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Leselupe.de > Tagebuch - Diary
Kleine Helden meiner Hystorie
Eingestellt am 08. 03. 2009 14:16


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ENachtigall
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Unser Zoni


    Timo war 18 und Zoni, als wir ihn im Sommer 1989 beim Zelten am Plattensee kennen lernten. Er hatte gerade in Dresden Abitur gemacht und war nur noch einen Daumen im Wind weit vom Deutschen Demokratischen MilitĂ€rdienst entfernt. Wenigstens das kleine, ihm zugĂ€ngliche StĂŒckchen Europa wollte er bereist haben - die Tschechoslowakei, Ungarn, Bulgarien, RumĂ€nien - bevor das Leben so richtig ernst zu werden drohte.
Wir, das waren meine kleine Schwester Doris und ich: sie in den frĂŒhen, ich in den spĂ€ten Zwanzigern und Wessis. Wir hatten uns Mutters Golf geliehen fĂŒr ein paar Tage ersehnten Sonnenschein, Badespaß und kleines Geld.

    Es regnete tagelang und nachts fĂŒhlten wir die MĂ€use unter unseren Isomatten flitzen. Um uns herum wimmelte es von Schwaben, deren Sprache wir lachmuskelreizend fanden, solange sie nicht im Cola-Rot-Rausch, der ihnen beinahe Dauerzustand war, ĂŒber die SchnĂŒre und Heringe auf unser dĂŒnnwandiges Lager taumelten, wo wir zur Abendzeit auf dem Spirituskocher gern bizarre GemĂŒsegerichte köchelten. Der Duft dieser kulinarischen Experimente lockte eines Tages Timo – seines Zeichens Vegetarier – an, uns in die Pötte zu kieken. So ergab es sich, dass wir fortan mit ihm und seinen Freunden gemeinsam die Töpfe und Pfannen bestĂŒckten und vor allem: leer schaufelten. Am besten aber waren die Geschichten, die sie zu erzĂ€hlen wussten. Da ging es um abenteuerliche AusflĂŒge zwecks Materialbeschaffung, freibeuterische Taxifahrer, Wohn-Zweckgemeinschaften in Minimalquadratmeter-Einheiten und jahrelange Wartezeiten auf einen Telefonanschluss oder ein Auto. Was die Spannungsbögen und das ErzĂ€hltalent unserer Ossis anging, hatten wir Wessis – von wenigen Ausnahmen abgesehen - entschieden keine Schnitte.

    Aus den Kofferradios sprudelten tagein nachtaus Berichte ĂŒber besetzte Botschaften in nunmehr fast allen Ostblockstaaten und die vermutete Aufweichung der strikten Kontrollen an der Österreich-Ungarischen Grenze.
Seltsam still wurde es dann in unserer gemischten Runde. Unsere Ossis hörten mit gebeugten Köpfen und hochroten Ohren zu. Keiner wagte etwas zu sagen. Auch wir brachen nicht das Tabu. Nur einmal, als wir mit Timo allein waren, fragten wir, wie er darĂŒber dĂ€chte und ob dieser Weg auch fĂŒr ihn in Frage kĂ€me. Eigentlich sei es ja ein guter Zeitpunkt, meinte er. Und der MilitĂ€rdienst sei nun auch nicht das, worauf er sich freue. Aber er könne sich nicht entschließen.
Wann immer ein Trabbi oder Wartburg den Zeltplatz verließ, fingen die Ossis an zu tuscheln.

