Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, m├╝ssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5437
Themen:   92201
Momentan online:
249 Gäste und 11 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Humor und Satire
Kleine Fische.
Eingestellt am 07. 04. 2004 10:29


Autor
Ein neues Thema ver├Âffentlichen.     Antwort ver├Âffentlichen.
pleistoneun
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Apr 2002

Werke: 173
Kommentare: 57
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um pleistoneun eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Flavio steckte wie jeden Tag um diese Zeit im Stau. Er und rund vierhundert andere Arbeiter der Fischfabrik hatten Schichtwechsel und n├Ąherten sich doppelspurig in ihren Vehikeln im Schritttempo der Werksausfahrt, die aus Gr├╝nden der Sicherheit k├╝nstlich verschm├Ąlert wurde, sodass jeder einzelne genau kontrolliert werden konnte, der sie passierte. Denn wie in anderen Berufen auch, lie├č man hier gerne mal ein paar frische Flossen f├╝rs abendliche Festmahl mitgehen. Flavio hatte eine denkbar schlechte Stelle erwischt: die MVA, die Mur├Ąnen-Verpackungsabteilung. Hier wollte niemand freiwillig etwas entwenden.

Die tief stehende Abendsonne lie├č Flavios Blick auf seine Hose senken. Dort zeigten sich noch die Spuren seines Arbeitstages. Durch das ge├Âffnete Fenster seines Wagens entsorgte er mit Schwung die ├╝belriechenden Mur├Ąnenreste. Die Teile klatschten auf das Beifahrerfenster seines Staunachbarn. In diesem sa├č Edo Swiatnik, ein polnischer Aushilfsschl├Ąchter, spezialisiert auf Berglangusten. "Hallo! Aufh├Âren!", war dumpf der polnische Akzent durch die geschlossene Fensterscheibe zu vernehmen. Doch vertieft in seine S├Ąuberungsarbeit h├Ârte Flavio die Andeutungen des Polen nicht und schnippte mit Daumen und Zeigefinger weiterhin Fischteile zu seinem Nachbarn.

Edo, der Pole, wollte das Beifahrerfenster ├Âffnen, doch gelang ihm dies nicht, wohl aus Dickleibigkeit, wohl aber auch wegen der gro├čen K├╝hlbox, die am Beifahrerstitz stand und den Zweck hatte, die gestohlenen Fische frisch zu halten bis nachhause. So behalf er sich damit, die Aufmerksamkeit Flavios zu erlangen, indem er einen Fisch - an der Hinterflosse haltend - zur Scheibe klatschte. Zuerst ein kleiner Fisch, dann ein etwas gr├Â├čerer. Flavios einzige Reaktion war ab und zu das Heben des Kopfes, um zu sehen, ob es im Stau vorw├Ąrts ging. Die Ereiferungen des Polen jedoch blieben unbeachtet.

Bojan, dessen arbeitende Position die Rochenzerlegung war, beobachtete das Geschehen im Wagen vor ihm, konnte also sehen, wie der Pole einen dicken Fisch immer wieder gegen die Innenscheibe schlug. Er meinte, er wolle damit nur demonstrieren, welches Exemplar er heute h├Ątte mitgehen lassen. Bojan dachte an seinen frischen Zitterrochen, den er seinerseits entwendet hatte. Er konnte es nicht lassen, wollte seinem Vordermann zeigen, wer da nun das Fischma├č aller Dinge sei und hielt mit beiden H├Ąnden seinen toten Rochen hoch. Das roch der Nebenmann, der nach kurzem ├ťberlegen seinerseits derselben Absicht nachkam, zu zeigen, was ein guter Fischklau ist.

Und so kam es, dass die gesamte Kolonne ihre Fischbeute pr├Ąsentierte, zum gro├čen Missfallen der Kontrolleure an der Werksausfahrt. Die Wachmannschaft lie├č alle Arbeiter aussteigen und s├Ąmtliches gestohlenes Fischgut sollte vorgelegt werden. Dabei kam es - wie h├Ąufig bei widerwilligem Volk - zu einer Massenfischschl├Ągerei. Dicke, d├╝nne, gro├če, kleine, nasse, schmierige, gefrorene, stinkende, lausige, gestreifte und gemusterte Fische flogen ├╝ber die Autod├Ącher hinweg und erf├╝llten die Stra├če mit ├╝belriechendem Gestank.

Flavio, der Pole und die anderen standen schnaubend nach dem Gemetzel inmitten von Innereien und offenen Fischk├Ârpern und wurden - nachdem dem Wachpersonal klar war, dass hier keine Beute mehr gemacht werden konnte - aufgefordert, unverz├╝glich das Fabriksgel├Ąnde zu verlassen.

Und als der letzte Wagen durch die Ausfahrt tuckerte, konnte man erst das wahre Ausma├č der Schlacht ermessen. Leblose Kadaver lagen in einem Meer aus Blut, das mit dem Eis verschmolz, das einst zur Erhaltung der Frische diente. Aber ganz hinten, zwischen zwei entstellten Doktorfischen, zappelte etwas. Es schien einen ├ťberlebenden zu geben. Mit allerletzten Kr├Ąften wollte eine kleine Sardine auf sich aufmerksam machen und w├Âlbte seinen K├Ârper im ├ťberlebenstrieb.

Doch schon bog mit Get├Âse das m├Ąchtige Reinigungsfahrzeug um die Kurve und schluckte mit gro├čem Appetit die ganze Fischstra├če, ohne zu wissen, dass ein Sardinenbaby bis dahin glaubte, sein ganzes Leben noch vor sich zu haben und das Austrocknen der Kiemen w├Ąre nur vor├╝bergehend und alles k├Ąme mit einem Schuss Frischwasser wieder in Ordnung. F├╝r Flavio, Edo, Bojan, den anderen Fabriksarbeitern und dem Reinigungsfahrzeug aber war die Sardine nur ein kleiner Fisch. Nur ein kleiner Fisch, dessen Schicksal einzig dem Hungerstillen diente? Auf keinen Fall, denn sonst w├╝rde man ja Sar-dienen mit langem i schreiben, nicht wahr?
__________________
http://www.1yl.at/pleistoneun

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


Zur├╝ck zu:  Humor und Satire Ein neues Thema ver├Âffentlichen.     Antwort ver├Âffentlichen.


Leselupe-Bücher



Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!