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Leselupe.de > Kindergeschichten
Kira oder Ordnung muss sein
Eingestellt am 20. 08. 2003 17:25


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Buffy
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Kira
Ordnung muss sein
┬ę 2001 by KW


Es war ungew├Âhnlich ruhig in dem Klassenzimmer. Die Kleinen schauten ├Ąngstlich
fragend auf die Gro├čen.
Zwei Klassenzimmer besa├č die kleine Dorfschule, so dass jeweils vier Jahrg├Ąnge
zusammen in einem Raum, unterrichtet wurden.
Das verlief nicht immer problemlos, denn die Jungen im Dorf waren zahlenm├Ą├čig im Vorteil. Aber an diesem Tage blieb der ├╝bliche Tumult aus. Die ├Ąlteren Jungen standen in einer Ecke, redeten aufgeregt, geheimnisvoll, ja ungew├Âhnlich leise miteinander. W├Ąhrend die M├Ądchen bereits brav, aber nachdenklich auf ihren Holzb├Ąnken sa├čen.
Punkt acht Uhr ├Âffnete sich die Klassent├╝r und der Lehrer betrat den Raum.
ÔÇ×Guten Morgen Kinder.ÔÇť
Die Jungen stoben auseinander und nahmen schnell ihre Pl├Ątze ein.


Kira zuckte zusammen. Sie war jetzt im zweiten Schuljahr und sa├č in einer der
vorderen Bankreihen. Als der Lehrer zu seinem Pult ging, wippte die Spitze seines Rohrstocks leicht, fast spielerisch an seinem Hosenbein.
Kira sp├╝rte, wie der Schwei├č aus ihren Poren drang, verlegen rieb sie die nassen
Handfl├Ąchen an ihrem Kleidchen trocken. Sie hatte das Gef├╝hl eine ├╝berreife, matschige Tomate zu sein. So eine, wie Kira sie im Garten von Oma gesehen hatte, wenn Oma diese nicht rechtzeitig gepfl├╝ckt hatte. Opa musste ihr ganz genau erkl├Ąren, warum Tomaten matschig sind, aber Opa sagte nur, ÔÇ×hat Oma wieder nicht gepfl├╝cktÔÇť.
Kira bef├╝rchtete tot umzufallen, wenn sie sich jetzt mit den anderen Kindern erheben musste, um den Lehrer zu begr├╝├čen. Sie hasste die Schule wie der Teufel das
Weihwasser. Opa benutzte diesen Ausdruck immer, wenn jemand ihn fragte, ob Kira denn auch gern zur Schule ginge. Aber es schien nichts Schlimmes zu sein, denn der Opa lachte dabei immer laut und zwinkerte Kira dabei zu, wenn diese in der N├Ąhe war.


Bereits vom ersten Schultag an hatte Kira eine instinktive Abneigung ihrem
Klassenlehrer gegen├╝ber gehabt. Sie sch├Ąmte sich deshalb sehr und versuchte diese
Ablehnung zu verstecken. Aber es gelang ihr nicht.
Kira wusste genau, dass es nicht allein an dem Rohrstock lag, obwohl sie ihn fasst
t├Ąglich zu sp├╝ren bekam.
Kira hatte einfach nur Angst, vor dem Lehrer, der Schule, sogar Angst vor den
Mitsch├╝lern.

Die Spannung im Klassenraum wurde unertr├Ąglich. Kira sp├╝rte die geladene
Atmosph├Ąre k├Ârperlich. Vorsichtig und unauff├Ąllig versuchte sie im Gesicht des Lehrers zu lesen. Was genau wusste sie nicht, aber sie suchte.
Es ist etwas schreckliches passiert, der Gedanke durchzuckte sie. Kira wurde ganz ├╝bel bei diesem Gedanken, und sie bekam Bauchschmerzen. Instinktiv begriff sie, dass
dieses Schreckliche auch etwas mit ihr zu tun hatte.

W├Ąhrend Kira mit gesenktem Haupt hinter ihrer Gro├čmutter zur├╝ck zum Haus ging, dachte sie an die vergangenen Tage.


Sie dachte an den Morgen in der Schulklasse. Als der Lehrer ihr sagte, sie m├╝sse zum Direktor gehen. Als der Direktor ihr sagte, sie sei ein sehr, sehr b├Âses M├Ądchen. Kira sei eine Diebin. Sie solle die Tat zugeben. L├╝gen sei zwecklos. Es g├Ąbe einen Zeugen. Sie sei bereits praktisch des Diebstahls ├╝berf├╝hrt.
Daran, dass der Direktor ihr auch an diesem Morgen sagte, sie d├╝rfe so lange nicht mehr in die Schule kommen, bis die Polizei die Sache endg├╝ltig gekl├Ąrt habe.
Kira dachte daran, dass sie dem Direktor gesagt hatte, sie sei keine Diebin. Doch der Direktor war einfach zu b├Âse mit ihr, lie├č sie gar nicht zu Wort kommen und h├Ârte ihr ├╝berhaupt nicht zu.
Kira erinnerte sich daran, wie sehr sie erschrak, als der Direktor ihr sagte, Vincent habe einen epileptischen Anfall bekommen und dabei seine Mitt├Ąterschaft zugegeben. Vincent hatte auch gesagt, das es allein die Idee von Kira gewesen sei. Er wollte zuerst ├╝berhaupt nicht, aber Kira habe ihm einfach keine Ruhe gelassen.
Au├čerdem hatte der Direktor gesagt, dass nicht nur die Tat an sich abscheulich sei. Nein, sie habe auch noch unschuldige Opfer angestiftet bei so einer Greultat
mitzumachen. Eine Anstifterin allein sei schon eine Schande f├╝r sich. Dann sagte der Direktor noch, Kira solle ihren Schulranzen nehmen und unverz├╝glich die Schule
verlassen.
Kira wusste nicht was eine Anstifterin ist, aber wenn der Direktor es sagte, w├╝rde es wohl stimmen. Sie hatte noch die kalte unpers├Ânliche Stimme des Schuldirektors in den Ohren, als sie zur├╝ck in den Klassenraum ging.
Keiner hatte sie zum Direktor gebracht und keiner war da, der sie zur├╝ck begleitete.
Als sie den Klassenraum betrat verstummten die getuschelten Gespr├Ąche. Alle
Augenpaare waren unverfroren auf sie gerichtet und starrten sie an. Kira erfasste die Stimmung sofort. Die Luft war geschw├Ąngert von Schadenfreude, offene und versteckte Feindschaft, ja so gar Wut und Hass.
Lieber Gott, flehte Kira, bitte, bitte lass mich sterben. Aber der liebe Gott wollte auch keine Diebin, keine Anstifterin, denn sie starb nicht. So ging sie mit gesenktem Haupt zu ihrem Sitzplatz, nahm ihren Ranzen und verlie├č die Schule.



II
┬ę 2003by KW


Auf dem Weg nach Hause versuchte Kira zu verstehen, aber sie konnte es nicht. Opa wird es mir erkl├Ąren, dachte sie. Opa wei├č alles. Opa wei├č auch, dass ich kein b├Âses M├Ądchen bin. Dieser Gedanke tr├Âstete sie etwas, und automatisch lief sie schneller. Sie wusste, der Opa w├╝rde sie besch├╝tzen.
Vor dem Haus in dem Kira mit ihren Gro├čeltern lebte, stand ein gr├╝nes Auto mit einer gro├čen Schrift darauf. Autos waren in dem Dorf noch sehr selten und das gr├╝ne Auto daher eine Sensation. Die kleinen Kinder, die noch nicht zur Schule mussten, bestaunten das gr├╝ne Wunderwerk. Als Kira sich langsam dem Auto n├Ąherte, schauten die kleinen Kinder sie neugierig, ja, fasst b├Âse an. Polizei? Polizei schoss es ihr durch dem Kopf. Was will die Polizei denn hier?
Kira blieb wie angewurzelt stehen. Sie zitterte vor Angst. Instinktiv suchten ihre Augen nach einem Fluchtweg. Nur weg, nur weg von hier, dr├Âhnte es in ihren Ohren. Doch sie konnte sich nicht bewegen. So starrte auf das gr├╝ne Auto mit den gro├čen, wei├čen
Buchstaben, die zusammen das Wort Polizei bildeten.
Kira sah wie die Oma aus der T├╝r gelaufen kam, sp├╝rte, dass sie an die Hand
genommen wurde und dann war da nur noch Nebel. Weis-grauer Nebel. Weich,
ged├Ąmpft, sanft und zart. Sie f├╝hlte sich wie in Watte gebettet.

Kira sah sich um. Sie stand in der K├╝che. Die Oma sa├č auf dem K├╝chenstuhl und weinte bitterlich. Einen Zipfel ihrer K├╝chensch├╝rze in der Hand. Ab und zu wischte sie sich die Tr├Ąnen damit ab. Der Polizist stellte Kira Fragen. Sie antwortete, aber was sie gefragt wurde, registrierte sie nicht. Sie h├Ârte wie der Opa mit dem Polizisten diskutierte, aber sie verstand nichts. KiraÔÇÖs Blick blieb auf den Tr├Ąnen ihrer weinenden Oma h├Ąngen. Sie hatte noch nie gesehen, dass Erwachsene weinen.

Kira hatte sich im Garten des Nachbarn versteckt. Ganz klein wie ein H├Ąschen kauerte sie unter einem Johannisbeerstrauch. Er stand zwischen zwei Stachelbeerstr├Ąuchern und alle drei zusammen, ergaben ein gutes Versteck. Die Fr├╝chte waren zum Teil schon reif. Ab und zu naschte Kira mal hier, mal dort, aber heute schmeckten die Beeren ihr nicht besonders. Sie halfen nur, ihren trockenen Mund zu befeuchten.
Oh Gott, wenn man mich findet, komme ich dann in ein Erziehungsheim? In das
Gef├Ąngnis oder gar in ein Waisenhaus? KiraÔÇÖs Gedanken sprangen im F├╝nfeck. Sie sah sich in Ketten. Sah sich auf einer einsamen Insel verbannt. Sah sich in einem gro├čen Raum mit vielen andern b├Âsen Kindern, die keiner mehr haben wollte.
Kira sp├╝rte wie sie w├╝tend wurde. Langsam stieg eine ohnm├Ąchtige Wut von ganz tief unten, da wo der Bauch ist, nach oben. Zuerst zaghaft warm, dann st├Ąrker werdend. Als ihr Kopf sich ganz hei├č anf├╝hlte richtete Kira sich vorsichtig auf. Vergessen war, dass sie sich ja versteckt hatte um nicht gefunden zu werden. Jetzt blitzen ihre Augen voller Emp├Ârung und mit lauter Stimme: ÔÇ×Sperrt mich ruhig ein. Komme ich eben ins
Gef├Ąngnis. Na und? Ist mir doch egal. Ich wei├č, dass ich nicht b├Âse bin. Der Opa wei├č es auch, nur Oma macht sich Sorgen, sch├╝ttelt immer fassungslos den KopfÔÇť. Kira
sch├╝ttelte sich jetzt auch. Die Angst lie├č nach, Trotz machte sich breit und sie wurde mutiger. Entschlossen stand sie auf und blickte direkt in die traurigsten Augen die Kira je bei ihrer Oma gesehen hatte.