    Es war schon Herbst, als uns eine Karte aus Bulgarien und tags darauf ein Anruf aus dem Auffanglager erreichte. Die Einladung, bei uns zu wohnen, nahm er widerspruchslos an. Verwandte in SĂŒddeutschland, die ihm quasi fremd waren, wollte er spĂ€ter kontaktieren. Also holten wir ihn ein paar Tage spĂ€ter vom Bahnhof ab. Doris und ich wohnten im gleichen Haus in unterschiedlichen Wohnungen. Wir hatten mehr als genug Platz fĂŒr einen Gast und waren ganz kribbelig, einen eigenen Zoni, der frisch â€žĂŒber die Grenze gemacht hatte“, zu beherbergen.
Unglaublich erschien ihm, dass wir tatsĂ€chlich kein Auto besaßen und unser Fernseher kaum grĂ¶ĂŸer war als der Toaster. Von den hundert Mark BegrĂŒĂŸungsgeld kaufte er sich einen ganzen Seesack voll Klamotten. Mit meinem Fahrrad fuhr er quer durch den Puff, nachdem ich ihm erklĂ€rt hatte, wie er hinfĂ€nde. Er wollte seiner vagen Vorstellung davon ein konkretes Bild an die Seite stellen. VerhĂ€ltnismĂ€ĂŸig wenig beeindruckt aber etwas aus der Puste kam er zurĂŒck und berichtete von seinen Runden. ZunĂ€chst hatte er nur MĂ€nner an der Straßenseite gesehen, weil er zu schnell war. Vielleicht war es doch die falsche Straße? Nein, der Name stimmte. Er wartete ein Weilchen bis zur zweiten Runde und erhaschte endlich den gewĂŒnschten Blick: aufgebretzelte Damen in rot beleuchteten Schaufenstern.
Gegen Ende der Woche stellte er sich dann telefonisch bei seinen Verwandten vor, die ihn postwendend zu sich baten. Er freute sich einen Ast, als wenig spÀter wie ein böser Fluch die Grenze sich in Wohlgefallen auflöste und mit ihr sein schlechtes Gewissen, die eigene Familie auf Nimmer Wiedersehen verlassen zu haben.

    Nach ein paar Telefonaten und Postkarten verloren wir seine Spur, wie es so oft passiert am Strand des Lebens zwischen Ebbe und Flut. Ob er tatsĂ€chlich Meeresbiologe geworden ist? Das sei sein grĂ¶ĂŸter Wunsch, sagte er einmal, als in Ungarn die Sonne schien und wir zum Schwimmen in den Plattensee gewatet waren.




Anmerkungen

Cola-Rot: Gemisch aus Rotwein und Coca-Cola





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revilo
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Hallo mein schöner Vogel,

Du hast eine wunderschöne Erinnerungs-Geschichte geschrieben. Deine Protagonisten sind lebendig, nicht ĂŒberzogen und ehrlich. Ich schwelge gerade in meiner Zeit als staatlich geprĂŒfter Interrailer und denke an Ute mit dem langen blonden Haar, die ich als JĂŒngling von 17 Jahren auf der Überfahrt von Ostende nach Dover eroberte. Hand in Hand standen wir im Morgengrauen an Deck und bewunderten die white cliffs of Dover. Wir waren unschuldig und verliebt........ Wozu Literatur doch gut ist........ Seuuuufz revilo

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ENachtigall
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Hallo revilo,

wie schön, darauf eine RĂŒckmeldung zu bekommen!. Dass Dir als Leser dabei eigene Erinnerungen wachgeworden sind, freut mich besonders.
Es sind oft gerade die kleinen Begegnungen in unseren Lebensgeschichten, die - gleich ob freundschaftlicher oder amouröser Natur - sehr wertvoll sind. Menschen, mit denen wir wie beilÀufig die Wege kreuzen, hinterlassen oft einen leichten, luftigen, von wohlwollender Art getragenen Eindruck.

Ich denke, darum verdienen sie durchaus, dass wir ihrer hin und wieder gedenken. Warum nicht in solch kleinen ErzĂ€hlepisoden, die darĂŒberhinaus ein StĂŒck Alltag im RĂŒckspiegel des Zeitgeschehens zeigen.

To be continued.

Liebe GrĂŒĂŸe,

Elke
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