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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Klassentreffen
Eingestellt am 13. 12. 2017 22:29


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Ariane Winter-Schieszl
Wird mal Schriftsteller
Registriert: May 2016

Werke: 10
Kommentare: 7
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Monika parkt den Wagen auf dem großen Parkplatz. Vor lauter Aufregung redet sie die ganze Zeit
„Wow, Klassentreffen der ganzen Oberstufe von 1996! Das wird der Hammer!“
begeistert schaut sie zu Grit auf dem Beifahrersitz. Grit versucht genauso begeistert auszusehen und lächelt Monika an.
„Was meinst du, ob sie wohl alle kommen?“
„Wir werden es wohl bald erfahren“ erwidert Grit etwas lahm
„Jetzt komm schon, das wird lustig!“
„Ich habe eigentlich überhaupt keine Lust da jetzt hin zu gehen – du weißt das ich solche Anlässe, bei denen jeder nur erzählt wie toll sein Leben ist, nicht leiden kann. Ich will nicht erzählen wie toll meine Ehe ist, wenn es doch gar nicht stimmt. Ich will nicht erzählen wie toll meine Kinder sind, wenn sie mich doch so oft zur Weißglut bringen. “
Grit verzieht leidend das Gesicht. Monika hakt sich bei Ihrer Freundin unter und zieht sie Richtung Eingang.
Das alte Schulhaus wird von bunten Strahlern erleuchtet, überall hängen bunte Luftballons, mehrere Stehtische sind vor dem Eingang aufgestellt und aus der Turnhalle erklingen alte Hits der 90er Jahre. Monika und Grit bahnen sich den Weg durch die vertrauten Gänge bis in die Turnhalle. Es hat sich nichts verändert. Die Türen sind immer noch in Dunkelgrün gehalten, die Beleuchtung mehr als schummrig, auf dem Fußboden liegt immer noch das graue Linoleum und zur Krönung liegt in der Luft der Duft von Schweiß und Industriereiniger. Wie vor 20 Jahren – schießt es Grit durch den Kopf. Kaum haben die beiden die volle Halle betreten, werden sie auch schon von mehreren Leuten begrüßt und Monika bleibt stehen, um sich mit Ihnen zu unterhalten. Grit schaut sich um – irgendwo wird es hier ja wohl Alkohol geben! Direkt vor ihr entdeckt sie einen Stand mit Gläsern. Sie steuert darauf zu und greift sich ein Glas Rotwein. Vielleicht schafft Sie es sich unbemerkt oben auf die Tribüne zu setzen, bis das Spektakel hier vorbei ist. Die Tribüne liegt im Halbdunkel – zum Glück ist niemand sonst hier. Grit stößt einen Seufzer aus und schließt die Augen.
„Harten Tag gehabt?“
fragt eine Männerstimme hinter ihr. Grit fährt vor lauter Schreck herum. Vor ihr steht ein blonder, großer, sehr gut aussehender Mann, der Grit irgendwie vertraut vorkommt. Sie blinzelt, dann fällt der Groschen.
„Michael?“
„Ja. Hallo Grit!“
Er kommt auf sie zu und schließt sie in die Arme. Als er sie wieder frei gibt, kommt sie nicht umhin ihn genauer anzusehen. Er ist muskulös, seine Haare sind gut geschnitten und in seinem Gesicht steht ein breites Lächeln. Vor Grits innerem Auge tauchen sofort die Bilder von damals auf. Von dem blonden schmächtigen Jungen mit der „Backstreet Boys-Frisur“ und der festen Zahnspange. So steht sie da, in Ihre Betrachtung versunken und versucht Vergangenheit und Gegenwart zusammenzufügen. Sie merkt wie sich in ihrem Inneren etwas bewegt. Als ob etwas an seinen Platz geschoben wird, dass schon seit langem verrutscht ist. Etwas mit dem man gelebt hat, ohne wirklich zu merken, dass es nicht am richtigen Platz ist. So als ob ein fehlendes Teil endlich eingesetzt wird und man wieder vollständig ist.
„Na und – hattest du einen harten Tag?“
Michael sieht sie mit fragendem Blick an, dann sinkt er neben sie auf die Bank.
„Ja – irgendwie schon, bei mir läuft im Moment nicht alles so wie es sein sollte – außerdem hab ich auf den Zirkus hier nicht allzu viel Lust.“
Grit hebt entschuldigend die Schultern.
„Oh, da sind wir schon zu zweit – darf ich dir Gesellschaft leisten?“
Grit nickt einfach nur. Sie kann es nicht glauben, dass dieser Mann wirklich Michael Wessler sein soll.
