer in der Hand.
„Es ist spät.“, sagte er. „Du solltest jetzt schlafen.“
„Woher soll ich wissen, dass es spät ist? Ich schlafe, wann es mir passt.“
Er seufzte und kam auf sie zu.
Panik erfasste sie. Er beugte sich zu ihr hinunter, nahm ihre Hände und wollte etwas sagen. Doch die Berührung tat ihr fast körperlich weh, wie, als hätte sie die Hand auf eine heiße Herdplatte gelegt. Sie zuckte zurück und entzog sie seinen schmalen, kalten Fingern. Für Sekundenbruchteile sah sie die Wut in seinen Augen aufblitzen. Ein denkwürdiger Kontrast zu der gewohnten Kälte.
Er holte aus und ohrfeigte sie.
Sie begriff nicht, ihre Zähne knallten aufeinander und der Schmerz durchzuckte ihren Kiefer wie ein Peitschenknall. Ihre Haut brannte unerträglich.
Und sie verstand. Dieser Mann konnte sie wahrscheinlich mit bloßen Händen und ohne viel Mühe umbringen, wenn er nur wollte. Und er war unberechenbar. Brutal. Sein Handeln war nicht so logisch, nicht so rational, wie sie gedacht hatte. Er hatte sich nicht im Griff.
Sie nahm sich fest vor, vorsichtiger zu werden. Dann war sein Gesicht auf ein Mal sehr nah an ihrem - zu nah für ihren Geschmack.
„Warte nur noch eine Weile, dann wirst du darum betteln, dass ich bei dir bin!“, zischte er ihr wütend ins Ohr, dann drehte er sich auf dem Absatz um und rauschte hinaus. Und sie konnte nichts weiter tun, als nur ein einziges Wort zu denken, die ganze Zeit.
Niemals. Niemals, du Mistkerl.

Sie saß mit dem Rücken zur Wand, den Blick zur Tür, war aufgewühlt von ihren Gedanken, kam nicht zur Ruhe. Sie spürte die Wand hinter sich, und sie war froh drüber, denn so konnte sie sich an etwas festhalten, etwas, dass sie daran hinderte, in den Abgrund zu stürzen, in den sie gerade blickte.
Sie dachte an ihre Mutter.
Mama!
Stumme Tränen liefen ihr über die Wangen. Es war nicht der Schmerz in ihrem Kiefer, den konnte sie aushalten, wenn sie nur wollte. Und das Letzte, was sie tun würde, wäre, ihm zu zeigen, wie sehr er ihr wehgetan hatte.
Sie weinte nur für sich. Nicht theatralisch, nicht dramatisch wie im Film. Kein Schluchzen. Kein Wimmern. Sie wollte nicht schwach sein.
Aber die Gewissheit, dass sie ihre Mutter vielleicht nie wieder sehen würde, presste ihr schier die Luft aus den Lungen. So viel war zwischen ihnen ungesagt geblieben. Gern hätte sie viel öfter danke gesagt, ihrer Mutter gesagt, dass sie sie von ganzem Herzen liebte. Doch jetzt würde sie vielleicht nie wieder die Gelegenheit dazu bekommen. Und dafür hasste sie ihn ganz besonders.
So, wie sie ihre Mutter kannte, würde sie sich zu Tode sorge, so, wie sie es schon immer getan hatte. Als sie selbst noch kleiner gewesen war, brauchte sie früh nur husten und sie musste nicht zur Schule gehen. Ihre Mutter blieb zwar nie bei ihr, das erlaubte ihr der Berg an Arbeit auf ihrem Schreibtisch nicht, aber dann war ihre Oma gekommen.
Sie seufzte. Wie oft hatte ihre Mutter arbeiten müssen. Heute verstand sie das, aber früher hatte sie ihre Enttäuschung oft nicht vor ihrer Mutter verstecken können oder wollen. Sie wusste, das hatte ihre Mutter sehr verletzt. In dieser Zeit war ihr Verhältnis unterkühlt und schwierig gewesen. Jetzt tat ihr das alles wahnsinnig leid.
Ach Mama, dachte sie, ich hab dich so lieb. Jetzt schluchzte sie doch. Ihr lief ein Schauer über den Rücken und sie wurde von ihren Gefühlen überwältigt.
So weinte sie sich in den Schlaf.