Trotz und Mut verschwanden, als w├Ąren sie nie gewesen und nackte Angst ergriff von Kira Besitz. Um den traurigen Blicken ihrer Gro├čmutter auszuweichen senkte sie
verlegen und schuldbewusst den Kopf. Wo war das ber├╝hmte Mauseloch in das sie sich verkriechen konnte. Aber wahrscheinlich hatten die M├Ąuse gar keine L├Âcher, denn die kamen immer nachts in KiraÔÇÖs kleines Zimmer und nagten an den Bilderb├╝chern. Sie dachte pl├Âtzlich an den alten Kater, den der Opa ÔÇ×Ex K├Ânig FarukÔÇť getauft hatte, der war schon so alt und fett, dass er sogar Angst vor M├Ąusen hatte. Kira hatte ihn n├Ąmlich mal nachts mit in ihr Bett genommen. Doch als dann die M├Ąuse kamen, sprang OpaÔÇÖs Ex K├Ânig einfach aus dem offenen Fenster. Seitdem lie├č er sich auch nicht mehr
streicheln. Bl├Âder Kater, dachte Kira.
OmaÔÇÖs traurige, fasst tonlose Stimme riss sie aus ihren Gedanken. ÔÇ×Komm Kind, die Frau von der F├╝hrsorge ist da. Wir wollen sie nicht so lange warten lassenÔÇť.
Brav, den Blick auf den Boden gerichtet, mit Herzklopfen und Wackelpuddingbeinen, folgte Kira der Gro├čmutter in die K├╝che. Sie war traurig. Oma hatte sie noch nicht
einmal an die Hand genommen.
Als sie die K├╝che betraten, versteckte Kira sich hinter dem breiten R├╝cken ihrer
Gro├čmutter. Sie h├Ârte eine fremde Stimme fragen, ist das die Kleine?
Sie f├╝hlte die Hand ihrer Oma, als diese nach hinten griff und Kira energisch nach
vorne zog. ÔÇ×Ja, hier ist das Kind, das ist KiraÔÇť antwortete die Gro├čmutter. Kira h├Ârte die Tr├Ąnen in der Stimme ihrer Oma.
Etwas in der Stimme der fremden Tante lie├č Kira aufblicken und sie schaute forschend, aber auch etwas herausfordernd, die Frau an, die auf dem Stuhl ihres OpaÔÇÖs sa├č.
Sie sah eine gro├če, hagere Frau. Ihre grauen Haare, hatte sie streng nach hinten
gek├Ąmmt und zu einem dicken Dutt zusammengesteckt. Eine so dicke Hornbrille auf
einer so langen Nase, dachte Kira. Das graue Kost├╝m mit der wei├čen Bluse, sowie die abgenutzte Aktentasche auf den Knien der Fremden, erfasste Kira mit einem Blick.
Die ist gar nicht b├Âse, die tut nur so. Ihr war zumute, als ob sie einen Blick durch das graue Kost├╝m, durch die wei├če Bluse und direkt in das Herz der Frau geschaut h├Ątte. Sie atmete tief durch. Erleichtert ging sie auf die Fremde zu, gab ihr die Hand und machte einen Knicks. Die Frau versuchte Kira streng anzusehen, aber dann l├Ąchelte sie doch. Sie legte die Aktentasche auf den K├╝chentisch, hob Kira hoch, setzte sie auf ihren Scho├č und bat sie, ihr, einer Fremden die ganze Geschichte doch einmal zu erz├Ąhlen.
Die Geschichte, die ein ganzes Dorf, die Zeitungsleute aus der Kreisstadt, ja sogar die Polizei auf den Plan gerufen hatte.
Und Kira begann zu erz├Ąhlen und je mehr sie erz├Ąhlte, desto leichter wurde ihr Herz.



III
┬ę2003 by KW

Kira hatte sich im Kornfeld versteckt. Das Korn stand schon so hoch, dass man sie nicht sehen konnte. Wenn sie die Halme auseinander bog, konnte Kira den schmalen
Sandweg, der vom Dorf zum kleinen Friedhof f├╝hrte, gut sehen. Kira hatte sich diesen Platz ausgesucht, weil sie die Beerdigung der kleinen Schwester ihres Mitsch├╝lers sehen wollte. Kira liebte Beerdigungen. Die schwarzen Pferde mit dem silberfarbenen
Zaumzeug, der Trauerwagen, tiefschwarz, mit den sch├Ânen Holzschnitzereien. Die Menschen die ruhig und festlich, in schwarz gekleidet, hinter dem Wagen gingen. Das
Gemurmel, das neugierig machte und die vielen Blumen.
Anfangs ging Kira einfach zwischen den festlich, in schwarz gekleideten Dorfbewohnern mit auf den Friedhof. Aber in bunten Spielkleidern sollte man nicht auf den Friedhof
gehen, hatte der Pfarrer gesagt. Das schickt sich nicht. Jedenfalls nicht, wenn jemand zu Grabe getragen wurde. Dabei war der Pfarrer auch bunt angezogen. Aber nur der katholische, der evangelische nicht. Kira fragte sich immer, warum man bei
Beerdigungen Schwarz tragen sollte, Blumen waren doch auch nicht schwarz.
Kira wartete. Die Glocken haben noch nicht gel├Ąutet, dachte sie. Das dauert noch was.
Sie wusste dass bei Beerdigungen immer Glocken l├Ąuteten. So als wollten die sagen, nun beeilt euch mal ein bisschen, wir gehen jetzt.
Kira war sehr viel allein, fast immer allein, aber jetzt w├╝nschte sie sich, dass jemand bei ihr w├Ąre. Ich habe keine Angst, ├╝berhaupt keine Angst, dachte sie. Doch sie wusste, dass es nicht stimmte. Sollte sie nicht doch besser nach Hause gehen, der Gedanke war da, doch die Neugier und das Geschehen der letzten Tage verboten es ihr.
Sie setzte sich im Schneidersitz auf den feuchten schweren Lehmboden, st├╝tzte ihren Kopf mit den H├Ąnden ab und ├╝berlegte, was in den vergangenen Tagen denn nun
wirklich geschehen war.
Etwas ist anders geworden, ich rieche es. Etwas, dass ich sp├╝re und dass mich sehr
traurig macht.

*

An jenem Tag, als der Lehrer von dem Ungl├╝cksfall des kleinen M├Ądchens erz├Ąhlte, stand Kira in den Pausen allein auf dem Schulhof. Sie war es gew├Âhnt allein zwischen den anderen Kindern zu stehen, aber jetzt stand sie au├čerhalb. Es war, als ob eine
unsichtbare Mauer, sie von den Anderen trennte.


Die Mitteilung des Lehrers war kurz und teilnahmslos gewesen. Seine Stimme hatte sich nicht ver├Ąndert. In Kira's Ohren war zwischen ÔÇ×Guten Morgen, Kinder und ÔÇ×ich habe euch die traurige Mitteilung, zu machenÔÇť kein Unterschied. F├╝r sie klang es wie eine ganz normale Mitteilung, eine Erkl├Ąrung daf├╝r, warum der Mitsch├╝ler die n├Ąchsten
Tage nicht zum Unterricht kommen w├╝rde. Auch die Worte, ÔÇ×wer wolle, k├Ânne mit auf die Beerdigung gehen,ÔÇť klang f├╝r Kira, als ob der Lehrer sagte, deine Hausaufgabe hat eine 5 verdient. Nein! Sie mochte diesen Lehrer ├╝berhaupt nicht.
Aber auch ihre Klassenkameraden zeigten keinerlei Gef├╝hle. Sie brannten darauf, alle Einzelheiten des Ungl├╝cks haargenau zu erfahren.
Wie hei├č das Wasser gewesen ist? Wie alt das M├Ądchen war? Wo der Vater? Wo die Mutter? Wo der Sch├╝ler? Wie gro├č die Wanne gewesen ist? Wie konnte so ein kleines M├Ądchen, in so eine hohe Wanne fallen? Das niemand die Schreie geh├Ârt hat? Und noch viele andere Fragen.
Der Lehrer unterbrach die Flut der Fragen kurz und b├╝ndig. ÔÇ×Einzelheiten sind nicht bekannt, Schluss jetztÔÇť.
Kira dachte die ganze Zeit daran, das keiner den Namen des Mitsch├╝lers aussprach und auch seine Schwester keinen Namen hatte. Sie wusste auch nicht den Namen des kleinen M├Ądchens und sie war traurig dar├╝ber. Das Wort Tod machte Kira immer traurig. Egal wer tot war. Kira dachte an das Karnickel, das sie das ganze Jahr f├╝tterte, das von ihr einen Namen bekam und das dann zu Weihnachten geschlachtet wurde. Jedes neue Karnickel erinnerte sie an Weihnachten. Wenn der Opa Zwei hatte, dann dachte sie auch an Ostern. Kira f├╝tterte die Karnickel immer traurig, aber die hatten alle einen Namen.


Kira sp├╝rte die Blicke der anderen Kinder, die in Gruppen auf dem Schulhof standen und heftig aufeinander einredeten. Normalerweise stand sie auch in einer
M├Ądchengruppe ihres Alters, aber heute stand sie abseits. Sonst hatte man die
Anwesenheit von Kira stillschweigend akzeptiert, jetzt schickte man sie fort. Man wollte sie nicht in der N├Ąhe haben. Kira war verunsichert und ratlos. Sie stellte sich in eine Ecke des Schulhofes und schaute sehns├╝chtig zu den anderen Kindern. Sie h├Ątte gern gewusst, was sie so redeten. Sie bemerkte, das die Jungen sehr viel lauter sprachen, als die M├Ądchen. Die tuschelten geheimnisvoll und leise. Kira sp├╝rte die Blicke k├Ârperlich, die man ihr zuwarf. Doch es waren keine freundlichen Blicke und sie fragte sich,
warum? Tr├Ąnen kullerten von ganz allein die Wangen herunter und Kira sp├╝rte den Salzgeschmack auf ihrer Zunge, wenn sie eine dieser Tr├Ąnen mit der Zunge erreichte. Ungl├╝cklich, schuldig und unsagbar allein f├╝hlte sie sich. Es war ihr zumute, als ob man eine unsichtbare Mauer um sie errichtet h├Ątte. Eine Mauer, die auch der Lehrer sehen musste, denn er ging an Kira einfach vorbei, ohne sie anzuschauen. Der Gedanke an ihren Opa kam. Ja, den musste sie fragen. Der w├╝rde ihr auch sagen, was sie denn b├Âses getan hatte. Opa hilft mir, dachte sie, wenn er nicht b├Âse auf mich ist. Die Tr├Ąnen
wurden weniger, aber ihr Herz weinte weiter.
Was Kira nicht wusste, war, an der unsichtbaren Mauer wurde noch gebaut. Die Steine daf├╝r lagen schon griffbereit.

*

Die Glocken hatten noch nicht begonnen zu l├Ąuten. Kira machte es sich im Kornfeld
bequem, sie legte sich auf den R├╝cken und schaute den Sch├Ąfchenwolken zu. Sie
versuchte herauszufinden, was die Wolken so auf dem Himmel malten. Tiere Berge
Seen, B├Ąume und manchmal sogar Gesichter. Kira hatte auch schon bekannte Gesichter gesehen. Meistens an der Nase. Das ist bestimmt ein gro├čer B├Ąr und jetzt kommt ein Wal, dachte sie. Kira fiel die Geschichte von "Robby und Robbin" ein. Es war ihr
Lieblingsbuch. Sie kannte die Geschichte auswendig, aber der Opa musste sie ihr jeden Tag neu vorlesen. Wenn Opa das speckige, abgegriffene, fleckige alte Buch aus der Schublade nahm, wusste Kira, jetzt darf ich auf seinen Scho├č, darf meine Wange an
seinen rauen Bartstoppeln reiben, bis meine Wangen feuerrot und ganz warm sind. Manchmal rieb sie ihre Wangen so lange, das diese vor Schmerzen regelrecht brannten. Dann aber holte sie tief Luft und nahm den Geruch der Geborgenheit auf. Wermut, Knoblauch, kalter Tabak und Zahlf├Ąulnis.
Wenn ich Gl├╝ck habe dachte Kira, dann malen die Wolken auch Robby und Robbin, oder der Wal wird sich ver├Ąndern. Vielleicht wird dann eine Robbe daraus.

Kira h├Ârte Wagenr├Ąder. Erstaunt erhob sie sich und sp├Ąte durch die Halme, die sie
vorsichtig auseinander schob. Ach so, dachte sie, ist ja nur ein Bauer mit dem
Leiterwagen. Glocken hatte sie noch keine geh├Ârt. Sie versuchte zu erkennen, welcher Bauer es war. Sie kannte alle Bauern des Dorfes. Deshalb wusste sie auch, welche Felder, zu welchen Bauern geh├Ârten.