„Erzähl, wie geht´s dir, was machst du?“
Michael betrachtet sie neugierig.
„Ich bin nach dem Studium nach München gegangen und arbeite dort in einem Büro. Ich bin verheiratet, habe zwei Kinder.“
Grit wartet auf eine Reaktion. Er fängt an zu lachen.
„Ok, Kinder und arbeiten - das erklärt den harten Tag. Was machst du in dem Büro?“
„Ich bin Sekretärin. Und du? Was ist aus dir geworden?“
Grit hatte die Neugier gepackt.
„Ich hab nach der Schule erstmal im Betrieb meines Vaters gearbeitet. Jetzt arbeite ich seit 10 Jahren als Fahrzeugentwickler. Bin nicht verheiratet, haben auch keine Kinder und bin seit zwei Monaten wieder Single.“
Michael sah Grit an und beide mussten lachen.
„Was meintest du damit, dass es bei dir im Moment nicht so läuft wie es sein sollte?“
Michaels Blick ist fragend. Grit weiß erst nicht wie sie auf diese direkte Frage antworten soll, aber dann entschließt sie sich für die Wahrheit.
„Meine Ehe geht gerade kaputt. Wir haben uns in den letzten Jahren sehr auseinander gelebt und nun suchen wir nach einer Lösung wie es weiter geht, auch der Kinder zuliebe.“
Grit muss schlucken. Sie hatte nicht vorgehabt das überhaupt jemandem zu erzählen und nun saß sie hier, die Skurrilität der Situation wird ihr schlagartig bewusst.
„Das tut mir leid.“
Einen kurzen Moment sagt keiner ein Wort.
„Hey, an was kann du dich noch von früher erinnern?“
Michael stupst Grit mit der Schulter an. Eine stille Aufforderung sich zu erinnern. Grit überlegt kurz, doch dann begibt sie sich auf die Reise in eine lang vergangene Zeit. Vor ihrem inneren Augen tauchen Bilder auf, Bilder die so deutlich sind, als wäre es gestern gewesen. Bilder, die 20 Jahre an einem stillen Ort ihrer Erinnerung gewartet haben um hervorgeholt zu werden. Bilder die von glücklichen Tagen künden. Tage die lange her sind aber deshalb umso wichtiger.
„Du hattest ein grünes Mofa, auf dem ich fahren durfte. Wir waren immer mit den anderen Chinesisch Essen. Wir sind zum Billard spielen auf unseren Fahrrädern gefahren. Du hast für mich Tiramisu gemacht.“ Michael blickt hinunter in die Halle und schmunzelt verträumt vor sich hin.
„Und jetzt du!“
Michael blickt auf sein Glas, dann hebt er den Kopf und richtet seinen Blick hinauf zur Hallendecke. Grit merkt wie er mit den Worten kämpft. Sie merkt wie er abwägt, ob er wirklich aussprechen soll, war ihm gerade durch den Kopf geht. Seine Augen besitzen einen geheimnisvollen Glanz als er endlich spricht.
„Die Partys bei dir zu Hause waren immer super! Du warst so cool!“ Michaels Blick ist offen auf Grit gerichtet. Diese totale Offenheit irritiert sie. Sie war solche Worte schon lange nicht mehr gewohnt.
„Ich war nicht cool, höchstens total langweilig!“
Grit fixiert das Glas in ihrer Hand. Beide schweigen einen Moment. Plötzlich ist die Stimmung von einem leichten Knistern erfüllt. Kaum greifbar und doch da. Die Erinnerungen ihrer Jugend hängen in der Luft und malen alles in einem warmen, weichen Licht. Michaels Stimme ist sanft und nicht viel mehr als ein Flüstern.
„Ich fand es immer so toll, wenn wir zusammen rumhingen. Wir konnten über die gleichen Dinge sprechen die sonst keiner in dieser Form verstanden hätte.“
Grit musste lachen, wie schaffte es dieser Mann, zu dem sie seit 20 Jahren keinen Kontakt mehr hat – dass sie sich bei seinen Worten so wohl fühlt?
Eher zu sich selber sagte sie leise
„Ja wir haben immer unsere Sorgen und Nöte miteinander geteilt. Ich kann mich erinnern!“
Von unten aus der Halle ertönte ein Lautsprecher Ansage
„ So – meine Lieben – wir haben für euch ein Feuerwerk vorbereitet. Schnappt euch alle ein Glas und kommt raus!“
Grit und Michael sahen sich an.
„Bleiben wir hier?“
Sein Blick ist unsicher. Grit lächelt breit
„Du kannst meine Gedanken lesen!“
Während draußen mit einem großen Feuerwerk gefeiert wird, stoßen im Halbdunkeln der Turnhallentribüne zwei Menschen miteinander an, die sich nach vielen Jahren wiedergefunden haben.

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