Er war sehr böse, wütend auf sich selbst. Er hatte Emotionen gezeigt, zu viele Emotionen.
Das war nicht gut.
Damit machte er sich selbst verletzlich, schwach und vor allem schrecklich menschlich. Und er zeigte, dass er sich nicht unter Kontrolle hatte.
Idiot, dachte er, verdammter Idiot!
Er zitterte vor Wut, angespannt versuchte er, ruhiger zu werden.
Einatmen. Ausatmen.
Zischend entströmte die Luft durch seine Zähne. Gut, sagte er sich, gut.
Beruhig dich.
Er wusste, wenn es ihr gelänge, ihn zu reizen, würde es ihr auch gelingen, einen Fehler zu finden.
Beherrsch dich!
Und lass dich nie, nie wieder so gehen.
Er ging den Gang hinunter, den langen Gang, auf die Tür zu, die ihn von dem Raum trennten. Die Wände waren schwarz gestrichen und kahl. Keine Fenster, keine Türen, außer der einen einer gegenüberliegenden am anderen Ende. Auch sie waren schwarz gestrichen, aber die, die er schon hinter sich gelassen hatte, war hinter der Holzverkleidung aus massivem Metall. Eine Vorkehrung seinerseits. Er hatte alles gut geplant. Und er hasste böse Überraschungen. Die Stahltür war immer verschlossen. Er trug einen Schlüssel an einem stabilen Faden um den Hals, verborgen unter seinem T-Shirt. Er hätte ihn besser verstecken können, aber in diesem Fall genoss er einfach das Risiko. Ruhig legte er die Hand auf das kühle Eisen der Türklinke. Diese Tür war nicht verschlossen. Trotzdem hatte die junge Frau auf der anderen Seite noch keine Anstalten gemacht, herauszufinden, wie weit sie gehen könnte. Dieses Spiel der Psyche faszinierte ihn. Sie dachte, sie wäre gefangen, deshalb verhielt sie sich, als wäre sie gefangen. Er drückte die Klinke ein Stück herunter und schob die Tür leise ein Stück auf. Das Licht brannte immer noch und erhellte den dunklen Gang. Er betrat den Raum. Sie lag zusammengerollt in einer Ecke und schlief. Ihr Atem war ruhig und regelmäßig. Sie hatte ihm das Gesicht zugewandt, aber sie wirkte irgendwie erschöpft, nicht zerbrochen, aber so, als wäre irgendetwas in ihr kaputt gegangen.
Schade, dachte er und setzte sich neben sie. Hoffentlich war das Glitzern noch nicht aus ihren Augen verschwunden. Er betrachtete sie erneut.
Trotz allem war sie noch sehr schön, fand er. Sie hatte etwas, was er bisher noch bei keiner anderen Frau gesehen hatte. Sie hatte Charakter. Das beeindruckte ihn. Plötzlich bewegte sie sich. Sie schlug die Augen auf und erschrak sichtlich, als sie ihn erblickte. Schnell setzte sie sich auf und musterte ihn mit unverhohlenem Hass. Das verletzte ihn.
„Lass dich nicht stören.“, sagte er. „Tu einfach so, als wenn ich nicht da wäre.“

Sie lachte spöttisch. Wie sollte das denn funktionieren? Sie stand langsam auf, in der Hoffnung, dass sie die Situation besser unter Kontrolle bekam. Doch sie spürte nur, wie ihre Ohnmacht größer wurde.
Sie bekam Angst. Sie spürte, wie er sie beobachtete und ging ein paar Schritte in den Raum hinein, nur weg von ihm, Richtung Waschbecken. Sie drehte das Wasser auf, es war eiskalt, und wusch sich gründlich das Gesicht. Es war noch klebrig gewesen, von ihren Tränen. Sie spürte seine Blicke auf ihrem Rücken. Sie fühlte sich bedroht und in die Ecke gedrängt. Was sollte das? Warum war er gekommen? Wollte er ihr etwas antun? Plötzlich und unerwartet stand er dicht hinter ihr. Sie spürte, wie sich sein Körper an den ihren schmiegte und schrak zusammen. Sie hätte ihm nicht den Rücken zudrehen sollen! Er legte ihr seine Arme um die Taille, seine Hände auf ihren Bauch. Panisch versuchte sie, sich aus diesem Griff zu befreien, aber er hielt sie fest, sodass sie sich kaum rühren konnte.
„Was wollen Sie?“, schrie sie. „Lassen Sie mich los! Loslassen, sage ich!“
Sie versuchte vergeblich, seine Hände zu lösen. Jetzt legte er seinen Kopf auf ihre Schulter. Sie spürte seinen Atem auf ihrem Hals und wäre am liebsten laut schreiend weggerannt.
Diese Berührungen waren so vertraut.
Was hatte er mit ihr vor? Wollte er sie vergewaltigen? Dieser Gedanke ließ die Angst wie eine große Welle über ihr zusammenschlagen.
„Nein, nein!“ Sie wollte ihn von sich stoßen, nur weg von ihm, weit weg von diesem Mann, raus aus diesem Albtraum. Sie ließ nicht locker, versuchte sich verzweifelt aus seiner Umarmung zu winden. Aber er war stärker.
„Ruhig, beruhig dich doch.“ Seine Stimme war so dicht neben ihrem Ohr, dass sie den warmen Luftzug spürte. Jetzt klang er schmeichelnder, als würde er mit ihr flirten. Das Grauen wurde unerträglich.
„Wie heißt du? Komm schon, sag mir deinen Namen!“
Sie hörte auf, sich zu wehren und um sich zu schlagen, schüttelte aber unwillkürlich den Kopf. Nie. Niemals.
„Wie darf ich dich nennen, sag schon.“ Er lachte fein und leise.
Sie schwieg sich weiter aus. Ängstlich wartete sie, was geschehen würde.
„Gut, du willst nicht.“ Noch immer war sein Tonfall weder bedrohlich noch wütend, aber trotzdem jagte er ihr einen Schauer über den Rücken.
„Jetzt sag schon. Nein? Na dann… Wie gefällt dir Mareike?“
Natürlich erwartete er keine Antwort.
„Ja, ich glaube, Mareike ist gut. Es passt zu dir.“
Er hatte es für sie entschieden. Ganz einfach.
Er drückte seine Lippen auf ihren Hals und ließ sie kurz dort ruhen, dann löste er sich widerstrebend von ihr. Sie atmete zitternd auf, als sie hinter sich die Tür zufallen hörte.

