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Leselupe.de > Humor und Satire
Klassentreffen
Eingestellt am 15. 10. 2007 05:08


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healthnut
Festzeitungsschreiber
Registriert: Oct 2007

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19.00 Uhr

“Dich hätt’ ich NIE erkannt!”
“Mensch, du hast dich überhaupt nicht verändert!”
Umarmungen, Schulterklopfen, Lachen.
Ein Pulk gutgekleideter Leute Ende Dreißg, die vor ihrer ehemaligen Schule stehen und nach den ersten überschwenglichen Begrüßungen etwas betreten in den Schulgarten hineinschauen. Sie stehen aufgereiht wie Erstklässler, statt Zuckertüten haben sie Handtaschen und Aktentaschen, graue Strähnen, ziemlich viel Speck, ein paar Tränensäcke und eine Aura von Wohlstand und Etwas-erreicht-haben. Eine hutzlige alte Frau wird mit jovialem Gelächter begrüßt.
“Frau Bernbusch, sie sehen ja noch genauso aus wie vor zwanzig Jahren, nein, wirklich!”
Das alte Klassenzimmer wirkt zwergenhaft klein, der Schulhof hat einen neuen Spielplatz bekommen und ist nicht mehr wiederzuerkennen.
“Jetzt setzt sich mal jeder auf seinen alten Platz.”
“Ich weiß doch nicht mehr, wo ich mal saß!”
Frau Bernbusch weiß es noch, ihr Gehirn hat schon lange vor dem Zeitalter der Computer angefangen, Dinge aufs Genaueste zu speichern.
Erneutes Lachen, als Gerber vorführt, wie er damals Susie in der Bank vor ihm an den Haaren gezogen hat. Susie hat seit damals ihr Gewicht schäzungsweise verzehntfacht und sieht aus, als würde sie sonst was dafür geben, wenn jemand sie mal an den Haaren anfassen würde.
“Gibt es noch den alten Hausmeister mit dem widerlichen Mundgeruch und den Bohrmilchfingern?”
Alles grölt.
“Er ist letztes Jahr an Magenkrebs gestorben”, sagt Frau Bernbusch

20.00 Uhr

“Wer hat denn das Restaurant ausgesucht, sieht ja gut aus!”
“Die haben tolle Cocktails, wir sind freitags immer hier.”
“ Du hast es gut, in dem Kaff, wo ich jetzt wohne, gibt es gar nichts.”
Erstmal Sekt für alle?
Frau Bernbusch möchte nicht, sie leidet seit ein paar Jahren an Altersdiabetes.
“Also dann mal ein Toast”, Gerber hat sich zum Redner aufgeschwungen, dabei hat er doch früher nie den Mund aufgekriegt, “ schön dass ihr alle da seid, auf den Jahrgang 68!”
Allgemeines Prosten, Schlucken ,Gläserheben. Warm rinnt der erste Alkohol des Abends durch die Kehlen und taucht alles in eine Welle sentimerntalen Glücks.
Männer sitzen am Tisch, die Hände auf rundlichen Bäuchen, lassen den Blick durch das Zimmer gleiten wie feudale Gutsherren, lassen ins Gespräch einfließen, wie viele Leute ihnen unterstellt sind. Frauen taktieren mit Röntgenaugen gnadenlos ihr Gegenüber, suchen nach Losem, Hängendem, Schwabbligem.
Wo ist eigentlich Kaminski? Allgemeines Schulterzucken, keine Ahnung.
“Was bestellst Du?”
“Das Steak soll gut sein.”
“Ich bin Vegetarier, schon seit Jahren.”
“Ach, echt?”

