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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Klavierstunde
Eingestellt am 10. 11. 2002 05:53


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otto otter
???
Registriert: Aug 2002

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Meine Klavierlehrerin Berta W., eine Jugendfreundin meiner Mutter, stammte aus der Linie jener StubenmÀdchen, auf deren einem Richard Wagner im Palazzo Vendramin zu Venedig verschieden war. Bekanntlich hatte der begnadete Kapellmeister einige Jahre zu Tribschen in Luzern verbracht, allwo er den Diensten einheimischer Bediensteter nie abhold war.

Weshalb meine Eltern darauf gekommen waren, mir schon frĂŒh mit der Klaviermusik vertraut zu machen, weiss ich nicht. Meine Mutter, der ich oft beim Klavierspiel zusah, hatte vielleicht angenommen, ich wĂŒrde mich an den Nokturnen Chopins delektieren, wĂ€hrend ich nur Augen dafĂŒr hatte, wie sie sich, sobald sie am Klavier sass, in ein zauberhaftes Wesen verwandelte, dessen Liebreiz mich jeweils noch lange nachher, wenn ich ihr spĂ€ter beim Abtröchnen des Essgeschirrs half, noch gefangen hielt.

Ich sah mich von jeher in den Lauf der Dinge eingebettet und angelĂ€chelt von der GleichgĂŒltigkeit des Lebens. Meine Haltung war eine abwartende und blieb es auch, als ich mich an einem sonnigen Nachtmittag im August des Jahres 1945 mit frisch geschnittenen FingernĂ€geln auf den Weg zu meiner ersten Klavierstunde befand. Das Haus, in dem meine Lehrerin wohnte, lag dem unsrigen gleich gegenĂŒber. In seinem Vorgarten lungerte liederlich der Goldregen und huschten die Amseln.

Berta W. empfing mich an der HaustĂŒr, geleitete mich in den Salon und liess mich an einem Glastisch Platz nehmen, auf dem eine Schale voller FrĂŒchte stand. Sie setzte sich neben mich, ergriff eine Banane, schĂ€lte sie mit drei anmutigen Handbewe-
gungen, hielt sie mir mit einem abgespreizten kleinen Finger hin, zog sie zurĂŒck, als ich sie fassen wollte, hielt sie mir wieder hin und wiederholte das Spiel so lange, bis ich begriffen hatte, dass sie mich fĂŒttern wollte, den Mund öffnete und zu essen begann.

Nachdem mir Berta W. den Mund mit einer Serviette abgetupft hatte, fĂŒhrte sie mich zum Klavier, dessen Deckel geöffnet war. Behutsam, fast zĂ€rtlich und ohne einen Ton anzuschlagen, fuhr sie mit der Hand ĂŒber die weissen und schwarzen Tasten. Sie sehen alle gleich aus, aber das tĂ€uscht, jede tönt anders, sagte sie. Mehr mĂŒsse ich jetzt noch nicht wissen. Ich war froh, dass kein Frage- und Antwortspiel drohte. Erst vor wenigen Monaten in die Primarschule eingetreten, hatte ich damit nĂ€mlich keine guten Erfahrungen gemacht: FrĂ€ulein ZumbĂŒhl, ZumbĂ€tzgi genannt, regte sich stets auf, wenn ich ĂŒber etwas Auskunft gab, das sie mir vorerst selber beizubringen gedachte.

So stand ich gedankenvoll vor dem Klavier, breitete im Geiste meine Arme aus und begann auszurechnen, wie lange ich noch wachsen mĂŒsste, bevor ich, auf dem runden, einem luxuriösen Melkstuhl Ă€hnelnden Sessel unverrĂŒckbar in der Mitte festgehalten, alle Tasten ĂŒberhaupt erreichen wĂŒrde. Nicht anders schien es mir um die zentral in BodennĂ€he angebrachten Pedale bestellt. Auch zu diesen, befĂŒrchtete ich, wĂŒrde ich einstweilen mit meinen FĂŒssen wohl nicht gelangen.

Es erwies sich aber, dass ich in meinen Bedenken zu sehr auf meine Vorstellung darĂŒber fixiert war, wie Klavierstunden vor sich zu gehen haben. Meine Lehrerin entpuppte sich nĂ€mlich als keine belehrende, sondern als eine geniale. Frei von jeder didaktischen Vorbildung und entsprechenden Einengungen fasste sie, wie ich heute vermute, unsere Zusammenkunft als eine unkorsettierte, sozusagen intransitive auf. Auf dem Heimweg ergriff mich eine unerwartete Vorfreude auf die nĂ€chste Lektion.