FÜNF


Das Wasser floss aus dem Hahn in den silbernen Abfluss. Immer mehr. Ein unablässiger Strom aus kaltem, klarem Wasser.
Aus dem Hahn in den Abfluss.
Immer mehr.
Immer weiter.
Das Geräusch, das Plätschern, das Wasser, wie es verschwand, das alles wirkte normalerweise beruhigend auf sie, aber jetzt bemerkte sie es kaum. Sie schrubbte sich die Arme, ihre Hände ihr Gesicht und ihren Hals, rieb solange, bis die Haut gerötet und wund war, bis sie die Stellen kaum noch spürte vor Schmerz. Doch die Schmerzen taten gut. Es war ihr Körper, sie konnte über ihn verfügen, jetzt gehörte er wieder ihr. Sie machte weiter, kratzte sich fast die Haut auf und wusch danach alles mit noch mehr Wasser ab. Sie fühlte sich so elend, so schmutzig, so erbärmlich. Sie ekelte sich vor sich selbst. Er hatte sie angefasst, hatte sie berührt. Sie war sich so zuwider.
Aber etwas war geschehen. Sie hatte ihn gespürt. Den Schlüssel. Sie verstand nicht, warum er, der sonst so intelligent und bis ins letzte Detail plante, warum er ein solches Risiko einging. Sie hatte lange darüber nachgedacht. Vielleicht hatte sie seinen Fehler gefunden. Aber das war so unvorsichtig. Es passte nicht zu ihm. Und doch wollte sie gerne daran glauben, wollte sich an diese Hoffnung klammern, Sie stellte das Wasser ab. Außer Atem lehnte sie sich gegen die Wand, schloss die Augen und ließ sich zu Boden sinken.