21..00 Uhr
“Wer nimmt einen Kümmerling?”
Leere Teller mit lippenstiftverschmierten Servietten werden von flinken Kellnerhänden entfernt und nahezu sofort mit verschiedenen Schnäpsen ersetzt.
“Ich trinke nur Wein, danke, eigentlich seit Neuseeland nur noch Tschardonnäi.”
Auf dem Damenklo bemalt man ramponierte Münder neu und tauscht erste Gerüchte aus.
Annegret ist wieder Single und froh, dass sie das Arschloch los ist. Ute sucht immer noch jemanden, würde auch ein Arschloch nehmen.
Zurück am Tisch klappen Brieftaschen auf mit Fotos, endlosen Fotos von qualligen Kleinkindern, muffligen Teenagern, ernsten Ehemännern, lächelnden Gattinnen, mein Haus, mein Pferd,unsere Reise nach Neuseeland. Sabine wünschte, dass Corinna endlich mal den Mund halten würde, damit sie auch mal was erzählen kann, aber die Frau macht nicht mal eine Atempause.
Wozu hat man denn den ganzen Krempel,wenn es keine Sau interessiert.
Haschke war im Kosovo und hat seitdem nur noch Verachtung für alle, die waffenlos ihr Dasein fristen, außerdem hat er soviel Kohle gemacht, dass er für den Rest seins Lebens nicht mehr arbeiten muss, über die genaue Summe hüllt er sich in vornehmes Schweigen.
“Wer will einen kleinen Feigling?”
Frau Bernbusch redet mit Ute, ermutigt sie, die Suche nicht aufzugeben, Ute hört ihr eifrig zu, es ist wie früher, als Frau Bernbusch sie anspornte, doch auch mal am Talentwettbewerb teilzunehmen.
Mit Riedel spricht kaum einer, was soll man auch sagen, Hartz IV, das arme Schwein, ein Wunder, dass er überhaupt gekommen ist.

22.00 Uhr

“Dadideldum, oh,oh,oh, der Kommissar geht um,oh,oh,oh…!”
Eine witzige Idee„ die alten Songs von damals aufzulegen.
Manche singen leise mit, wippen im Takt, man möchte ja fast aufspringen und tanzen oder vielleicht doch nicht, die Zeiten sind vorbei.
“IchnehmnochnGlas!”
Gerber versucht schon seit geraumer Zeit, Susie eine Versicherungspolice aufzuschwatzen, ein Topinvestment, laut Gerber. Susie windet sich im Stuhl hin und her, aber da keiner sonst mit ihr redet, hört sie ihm eben zu. Riedel hat jetzt doch angefangen zu tanzen, Breakdance, er kann es immer noch erstaunlich gut, so gut, dass ein paar Frauen anfangen zu klatschen. Schuldisko 1985, da war das Riedelleben noch in Ordnung.
“Los kommt, macht mit!”
Schumi versucht, Annegret auf die Tanzfläche zu ziehen, aber sie kreischt und zappelt, Ute steht dafür auf, aber da geht er schon weiter.
Frau Bernbusch sitzt alleine in der Ecke, vor ihr ein Glas Tee.
“Und jetzt alle, neunundneunzig Luftballons, nananananananana….”
Zum Glück sind sie die einzigen Gäste. Haschke hat sich auf dem Klo eine Linie Koks reingezogen und kann jetzt alles besser ertragen, seit Kosovo verliert er schnell mal die Nerven.
‘Noch’n kleinerFeigling?”
So jung kommen wir nie wieder zusammen.

23.00

Frau Bernbusch verabschiedet sich, ja man ist nicht mehr die Jüngste. Verschiedene Hände greifen nach ihrer schrumpligen,kleinen Kinderhand und schütteln sie voller bierseliger Aufdringlichkeit.
“Danke Frau Bernbusch, war doch so eine schöne Zeit, Sie waren die Beste, ich wollte immer so werden wie Sie, alles Gute für die Zukunft und vor allem Gesundheit… bis zum nächsten Klassentreffen!”
Die Tür schliesst sich hinter ihr und Sabine hat Tränen in den Augen,wer weiß denn, ob Frau Bernbusch beim nächsten Klassentreffen noch lebt. Die Stimmung droht ins Weinerliche abzukippen. Babette setzt schon seit einer Stunde einem ziemlich besoffenen Witschorek die Gründe auseinander, warum sie ihren Mann nicht verlassen kann, auch wenn er sie dauernd nur betrügt.
Witschorek hat Mühe, seinen glasigen Blick auf ihr Gesicht zu fixieren, er rutscht immer wieder zu ihrem Ausschnitt herunter. Auf dem Klo heult Ute, als sie in den Spiegel schaut, das kann ja im Leben nichts mehr werden, mit so einer Visage.
Katja Franke ist auch endlich gegangen, wurde ja auch Zeit habt ihr gesehen, wie abgenudelt die aussieht, furchtbar, wie kann man sich so gehen lassen.
“Mir tut sie leid” sagt Sabine.
“Who gives a shit!” antwortet Haschke.