Diesen Bauern auf dem Leiterwagen kannte Kira aber nicht. Auch hatte sie noch nie
einen Bauern im schwarzen Anzug gesehen. Als der Wagen mit dem braunen Pferd sich n├Ąherte, erkannte Kira in der Mitte der drei erwachsenen Personen ihren
Schulkameraden. Kira war ├╝berrascht ihn zu sehen. Heute war doch die Beerdigung. Sie wartete doch schon auf die schwarzen Pferde. Die Glocken hatten auch nicht
gel├Ąutet. Ihr Mitsch├╝ler war noch nicht einmal festlich gekleidet. Die Kleidung der drei Personen war nicht bunt, aber sie waren auch nicht schwarz wie Kira erkennen konnte. Ob das seine Eltern sind, fragte sie sich. Jetzt sah sie auch die kleine helle Holzkiste, die auf dem Leiterwagen stand. Sie sah die blanken N├Ągel in der Sonne blitzen. Kira schloss schnell ihre Augen. Ich habe zu lange in der Sonne gelegen, schoss es ihr durch den Kopf. Sie hatte sehr oft schwarze Punkte oder schwarze Fischchen vor den Augen. Die bewegten sich so schnell das es ihr nie gelang, mit den Gedanken eines zu fangen. Erst wenn sie die Augen fest zumachte und dann ganz langsam und vorsichtig ├Âffnete,
verschwanden die Fischchen. Ganz rund waren sie nicht. Eher l├Ąnglich rund und schnell. Wie die Fische im Zoo, die Kira gesehen hatte. In dem kleinen Bassin mit der Glasscheibe, durch die man die kleinen Fische sehen konnte, wie sie schnell hin und her und kreuz und quer schwammen.
Kira wagte es nicht ihre Augen zu ├Âffnen. Sie h├Ârte wie der Leiterwagen an ihr vorbei fuhr. Sie konnte das Pferd riechen. H├Ârte ganz leises Gemurmel und wartete darauf, dass der Pferdewagen an der wei├čen Friedhofsmauer zum stehen kam.
Als es still war, stand Kira vorsichtig auf und blinzelte. Dann machte die Augen ganz weit auf und schaute auf den Leiterwagen und auf das braune Pferd. Sie sah, wie der
eine Mann die winzig kleine Holzkiste von Wagen hob. Das ist bestimmt der Vater, dachte Kira und in der Kiste ist das kleine Baby. Kira zitterte vor K├Ąlte als sie sah, wie der andere Mann zwei Schaufeln vom Wagen holte und alle Vier auf den Friedhof
gingen.
In Kira stieg ein Gef├╝hl auf, das sie erzittern lie├č und sie w├╝nschte, sie w├Ąre an der
Stelle des toten Babys.
Jetzt begann sie zu verstehen, zwar noch nicht ganz richtig, aber in ihrem Kopf entstand ein Bild. Ein Bild, dass sie niemals vergessen sollte.


IV
┬ę2003 by KW

Kira betrat an der Hand ihres neuen Schuldirektors, die neue Klasse, in der neuen Schule. Jetzt war sie also in einer gro├čen Stadt. Gro├čstadt, sagte die fremde Frau. Man hatte sie einfach weggeschickt. Man wollte sie nicht mehr haben. Oma und Opa hatten sie nicht mehr lieb.
Ihr war ganz schlecht vor Angst. Der Magen tat ihr weh. Der Kopf schmerzte. Sie sp├╝rte das Pochen hinter den Schl├Ąfen. Sch├Ąmte sich, weil ihre Hand in der Hand des Direktors nass wie ein Waschlappen war. Ihre Beine zitterten. Jetzt sterbe ich, wie ein Aufblitzen kam ihr der Gedanke. So ist es also, wenn man stirbt. Panik ├╝berfiel sie und verzweifelt rang nach Luft. Sie h├Ârte in der Ferne eine fremde Stimme, aber sie nahm nicht wahr, dass diese Stimme zu ihr sprach. Ihre Augen, weit aufgerissen, suchten nach einen Fluchtweg. Die Hand, die ihre Hand hielt, wurde kr├Ąftiger, so als wollte sie Kira sagen, du bist gefangen, wehre dich nicht, es hat keinen Zweck.
Es hat keinen Zweck. Es hat keinen Zweck, wie eine Melodie tanzten diese Worte durch ihren Kopf. Es hat keinen Zweck. Kira sackte in sich zusammen und sie lie├č mutlos den Kopf h├Ąngen. Jetzt nahm sie auch die Stimmen wahr und verstand, dass man ├╝ber sie sprach. Sie schloss ihre Augen und versuchte die Atmosph├Ąre zu sp├╝ren. Das tat Kira ├Âfters. Wenn sie sich in die Enge getrieben f├╝hlte, schloss sie einfach nur ihre Augen und f├╝hlte. Wie die K├Ąfer mit den F├╝hlern, die sie so oft beobachtete. Hatten diese F├╝hler ein Hindernis wahrgenommen, verweilten sie kurz, um zu ├╝berlegen, was sie jetzt machen sollten. Hatten sie sich entschieden, dann kletterten sie entweder ├╝ber den kleinen Zweig, oder sie gingen um ihn herum. Schnitt Kira ihnen dann mit einem anderen Zweig oder Blatt den Weg ab, versuchten sie es mit einem Umweg. Manchmal zogen sie sich auch, indem sie r├╝ckw├Ąrts gingen, aus der vermeintlichen Gefahr. Meistens jedoch nahm Kira das Hindernis vorher weg. Dann freute sie sich, wenn sie sah, dass der K├Ąfer schnell weglief. Manchmal hatte sie das Gef├╝hl, sie sei der K├Ąfer. Sie sp├╝rte direkt die Anstrengung auf der Suche nach einem Ausweg, eine unaussprechliche Erleichterung, wenn die Hindernisse aus dem Weg ger├Ąumt waren. Kira war erstaunt, das sie manchmal sogar ein tonloses danke in ihrem Herzen h├Ârte. Dann sagte Kira laut zu dem K├Ąfer, gern geschehen und noch viel Spa├č.
Das Sprechen zu den Tieren, B├Ąumen, Blumen, Wolken, der Sonne und dem Mond, den Sternen, die sie vergeblich versuchte zu z├Ąhlen, war f├╝r Kira selbstverst├Ąndlich. Es war ganz einfach so. Sie hatte beobachtet, dass die Erwachsenen nur den Kopf sch├╝ttelten, oder verst├Ąndnislos l├Ąchelten, wenn Kira laut und doch allein, mit sich sprach Wenn man sie nach dem, warum, fragte, dann sagte sie nur, wei├č nicht.
Sie wusste es wirklich nicht.

Mit geschlossenen Augen an der Hand des neuen Direktors nahm Kira das Gef├╝hl auf, das um sie herum entstanden war. Neugier, Absch├Ątzung, Verachtung und Desinteresse.
Aber da war auch ein neues Gef├╝hl. Kira versuchte es einzuordnen, aber sie kannte es nicht. Was kann das sein, fragte sie sich und ├Âffnete vorsichtig ihre Augen. Sie schaute sich in ihrer neuen Klasse um, sah in fremde M├Ądchengesichter. Suchte nach Jungen, stellte fest es waren keine Jungen da. Suchte nach den Holzb├Ąnken mit den angeschraubten Schreibpulten, stellte wieder fest es waren keine da. Ihr Blick fiel auf die gro├čen Fenster, die eine ganze Seite des lang gestreckten hohen Klassenzimmers
einnahmen. Es waren vier, wie sie feststellte. Kira war sprachlos, denn die Fenster
waren so gro├č, wie das ganze Klassenzimmer in der Dorfschule, und so hoch. Kira schaute nach oben zur Decke. Nie zuvor kam sie sich so klein vor. So gro├č ist die Schule, dachte Kira. Mein Gott, so gro├č und so viele M├Ądchen. Sie hatte noch nie so viele, gleichaltrige M├Ądchen, auf einmal gesehen.


Kira dachte an ihren ersten Schultag in der Dorfschule. Da hatte sie auch Angst, aber die Oma hatte ihr eine gro├če spitze bunte Pappt├╝te geschenkt, die voller S├╝├čigkeiten war. Sie hatte die Oma ganz erstaunt und ungl├Ąubig angeschaut. Sonst bekam sie nur zu Ostern oder Weihnachten S├╝├čes zum Naschen. Ach ja, beinahe h├Ątte sie noch den
Nikolaus und ihren Geburtstag vergessen, aber da gab es ja auch nicht so viel. Diese
gro├če Schult├╝te, das war ein Wunder. Doch dann sah sie vor der Schule noch einige Kinder stehen, die auch eine Wundert├╝te hatten. Das gro├če Wunder wurde etwas
kleiner, denn die anderen waren sogar noch gr├Â├čer und bunter, als ihre eigene, das
hatte sie sofort gesehen. Aber Kira war deshalb nicht traurig, S├╝├čigkeiten hatten Kira noch nie traurig gemacht.
Kira kannte alle Kinder im Dorf vom sehen. Sie wusste wo sie wohnten, welche
Geschwister hatten, welcher Hof gro├č und welche Bauernh├Âfe klein waren. Auch an den Wundert├╝ten konnte Kira das erkennen, aber das galt ja nicht. Sie wusste schon,
kleinere Schult├╝ten konnte auch was mit Geschwister zu tun haben. So wie mit den Kleidern, die Oma bis sp├Ąt in die Nacht hinein f├╝r die Kinder ├Ąndern musste. Passend machen, nannte Oma das. Manchmal waren die Kleider aber schon zu alt, um passend gemacht zu werden, dann trennte die Oma die Kleider auf und verwahrte die guten Stoffreste im Schrank. Wenn sie genug beisammen hatte, n├Ąhte die Oma f├╝r Kira ein neues Kleidchen. Jetzt wo du in die Schule gehst, sagte die Oma, musst du besonders gut auf die Kleider aufpassen. Kira versprach es, aber was die Schule mit den neuen
Kleidchen zu tun hatte, verstand sie nicht.

