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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Kleine Liebe
Eingestellt am 12. 01. 2013 21:06


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Art.Z.
Autorenanw├Ąrter
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Kleine Liebe

Ich traf sie am Sonntag in einem Wagonabteil. Sie las ein Buch und jagte die Strommasten, die am Zugfenster vorbeirauschten, wenn ihre Lekt├╝re zu langweilig wurde. Ich hatte auch ein Buch bei mir, dessen Inhalt ich nie gelesen und es auch nicht vorhatte. Als sie wieder der verschwommenen Landschaft nachsann, fragte ich sie, was sie liest. Sie zeigte mir das Cover und ich nickte, ohne den Titel zu lesen. Ich zeigte ihr mein Buch und sein ├äu├čeres erwies sich als n├╝tzlich, indem es ihr ein zustimmendes L├Ącheln entlockte. Sie mochte den Autor und ich bejahte dies mit der Steigerung, den selben zu lieben und alle seine B├╝cher gelesen zu haben. Wir kamen ins Gespr├Ąch und redeten lange, redeten und redeten, auch nachdem wir aus dem Zug ausgestiegen waren. Sie erz├Ąhlte mir, dass sie durch Europa reiste, ohne Ziel und Zeitplan. Im Leben bindet sie nichts mehr und so frei und losgelassen, bereist sie jede Stadt, in die sie ihr Schicksal f├╝hrt. Ich berichtete von meinem Studium, dass ich gerade Ferien hatte und auf dem Weg nach Hause war. Wieso ich ausgestiegen war, fragte sie, wo ich doch nach Hause musste. Ich habe Zeit, antwortete ich mit einem L├Ącheln, so viel Zeit, wie sie mir schenken w├╝rde. Sie lachte verlegen und ich sah die tiefen Gr├╝bchen, die vor ihren Wangen, wie der Rahmen eines abstrakten Gem├Ąldes oval und dunkel das leichte Rot und Rosa ihrer Haut betonten.
Es war fr├╝her Nachmittag und der Fr├╝hling hatte seine frostig sch├╝chterne Fr├╝hjahrsr├Âte noch nicht abgelegt. Im Park setzten wir uns auf eine Bank und spielten ein Spiel. Jeder durfte den anderen etwas fragen, etwas Intimes oder Albernes, wobei nat├╝rlich die Brisanz der Frage den Reiz des Spiels ausmachte. Ich begann und fragte sie nach ihrer ersten kleinen Liebe. Klein, fragte sie ├╝berrascht. Ja, antwortete ich, die gro├če Liebe ist doch langweilig, da jeder ├╝ber sie reden, aber keiner sie kennen w├╝rde, die kleinen Dinge machen das Leben aus, genau wie die Liebe. Sie lachte und ├╝berlegte kurz. Erz├Ąhlte mir dann von einem Jungen aus ihrer Klasse, in den sie verliebt war, aber die Liebe war gro├č, erg├Ąnzte sie. Das gilt nicht, sagte ich und forderte sie auf, ein anderes Beispiel zu finden. Aber jede Liebe ist gro├č, wenn sie da ist, sagte sie trotzig, eine kleine Liebe sei nicht der Erinnerung wert und w├╝rde sofort vergessen werden. Ich schmunzelte und sah sie an, sah sie eindringlich an, und fragte sie, ob sie kleine Liebe nicht besser als gro├če f├Ąnde. Kleine Liebe ist einfach und gut, sie bleibt nicht lange und schneidet nicht so tief wie gro├če. Und doch ist es Liebe, eben nur eine kleine, aber Liebe. Sie drehte sich weg, schaute in den Himmel und schloss die Augen. Ja, sagte sie. Ich stand auf und nahm ihre Hand, wir gingen weiter. Der Tag stand noch in seiner vollen Bl├╝te.
In einem Schallplattenladen st├Âberten wir nach alten, verstaubten Sch├Ątzen. Sie griff nach einer Platte und schrie laut auf. Es war eine franz├Âsische S├Ąngerin, eine alte, zu sehr geschminkte Dame, ich kannte sie nicht. Aber sie freute sich und erz├Ąhlte mir, dass das die Musik ihrer Jugend war, ihre Oma h├Ârte immer diese Musik, dies war ihre Lieblingss├Ąngerin. Sie schaute das Bild ein paar Sekunden an und legte die Platte wieder zur├╝ck. Kauf sie doch, forderte ich sie energisch auf, aber sie sch├╝ttelte den Kopf und ging zum Ausgang. Es ist vorbei, ihre Oma ist schon lange tot und Musik w├╝rde sie nur traurig machen, das wollte sie nicht. Ich verstand es nicht, da ich noch niemandem aus meiner Familie verloren hatte, aber ich fragte nicht weiter nach. Ihr Gesicht verbot mir jede Frage. Ich nahm wieder ihre Hand und wir gingen weiter durch die Stra├čen. Die Sonne war wieder im Begriff zu sinken, nachdem sie ihr Zenit ohne jeden Wolkenschleier ├╝berschritten hatte.
Auf dem Rummelplatz fuhren wir Riesenrad. Verfolgt von verwunderten Blicken stiegen wir in die Gondel und schwebten Richtung Himmel. Ich legte meinen Arm um ihre blanke Schultern und fuhr mit meinem Zeigefinger ├╝ber ihren Hals, der ├╝berraschend kalt war. Ist dir kalt, fragte ich. Sie verneinte, es sei nur die H├Âhe, sie f├╝hle sich nicht wohl so weit vom Boden entfernt. Darauf hielt ich sie fester und sie lehnte sich an meine Brust. Wir drehten viele Runden, drehten und drehten auch nachdem jeder Aufstieg seinen Reiz verlor. Unten angekommen, versteckten wir uns immer unter der Abdeckung und warteten, bis es wieder hinauf ging. Das Riesenrad war schlecht besucht, alle st├╝rmten zu den schnellen, grellen Fahrgesch├Ąften, nur wenige Senioren wagten die Fahrt auf dem alten Riesen. Schlie├člich stiegen wir aus. Nach unz├Ąhligem Auf und Ab standen wir wacklig auf den F├╝├čen und gew├Âhnten uns langsam an den festen Boden. Die kleine Liebe, sagte sie, dieser Gedanke geht ihr nicht mehr aus dem Kopf. Er ist wundersch├Ân, wieso ist sie nie selbst darauf gekommen? Ich gab ihr keine Antwort und wartete. Pl├Âtzlich kam sie auf mich zu und k├╝sste mich, sie k├╝sste und k├╝sste und k├╝sste und k├╝sste mich. Dann wich sie von mir und begann zu tanzen. In der laternenbeleuchteten Stra├če war sie unwirklich sch├Ân, unwirklich elegant und weich. Ein kleiner Kuss, sang sie, ein kleiner Kuss einer kleinen Liebe.
Es sah am├╝sant aus; eine wei├čhaarige Dame drehte und wirbelte wie eine Fee durch die Nacht. Sie kam wieder zum Stehen und schaute tief in meine Augen: ÔÇ×Du hast das Buch nie gelesen, dass du mir gezeigt hast.ÔÇť Ich nickte. ÔÇ×Du hast keines der B├╝cher dieses Autors gelesen. Das erste, was du mir gesagt hast, war eine L├╝ge.ÔÇť Ich schwieg. Sie fuhr mit ihrer Hand ├╝ber meine Wange: ÔÇ×Ach, mein Kleiner, du hast keine Ahnung.ÔÇť Sie t├Ątschelte mein Ohr.ÔÇťKomm mit, unsere kleine Liebe wird noch diese Nacht haben, und morgen verschwindest du, f├╝r immer, ich will dich nie wieder sehen.ÔÇť