24.00
Haschke bietet ganz öffentlich eine Runde Koks an, wird aber von Menzel gestoppt, der ist im Stadtrat, hat einen Spitzbart und droht Menzel, ihn anzuzeigen, wenn er dieses ‘Dreckszeug’ nicht wegpackt. Haschkes Faust juckt, er will Menzel eine reinhauen, im Kosovo hätte so eine Memme wie Menzel keine Chance, um Gnade winseln würde der.
Er begnügt sich mit “Du warst schon immer ein Arsch Menzel!”
Menzel nimmt’s gelassen, zäh wie ein Kakerlak, so kennt man ihn im Stadtrat.
Sabine und Annegret flüstern, dass es bei Ute sowieso nichts mehr wird, mit so einer Visage, die hatte schon früher keine Ahnung, sich anzuziehen.
Gerber will wieder ein bißchen Stimmung reinbringen und legt ”Jump” von van Halen auf.
“Noch’n Bier bitte.”

1.00Uhr
Jetzt, wo es am Schönsten ist, macht der Laden zu, wer hat überhaupt diesen Saftladen ausgesucht.
Noch eine letzte Runde, es läuft “The Power of Love” von Frankie goes to Hollywood. Gerber hat es aufegeben, hier noch ein bißchen musikalischen Pepp reinzubringen und schmollt in der Ecke.
Witschorek und Babette tanzen engumschlungen, war da nicht mal was, in der zehnten Klasse?
Riedel kann von seinem Tisch aus genau sehen, wie Witschorek Babette in den Schritt greift, aber er sagt nichts. Er ist ja schon froh, mit dabeizusein, mal wieder einer von allen zu sein.
Haschke will die Rechnung übernehmen und zückt seine Platinum Richbastardcard, aber Menzel war schneller, ein Grund mehr, ihm eins in die Fresse zu hauen.
Noch mehr Paare tanzen, ach weißt du noch und ich musste oft an dich denken, hab’ mich gefragt, was du machst, tja, die Ehe – wir machen ja alle Kompromisse, das milchgebende Wollschwein hat wohl keiner gefunden.
Susie will gehen und steht unschlüssig an der Tür, wartet sie darauf, dass jemand sie zurückhält, aber als nichts passiert, winkt sie vorsichtig in Annegrets Richtung und sagt: “Ich ruf’ dich mal an.”
Annegret zuckt zurück, als hätte Susie ihr angedroht, die Fingernägel mit der Heckenschere zu schneiden.
“Tut mir leid, die Herrschaften!”, der junge Kellner will Schluß machen, raus hier mit den Dinosauriern, nie wird er mal so enden.



2.00 Uhr
Jahrgang 68 verabschiedet sich, wie eine Herde aufgeschreckter Schafe stehen sie im Regen, tappeln mal nach links, mal nach rechts, kommen immer wieder zurück und können sich nicht trennen.
“Müssen wir bald mal wieder machen!”
Der harte Kern bleibt stehen und Gerber lädt sie noch in seine Wohnung ein, Frau hat er keine, er hat überhaupt keinen, dem er seine großkotzige Wohnung vorführen kann.
Die Stimmung steigt wieder, Gerber hat Tequila und Whisky und Wein, Bier ist auch noch im Kühlschrank. Im strategisch beleuchteten Wohnzimmer sehen alle jung und verletzlich aus.
Und kriegen wir auch Falten, wir bleiben doch die Alten.
Haschke geht nicht mal mehr aufs Klo, um zu koksen, Witschorek rutscht immer wieder auf den Teppich herunter und lacht.


