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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Kleine Katzen töten
Eingestellt am 02. 04. 2013 18:36


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Arno Abendschön
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Registriert: Aug 2010

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Meine Jugend habe ich zu einem guten Teil in einem aufgelassenen Steinbruch verbracht. Mein Vater kaufte ihn der Gemeinde ab, als ich vier Jahre alt war. Auf dem Gelände befand sich die vormalige Unterkunft der Steinbrucharbeiter, eine Holzbaracke mit einem Steinsockel. Wir bezogen drei der fünf Räume, in zwei weiteren drängte sich noch eine der ärmsten Familien des Ortes. Etwas später bekam sie anderweitigen Wohnraum zugewiesen.

Wie viele Kinder hatten die Moschs? Ich weiß es nicht mehr, gewiss nicht wenige und sie waren viel wilder als ich. Eines von ihnen, ein zwölfjähriges Mädchen, stürzte damals in den Felsen hinter dem Haus tödlich ab. Ja, da sah es höchst romantisch aus, diese steilen Wände und davor die Schutthalden, pyramidenförmig oder länglich wie ein Sarg und alle schon dicht bewachsen.

Vater Mosch war, glaube ich, Gelegenheitsarbeiter und stand am liebsten auf der Treppe vor dem Haus, gleichmütig auf den Zehen wippend. Gelegentlich bot auch dieser Phlegmatiker Beispiele von Tatkraft, die mich gleichzeitig anzogen und abstießen. So sagte er einmal gut gelaunt zu mir: "Deine Mutter ist bei den Hühnern. Die Katze hat Junge bekommen. Wir müssen sie fortschaffen. Kommst du mit?" Ich nickte. Er sagte: "Warte" und verschwand im Keller. Als er zurückkam, waren die Außentaschen seiner Jacke etwas ausgebuchtet. Drinnen zappelte es. Er schlug den Weg zu den Felsen ein.

Zwei seiner Kinder, die noch nicht zur Schule gingen, folgten uns neugierig. Wie wir uns vom Haus entfernten, ließ sich empörtes Miauen aus dem Keller vernehmen, gedämpft zwar durch dicke Mauern, dafür in seinem Ausdruck noch schmerzlicher. Wir gingen, bis wir zu der Stelle kamen, an der sich gerade vor der Felswand eine Abfallgrube auftat.

Vater Mosch griff in seine Jackentasche und holte eines der neugeborenen Kätzchen heraus. Es war rotweiß gestreift und nicht länger und nicht dicker als der Mittelfinger seiner rechten Pranke, mit der er es sogleich über die Grube hinweg auf die glatte Steinwand schleuderte. Undeutlich sah man, wie etwas von der Wand in die Grube fiel. Die übrigen drei kleinen Würmer, blind und außerhalb der mütterlichen Wärme orientierungslos, wanden sich noch zuckend in seiner Hand - dann erging es ihnen ebenso. Wir Kinder verfolgten regungslos das Geschehen.

Schon nach einer Minute war alles vorbei. Wir traten den Rückweg an. Keiner sagte ein Wort. Doch das Gesicht von Vater Mosch, sonst so harmlos und friedfertig, wies jetzt einen Ausdruck von Befriedigung auf, den ich bis dahin noch nicht an ihm wahrgenommen hatte: ERLEDIGT.


Version vom 02. 04. 2013 18:36
Version vom 04. 04. 2013 18:01

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Val Sidal
???
Registriert: Jan 2013

Werke: 42
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Arno,

eine beklemmende Geschichte.

quote:
Eines von ihnen, ein zwölfjähriges Mädchen, stürzte damals in den Felsen hinter dem Haus tödlich ab. Ja, da sah es höchst romantisch aus, ...
Super, deine Lakonik -- wie du mit sparsamsten Mitteln die Grundstimmung des Erzählers, der Geschichte erzeugst...

... und die Spannung steigerst:
quote:
So sagte er einmal gut gelaunt zu mir: "Deine Mutter ist bei den Hühnern. Die Katze hat Junge bekommen. Wir müssen sie fortschaffen. Kommst du mit?" Ich nickte.

Der Höhepunkt wirkt auf mich enttäuschend und unglaubwürdig:
quote:
Wir Kinder verfolgten regungslos das Geschehen und staunten.
Ich glaube nicht das "staunen" die Gefühlslage von Kindern treffend einfängt. Mag sein, dass es sogar einen Unterschied im Erleben (z. B. wegen Sozialisationsdifferenzen) von Moschs Kindern und dem, des Erzählers gibt. Im Augenblick der Hinrichtung käme Mitgefühl auf, das verschieden in Erscheinung treten könnte.
Folgender Abschnitt untermauert mein Empfinden:
quote:
Wir traten den Rückweg an. Keiner sagte ein Wort. Doch das Gesicht von Vater Mosch, sonst so harmlos und friedfertig, wies jetzt einen Ausdruck von Befriedigung auf, den ich bis dahin noch nicht an ihm wahrgenommen hatte.
Aber,
quote:
Man konnte diesen Ausdruck mit nur einem Wort beschreiben: ERLEDIGT.
Das klingt nach Autors und nicht Erzählers Stimme.

Mir hätte:
quote:
Doch das Gesicht von Vater Mosch, sonst so harmlos und friedfertig, wies jetzt einen Ausdruck von Befriedigung auf, den ich bis dahin noch nicht an ihm wahrgenommen hatte: ERLEDIGT.
gereicht.

Wer bereit ist, sich auf die Tiefen deines Textes ein zu lassen, wird viel Wahres über Mensch erkennen, unangenehmen Facetten seines Selbst begegnen.
__________________
valS
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© Meine Werke und Kommentare sind mein Eigentum. Diebe werden verflucht.

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Dominik Klama
Guest
Registriert: Not Yet

"und staunten" streichen! Fügt dem Text nichts hinzu, sondern wirkt wie ein "Zu viel". "Wir Kinder standen regungslos." Und was in uns vorging, denkt sich jetzt bitte jeder Leser selber aus.

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