Viele Stunden wartete sie. Stunden des Alleinseins. Der Einsamkeit.
Sie starrte die Wände an. Und die Wände starrten zurück. Vorwurfsvoll und schwarz. Erdrückend.
Nie zuvor hatte sie die Zeit so zäh fließen gespürt, Minute um Minute ging nach ewigen Warten endlich vorbei. Schleichend tickte die Uhr, aber sie wusste nicht, wie lange sie schon allein war. Die Zeit floss vorüber ohne sie zu berühren oder gar mitzunehmen.
Schweigend.
Irgendwann kam Hunger hinzu. Am Anfang bahnte sich nur ein ungutes Gefühl an, erst später konnte sie es als Hunger definieren. Doch jetzt war es kaum noch erträglich.
Die Wände. Sie wurden immer dunkler; immer schwärzer…Dann verschwamm alles vor ihren Augen. Schwarz… Sie waren schwarz…
Sie blinzelte. Nein, einschlafen würde sie jetzt gewiss nicht. Nicht schon wieder. Nie wieder würde sie sich einer solchen Situation aussetzen.
Das Schlimmste war die Stille.
Sie lauschte ihrem eigenen, viel zu lauten Atem. Sonst nichts. Nirgends um sie herum ein Geräusch. Es war schrecklich. Ihr Magen knurrte. Schmerzhaft. Wie lange hatte sie schon nichts mehr gegessen? Zwölf Stunden? Mehr oder weniger? Sie konnte es nicht sagen, hatte das Gefühl für die Zeit völlig verloren.
Irgendwann hielt sie es nicht mehr aus. Konnte das Schwarz der Wände nicht mehr sehen. Sie stand auf und löschte das Licht. Die Dunkelheit tat ihr gut. Sie hatte das Gefühl, sich verstecken zu können. Verbergen vor Blicken. Fremden Blicken.
Langsam tastete sie sich zu der Stelle am Waschbecken vor, an der sie gesessen hatte und ließ sich wieder nieder. Fühlte sich besser, geborgen. Und nachdem sich ihre Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, waren auch die Schatten nicht mehr bedrohlich.
Doch nach einer Weile erschrak sie fürchterlich, als sie sich beim einschlummern erwischte. Sie sprang auf, so plötzlich, dass er ihr kurzzeitig schwarz vor den Augen wurde, dann, machte sie das Licht wieder an. Das half.
Hungrig und verlassen, aber wenigstens hellwach. Die Einsamkeit machte sie verrückt. Kein Lebenszeichen um sie herum. Diese Stunden zermürbten sie und machten sie verletzlich. Und das wusste sie.

Sie wollte schon immer stark sein. Damals schon, bei der Geburt ihrer Tochter hatte sie die Zähne zusammen gebissen und es ohne die Unterstützung des Vaters hinter sich gebracht. Stark. Für ihr Kind. Ihr Ein und Alles.
Nicht mehr da.
Etwas wurde immer größer in ihr, dunkel und bedrohlich. Es rollte heran wie eine riesige Welle und dann explodierte es, wollte ihre Lunge sprengen und ihr Herz zerreißen. Es war der Schmerz.
„Mein Kind!“, schrie sie.
„Mein Kind…“ Immer und immer wieder in die Nacht. Niemand hörte sie.
Ihre Tränen versickerten in dem feuchten Schal. Es war ihr egal. Alles war egal. Nicht mehr wichtig. Nichts war mehr wichtig. Ihr Kind!
Sie spürte den Wind auf ihrer Haut. Kühl. Beruhigend. Er machte Mut. Sie legte die Hände auf das Geländer. Das Metall war eiskalt und glatt. Unter sich hörte sie das Wasser rauschen. Sie fühlte sich leer und ausgebrannt.
Spring schon, dachte sie, spring. Dazu bist du gekommen. Mitten in der Nacht. Bring es zu Ende. Spring.

