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Leselupe.de > Kurzprosa
Kinderstreiche ohne Zahl
Eingestellt am 28. 05. 2001 17:27


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Willi Corsten
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Registriert: Apr 2001

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Zehn war ich und mein Bruder, der Heinz, erst acht. Streiche verĂŒbten wir ohne Zahl, doch bestraft wurde immer nur ich, weil ich ja der Ă€ltere war. Aber diesmal kam es genau umgekehrt, diesmal sollte der Kleine schuld gewesen sein an der VerwĂŒstung, die wir angerichtet hatten.
Unser Garten lag außerhalb des Dorfes, fast einen halben Kilometer vom Elternhaus entfernt. Wir spielten dort oft und bauten eifrig an einer HĂŒtte, gleich neben den JohannisbeerstrĂ€uchern. Das Material lieferte die MĂŒllkippe drĂŒben im Feld: halbvermoderte Bretter fĂŒr die WĂ€nde, ausgefranste Teppiche fĂŒr den Boden, Plastikfolie fĂŒr das Fenster und ein rostiges Ofenrohr, das den Rauch unserer Friedenspfeife ins Freie leiten sollte. Das beste StĂŒck der Sammlung war ein alter LinoleumlĂ€ufer, den wir an Stelle von BĂŒffelfellen aufs Dach nagelten.
Es gab nur einen Störenfried in dem kleinen Paradies: MĂ€nnche, MĂ€nnche, unser Nachbar. Der freundliche Herr kam zu den ungelegensten Zeiten in den Garten nebenan, arbeitete dort im GemĂŒsebeet und ruhte sich dann auf seiner Bank aus. Das Ă€rgerte uns mĂ€chtig, denn nun konnten wir keine Bohnenstangen und ZaunpfĂ€hle mehr rauben, die ‚hilflos und verlassen‘ in der Gegend herum lagen. MĂ€nnche, MĂ€nnche musste also vertrieben werden, koste es, was es wolle.
Zuerst warf ich Steine in den Holunderstrauch, der neben der Bank stand, doch statt zu fliehen, suchte der Mann nun das vermeintliche Tier, das da geraschelt hatte. Am nĂ€chsten Tag raubten wir das Sitzbrett der Ruhebank, pinselten alte Farbe darĂŒber und hĂ€ngten es als JagdtrophĂ€e in unsere HĂŒtte. Als MĂ€nnche, MĂ€nnche den Diebstahl bemerkte, schimpfte er wie ein Cowboy, dem man das Pferd gestohlen hatte, eilte nach Hause, schleppte ein neues Brett heran und schraubte es fachmĂ€nnisch auf die beiden StĂŒtzpfĂ€hle fest.
Jetzt durfte mein Bruder sein handwerkliches Talent beweisen. Nicht weniger fachmĂ€nnisch sĂ€gte er am nĂ€chsten Tag das Brett von unten her dreiviertel durch. Ohne Erfolg ĂŒbrigens, denn selbst das letzte Viertel trug das Fliegengewicht des emsigen Mannes.
Kurz vor den Sommerferien war die HĂŒtte endlich fertig, wir wĂ€hnten uns in Sicherheit. Doch halt, was passiert, wenn feindliche Indianer die Festung stĂŒrmen? Wie dumm von uns: wir hatten im Eifer des Gefechtes den unterirdischen Fluchttunnel vergessen. Nun war guter Rat teuer, denn im Erdereich wollte Heinz nicht buddeln, weil er Vaters Strafe fĂŒrchtete. Ich ĂŒberlegte lange, womit ich den Kleinen umstimmen könnte, kam dann auf die verrĂŒckte Idee, sein Meerschweinchen ins Spiel zu bringen, denn fĂŒr den weißbraunen Purzel wĂŒrde Heinz bestimmt alles tun.
Am folgenden Tag war ich mit dem Meerschweinchen allein im Garten, mein Bruder wollte in einer Stunde nachkommen. Geschwind kramte ich unter dem GerĂŒmpel eine Schublade hervor, packte das arme Tierchen hinein, legte eine Sperrholzplatte und einen Ziegelstein oben auf und trug die seltsame Haftanstalt hinter den Komposthaufen. Dann eilte ich in die HĂŒtte und trieb einen schrĂ€g nach unten fĂŒhrenden Stollen in die Erde, der den Anfang des Tunnels bildete. Plötzlich klopfte jemand an die TĂŒr, Heinz war gekommen.
„Alarm, Alarm!“ rief ich geistesgegenwĂ€rtig, „Purzel ist in Gefahr."
„Wo steckt das Meerschweinchen?"
„Hat sich dort in die Erde gebuddelt. Wir mĂŒssen es sofort ausgraben, sonst erstickt das hilflose Wesen. Du arbeitest hier drinnen weiter, ich grabe draußen und versuche, dem Ausreißer den Weg abzuschneiden."
Mein Plan war geglĂŒckt. Der Kleine schaufelte, als ginge es um Leben oder Tod. Wie ein Maulwurf wĂŒhlte er sich in die Unterwelt und förderte im Akkord Steine und Lehm ans Tageslicht. Derweil holte ich Purzel aus dem Versteck, wartete, bis mein Bruder den Durchbruch zu mir fast geschafft hatte und bugsierte das Tierchen in seine tastende Hand. Heinz war selig.
Wir legten ein Blech ĂŒber den Ausgang der Höhle, streuten Erde und Laub darĂŒber und beseitigten so die Spuren unserer Freveltat.
Kurz darauf schob Vater sein altes Fahrrad in den Garten. Als ich den Eimer sah, der an der Lenkstange baumelte, wurde mir heiß und kalt zugleich. In meinem Eifer hatte ich doch glatt vergessen, dass heute Johannisbeeren gepflĂŒckt werden sollten.
Es kam, wie es kommen musste. Vater lehnte das Rad an den Zaun, trabte zu den JohannesbeerstrĂ€uchern, pflĂŒckte eine handvoll Beeren, warf sie in den Eimer, machte einen Schritt zur Seite - und war plötzlich fĂŒnfundsiebzig Zentimeter kleiner.
„Wer war das?" rief er zornig.
„Das Meerschweinchen..." stotterte Heinz. Weiter kam er nicht in seiner ErklĂ€rung, weil der Klaps auf den Allerwertesten ihm die Sprache verschlagen hatte. DafĂŒr heulte mein Bruder nun wie ein Bleichgesicht am Marterpfahl. Doch so plötzlich, wie das klĂ€gliche Wehgeschrei begann, so plötzlich verstummte es auch wieder. Heinz zog schniefend die Nase hoch, wischte die TrĂ€nen aus dem Gesicht und spĂ€hte erwartungsvoll in den Nachbargarten. Dort schlurfte MĂ€nnche, MĂ€nnchens Frau den Pfad entlang, steuerte in diesem Augenblick zielstrebig die Ruhebank an.
Das angesĂ€gte Brett hatte Dutzende Male 130 Pfund getragen, und nie geklagt. Die nur einmal aufgesetzten 130 Kilogramm aber riefen zornigen Protest hervor. Ein berstendes Krrr...war der Beweis dafĂŒr.