Meine zweite Klavierstunde begann auf gleiche Weise, wobei mir diesmal die schlanken HĂ€nde und die polierten, perlmuttfarbenen FingernĂ€gel meiner Lehrerin auffielen. WĂ€hrend ich gefĂŒttert wurde, hatte das Klavier seinen Deckel noch geschlossen und schimmerte schwarz und hoheitsvoll. Als Berta W. dann aufstand und auf es zuging, wurde mir ganz feierlich zumute und mein Herz begann zu klopfen. Meine Lehrerin hob langsam den Deckel und blickte mich dabei verschwörerisch an, als ob sie ein Geheimnis lĂŒftete. Sie setzte sich vor das Klavier, winkte mich zu sich, fasste mich an beiden Seiten und hievte mich auf ihren Schoss. Sie sagte, dass ich nun einfach zuhören solle und begann zu spielen. Es war eine langsame, mir unbekannt Melodie, die sie mit der rechten Hand anschlug, wĂ€hrend mir ihre linke sanft ĂŒbers Haar strich. Das Fenster stand offen. Es hatte kurz vorher geregnet, der Garten roch frisch. In kurzen AbstĂ€nden sang eine Amsel, die, wie mir schien, mit meiner Lehrerin musikalische Zwiesprache hielt. Ich hoffte, dass der Vogel nicht wegfliegen möge. Glauser’s Katze kam mir in den Sinn, die in den GĂ€rten immer schmalĂ€ugig unterwegs war. Die Hand meiner Lehrerin glitt federleicht ĂŒber die Tasten, verweilte manchmal, streichelte, sprang anmutig weiter, den Tönen voraus und hinterher.

Jedes Mal, wenn ich an diese Klarvierstunde denke, versuche ich mich zu erinnern, wie sie ausgegangen ist. Ich komme aber nie weiter als bis zu dieser Hand, die fortwĂ€hrend imaginĂ€re Ornamente auf die Tastatur zeichnet. Es ist mir eine dunkle Vermutung geblieben, noch ein Mal bei Berta W. gewesen zu sein, bevor man mir dann weitere Besuche plötzlich verbot. Meine Mutter hatte mir erklĂ€rt, das Berti sei öbere und treibe es mit VerhĂŒroteten. Ich konnte mir darauf einen ungefĂ€hren Reim machen und wusste nicht, ob ich enttĂ€uscht oder beleidigt sein sollte. Wenig spĂ€ter haben sich besorgte und ordnungsliebende Mitmenschen meiner Lehrerin angenommen und sie in eine Irrenanstalt verbracht. Kurz vorher, meinen morgendlichen Schulweg antretend, hatte ich sie noch einmal gesehen. Sie stand sie in der Haltung der farnesischen Kallipyga im Vorgarten des Hauses und betrachtete, leicht rĂŒckwĂ€rts gewandt, mit verlorenem Blick den Goldregen. Um ihre weichen und sanften HĂŒften floss faltenlos ein schieferblaues Kleid.


__________________
rem tene, verba sequentur

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Parsifal
Guest
Registriert: Not Yet

Klavierstunde

Lieber Otto,

das ist eine Geschichte, wie ich sie liebe: eine Form und eine Sprache, ĂŒber der man den Inhalt fast vergißt!

Übrigens besitze ich ein Bild von Mathilde Wesendonck mit ihrem Sohn, und ich will Meier heißen, wenn der nicht unverkennbar wagnersche ZĂŒge trĂ€gt.

Herzlichst
Parsifal

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Zefira
???
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Helft mal einer UngebĂŒldeten:

Ist die gemeint?
Kallipyge

Der erste Satz scheint mir in seiner grammatikalischen Verwicklung recht unklar. Willst Du darauf hinaus, lieber Otto, daß Richard Wagner auf einem StubenmĂ€dchen verschieden ist? Ist es Dir peinlich, das einfach hinzuschreiben, ohne daß man mit dem Sezierinstrument an den Satz muß?

Ansonsten hat mir das sehr gefallen - die erotische Komponente der Klavierstunde ist mir seinerzeit zwar entgangen, aber das scheint ohnehin mehr eine SpezialitĂ€t mĂ€nnlicher KlavierschĂŒler zu sein; schon Udo Lindenberg hat sich bekanntlich darĂŒber ausgelassen (wenn auch lange nicht so schön wie Du, Otto )

Es wird Zeit fĂŒr unsere Klaviergeschichten-Antho...

GrĂŒĂŸe,
Zefira



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otto otter
???
Registriert: Aug 2002

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Liebe Zefira

Vielleicht habe ich mich einfĂŒhrend allzu krampfhaft hoher Dezenz bemĂŒht... Peinlich, nun ja, das war es wohl vor allem fĂŒr das StubenmĂ€dchen.

Zu deiner anderen Frage: Es handelt sich um die Venus Kallipyga aus der Sammlung Farnese, Neapel (an die mich meine Lehrerin allerdings erst in der RĂŒckschau erinnert hat).

Das euch (dir und Pasifal) meine Geschichte gefallen hat, freut mich sehr!

Mit liebem Gruss

Otto



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GabiSils
???
Registriert: Mar 2002

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Lieber Otto,

schön! Mein Lieblingssatz ist "In seinem Vorgarten lungerte liederlich der Goldregen und huschten die Amseln."


Ein paar Fehler hat es noch (oder sind die Helvetismen Absicht?):

- einheimischer Bediensteter
- mich ... vertraut zu machen
- Platz nehmen
- voller FrĂŒchte
- Pedale

Gruß,

Gabi

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bluesnote
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: May 2002

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Zu Klavierstunde

Es ist zwar nicht mein Genre,
aber eins muss ich sagen.

Hier erwachen Figuren zum Leben.
Ich finde, mit diesem Text hat der Autor mit wenigen, interessanten Worten alles Wichtige erzÀhlt.

Und davon kann ich lernen.

Mit freundlichen GrĂŒssen.

bluesnote

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