Als er ihr endlich etwas zu Essen brachte, fand er sie in fürchterlicher Verfassung. Fast tat es ihm Leid. Plötzlich hasste er sich schon wieder für seine verdammte Schwäche. Aber er schämte sich, als sie den Brotlaib, den er ihr mitgebracht hatte, wortlos uns ohne ihn einen Blickes zu würdigen bis zum letzten Krümel verschlang. Er hatte sie wahrscheinlich wirklich zu lange warten lassen. Seufzend nahm er das Tablett.
„Wieso hältst du mich hier fest?“,
Überrascht stellte er fest, dass sie ihn geduzt hatte. Seine Vermutung bestätigte sich. Etwas war in diesen Stunden mit ihr passiert. Gab sie sich jetzt schon geschlagen?
„Ich kann und will es dir nicht erklären.“, antwortete er ruhig.
„Willst du Geld? Meine Mutter wird es dir geben. Sie hätte es dir schon lange gegeben. Warum bin ich noch hier?“
„Die Welt ist voller Liebe…“
„Nein!“ Plötzlich wirkte sie zornig.
„So funktioniert das nicht. Du kannst dich nicht vor der Verantwortung drücken und alles mit der großartigen Weltliebe erklären. Vergiss es.“
„Wieso?“, fragte er.
„Weil ich meine Mutter liebe. Und sie mich. Aber du hast uns auseinander gerissen. Ich weiß das. Sie nicht. Sie muss Höllenqualen ausstehen wegen dir und deiner scheiß Liebe. Das kannst du doch noch nicht mal Liebe nennen!“
„Ich liebe dich auch. Genau wie deine Mutter. Ist es dann nicht nur gerecht, dass du mir auch ein bisschen Liebe zugestehst?“
„Du kennst mich doch gar nicht! Aber warum so? Auf diese Art?“ Ihre Wut war verraucht.
„Warum mit so viel Gewalt? Warum hast du nicht einfach versucht mich kennen zu lernen? So wie jeder andere?“
Er überlegte lange, bis er antwortete.
„Schau mich an. Schau mich verdammt doch mal an. Du hättest mir nie deine Aufmerksamkeit geschenkt, nie. Solche Leute wie ich haben jemanden wie dich nicht verdient. Das ist einfach so. Du kannst mir glauben. Das habe ich die bisherigen Jahre gelernt. Und wenn es auch das Einzige war.“
„Das ist nicht war. Aber du hast deine Chance verspielt, mit dieser Aktion hier.
Warum so? Lass mich gehen. Bitte.“
Er stand auf. Alles Mitleid war verflogen. Schon viel zu lange redete er mit ihr über Sachen, die sie nichts angingen. Er ging Richtung Tür, ohne sich umzublicken.
„Lauf nur weg!“, schrie sie ihm hinterher.
„Du läufst weg. Die ganze Zeit schon läufst du weg. Warum bin ich hier?
Ich sag es dir. Weil du zu feige bist, dich der Wirklichkeit zu stellen! Weil du Angst hast, enttäuscht zu werden! Deshalb nimmst du dir, ohne zu fragen. Das ist einfacher. Unkomplizierter. Aber so ist das Leben nicht, hörst du? Diese ganze Scheiße ist voller Ecken und Kanten, an denen man sich stoßen kann und voller Kreuzungen, an denen man sich entscheiden muss. Aber du kannst es schaffen. Jeder kann das.“
Sie schluckte und dachte an ihre Mutter. Daran, wie hart das Leben sein konnte.
„Jeder schafft das. Du musst nur wollen. Lass mich gehen.“
Er schlug die Tür hinter sich zu.
Wie froh er war, dass sie sein Gesicht nicht gesehen hatte. Nicht gesehen hatte, wie nah ihm ihre Worte gegangen waren. Er schloss die Augen und lehnte sich gegen die Wand. Shit. Beruhig dich.
Einatmen. Ausatmen.
Reiß dich zusammen.
So schnell würde sie ihn nicht wieder sehen, darauf konnte sie Gift nehmen. Sie war zu weit gegangen.

Am nächsten Morgen fand ein Jogger eine Frau. Sie saß zusammengesunken am Geländer der Brücke. Erst dachte er, sie wäre betrunken, doch dann hob sie den Kopf und schaute ihm direkt in die Augen. Ihr Blick ging ihm unter die Haut.
Ihre Augen waren rot, sie hatte geweint. Aber das war lange her. Jetzt war ihr Gesicht eine leere, ausdruckslose Maske. Sie zitterte vor Kälte. Doch trotzdem sah sie irgendwie aus, als wäre sie zur Ruhe gekommen.
„Kann ich Ihnen helfen?“, fragte er sie.
„Niemand kann mir mehr helfen.“, bekam er zur Antwort.
„Soll ich Sie in ein Krankenhaus bringen?“
„Tun Sie was Sie für richtig halten.“
Ihre Stimme war kalt, ohne jegliche emotionale Regung. Was war bloß mit dieser Frau passiert…
„Haben Sie Ihren Ausweis dabei? Für das Krankenhaus, mein ich…“
„Ich habe alles verloren. Alles.“
„Oh… Na gut, dann müssen wie es halt so versuchen. Kommen Sie, mein Wagen steht nicht weit von hier.“
Widerstandslos ließ sie sich von ihm hoch helfen. Worauf hatte er sich da nur eingelassen. Aber die Frau wirkte so hilflos…
„Was wollten Sie eigentlich an der Brücke?“, fragte er sie, als sie am Auto angekommen waren und er sie auf den Beifahrersitz lotste.
„Ich bin nicht gesprungen.“, sagte sie nur.
„Ich bin nicht gesprungen.“

SECHS


Sie sah ein, dass sie etwas falsch gemacht hatte. Unruhig lief sie im Zimmer umher wie ein Tier im Käfig. Sie hätte ihn nicht provozieren sollen.
Sie hatte ihn nicht provozieren wollen.
Sie wollte mit ihm reden, einfach nur reden. Vernünftig. Ruhig. Wie zwei erwachsene Menschen. Es war nicht gut, wenn er wütend wurde. Sie wollte nicht schon wieder stundenlang allein sein. Im gleichen Moment hasste sie sich für diesen Gedanken. Aber es stimmte. Normalerweise war sie fast immer unter Menschen. Diese Einsamkeit, diese Stille machten sie fertig. Und auch, wenn sie es nicht wahrhaben wollte, ein Teil von ihr war erleichtert gewesen, als er das Brot brachte. Nicht nur wegen dem Hunger, also das auch. Aber es war gut gewesen, nicht mehr allein zu sein. Nicht mehr die Wände anstarren zu müssen.
Sie erschrak vor sich selbst.