Kira bemerkte an der Hand ihrer Oma den Jungen der Abseits stand. Er war allein. Kein Erwachsener stand bei ihm. Er war klein und zierlich, fast zu d├╝nn f├╝r einen
Jungen, fand Kira. Jedenfalls waren alle Jungen die Kira kannte st├Ąmmig und gro├č.
Seine Haare waren l├Ąnger als die der anderen Jungen und fast schwarz. Seine Haut war dunkler und in den gro├čen braunen Augen war so etwas wie Stolz zu erkennen. Kira hatte so einen Blick schon bei Opa gesehen, aber der hatte keine braunen Augen. In braunen Augen sah Stolz viel weicher aus, fand sie. Seine Kleider waren sauber aber alt und d├╝nn, fast so wie meine dachte Kira und sie f├╝hlte sich sofort zu ihm hingezogen. Sie hatte den Jungen zwar schon mal gesehen, auch wusste sie, das er au├čerhalb des Dorfes in einem kleinen H├Ąuschen wohnte, aber mehr wusste sie nicht. Die Oma und auch der Opa hatten ihr verboten, sich so weit vom Dorf zu entfernen. Das Verbot kam ihr ├╝berfl├╝ssig vor, denn es war f├╝r sie ja sowieso zu weit und dann war da ja noch das Moor. Der Opa hatte ihr viele spannende Geschichten ├╝ber das Moor erz├Ąhlt. ├ťber Geister, Gespenster, Trolle und b├Âse Gestalten, die kleine M├Ądchen vom trockenen Weg abbringen und die dann vom Moor in die Tiefe gezogen wurden. Als Kira daraufhin den Opa ungl├Ąubig angeblickt hatte, sagte er nur, das man jedes Jahr einige Tote aus dem Moor herausgeholt hat. Immer, wenn Kira an das Moor dachte, gruselte ihr. Jetzt sah den Jungen, der sogar am Rand des Moores wohnte. Ob der sich auch f├╝rchtet, fragte sie sich, aber seine Augen waren furchtlos. Warum hat der Junge keine Wundert├╝te, fragte Kira die Oma. Kein Geld, antwortete die Oma kurz. Kira wollte noch mehr
fragen, aber sie wusste, die Oma hatte es nicht gern, wenn sie Fragen stellte. Sie schwieg und schaute sich um. Die Erwachsen standen mit ihren Kindern dicht beisammen und unterhielten sich angeregt. Die Kinder tollten teilweise ├╝berm├╝tig herum. Kira stand mit der Oma allein. Die Oma schweigsam und sie ver├Ąngstigt. Kira schaute auf den allein stehenden Jungen der keine Wundert├╝te hatte. Blickte an ihrer Oma hoch. L├Âste sich aus der sch├╝tzenden Hand. Ging auf den Jungen zu und hielt ihm die offene
Wundert├╝te hin. Hier nimm dir was, sagte sie. Der Junge schaute sie an und sie schaute fest zur├╝ck. Nimm, wiederholte sie und der Junge nahm z├Âgernd das kleinste St├╝ck Schokolade, das er f├╝hlen konnte. Mehr, sagte Kira und er griff noch einmal in die T├╝te und nahm sich ein gr├Â├čeres St├╝ck aus KiraÔÇÖs bunter Wundert├╝te. Kira drehte sich um, ging zu ihrer Oma und ihre kleine Hand suchte die gro├če, raue, warme, sch├╝tzende Hand. Die Oma strich ihr ├╝ber das Haar, aber sagte kein Wort.
Auf dem Schulhof war es pl├Âtzlich so still geworden, dass Kira unruhig wurde. Die Erwachsen schauten fassungslos und entsetzt erst auf sie und dann auf die Oma. Die Kinder hatten mit dem Herumtollen aufgeh├Ârt und schauten starr, wie vom Blitz
getroffen, auf Kira. Die Erwachsen riefen ihre Kinder zu sich. Kira h├Ârte jetzt laute
Gespr├Ąchsfetzen. Sie sah, das die M├╝tter auf ihre Kinder einredeten. Zwischendurch warfen sie immer erneut pr├╝fende Blicke auf die Oma und sie. Kira wusste instinktiv, sie hatte einen sehr, sehr gro├čen Fehler gemacht. Da half auch die Hand von Oma nicht, als diese ihr abermals ├╝ber das Haar strich.
Jetzt fiel ihr ein, dass der Junge noch nicht einmal danke gesagt hatte.

*

Der Schuldirektor der M├Ądchenschule in der Gro├čstadt, stellte Kira der Klasse und ihrem neuen Lehrer vor. Kira kannte nur alte Lehrer, aber dieser war gar nicht so alt. Sie h├Ârte eine warme Stimme. Auch seine Hand war warm, als er ihre Hand nahm und sie willkommen hie├č. Kira schaute in seine Augen. Sie wusste, das war ein guter Lehrer. Sie machte einen Knicks. Die anderen M├Ądchen begannen zu kichern und Kira wurde rot. Macht man in der Stadt keinen Knicks, dachte sie und schaute erneut in die Augen des Lehrers. Wieder ├╝berkam sie dieses neue Gef├╝hl. Das hat etwas mit dem Lehrer zu tun, ├╝berlegte sie, aber was? Sie f├╝rchtete sich vor dem neuen Gef├╝hl, vor dem gro├čen Klassenraum und vor den vielen M├Ądchen. Ihre Augen suchten den Blick ihres neuen Klassenlehrers, und in diesen Augen las sie, ich verstehe dich Kind. Dieser Lehrer
versteht mich, dachte Kira. Er lacht mich nicht aus. Erleichtert, als ob man ihr eine schwere Last abgenommen h├Ątte, richtete Kira sich jetzt auf, atmete tief durch und sie l├Ąchelte zaghaft.
Der Lehrer begleitete Kira zu einem Stuhl in der ersten Reihe und sagte das dieser Stuhl von nun an ihr Stuhl sei. Kira setzte sich verlegen und scheu darauf. Die B├Ąnke in der alten Schule waren niedriger. Sie lie├č ihre Beine in der Luft baumeln.

Es ert├Ânte eine Klingel und Kira erschrak. Pause, sagte der Lehrer und die M├Ądchen st├╝rmten laut kichernd aus dem Klassenzimmer. Kira blieb auf ihrem Stuhl sitzen und ├╝berlegte, was sie tun sollte. Sie sah hilflos auf ihren neuen Lehrer. Freundlich l├Ąchelnd kam er auf Kira zu, komm, sagte er und nahm ihre Hand. Das Klassenzimmer war im zweiten Stock der Schule und Kira ging an der Hand ihres Lehrers die breite
ausgetretene Treppe hinunter. Gemeinsam betraten sie den Schulhof. Mit einem
L├Ącheln lies er KiraÔÇÖs Hand los und entfernte sich.
Kira sah dem Lehrer ├Ąngstlich nach und jetzt merkte sie wieder ihre Bauchschmerzen. Ihre Hand tastete nach dem Schl├╝ssel, der um ihren Hals hing, als k├Ânnte der ihr helfen.
Aber der Schl├╝ssel erinnerte sie nur an ihr neues Zuhause. Kira sah sich vorsichtig um. Alles war so gro├č und Furcht einfl├Â├čend. So viele M├Ądchen. So sch├Âne Kleider. So
sch├Âne M├Ądchen. Sie sah fremde Frisuren und M├Ądchen mit Farbe im Gesicht. Aber alle waren wundersch├Ân. Kira kam sich ganz h├Ąsslich vor. Sie ging langsam auf die Ecke der Schulhofsmauer zu und vom Schutz der Mauer aus, beobachtete sie die vielen M├Ądchen. Sie standen in Gruppen und sprachen mit H├Ąnden und F├╝ssen wie Kira feststellte, dazu kicherten und lachten die M├Ądchen in allen Tonlagen. Albern wie Kira fand und h├Ątte doch zu gerne gewusst, wor├╝ber die M├Ądchen in der Gro├čstadt so kicherten. Als es
klingelte ging sie zu dem neuen Lehrer und gemeinsam gingen sie zur├╝ck in den
Klassenraum. Sie setzte sich auf ihren Stuhl, aber ganz vorn auf die Kante, damit ihre Beine den Boden ber├╝hren konnten. Sogar St├╝hle sind in der Gro├čstadt h├Âher dachte sie dabei.
Kira versuchte dem Unterricht zu folgen, aber das war unm├Âglich. Sie verstand gar nichts und es wurde ihr langweilig. Sie hasste es, still auf einem Stuhl sitzen zu m├╝ssen und so schaute sie aus dem gro├čen Fenster. Sie beobachtete die Taube, die auf dem Fenstersims hin und her lief und dabei gurrte. Und KiraÔÇÖs Gedanken verlie├čen die Gro├čstadt und kehrten zur├╝ck in das kleine Dorf zu ihrer Oma und zu ihrem Opa.


V
┬ę2003 by KW

Kira hatte ihren ersten Schultag ├╝berstanden. Sie war auf dem Heimweg und hatte f├╝r sich eine Entscheidung getroffen. Schule? Nein!
Es waren nur zwei Stunden gewesen, die Kira im Klassenzimmer der kleinen Dorfschule verbracht hatte. Aber die hatten ihr vollkommen gereicht.
ÔÇ×NeinÔÇť, sagte Kira jetzt laut. ÔÇ×Schule ist doofÔÇť.
Die Wundert├╝te kann Oma zur├╝ck haben, beschloss sie. Die ist noch fast neu. Es fehlen ja nur die beiden St├╝cke, die sie dem Jungen gegeben hatte. Oma hatte es ja auch
gesehen. Kira selbst hatte noch nicht einmal von den S├╝├čigkeiten genascht. Es fiel ihr zwar sehr schwer, aber S├╝├čigkeiten f├╝r Schule? Nein!

Kira dachte daran, wie sie und Oma vor Beginn der Schulstunde, von den
Dorfbewohnern gemustert wurden. Dachte an ihren Fehler, aber auch an die Freude. Es hatte ihr Freude gemacht, ihre S├╝├čigkeiten mit Milan zu teilen. Das der Junge Milan hie├č wusste sie jetzt. Denn der Lehrer hatte jeden neuen Sch├╝ler nach seinem Namen
gefragt.
Kira fand den Namen Milan wundersch├Ân. Er klang so fremd, so geheimnisvoll.
Sie liebte Geheimnisse ├╝ber alles.

Vom Sehen kannte Kira ihren neuen Klassenlehrer bereits. Sie hatte ihn oft in der
kleinen katholischen Kapelle gesehen, wo er an der kleinen Orgel sa├č und die
Kirchenlieder begleitete. Kira ging oft in die kleine Kapelle zur Messe. Anne musste
immer in die Messe gehen. Anne musste auch immer zur Beichte gehen. Im Fr├╝hjahr h├Ârte Kira schon die Stimmen von Anne und ihren Gro├čeltern, wenn sie sich ganz fr├╝h anzogen, um zur Messe zu gehen. Sie waren dabei sehr laut. Manchmal knallten sie auch die T├╝ren, so das Kira oft aus dem Schlaf gerissen wurde, erschreckt den Kopf hob und angespannt lauschte. Sie f├╝rchtete sich vor lauten Ger├Ąuschen.
Die Gro├čeltern von Anne wohnen auch in der umgebauten Scheune. Zwei Zimmer
hatten sie und die lagen direkt gegen├╝ber von Oma und Opa. Der Opa hatte auch zwei Zimmer und ein ganz kleines, in dem sie jetzt schlief. Wenn Kira morgens still im Bett lag, konnte sie die Schweine im Stroh rascheln h├Âren. Sie mochte die Schweine sehr, vor allem die kleinen Ferkelchen. Doch Wand an Wand mit ihnen wohnen, das mochte sie ├╝berhaupt nicht. Es stank immer so, vor allem wenn es drau├čen hei├č war. Und dann war noch das Plumpsklo. Sie hasste es so sehr, das sie sich weigerte es zu benutzen. Da waren immer so viele Spinnen. Sie hatte Angst vor Spinnen. Die Spinnen wussten das nat├╝rlich nicht, wenn sie an ihren d├╝nnen F├Ąden, auf Kira's Kopf krabbelten. An die M├Ąuse hatte Kira sich sehr schnell gew├Âhnt. Der Opa hatte versucht die L├Âcher in den Dielenbrettern zu schlie├čen, aber schnell hatten die M├Ąuse neue L├Âcher gemacht. Sie lag dann ganz still in ihrem Bett und h├Ârte das knabbern. Kira hatte am Anfang versucht, Ex K├Ânig Faruk mit in ihr Bett zu nehmen, wegen der M├Ąuse. Doch Faruk fauchte nur, als er eine Maus sah und suchte sein Heil durch das offene Fenster. Sie hatte Opa
gefragt, warum Faruk keine M├Ąuse fing, er war schlie├člich ein Kater. Doch der Opa sagte was von zu alt. Kira glaubte dem Opa nicht, denn Faruk verschwand im Jahr f├╝r mehrere Wochen und kam dann verletzt und mager wieder. Wenn sie Oma fragte
warum Faruk so m├╝de, verletzt und mager vor dem Kohlenofen lag, dann sagte sie nur, es ist halt seine Zeit. Als Kira fragte, was f├╝r eine Zeit, bekam sie darauf keine Antwort. Anne war oft wochenlang bei ihren Gro├čeltern. Sie war ein Jahr ├Ąlter als Kira.
Manchmal, wenn Anne Lust hatte, spielte sie mit Kira, aber meistens hatte Anne keine Lust. Fr├╝hmesse mochte Kira nicht, denn dann war sie immer wach, aber es gab auch Wochen, da ging Anne zur Sp├Ątmesse. Kira wunderte sich sehr dar├╝ber, denn sie ging nur am Heiligenabend sp├Ąt mit der Oma in die Kirche, die mit dem spitzen Turm. Die kleine Kapelle hatte keinen Turm und keine Turmuhr. Auch keine Glocken, das wusste sie.
Kira musste nicht in die Messe gehen. Dar├╝ber war sie sehr froh. Aufstehen war f├╝r sie so wieso eine Strafe, denn das warme Bett zu verlassen, dass abends immer so lange brauchte, um warm zu werden, war jedes Mal eine Qual f├╝r sie. Auch wenn Opa einen hei├čen, in Zeitungspapier eingewickelten Ziegelstein, schon Stunden vorher unter ihre klamme Bettdecke legte, hasste Kira es, abends ins Bett gehen zu m├╝ssen. Aber noch mehr hasste sie es, morgens aufzustehen. Der Gedanke jetzt jeden Morgen fr├╝h
aufstehen zu m├╝ssen, nur wegen der Schule unterst├╝tzte ihren Entschluss gewaltig, Schule? Nein!

