Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, mĂĽssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5551
Themen:   95215
Momentan online:
85 Gäste und 0 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Kurzgeschichten
Kindergartenliebe
Eingestellt am 31. 03. 2018 17:53


Autor
Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
gondoliere
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Mar 2018

Werke: 8
Kommentare: 22
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um gondoliere eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Wie die Kindergartenliebe so spielt

Als ihre beste Freundin und Trauzeugin stand ich damals neben Antonia. Daneben Robert und dann sein Trauzeuge, Leo, den ich nicht kannte. Antonia boxte mich mit dem Ellbogen, weil die Standesbeamtin mich offenbar nach Namen, Wohnort und Beruf gefragt hatte. Ich war noch nicht ganz da, "der Jetlag", entschuldigte ich mich. Nach jedem Flug von Shanghai hierher brauchte ich zwei oder drei Tage, bis ich wieder auf dem Damm war. Und zurück in Shanghai dauerte es meist noch einen Tag länger.

Als mich Toni, also Antonia, ein halbes Jahr zuvor anrief – sie hatte Mittagspause und ich saß gerade beim abendlichen Imbiss in meinem Apartment –, fragte sie mich aus heiterem Himmel, ob ich Ihre Trauzeugin sein wollte. Sie würde heiraten, und zwar Robbi, den ich auch kennen würde. Fast hätte ich mich an dem Hühnchenbrocken in Honigtunke verschluckt. Völlig entgeistert frage ich sie: "Wen willst du heiraten? – Robbi? – Den Robbi?" Toni brauchte dann viele gute Worte, bis sie meine Vorbehalte gegen Robbi zerstreut hatte. Nicht, dass ich ihr den Kerl hätte ausreden wollen, dafür wäre es sowieso zu spät gewesen. Aber für mich war er das Feindbild schlechthin. Es klingt vielleicht lächerlich, aber seine Attacke, damals an dem Vormittag vor fünfundzwanzig Jahren im Kindergarten, war ein so traumatisches Erlebnis, dass ich mich heute noch gut daran erinnere. Zu dem schrecklichen Erlebnis im Hort gab es aber zum Glück, quasi als lebenslange Gegenleistung des Schicksals, die wunderbare Freundschaft mit Toni, die bis heute anhält.

Damals, im Kindergarten, trieb genau dieser Robby sein Unwesen – ein rotzfreches, kleines Ungeheuer von fünf Jahren, so alt wie ich. Die Erzieherinnen hatten ihre liebe Not mit ihm, weil er manche Kinder gerne drangsalierte – natürlich nur diejenigen, von denen er spürte, dass sie schwächer waren als er. Dazu gehörte leider auch ich, aber nicht Antonia. Viel mehr herrschte zwischen Robbi und ihr entweder Krieg oder zeitweiliger Waffenstillstand – also Zustände wie allgemein im normalen Leben.

Die Erinnerung an mein Trauma beginnt mit dem Frühlingslied "Alle Vögel sind schon da...", das die Kinder – außer mir – übten. Dabei saßen sie im Kreis auf ihren Hockern und klatschten im Takt. Als die Erzieherin eine Pause machte, übertönte ich – laut Tonis späterer Erzählung – plötzlich das übliche Gelärme der anderen Kinder mit einem diskanten Kreischen, dann heulte ich ungehemmt drauflos. Der Grund war Robbi. Für ihn war ich ein willkommenes Opfer, weil ich gerne außerhalb der versammelten Kinderschar in meiner Ecke ganz für mich spielte. Eine solche Sonderstellung ist in einem Hort ungewöhnlich, wo Kinder das Miteinander lernen und üben. Aber ich hatte mit unnachgiebigem Eigensinn meine eigene, kleine Spielecke durchgesetzt, wo ich ganz allein spielen konnte, eingesponnen in meine Welt. Nur manchmal, wenn mir langweilig wurde, gesellte ich mich zu den anderen Kindern und machte mit. Einer meiner Chefs begründete meine Karriereförderung einmal damit, dass ich ein 'irischer Typ' sei: rothaarig, mit blauen Augen und Sommersprossen. Ohne dass er von meiner Kindergarten-Story wusste, meinte er, dass sich solche Menschen schon von Kind an oft durch eine enorme Durchsetzungskraft auszeichneten. Da erinnerte ich mich an meine Spielecke.

An jenem Vormittag wurde Robbi wieder einmal vom Teufelchen geritten. Während der Pause der anderen Kinder spielte ich einfach weiter vor mich hin, als sich Robbi unbemerkt von hinten an mich herangeschlichen hatte und, zack!, mir den Teddybär entriss – mein Lieblings-Teddy! –, den ich gerade zu Bett bringen wollte. Antonia hatte das wohl beobachtet, ging wie eine Furie auf Robbi los und bearbeitete ihn mit den Fäusten, als er den Teddy nicht herausrücken wollte. Fast wäre ein Tumult entstanden, weil noch ein paar andere Kinder über den plötzlich völlig verängstigten Robbi herfallen wollten. Schnell ließ er die Puppe los, als die Erzieherin dazwischen ging. Toni rannte mit der erbeuteten Trophäe zu mir, die ich immer noch lauthals heulte, überreichte mir den Teddy, nahm mich in den Arm und gab mir ein sanftes Küsschen auf die Wange, ohne ein Wort zu sagen. Das erzählte Toni später, ich erinnere mich an das Küsschen nicht mehr genau, weil ich viel zu beschäftigt mit Heulen war. Aber irgendwie muss ich es doch als wohltuende Aktion erlebt haben. Jedenfalls hätte ich, laut Toni, im Nu aufgehört zu heulen, während sie sich wieder auf ihren Hocker im Kreis der anderen Kinder setzte. Ich habe mir wohl noch mit dem Pulli-Ärmelchen den Rotz von der Nase gewischt und die Tränenstraßen aus dem Gesicht. Dann legte ich den Teddy in sein Schaukelbett.

Nun sitze ich hier mit Toni im Café und erinnere mich an die vergangenen Zeiten, während sie mit Tränen in den Augen erklärt, dass sie sich jetzt, schon nach drei Jahren, wieder scheiden lassen werde, und dass es ein Irrtum gewesen sei, Robert zu heiraten. – Ich sage dazu nichts. Sie meint: "Manche Eigenschaften verliert ein Mensch nicht. Sie wandeln sich vielleicht ein wenig und werden subtiler. Noch am Tag unserer Hochzeit dachte ich: Niemand ist perfekt, das krieg ich schon hin. Er ist ja sonst ein lieber Kerl. – Denkste, nichts hab' ich hingekriegt..."

Ich nehme Toni, die mich so oft, nicht nur im Kindergarten, getröstet hat, in den Arm und gebe ihr wortlos ein sanftes Küsschen auf die Wange.

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


ZurĂĽck zu:  Kurzgeschichten Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
Werbung