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Willi Corsten
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Liebe Sanne

vielen Dank!
Ja, ĂŒber diese - ĂŒbrigens wahre Geschichte -wurde schon viel gelacht, vor Allem, wenn ich sie im Heimatort vorgetragen habe.
viele GrĂŒĂŸe sendet dir
Willi

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leonie
Guest
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hallo willi

toll geschrieben, erinnert mich ein wenig an uns selbst, denn hier auf dem land fiel auch uns eine Menge ein. ich sag es ja, michel von lönneberger lebt nicht unbedingt in Schweden.
Es grĂŒĂŸt eine herzlich lachende leonie

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Willi Corsten
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Liebe leonie

vielen Dank fĂŒr das schöne Kompliment.
Über dein Lob freue ich mich immer besonders, weil wir vom Schreiben her in etwa auf der gleichen Welle schwimmen.
Alles Gute wĂŒnscht
Willi

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leonie
Guest
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hallo willi

danke, mir geht es genauso.
liebe grĂŒĂŸe leonie

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Willi Corsten
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Hallo leonie, hallo Sanne

ich stelle gerade Texte fĂŒr eine Anthologie zusammen, darunter ist auch diese Kurzgeschichte.
Nun stehe ich vor einem Problem: soll und darf ich den darin verwendeten, ortsbekannten Spitznamen „MĂ€nnche, MĂ€nnche“ nehmen, oder soll ich besser einen anderen Namen wĂ€hlen? Der gute Herr ist zwar lĂ€ngst tot, aber seine Kinder leben noch.
Wie denkt ihr darĂŒber?
Liebe GrĂŒĂŸe
Willi

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