Anne ging auch jeden Sonntag um zwei Uhr in die Messe und das waren die Tage, an denen Kira sie manchmal begleitete. Kira mochte die Messe eigentlich nicht, aber sie liebte den Geruch von Weihrauch. Am Besten war es, wenn sie ganz vorn sa├č, gleich hinter den Schwestern, die bekamen den meisten Weihrauch.
Kira mochte den Lehrer, der an der Orgel sa├č, ├╝berhaupt nicht. Er hatte kalte Augen. Sein Mund war d├╝nn und verkniffen, die Haut wei├č und mit roten Pickeln ├╝bers├Ąt. Die d├╝nnen, im Nacken kurz rasierten, dick mit Pomade gek├Ąmmten, roten Haare sahen str├Ąhnig aus. Immer, wenn Kira mit Anne die Kirche betrat, schaute der Lehrer sie, durch seine dicken Brillengl├Ąser, jedes Mal so komisch an. Doch wenn der Pfarrer sie anl├Ąchelte, schaute der Lehrer schnell auf die Tasten. Kira konnte nicht sagen, ob der Lehrer jetzt gro├č oder klein war, er war einfach unscheinbar. Dieses Wort liebte Kira, der Opa hatte ihr gesagt, das hei├čt in etwa so viel, wie fast unsichtbar. Kira w├╝nschte sich diesen Lehrer in der Kapelle oft unsichtbar, denn dann brauchte sie nicht auf die kurzen dicken Finger zu schauen, wenn er an der Orgel sa├č.
Aber spielen konnte er. Kira mochte Orgelmusik.
Kira schauderte bei dem Gedanken, diesen Mann mit Herrn Welter ansprechen zu
m├╝ssen und sie beschloss, nur Herr Lehrer zu sagen. Er war ihr neuer Klassenlehrer.


VI
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Kira schreckte aus ihren Gedanken hoch. Verwirrt schaute sie sich um. Ach ja, sie war ja jetzt in einer Gro├čstadt. Hatte sie nicht gerade ihren Namen geh├Ârt? Sie schaute auf ihren neuen Lehrer und sah das er l├Ąchelte. Gott sei Dank, dachte Kira. Ihre Augen suchten den Schreibpult des Lehrers ab. Er ist nicht da? Sie schaute auf die Aktentasche die neben dem Pult stand. Auch nicht da? Kira konnte ihn nicht sehen. Unsicher schaute sie auf den Lehrer. Auf seine Frage, was sie denn suchen w├╝rde, sagte Kira, den Rohrstock nat├╝rlich.
Die Klasse br├╝llte vor Lachen und KiraÔÇÖs Kopf lief feuerrot an. Sie sch├Ąmte sich. So
mutig war sie in der Dorfschule nie gewesen. Aber dieser Lehrer hatte gel├Ąchelt und da war es doch ganz normal, wenn man nach dem Rohrstock fragt. Verlegen senkte sie den Blick. Warum mache ich immer alles falsch, dachte sie. Auf dem Dorf hatte man sie
verachtet, nicht beachtet und jetzt? Jetzt lachte man sie aus! Warum lieber Gott, bitte, bitte, warum?
Sie sp├╝rte wie die Tr├Ąnen die Wangen herunterliefen. Erst waren es nur wenige, doch dann kamen immer mehr. Als sie von einem heftigen Weinkrampf gesch├╝ttelt wurde, sch├Ąmte sie sich noch mehr. Aber sie konnte einfach nicht mehr aufh├Âren.
Kira merkte nicht, dass der Lehrer neben sie getreten war, sp├╝rte nicht seine Hand auf ihrer Schulter und h├Ârte nicht, dass der Lehrer die Klasse zur Ordnung rief.
Erst als er ihre Hand nahm, sie hinaus auf den langen gro├čen Flur f├╝hrte und behutsam auf sie einsprach, beruhigte sie sich langsam. Es war f├╝r sie auch kein Trost, zu wissen, dass es in der jetzigen Schule keinen Rohrstock geben w├╝rde. Die Tr├Ąnen und das leise wimmern konnte ihr auch der Lehrer nicht nehmen.
So wurde Kira, an ihrem ersten Schultag in der Gro├čstadt, fr├╝her nach Hause
geschickt.
Auf dem Heimweg sp├╝rte Kira eine ihr unbekannte K├Ąlte in sich. Sie fror trotz des
warmen Sp├Ątsommertages. Sie f├╝hlte, dass etwas in ihr zerbrochen war. Es ist kaputt!
Es ist nicht mehr da! Angst ├╝berkam sie.
Das Gef├╝hl von Geborgenheit, Vertrauen und Sicherheit war verschwunden.

Kira wusste nicht, dass mit den Tr├Ąnen die alte Kira gestorben war, doch gleichzeitig auch eine neue Kira geboren wurde.
Sie hatte f├╝r immer die Welt der Kindheit verlassen und war still und unbemerkt in die Welt der Erwachsenen eingetreten.

Als sie mit dem Schl├╝ssel, der um ihren Hals hing, die Wohnungst├╝r aufschloss, merkte sie, das die fremde Frau noch nicht da war. F├╝r Kira war sie eine fremde Frau, obwohl die Oma ihr gesagt hatte, dass das ihre Mutter sei. Aber sie konnte das nicht glauben. Auch als die Oma ihr sagte, das Kira ihre Mutter schon einmal gesehen hatte, als sie noch viel kleiner war, Kira war misstrauisch.
Sie machte sich in der K├╝che ihr Essen warm, so wie man es ihr gezeigt hatte. Aber
essen konnte sie nicht. So sa├č sie in der K├╝che vor ihrem vollen Teller und dachte
wieder an das kleine Dorf. An Oma und Opa und an das B├Âse, dass sie getan hatte. Denn es war das B├Âse, die Strafe, dass Kira jetzt in der Gro├čstadt bei einer fremden Frau war.



VII
ã2003 by KW


Kurz nach dem tragischen Tod von Milans kleiner zweij├Ąhrigen Schwester, die in eine Wanne mit kochendem Wasser gefallen war, sprach das ganze Dorf von Kindesmord.
Die Bauern waren sich einig, was selten vorkam, aber jetzt waren sie es. Die eine H├Ąlfte fand, die Mutter war es, die anderen hielten den Vater f├╝r den M├Ârder. Auch die
├Ârtliche Tageszeitung machte das kleine Dorf, durch ihre Schlagzeilen, ber├╝hmt.
Die Polizei machte kurzen Prozess, sie nahm Milans Eltern in Untersuchungshaft und Milan wurde weggebracht.

*
Kira wusste, dass man Milan und seine Familie als Zigeuner bezeichnete. Und vor den Zigeunern hatten die Bauern Angst. Jedenfalls sagte der Opa das. Auch Fl├╝chtlinge wurden als Halbzigeuner tituliert und die Angst bestohlen zu werden, veranlasste die Bauern, nachts sogar ihre Felder zu bewachen.
Ganz so Unrecht haben die gar nicht dachte Kira, denn wenn sie nachts mit der Oma auf ein abgeerntetes Kartoffelfeld ging, war ihr schon recht mulmig zumute. Auch die beruhigenden Worte von Oma, die Kartoffeln die wir hier sammeln sind selbst f├╝r Schweine nicht gut genug, halfen da nicht.
Kira musste in den Herbstferien, wie alle Fl├╝chtlingskinder, den Bauern bei der
Kartoffelernte helfen. Sie sah, dass die Bauern nie alle Kartoffeln einsammelten. Nur die Gro├čen. Die ganz kleinen lie├čen sie einfach liegen.
Aber bestohlen werden, das wollten sie auch nicht. So war es mit R├╝ben, Fallobst und was es sonst noch so gab. Lieber sollten es die Maden haben, aber kein Fl├╝chtling.

Auch eine Rangordnung gab es in dem kleinen Dorf.
Der reichste Bauer war der Wortf├╝hrer. Aber nur, wenn er katholisch war. Es gab auch reiche, evangelische Bauern, die wurden toleriert, aber nicht nach ihrer Meinung
gefragt. Dann kamen die Handwerker, allen voran der Schmied. Der war sehr
angesehen in dem Dorf. Anfang der 50er Jahre gab es noch keine Maschinen. Alle
mussten daher ihre Pferde zum Schmied bringen. Da der das wusste, nutzte der seine Position schamlos aus. Dann kam der Pfarrer, aber der hatte nichts zu sagen, die
Kaufleute, die Lehrer, und zum Schluss die Wirte. Die hatten auch nichts zu sagen, aber die hatten die Stammtische und den Schnaps.
Auch auf dem kleinen Friedhof konnte Kira diese Rangordnung erkennen. Die Reichsten ganz vorne, die Armen versteckt, ganz hinten.

*

Kurz, nach dem MilanÔÇÖs kleine Schwester beerdigt worden war, Kira hatte noch die Holzkiste mit den blanken N├Ągeln vor Augen, starb ein alt, eingesessener Gro├čbauer. Die ganze Schule musste an dem Begr├Ąbnis teilnehmen. Denn die Lehrer waren nach der Beerdigung zum Leichenschmaus geladen worden.
Die Oma hatte aus diesem Anlass die wei├če Spitze von KiraÔÇÖs blauen Sonntagskleid
abgetrennt. Ihre d├╝nnen Haare auf Zeitungspapier gerollt, so das sie etwas lockig
wurden und ein Schwarzes Samtband um den Pferdeschwanz gebunden. Am Abend vorher wurde Kira sogar gebadet. Sonst war immer der Samstag der Badetag, jetzt war es mitten in der Woche. Sie schrie und strampelte immer, wenn die Oma sie in die gro├če Zinkwanne setzte, doch war sie erst einmal im warmen Wasser, wollte sie auch nicht wieder heraus. Oma hatte es aufgegeben, sie aus der Wanne zu holen, die wartete bis das Wasser so kalt war, dass sie bibbernd von selbst rauskam. Aufgegeben hatte Oma es nicht, Kira mit Gewalt in die Wanne zu setzen.