Es machte ihn verrückt. Nein, so würde er sich nicht behandeln lassen.
So nicht! Nicht mit ihm.
Wut staute sich in ihm auf, viel Wut. Was bildete sie sich eigentlich ein?
„Schlampe!“, zischte er, „Verdammte Schlampe!“
Er ließ sich nicht verarschen! So etwas tat man nicht. Nicht mit guten Freunden.
Sie musste bestraft werden!
Der Flur war dunkel und bedrückend. Wie immer. Er riss die Tür auf.
Sie saß an der Wand und schaute überrascht zu ihm auf. Das machte ihn rasend. Hatte sie denn kein schlechtes Gewissen!?
„Du Drecksstück!“, brüllte er und registrierte kaum, dass sie zusammenzuckte.
Als er sie grob hoch zerrte, entglitt ihm die Situation vollständig. Er verlor einfach die Kontrolle. Hart traf seine Faust in ihren Magen und danach mit voller Wucht in den Solarplexus. Sie bekam keine Luft, japste vor Überraschung und Schmerz. Er schrie und tobte und prügelte auf sie ein bis sie wimmern vor ihm am Boden lag. Er wusste, wo es wehtat. Sie rang nach Luft.
„Verdammte Psycho-Masche! Das hast du dir selbst zuzuschreiben, du Hure!“
Sie erbrach sich vor seinen Füßen.
Angeekelt trat er ein paar Schritte zurück und betrachtete sie mit verächtlicher Miene. Seufzend sah er ein, dass er sie wohl kaum in ihrem eigenen Erbrochenen liegen lassen konnte.
„Steh auf.“, ordnete er an. Seine Wut war verraucht.
Taumelnd kam sie auf die Beine, drohte jedoch jeden Moment wieder zu Boden zu gehen. Er fing sie auf und stützte sie, bis sie sich ein paar Schritte gekommen waren. Sie war zu schwach um sich gegen die Berührung zu wehren. Jeder Teil ihres Körpers schmerzte dermaßen, dass sie Angst hatte, plötzlich ohnmächtig zu werden. Doch dann wäre sie ihm ausgeliefert. Sie durfte nicht schwach werden.
Sie kniff die Augen zusammen. Öffnete sie wieder. Besser.
Da bemerkte sie ihn. Den Schlüssel. Er zeichnete sich unauffällig unter dem T-Shirt auf der muskulösen Brust ab. Sie war sich ganz sicher. Das war ihre Chance.
Mit einem spitzen Aufschrei ließ sie sich zu Boden fallen. Scheinbar panisch schlug sie um sich, um irgendetwas zu fassen zu kriegen. Ratschend riss sein T-Shirt in zwei Hälften. Er holte tief Luft und hob die Hand.
Die Ohrfeige schallte noch lange in ihren Ohren.

Sie hatte den Schlüssel. Sie hatte den Fehler. Hier in ihren Händen. Sie hatte es geschafft. Sie weinte vor Freude. Saß am Boden, mit dem Rücken zur Wand, schloss die Augen und wusste, es war vorbei. Vorbei. Mama! Und sie weinte und schluchzte und lachte abwechselnd und es war ihr egal ob er sie hören konnte oder nicht, es war ihr egal. Sie fühlte sich sicher, unantastbar, er konnte ihr nichts mehr tun. Sie war so gut wie frei. Mama!

Er bemerkte es zu spät. Der Schlüssel.
Shit!
Er wurde panisch. Was bist du für ein Idiot? WAS BIST DU FÜR EIN IDIOT? Risiko, haha. Er hatte es versaut, seinen ganzen genialen Plan, er war noch nicht reif für diesen Plan gewesen, er hatte es von Anfang an gewusst. Er rannte die Treppen hinunter, Stufe für Stufe, Treppe für Treppe und stieg in sein Auto. Rasend vor Wut, auf sich selbst, auf sie, auf diese ganze, beschissene Welt die für ihn keinen Platz hatte. Warum hatte er sich nicht beherrschen können? WARUM HATTE ER SICH NICHT BEHERRSCHEN KÖNNEN? Er war noch nicht reif für diesen Plan, verdammte Scheiße. Er war nicht würdig genug für diesen Plan, für diesen Plan, der perfekt gewesen war. PERFEKT!