3.00 Uhr
Witschorek hat auf Gerbers Teppich gekotzt und lacht trotzdem weiter, Gerber ist stinksauer und bereut insgeheim, sich diese Proleten ins Haus geholt zu haben. Babette hat doch ein bißchen ein schlechtes Gewissen, wegen ihrem Mann und geht mal lieber, ausserdem stinkt Witschorek jetzt so eklig, dass ihr sowieso die Lust vergangen ist. Haschke erzählt Ute Schauriges aus dem Kosovo, sein kurzgeschorener Kopf lässt ihn von der Seite wie Bruce Willis aussehen und wagemutig legt sie ihre schlaffe Spinnenhand auf seine Riesenpranke. Riedel zählt stumm die Anzahl von Türen in Gerbers Riesenwohnung, die verchromten Geräte in seiner Küche, von denen er keine Ahnung hat, wozu sie gut sein sollen, die Weinflaschen, welche wie geparkte Luxusautos in Gerbers Regal stehen. Schumi sitzt schlaff auf der beigen Ledercouch, ein ausrangierter Ken im Puppenhaus mit einen Wust zerwühlter Haare über dem ausdruckslosen Gesicht.
Keiner hat gemerkt, dass Riedel mitgekommen ist.


4.00 Uhr

Gerber ist im Stuhl eingeschlafen Schumi döst und hört “Wish you were here” auf Gerbers Bose Anlage. Ute und Haschle sind verschwunden, Riedel sucht das Klo.
Hinter der dritten Tür findet er Ute, die wie ein umgekippter Käfer auf dem Rücken
liegt, Arme und Beine hochgespreizt, vor ihr kniet Haschke, im Begriff, sie zu penetrieren. Haschkes Hintern glänzt weiß und rund wie ein guter, alter Mond.
Riedel macht sich auf den Heimweg, nicht ohne vorher der Form halber “Tschüß” zu rufen, seine Stimme klingt quäkend und schwach, passt nicht in Gerbers Riesenwohnung, hat hier nichts zu suchen.


5.00Uhr
Schumi wacht auf, sein Hals schmerzt, sein Mund ist trocken und übelriechend, sein Kopf wackelt wie ein Lollipop gefährlich hin und her, kann jeden Moment runterfallen. Im Spiegel sieht Schumi aus wie Sechzig. Er läuft durch die Seitenstrassen nach Hause, um Gottes Willen jetzt keinen treffen. Zu Hause stolpert er über den Schulranzen von seinem kleinen Sohn.
Ach, noch mal ein Schulkind sein.

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Orangekagebo
Guest
Registriert: Not Yet

Hallo healthnut,

Willkommen hier!
Dein erstes Werk ist ausdrucklich ganz gut. Gefällt mir.
Was mir fehlt, ist eine knackige Pointe. So wirkt es eher wie eine Erzählung.

Was mich stört, ist die Länge in den Stundenkapiteln. Muss mehr knacken. Mir scheint, Du willst Pointen beginnen, indem Du Fährten legst, aber sie dann nicht durchziehst.
Ich denke, Du kannst das.
Vielleicht hilft die Sicht durch eine Leitfigur. Wenn es sie gäbe, könnte sie bewerten und es würde inhaltlich nicht so dahinplätschern.

Gruß, Karsten

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healthnut
Festzeitungsschreiber
Registriert: Oct 2007

Werke: 6
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Hallo Karsten, danke fuer dein Kommentar.
ja, du hast recht, es hat nicht so einen Hoehepunkt, oder eine Pointe, mehr so eine Beobachtung, da muesste man es wohl noch mal umschreiben.
Eine Leitfigur ist sicher eine gute Idee, danke fuer den Tip!
Viele gruesse

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Marius Speermann
Manchmal gelesener Autor
Registriert: Jul 2005

Werke: 51
Kommentare: 464
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Es gibt da ein paar ähnlich gelagerte Geschichten. Eine ist z.B. Live vom Oktoberfest. Dann gibt's ein paar mit Weihnachten, die sich über mehrere Tage strecken. Z.B. Weihnachtsfeier, Es schneit oder Weihnachten im Oktober.

Da kann man sehen, wie diese Autoren die Technik einsetzen.

Marius
__________________
Wie man einen humoristischen Text schreibt: Humor für Deppen.Mehr auf MarioHerger.at

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healthnut
Festzeitungsschreiber
Registriert: Oct 2007

Werke: 6
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Hallo,
@ Marius: danke fuer die witzigen links, diese Versionen kannte ich noch nicht.

@ Alive : freut mich dass es dir gefallen hat!

halthnut

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