VIII
┬ę2003 by KW


Die Glocken l├Ąuteten an jenem Morgen schon Stunden vor dem eigentlichen Begr├Ąbnis.
Opa sagte Kira, dass machen die nur, weil er reich war. Kira verstand nicht, was reich sein mit Glocken zu tun hatte.
Sie war sehr aufgeregt, denn es war ihre erste Beerdigung, in der Kira, festlich
gekleidet, im Trauerzug mitging. Oma hatte aus dem Garten noch ein paar Blumen gepfl├╝ckt und Kira aufgetragen, diese auf das Grab zu legen.
Es war der gr├Â├čte Trauerzug, den sie je gesehen hatte. Der schwarze, hochpolierte
Leichenwagen wurde, anstatt mit vier, von sechs Pferden gezogen. Die vielen Kr├Ąnze, die den Wagen zierten, versperrten die Sicht auf den Sarg. Viele der Trauerg├Ąste trugen ihre Kr├Ąnze selbst. Die Dorfkapelle spielte einen Trauermarsch. Der Sch├╝tzenverein kam in Uniform. Schwere Goldketten oder Orden, zierten die Brust. Der Jagdverein in J├Ągergr├╝n, die Gewehre gl├Ąnzten von der Politur.
Es st├Ârte Kira nicht, dass sie in Reih und Glied mit den Schulkindern ging. Sie war
dabei, nur das z├Ąhlte. Jetzt war sie auch eine wichtige Person. Gerade, mit hoch
erhobenen Kopf, so wie sie es oft beobachtet hatte. Auf die Schritte achtend, so wie sie es in der Schule ge├╝bt hatten. Die Blumen fest mit beiden H├Ąnden an die Brust gedr├╝ckt, f├╝hlte sie sich auf dem Weg zum Friedhof, als etwas ganz Besonderes.
Die endlosen Reden, die am offenen Grab gehalten wurden, machten Kira nerv├Âs. Sie verstand ja nichts. Langsam machte es ihr auch keinen Spa├č mehr, etwas Besonderes zu sein. Nicht, wenn es bedeutet, die ganze Zeit still zu stehen.
Endlich wurde der Sarg heruntergelassen und der Jagdverein schoss in die Luft.
Hoffentlich erwischen die keinen Vogel, dachte Kira entsetzt.
Als sie sah, dass die Trauergemeinde bereit war, den kleinen Friedhof zu verlassen. Die Rangordnung streng einhaltend und sich die Menschen, die auf dem Friedhof keinen Platz gefunden hatten, sich dem Zug anschloss, blieb Kira allein zur├╝ck. Sie stand an der wei├čen Mauer gelehnt und schaute dem Zug hinterher. Die Blumen noch in ihren H├Ąnden haltend. Die lie├čen bereits ihre K├Âpfe h├Ąngen. Schade, dachte sie. Die sch├Ânen Blumen.
Als der Trauerzug aus ihrem Blickfeld verschwand, ging Kira zur├╝ck. An dem Grab waren die Leichengr├Ąber dabei, das Grab zuzuschaufeln. Sie lachten, machten Witze und tranken ab und zu aus einer Schnapsflasche. Kira schaute ihnen eine Weile zu. Die vielen Kr├Ąnze, Blumenstr├Ąu├če und Topfpflanzen lagen jetzt achtlos auf den schmalen Kieswegen. Langsam schlenderte Kira weiter und versuchte die Schrift zu lesen die auf den Grabsteinen standen. Manchmal reichte ihr lesen aus, manchmal aber auch nicht. Dann versuchte sie an der Gr├Â├če des Steines zu erkennen, wem dieses Grab geh├Âren k├Ânnte. Kira ging den schmalen Weg durch die halb hohe immergr├╝ne Hecke. Dahinter waren die Gr├Ąber der Armen. Kira sah es an den verwitterten Holzkreuzen. Manche waren umgefallen, keiner hatte sie wieder aufgestellt. Sie suchte das Grab von Milans Schwester, f├╝r sie bedeutete es, sie musste nach einem neuen Kreuz suchen. Aber es war kein neues Kreuz da. Sie suchte nach frisch aufgeworfener Erde, nach einem kleinen H├╝gel. So konnte man auch ein neues Grab erkennen. Als sie einen H├╝gel gefunden
hatte, legte sie ihre Blumen darauf. Blieb eine Weile davor stehen und wurde ganz
traurig. Es war das erste Grab ohne Namen. Es war ihr egal, ob sie das richtige Grab
gefunden hatte.
Diese Blumen sind f├╝r dich, dachte sie und ging langsam zur├╝ck, an den vielen Kr├Ąnzen vorbei, nach Hause.


IX
┬ę2003by KW


Kira hatte ihr Essen in das Wasserklosett gesch├╝ttet und an der Kette gezogen. Als sie die Toilette das erste mal gesehen hatte, war sie sprachlos. Auch von dem Gasherd war sie fasziniert. Trotzdem war sie sehr vorsichtig, denn sie hatte Angst, etwas kaputt zu machen.
Schulaufgaben hatte man ihr keine gegeben und so ging sie in das aufger├Ąumte
Wohnzimmer, nahm einen Stuhl und setzte sich an das Fenster. Von hier aus konnte sie die Stra├če sehen. Die Vielen verschiedenen Autos, Menschen mit Einkaufstaschen, das M├Ądchen, das gegen├╝ber an der Hauswand, allein, mit einem Ball spielte und den
Spielplatz. Sie war schon ein paar mal da gewesen, aber es machte ihr keinen Spa├č. Die Freiheit die sie in dem kleinen Dorf gehabt hatte, vermisste sie. Auf B├╝rgersteigen
gehen, an Ampeln halten, bis es gr├╝n wurde, auf Autos aufpassen und sich immer
gesittet benehmen, hasste Kira. Aber die Fremde und der fremde Mann wollten es so.
Die Sehnsucht nach Oma und Opa war so stark, dass es schmerzte. Blind vor Tr├Ąnen starrte sie ins Nichts. In Gedanken rannte sie barfu├č durch ein Kornfeld und kehrte
zur├╝ck.

Der beliebteste Spielplatz des Dorfes, war der Sandberg. Das war ein lang gestreckter kleiner Berg, der dicht mit Buchen bewachsen war. An der Westseite hatte der Wind den Mutterboden weggeweht und so den feinen, goldgelben Sand freigegeben.
F├╝r die Kinder war dieser H├╝gel ein nat├╝rlicher, riesengro├čer Sandkasten.
Im Winter fuhr man mit dem Schlitten, im Sommer setzt man sich einfach auf den Po und rutschte so den Hang hinunter. Die Jungen bauten sich richtige H├Âhlen, die
M├Ądchen sch├Âne Sandburgen.
Kira ging zum Sandberg, wenn sie sicher war, dass dort keine Kinder waren. Dann lag, oder sa├č sie allein auf halber H├Âhe und blickte ├╝ber die Kornfelder.
Kira liebte die Stille, liebte den Wind, der die Buchenbl├Ątter zum Singen brachte.
Dann lag sie einfach nur da, den warmen Sand im R├╝cken, die Sch├Ąfchenwolken am blauen Himmel ├╝ber ihr, die gelbe Farbe des Korns, das blau der Kornblumen, das rot der Anemonen und das wei├č der Margariten, vor ihr.
Dazwischen sah man einen Baum oder eine kleine Baumgruppe. Das gr├╝n der B├Ąume, unterstrich die Farbenpracht der Kornfelder. Der Wind spielte in den Halmen und lie├č die Farben wie Edelsteine im glei├čenden Sonnenlicht leuchten.
Kira konnte bis zum Horizont schauen, sie fragte sich dann, was wohl dahinter sein mochte.

Seit dem gro├čen Begr├Ąbnis, war Kira nicht mehr auf dem Friedhof gewesen. Sie
vermisste ihn etwas. Nicht nur wegen der Gr├Ąber, den Kr├Ąnzen, den Blumen, den
geharkten Kieselwegen, auf denen man sehen konnte, ob schon jemand vor einem da war. Jeden Morgen wurden die Kieselwege geharkt. Manchmal sogar mit Muster. Dann ging sie den Mustern nach, von rechts nach links, oder umgekehrt von links nach rechts. Manchmal ├╝bersprang sie eine Harkenbreite und war gl├╝cklich, wenn sie sah, das sie es geschafft hatte.
Kira ging nie ohne einen kleinen Schuhkarton auf den Friedhof. Den brauchte sie
n├Ąmlich wegen der Schnecken. Nicht wegen der gro├čen grauen, Oma sagte dazu,
Weinbergschnecken. Nein, wegen der kleinen. Die mit den bunten H├Ąuschen auf dem R├╝cken. Die schimmerten in allen Farben. Es gab so viele Schnecken auf dem kleinen Friedhof, dass Kira sich fragte, ob die denn auch alle satt w├╝rden. Au├čer Blumen und dem wenigen Gras gab es doch nichts.
Kira wusste von der Gro├čmutter, dass Schnecken gerne Salatbl├Ątter essen. Auch Bl├Ątter von Bohnen, Kartoffeln, das Gr├╝n der Mohrr├╝ben und was sonst noch in Omas Garten war. So legte sie den Boden des Kartons mit Gras aus, auch etwas an den Seiten, damit die Schnecken sich nicht verletzten. Ging damit zum Friedhof und sammelte immer nur so viele Schnecken, wie auf dem Boden Platz war. Ab und zu nahm sie auch schon mal ein, zwei Weinbergschnecke mit, aber die brauchten immer soviel Platz. Hatte sie genug, dann trug Kira vorsichtig den Schneckenkarton nach Hause und setzte die Schnecken vorsichtig in Omas Garten auf die entsprechenden Bl├Ątter. Immer sch├Ân verteilt, damit die Schnecken sich nicht um die Bl├Ątter streiten. Kira hasste Streit.
Kira verga├č nie, den Schnecken einen ÔÇ×guten AppetitÔÇť zu w├╝nschen.
Von Omas Garten bis zu Friedhof musste Kira lange gehen. Das Einsammeln der
Schnecken, wobei es ihr oft sehr schwer fiel, sich zu entscheiden, der R├╝ckweg dann noch den Schnecken das richtige Gr├╝n raussuchen, das brauchte schon so seine Zeit. Mehr als zweimal am Tag, den Weg hin und zur├╝ck, schaffte Kira nicht.
Immer wenn Oma sagte, heute muss ich Unkraut j├Ąten, versteckte Kira sich im
Birnenbaum. Von dort beobachtete sie wie die Oma ├╝ber die vielen Schnecken
schimpfte. Der Opa lag dann unter dem kleinen Pflaumenbaum. In seiner blauen Arbeitshose, dem grobmaschigen wei├čen Unterhemd, einen Zigarrenstumpen im Mund, barfu├č, die Wermutflasche neben sich. Kira glaubte zu wissen, dass die Oma extra so laut schimpfte, Oma wollte bestimmt, dass Kira es h├Ârte. Denn Oma sprach nie laut und schimpfen tat sie schon gar nicht.



X
┬ę 2003 by KW


Kira h├Ârte wie der Schl├╝ssel ins Schloss geschoben wurde und sah von ihrem Platz aus, wie die Fremde die Wohnung betrat. Auch daran musste sie sich gew├Âhnen. Bei Oma gab es keinen Schl├╝ssel.
Das Wort Mutter brachte sie noch nicht ├╝ber ihre Lippen. So versuchte sie, mit dem Wort ÔÇ×DUÔÇť, diese Anrede zu umgehen.
Als man Kira gesagt hatte, das der fremde Mann, der in der Woche auf See war und nur an den Wochenenden kam, gerne ihr neuer Papi werden wollte, schwieg sie.
Kira wollte keine Mutti und keinen neuen Papi. Sie kannte ja noch nicht mal die Alten.
Kira wollte Oma und Opa! Kira wollte Plumpsklo und Spinnen! Kira wollte zur├╝ck!

Kira h├Ârte in der K├╝che die Frau fragen, ob sie gegessen hatte, das Pausenbrot gut war, ob ihr die Schule gefallen w├╝rde und ob der Lehrer nett w├Ąre.
Dann h├Ârte sie, wie anstrengend die Arbeit gewesen war, eine Kollegin sie eingeladen hatte und dass sie hundem├╝de sei.
Bei den ersten Fragen, die sie betrafen, antwortete brav mit ja. Die Frau hatte ihr
gesagt, dass es unh├Âflich ist, auf eine Frage nicht zu antworten.
Danach schwieg sie, denn was die Frau dann sagte, waren ja keine Fragen.
Kira konnte nicht sagen, wann sie aufgeh├Ârt hatte zuzuh├Âren. Aber die Fremde schien es nicht zu bemerken, sie redete immer weiter.
So dachte Kira an ihre schweigsame, stille Oma, die so sch├Âne Lieder an ihrer
N├Ąhmaschine singen konnte.
Sie dachte an die laute, manchmal w├╝tende Stimme vom Opa, wenn er sich mal wieder ├╝ber die Politiker ├Ąrgerte. Dachte daran, dass der Opa sich immer ├╝ber die Politiker
├Ąrgerte, es immer die gleichen Geschichten waren und Kira die bereits auswendig
kannte.
Sie erschrak, als die ungeduldige laute Stimme sie zum Abendessen rief.
Nach einer Uhr zu essen, kannte Kira nicht. Sie war es gewohnt nur dann zu essen, wenn sie hungrig war. Auch dann nur das zu Essen, worauf sie Appetit hatte. F├╝r Kira hie├č das, entweder in den Garten gehen, manchmal auch in fremde G├Ąrten. Auf
Obstb├Ąume klettern oder bei den wenigen bekannten Leuten einfach w├Ąhrend der
Essenszeit zu bleiben. Da gab es nur zwei M├Âglichkeiten, entweder man lud sie zum Essen ein oder man schickte sie nach Hause.
Meistens bat man sie zu bleiben.
Kira wunderte sich immer, dass es Erwachsene gab, die sie anscheinend gern hatten, aber nicht die Kinder der Erwachsenen. Warum das so war, konnte sie sich selbst nicht erkl├Ąren.
So stand sie schnell auf und ging in die K├╝che. Als Kira auf den gef├╝llten Teller sah, wurde ihr schlecht. Die Bauchschmerzen kamen zur├╝ck. Sie konnte einfach keinen
Bissen runter kriegen. Aber die Frau bestand darauf, Kira musste so lange am Tisch
sitzen bleiben, bis sie ihren Teller leergegessen hatte.
Sie dachte daran, dass die Schule das Gef├Ąngnis und das neue Zuhause die
Erziehungsanstalt war.
Aber das sagte sie keinem. Das war Geheimnis.