Nach dem sie sich wieder gefangen hatte, lauschte sie schweigend. Waren da Schritte? Ein Poltern über ihr? Sie durfte nicht vorzeitig ihren Trumpf ausspielen. Es musste der perfekte Augenblick werden. Sie musste noch warten. Von ihrer Unruhe getrieben stand sie auf und lief in dem Raum, in dem sie schon so lange allein gewesen war, auf und ab. Runde für Runde wurde sie ungeduldiger. Sie ging zum Waschbecken, drehte den Hahn auf und erschrak vor dem Geräusch des plätschernden Wassers. Sie trank und zuckte zusammen, als das Wasser über ihre Hände strömte. Dann lauschte sie wieder.

Fast war er da. Er drückte auf das Gaspedal und schoss über die rote Ampel. Ein Hupkonzert und das Geräusch quietschender Reifen verfolgten ihn. Es war nicht mehr wichtig. Nicht für ihn. Für Niemanden. Er musste sich beeilen.
BEEIL DICH, VERDAMMTE SCHEIßE!

Sie hielt es nicht mehr aus. Das war der Zeitpunkt. Er musste es sein. Sie hatte keine Wahl. Sie hatte keine Zeit mehr. Sie konnte nicht mehr.
Sie hielt es nicht mehr aus.

Er kam zum stehen. Er war da. Er hatte es geschafft. Hatte er es geschafft? War er da? Am Ziel? Hatte er das erreicht, was er wollte? War sie noch da? WAR SIE NOCH DA?

Wie in Trance erreichte sie die erste Tür. Sie machte sich keine Gedanken darüber, dass sie unverschlossen war. Es war nicht wichtig. Es war nicht mehr wichtig. Der Flur ließ sie erschaudern. Lang. Schmal. Bedrohlich. Dunkel und bedrohlich.
Und am Ende eine schwarze Tür. Zitternd steckte sie den Schlüssel ins Schloss.

Er sprang aus dem Auto. Hastig. Wieder Treppen. Spring schon, dachte er. Es ist egal ob du dich verletzt. Und er sprang und landete katzenhaft am Boden, ohne den Aufprall überhaupt zu spüren. Vor sich die Tür.

Auf der anderen Seite drehte sie den Schlüssel um.

Sie versuchte es. Er ließ sich nicht drehen. Das Schloss ließ sich nicht öffnen. Nicht mit diesem Schlüssel und nicht mit einem anderen. Durch ihre tränenverschleierten Augen starrte sie auf ein Zahlenfeld.

SIEBEN


Er war sehr ärgerlich. Und enttäuscht. Er hatte es verpasst. Er hatte es so gern erleben wollen. Er war sich so sicher gewesen, dass er es erleben würde!
Es wäre das krönende Schauspiel gewesen. Der Höhepunkt ihrer Hilflosigkeit. Und er hatte es verpasst. Durch seine eigene Blödheit. Er hatte nur ihren Schrei durch die Tür gehört. Es klang verzweifelt, gebrochen. Von wegen Charakter, dachte er. Wie weich und formbar sie doch war, wenn sie eingesperrt war. Er hatte genau gewusst was passieren würde, was sie tun würde, hatte es nur zu spät bemerkt. Er hatte es erleben wollen. Die Emotionen in ihrem Gesicht.
Wie hatte sie ihn vorher so reizen können? War sie denn die Richtige für seinen Plan? Gab es eine Frau, die die Richtige dafür war? Gab es einen Menschen dieser Art?

Sie wollte sterben. Nichts mehr hören, nichts mehr sehen. Einfach hier liegen bleiben und einschlafen.
Entschlafen.
Für immer.
Mama!
Sie durfte nicht. Sie musste zurückkehren in ihr Leben.
Wieso?! Weil sie Happy Ends schon immer toll fand. Es gab aber keine. Das wusste sie jetzt. Und es gab keinen Grund mehr für sie. Zu leben. Zurückzukehren.
Sie wollte sterben.

Nach vielen Stunden dieser Apathie begriff sie, dass sie nicht von alleine sterben würde. So nahm sie sich vor, nichts mehr zu trinken. Zu verdursten. Egal ob das qualvoll war oder nicht. Es erschien ihr am einfachsten. Nach einer gefühlten Ewigkeit sprang sie auf und trank und trank bis sie nach Luft ringend zu Boden sank. Sie hatte keinen Willen mehr. Sie hatte nicht mehr die Kraft zu sterben.

Er war sich nicht sicher, was er tat, als er zu ihr ging. Er tippte den Code ein. 1987. Ihr Geburtsjahr. Und die Nummer des Kennzeichens ihrer Mutter. Sie hatte es nicht ausprobiert. Sie war zu weich.
Es war einer der Fehler, den er eingebaut hatte. Ein scheinbarer Fehler in einem perfekten Plan. Die Welt war noch nicht reif dafür. Weder er noch sie. Die Situation war ihm genauso entglitten wie ihr. Er hatte keine Kontrolle über sie. Sie war zu weich. Aber es gab niemanden, der hart genug wäre. Er hatte die Angst vergessen. Das, was Angst aus einem sonst rational denkenden Menschen machte. Einen Spielball seiner Gefühle.

Als die Tür aufging, schaute sie nicht auf. Sie kapitulierte. Sie war bereit, alles zu tun, was er von ihr verlangte. Es war ihr egal. Alles egal.
„Es tut mir leid.“, sagte er.
Noch immer hielt sie ihren Blick nach unten gerichtet. Sie war gebrochen.
„Es war ein Fehler.“
Sie konnte ihn nicht mal hassen. Er, der ihr so viel angetan hatte, der sie verletzt hatte, seelisch und körperlich. Sie war unfähig ihn zu verachten. Leere. Sie spürte nur Leere. Sie war ausgebrannt.
Er trat auf sie zu und ärgerte sich über sich selbst. Er hätte es nie tun sollen. Die Zeit war noch nicht reif.
„Entschuldige. Ich weiß, dass ich es niemals…“ Er begriff, dass seine Worte nicht zu ihr durchdrangen, dass sie ihn nicht verstand. Er schwieg.
Sie rechnete mit allem und mit nichts. Sie machte sich keine Gedanken darüber, was jetzt kommen würde. Es war ihr egal.
„Du kannst gehen.“

Nun, dass war dann doch überraschend. Aber sie nahm es nicht ernst. Sie hatte ihn erlebt, wusste, dass er ein Schauspieler war, wenn er sich unter Kontrolle hatte. Zum ersten Mal schaute sie auf. In seine Augen. Und blickte in sein tiefstes Inneres. Sie sah Verzweiflung. Und Schmerz. Sie war nicht fähig ihn zu hassen. Sie würde ihn niemals hassen können. Er war kein Monster, es gab etwas in seinem Leben, das ihn soweit gebracht hatte. Es hatte wehgetan. Sehr weh.
Er trat einen Schritt zur Seite. Zeigte auf die Tür.
„Ich habe die andere Tür offen gelassen. 1987. Das ist der Code. Ich liebe dich. Es tut mir leid.“ Mit diesen Worten drehte er sich um. Sie schaute ihm nach, bis die Tür hinter ihm langsam zufiel.

Sie hatte viel Kraft gebraucht um aufzustehen. Unendlich viel Kraft. Sie durchquerte zum letzten Mal den Raum mit den schwarzen Wänden und dem Waschbecken. Den Flur. Kam zu der schwarzen Tür.
1987.
Wie im Traum stieg sie Stufe um Stufe die Treppe hoch. Oben war kein Licht. Es war Nacht. Oder Abend. Tief sog sie die frische Luft in ihre Lungen.
Einatmen.
Ausatmen.
Sie schaute zu den Sternen. Es regnete. Sie lief los. Der Regen vermischte sich mit ihren Tränen und lief ihr Gesicht hinab, ihren Hals. Sie begriff es als größtes Geschenk von allen.
Das Leben hatte sie wieder.
Sie erkannte ein Gebäude wieder. Es war nicht mehr weit. Nicht mehr weit. Bald da.
Bald da! Mama! Sie fing an zu rennen. Sie rannte und rannte, so lange, wie es ihr ausgezehrter Körper zuließ. Dann blieb sie keuchend stehen. Nur noch eine Ecke von ihrem Zu Hause entfernt. Zu Hause. Sie war zurück! Sie hatte es geschafft. Oder? Plötzlich bekam sie Angst. Angst vor der Begegnung mit ihrem alten Leben. Mit ihrer Mutter. Angst davor, dass niemals wieder alles normal werden würde. Nie mehr. Und?! War das wichtig? War das entscheidend? Es gab Menschen, die die Stärke hatten, mit nur einem Bein oder einer Hand zu leben. Glücklich zu sein. Sie wollte nicht schwach sein. Durfte nicht. Mama!
Sie ging die letzten Schritte ganz langsam.
Stufe um Stufe die Treppe empor. Der Regen lief in Strömen über ihr Gesicht, ihre Hände. Ihre Kleidung war durchweicht. Sie weinte, schluchzte und lachte gleichzeitig.
Es war egal. Sie war zurück. Sie war angekommen.
Mama!
Und dann klingelte sie.

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