So blieb sie allein am Tisch in der K├╝che sitzen, bis man sie ins Bett schickte. Aber das war gar nicht so schlimm. Sie hatte zwar nichts gegessen, daf├╝r aber die Gro├čstadt schon l├Ąngst verlassen.

*

Kira lag auf dem Sandberg. Seit Tagen war sie so mit einem Gedanken besch├Ąftigt, dass es sogar der Oma und dem Opa auffiel. Doch als sie gefragt wurde, ob sie krank w├Ąre, sagte sie wahrheitsgem├Ą├č nein.
Sie war nicht krank.
Kira dachte angestrengt nach. Sie musste etwas in Ordnung bringen, aber sie wusste nicht was und wie. Dass da etwas war, dass sie st├Ârte, das wusste sie genau. Auch dass sie Hilfe brauchte, war ihr klar. Doch wer ihr helfen k├Ânnte, noch unklar. So gr├╝belte sie, dachte, ├╝berlegte und suchte nach einer L├Âsung. Aber wie sollte sie eine L├Âsung
finden, Kira kannte ja noch nicht einmal ihr Problem.


XI
┬ę 2003 by KW

als Kira Schritte h├Ârte, setzte sie sich auf und sah Vincent auf sich zukommen.
Er war ein Jahr j├╝nger als Lisbeth, die in der Schule neben ihr sa├č. Die anderen
Geschwister von Lisbeth waren schon ├Ąlter und gingen in den zweiten Klassenraum.
Auch Lisbeths Eltern waren Fl├╝chtlinge, aber die hatten ein kleines H├Ąuschen ganz f├╝r sich allein bekommen.
Vincent und Lisbeth waren in dem Dorf geboren worden. Das machte sie zwar offiziell zu Einwohnern, aber inoffiziell blieben auch sie Fl├╝chtlingskinder.
Manchmal dachte Kira, dass die Bauernkinder nur neidisch waren. Die mussten
n├Ąmlich nach der Schule auf den H├Âfen arbeiten, w├Ąhrend sie und die Anderen nach der Schule spielen konnten.

Wenn Kira auf einen der Bauernh├Âfe ging, aber nur auf solche, von denen sie wusste, dass man sie nicht verjagen w├╝rde, dann sah sie die w├╝tenden Blicke auf sich gerichtet.
Aber mutig ging sie dann zu den Erwachsenen und schaute ihnen bei der Arbeit zu. Sie stellte dann immer Fragen, wollte alles wissen und hatte das Gef├╝hl, die Erwachsenen freuten sich sehr dar├╝ber.
Wenn Kira das bei den Kindern tat, nahmen die eine Mistgabel, schimpften ganz
f├╝rchterlich und vertrieben sie.

Kira hatte nichts gegen Vincents Anwesenheit auf dem Sandberg. Ihr war, als ob er gar nicht da w├Ąre. Vincent legte sich meist ganz still neben sie.
Am Anfang hatte sie versucht, mit ihm zu reden, doch die einsilbigen Antworten, die er gab, langweilten sie.
Kira wusste, das Vincent sehr krank war. Auch dass er sehr oft ins Krankenhaus
musste. Kira beneidete ihn manchmal. Sie war noch nie in einem Krankenhaus gewesen.
Sie musste zur Schule gehen, aber Vincent durfte kommen und gehen, wann und wie er wollte. Die Lehrer erwarteten keine Hausaufgaben und in den Unterrichtsstunden
wurde er nie aufgerufen.
W├Ąre auch bl├Âd von den Lehrern, dachte sie, die bekamen sowieso keine Antworten von ihm. Er wurde auch nie ausgeschimpft. Dass der Rohrstock h├Âllisch weh tat, konnte Vincent auch nicht wissen.
Er war der Einzige, der neben den Kindern des katholischen Gro├čgrundbesitzers, den Stock nie zu sp├╝ren bekam.
Oma hatte Kira streng verboten, Vincent zu ├Ąrgern, oder ihn aufzuregen, weil er ein Epileptiker sei. Sie hatte es hoch und heilig versprochen, obwohl sie keine Ahnung hatte, was ein Epileptiker ist.
So akzeptierte Kira Vincents Anwesenheit auf dem Sandberg, froh dar├╝ber, dass er so schweigsam war.
Kira drehte sich so, dass sie Vincent beobachten konnte. Er hatte die Augen geschlossen, sie sah auf seine langen, geschwungenen Wimpern. Sie mochte an ihm nur seine Augen. Immer, wenn sie Vincent in die Augen sah, dachte sie automatisch an ein Rehkitz.
Kira durchzuckte es wie ein Blitz. Sie hatte ihr Problem erkannt. Auch wusste sie jetzt, wer ihr helfen w├╝rde.
Nat├╝rlich Vincent!
Jetzt musste sie nur noch ├╝berlegen, wie sie ihn dazu bringen konnte, dass er ihr auch half.
Jetzt hatte sie ein neues Problem. Sie ├╝berlegte und dachte angestrengt nach.



XII
┬ę2003 by KW


Die Tage in der Gro├čstadt waren f├╝r Kira eine Qual. Freudlos ging sie in die Schule.
Freudlos nach Hause. Machte ihre Hausaufgaben nur, weil sie die machen musste, oder sa├č traurig am Fenster und starrte ins Nichts. Ihr kleines Herz tat ihr weh. Auch die Bauchschmerzen blieben. Sie konnte immer noch nichts essen, oder nur ganz wenig. Die K├Ąlte, die sie in sich sp├╝rte, blieb. Sie antwortete brav auf Fragen, die gestellt wurden, stellte aber selbst keine Fragen. Sie hatte jedes Interesse an ihrer neuen Umgebung
verloren. Die gesunde Gesichtsfarbe wich und machte einem fahlen Grau Platz. Sie
verlor an Gewicht und in den ehemals gro├čen, neugierigen Augen, konnte ein
aufmerksamer Beobachter, die tiefe Sehnsucht einer kleinen Kinderseele erkennen.
Auf dem Schulhof suchte sie keinen Kontakt zu ihren Mitsch├╝lern, umgekehrt war es dass gleiche. F├╝r die Stadtkinder war Kira uninteressant. Die hatten ganz andere
Interessen. Nur Mode, Make up, Kino, Pyjamapartys und dann die endlosen Gespr├Ąche ├╝ber die Jungen. Richtig affig, dachte Kira, sie hatte keine Ahnung, warum ├╝ber solche Themen, richtige Streitereien entstehen konnten. Au├čerdem konnte sie nicht mitreden.
Kira hatte sehr schnell die neue Rangordnung auf dem Schulhof erfasst. Hier war das reichste M├Ądchen die Wortf├╝hrein und bildete eine Klicke von ebenso reichen M├Ądchen um sich. Dann kam die Sch├Ânheit. Die Sch├Ânste war Wortf├╝hrerin und in dieser Klicke waren die h├╝bschen M├Ądchen. Auch eine Klicke der intelligenten M├Ądchen gab es. Kira war nicht reich, oder sch├Ân und schon gar nicht intelligent. Kira dachte an das Wort, dass sie liebte. Sie war unscheinbar, also unsichtbar und ├╝berzeugt, dass man sie ja auch deshalb nicht sehen konnte.
Kira, die stundenlang die Tiere beobachten konnte, fing nun an, die Menschen genau so zu beobachten. Sie studierte deren K├Ârpersprache. Ohne das es ihr bewusst wurde, fing sie damit auf dem Schulhof an und setzte dieses Beobachten bei den Erwachsenen fort.
Kira's neuer Lehrer war auch so ein Beobachter. Als er die Wesensver├Ąnderung an ihr feststellte, musste Kira zum Schularzt. Es war das erste Mal, dass sie bei einem Arzt war. Sie hatte schreckliche Angst davor. Doch die Frau musste arbeiten und Kira den Weg zum Arzt allein gehen. Sie dachte an Vincent, an seine Krankheit und daran, wie sie beide auf dem Sandberg lagen.

Kira hatte lange ├╝berlegt, wie sie Vincent aus der Reserve locken k├Ânnte. Sie wusste, das er sehr beeindruckt von den ├ärzten war, die ihn behandelten. Er wollte Arzt werden, wenn er erst einmal gro├č war. Kira hatte noch nie einen Arzt gesehen. Wenn Vincent mal spielen wollte, dann immer nur dass Doktorspiel. Er war Doktor, sie musste, krank sein, spielen. Dieses Spiel fand sie einfach bl├Âd, aber Vincent war dann ganz bei der
Sache. Er wusste wie man den Puls f├╝hlt. Das man das Herz und den R├╝cken nur durch ein Stethoskop abh├Âren konnte. Dazu holte er sich immer einen Stock. Er f├╝hlte ob sie Fieber habe und schaute ihr in den Mund. Sie musste laut A sagen und die Zunge
rausstrecken. Bl├Âdes Spiel!
Jetzt fragte sie ihn l├Ąchelnd, ob er Lust habe, das sie Doktor spielen. Sie war nicht
├╝berrascht ├╝ber sein freudiges JA. Damit hatte sie im Stillen gerechnet. Vincent sprang schon auf, um sich einen Stock zu suchen, als Kira ihm sagte, sie spiele nur mit ihm, wenn er mit ihr anschlie├čend ein paar Schnecken vom Friedhof holen w├╝rde. Sie wusste dass Vincent Angst vor dem Friedhof hatte und sein, ICH WILL ABER NICHT, hatte sie erwartet.
So sagte sie ganz ruhig, dann eben auch kein Doktorspiel, sie m├╝sse sich jetzt so wieso auf den Weg machen und h├Ątte auch keine Zeit mehr.
Aufmerksam las sie in seinem Gesicht. Deutlich sah sie, dass die Angst vor dem Friedhof und die Freude, Arzt spielen zu d├╝rfen, sich in seinem Gesicht abwechselten. Sie hatte gewonnen. Noch, bevor Vincent leise, JA, versprochen sagte, wusste Kira ihre Rechnung war aufgegangen. Kira wurde langsam ungeduldig, als der ÔÇ×DoktorÔÇť so lange mit dem Stock auf ihrem R├╝cken herumstocherte. Warum hatte er nur so einen spitzen Stock
holen m├╝ssen, der tat selbst durch den Stoff ihres Spielkleidchens weh.
Sie erlaubte ihm noch, ihren Puls zu f├╝hlen, aber als sie die Zunge rausstrecken sollte, protestierte sie. Energisch erinnerte sie ihn an sein Versprechen, sie zu begleiten und so gingen sie zum Friedhof.
Kira mit gro├čen Schritten voraus und Vincent mit kleinen Schritten hinterher.
Schweigsam.




XIII
┬ę 2003 by KW


Je mehr sie sich dem Friedhof n├Ąherten, desto ├Ąngstlicher wurde Vincent. Sie bemerkte sein zittern, dachte an Omas Worte, ihn ja nicht zu ├Ąrgern und an ihr Versprechen. Um ihn abzulenken, erz├Ąhlte ihm von den sch├Ânen Schnecken, den farbigen H├Ąuschen auf deren R├╝cken und dass er etwas Gutes tut, wenn er ihr hilft, diese in Omas Garten zu bringen. Vincent blickte sie mit angstvollen Augen an. Mitleid ├╝berkam sie und sie
versprach im, er brauchte nicht mit auf den Friedhof zu gehen, es gen├╝gte schon, wenn er nur an der Mauer auf sie warten w├╝rde. Trotzdem, Kira konnte seine Angst fast
k├Ârperlich sp├╝ren, und sie merkte, dass sie jetzt auch Angst bekam. Allerdings wusste sie nicht, warum? Wovor hatte sie denn Angst? Sie ├╝berlegte, fand aber nichts und so plapperte sie einfach nur so darauf los. Nur um ihre eigene Stimme zu h├Âren, denn die half ihr meistens, wenn sie Angst hatte.
Als sie den Friedhof erreicht hatten, ging Kira allein auf den Friedhof. Vincent hatte sich an die Au├čenmauer gesetzt und schaute Kira verst├Ąndnislos nach, wie sie durch das Tor ging. Er hatte versprechen m├╝ssen, auf sie zu warten.

Kira ging langsam ├╝ber den Friedhof. Ihre Augen suchten etwas. Etwas, dass sie so sehr gest├Ârt hatte, dass es nicht mehr aus ihrem Kopf wollte.
Sie ging hin und her, durch die Hecke zu den Armengr├Ąbern, wieder Richtung Ausgang, nahm Wege, die sie normalerweise nie ging und ├╝berlegte fieberhaft. Pr├╝fend glitt ihr Blick ├╝ber jedes Grab, blieb an jedem Stein h├Ąngen und sagte mit lauter Stimme:
ÔÇ×ORDNUNG MUSS SEINÔÇť!
Sie nahm allen Mut zusammen und fing an, die Kr├Ąnze so zu verteilen, das auf JEDEM der Gr├Ąber welche waren. Danach ging sie wieder langsam ├╝ber den Friedhof und schaute sich pr├╝fend um. Stellte sie fest, dass auf dem einem Grab zu wenig Blumen
waren, dann holte sie von dem Grab, von dem sie glaubte, dass dort zu viele waren,
welche. Auf dem Armenteil des Friedhofes brachte sie etwas mehr, denn die Gr├Ąber
hatten keine Einfassung aus Stein. Auch fehlten dort die gepflanzten Blumen. Es war eine schwere Arbeit. Sie durfte keinen bevorzugen oder benachteiligen. Ordentlich, wie sie fand.
Als sie fertig war, ging sie noch einmal ├╝ber den Friedhof und schaute sich ihre Arbeit an. Sie war sehr zufrieden und m├Ąchtig stolz auf sich. Jetzt sah der Friedhof doch sehr viel sch├Âner aus. Sie fragte sich, warum die Erwachsenen nicht schon l├Ąngst auf diese Idee gekommen sind.
Als sie den Friedhof verlie├č sah sie, dass Vincent nicht mehr da war.
Auf dem Heimweg sang Kira laut und h├╝pfte vor Freude von einem Bein, auf das
Andere.


XIV
┬ę 2003 by KW


Der Schularzt in der Stadt stellte bei Kira eine Blutarmut fest.
Jeden Morgen ein Glas Rotwein mit zwei Eidotter, n├╝chtern, das wird helfen, sagte er, und ├╝berreichte ihr einen Brief f├╝r die Mutter. Jetzt bekam sie Medizin und jeden
Morgen Rotwein. Kira ekelte sich vor dem Geschmack und h├Ątte ihn am Liebsten
weggesch├╝ttet, aber sie hatte versprochen, ihn zu trinken. Sie dachte an Oma und daran, das diese ihr Klosterfrau Melissengeist gegeben hatte, wenn sie sich mal nicht wohl
f├╝hlte. Dann z├Ąhlte die Oma die Tropfen, die sie auf einen L├Âffel mit Zucker fallen lies und Kira in den Mund schob. Diese Medizin schmeckte ihr sehr viel besser, als dieser graue Rotwein.
Bei Oma war sie nie m├╝de gewesen, aber hier, in der gro├čen Stadt, wurde sie nie richtig wach. Ihre schulischen Leistungen waren gleich Null, sie hatte einfach keine Lust und au├čerdem war Schule doof.
Der Klassenlehrer bestellte Kira's Mutter zu sich. Kira zitterte vor Angst. Die Strafe, die sie erwartete, kannte sie. Tagelanges Schweigen!
Nicht das Kira reden wollte, aber wenn die Frau so tat, als ob Kira gar nicht da w├Ąre, war in der Wohnung so eine geladene Atmosph├Ąre. Wie vor einem Gewitter, dachte Kira dann und sie hatte schreckliche Angst vor Gewittern. Vor den Blitzen nicht, aber vor dem Donner.
Doch als die Frau nach Hause kam, ging sie sofort zu ihr und wollte sie in den Arm nehmen. Kira machte sich steif wie ein Brett. Das ist ja noch schlimmer als schweigen, durchfuhr es sie. Seit sie in der Gro├čstadt war, hatte die Frau ihre Hand nur
genommen, wenn sie eine Stra├če ├╝berquerten und danach sofort wieder losgelassen. K├Ârperkontakt hatte Kira nur, wenn sie bei Opa auf dem Scho├č sa├č und er ihr aus ihrem Lieblingsbuch vorlas. Die Oma wollte nicht angefasst werden und Kira fragte sich immer, was daran denn so b├Âses sei. Sie sp├╝rte, dass ihre Oma das nicht leiden konnte, so versuchte Kira es auch gar nicht mehr.
Als Kira h├Ârte, dass ihr Klassenlehrer vorgeschlagen hatte, dass man sie in ein
Landschulheim schicken wolle, erschrak sie. Sie konnte sich nicht vorstellen, was ein Landschulheim war.
Kira h├Ârte nur das Wort Heim und sofort dachte sie an die Frau von der F├╝hrsorge.
Damals!
*

Ja! Damals? Wie lange war das jetzt her? F├╝r Kira eine Ewigkeit.
Dabei war noch nicht einmal ein Jahr vergangen. Nur ein Weihnachten lag dazwischen. Kira wusste das so genau, weil sie mit dem Opa zusammen, den kleinen Tannenbaum aus dem Wald geholt hatten. Das ist streng verboten, hatte er Kira gesagt. Aber sie sind trotzdem im Dunkeln in den Wald gegangen. Der Opa hatte den Leiterwagen
mitgenommen und eine kleine Axt in eine Decke gewickelt. Es war am Heiligenabend. Den ganzen Tag hatte es geschneit. Die K├Ąlte hatte den Schnee gefroren und die Wolken vom Himmel verjagt. In der sternenklaren Nacht, sie erinnerte sich an den gro├čen
wei├čen Mond und daran, wie das Licht den Schnee glitzern lie├č. Sie gingen auf
Diamanten. Das Wort hatte Kira von Oma, denn wenn die einen Knopf fand, der im Licht glitzerte, dann sagte Oma immer, schau, wie ein Diamant.

Kira konnte nicht sagen, warum sie die Sache mit dem Friedhof dem Opa nicht gesagt hatte. Sie erz├Ąhlte ihm doch sonst immer alles. Aber irgendetwas hatte sie
zur├╝ckgehalten.
Am Morgen darauf, kam die Oma vom Br├Âtchen holen zur├╝ck und brachte eine Zeitung f├╝r den Opa mit.
Die ├ťberschrift, die der Opa dann vorlas, lie├č Kira's Herz stocken. ÔÇ×GRABSCH├äNDUNGÔÇť
Als der Opa weiter las, h├Ârte Kira nur, Verw├╝stung eines Friedhofes, Missachtung der Toten, Diebstahl, Kriminelle Tat, schwere Bestrafung, fieberhafte Suche nach den
T├Ątern.
In Kira wallte eine Hitzewelle der Emp├Ârung aus. Sie hatte den Friedhof nicht
verw├╝stet, nicht eine Blume mitgenommen und war ganz leise gewesen, damit keiner der Toten wach wurde.
Sie hatte nur Ordnung gemacht!
Als Kira dem Gespr├Ąch, zwischen der Oma und dem Opa, zuh├Ârte, merkte sie auch
deren Emp├Ârung ├╝ber diese unerh├Ârte Tat. Kira's Kopf war jetzt ganz rot geworden und sie senkte schnell den Kopf. Jetzt wusste sie, warum diese Angst gestern war. Es war das schlechte Gewissen.
Sie bereute nicht, was sie getan hatte, nur die Reaktion der Erwachsenen darauf,
machten ihr jetzt Angst.
Der Direktor in der kleinen Dorfschule, der so b├Âse mit ihr gewesen war, die Polizei, die, die Oma zum weinen gebracht hatte, das war es, dass sie nicht verstand.

Als Kira der Frau von der F├╝rsorge ihre ganze Geschichte erz├Ąhlt hatte, w├Ąhrend die Oma die ganze Zeit weinte und der Opa ab und zu ├╝ber ihren Kopf strich, f├╝hlte Kira sich schon viel besser. Auch die Frau von der F├╝rsorge strich Kira ├╝ber den Kopf und bat sie, hinauszugehen. Sie m├╝sse noch mit ihren Gro├čeltern sprechen. Kira verlie├č die K├╝che und setzte sich zwischen die Beerenstr├Ąucher.
Jetzt schmeckten sie ihr wieder und sie a├č so viele, bis sie Bauchweh bekam.


XV
┬ę 2003 by KW


Kira wurde in ein Landschulheim an die Ostsee geschickt. Es war das erste mal, soweit sie sich erinnern konnte, dass sie ganz allein war. Am schlimmsten fand sie den gro├čen Schlafsaal. Sie war es nicht gewohnt, ebenso wenig wie die gemeinsamen Mahlzeiten, oder Mittagsruhe. Aber eine Besserung trat nicht ein. Als sie in die Gro├čstadt
zur├╝ckkehrte, erschrak ihr Klassenlehrer derart, dass Kira's Mutter wieder in die Schule gebeten wurde. Auch der Schularzt war bei dieser Unterredung anwesend. Seine Diagnose lautete, dass dieses Kind lieber sterben w├╝rde, als in der Gro├čstadt zu bleiben. Dass Kind m├╝sse so schnell wie m├Âglich zur├╝ck zu ihren Gro├čeltern.

Als die Frau Kira sagte, dass sie zur├╝ck zu den Gro├čeltern gebracht werden w├╝rde, jubilierte sie innerlich. Den Kampf, den sie mit der Frau ausgefochten hatte, hatte sie
gewonnen. Kira ging als Siegerin zur├╝ck.
Die Tr├Ąnen, die, die Frau vergoss, lie├čen Kira kalt. Sie hatte kein Mitleid mit ihr. Schlie├člich hatte die Frau auch kein Mitleid mit Kira gehabt.
Sie ist einfach eines Tages gekommen und hatte Kira gegen ihren Willen mitgenommen. Die Frau hatte eine gr├Â├čere Macht als ihr Opa. Denn der Opa wollte sie nicht fortlassen. Kira h├Ârte Oma nur sagen, ein Kind geh├Ârt nun einmal zur Mutter. Und die Frau, die Kira's Mutter war, machte von ihrem Recht gebrauch.

Jetzt kehrte sie zur├╝ck in das Dorf, zum Plumpsklo, den Spinnen und M├Ąusen, zu Ex K├Ânig Faruk und dem Rohrstock.
Doch das Gift, dass die Mutter in dem knappen Jahr in Kira ges├Ąt hatte, wuchs und Kira war nicht mehr das Kind, dass sie einmal gewesen war und sollte es auch nie mehr werden.
Die K├Ąlte in ihr, war ihr st├Ąndiger Begleiter und aus dem kindlichen Vertrauen, wurde Misstrauen.

Ende















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