So war es auch. Am n├Ąchsten Morgen fuhr ich mit dem Zug nach Hause und sah sie nie wieder. Es war unsere kleine Liebe, die ich vielleicht vergessen werde, wie den Inhalt des Buches, das ich nie gelesen hatte und doch aus irgendeinem Grund immer bei mir trage.

Version vom 12. 01. 2013 21:06

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Val Sidal
???
Registriert: Jan 2013

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Hallo Art.Z.

Deine Idee gef├Ąllt mir sehr gut. Der Ton und das Timing tr├Ągt.
Der Text ist wert, sprachlich und stilistisch bearbeitet zu werden.

Einige Beispiele:
"Als sie wieder der verschwommenen Landschaft nachsann, fragte ich sie, was sie liest. Sie zeigte mir das Cover und ich nickte, ohne den Titel zu lesen. Ich zeigte ihr mein Buch und sein ├äu├čeres erwies sich als n├╝tzlich, indem es ihr ein zustimmendes L├Ącheln entlockte. Sie mochte den Autor und ich bejahte dies mit der Steigerung, den selben zu lieben und alle seine B├╝cher gelesen zu haben."
Die Wortwahl und der Satzbau erschweren das Einfinden in die Stimmung der Szene. Zugleich verpasst du die Gelegenheit, die Positionierung der Protagonisten und die emotionale Aufladung der Szene zu entfalten. Eine bessere L├Âsung der Aufgabe h├Ątte die Figuren dem Leser erheblich n├Ąher bringen k├Ânnen.

Oder:

"Verfolgt von verwunderten Blicken stiegen wir in die Gondel und schwebten Richtung Himmel. Ich legte meinen Arm um ihre blanke Schultern und fuhr mit meinem Zeigefinger ├╝ber ihren Hals, der ├╝berraschend kalt war. Ist dir kalt, fragte ich. Sie verneinte, es sei nur die H├Âhe, sie f├╝hle sich nicht wohl so weit vom Boden entfernt. Darauf hielt ich sie fester und sie lehnte sich an meine Brust. Wir drehten viele Runden, drehten und drehten auch nachdem jeder Aufstieg seinen Reiz verlor. Unten angekommen, versteckten wir uns immer unter der Abdeckung und warteten, bis es wieder hinauf ging. Das Riesenrad war schlecht besucht, alle st├╝rmten zu den schnellen, grellen Fahrgesch├Ąften, nur wenige Senioren wagten die Fahrt auf dem alten Riesen."

Hier wendet die Geschichte in die von dir gewollten Richtung - aber wie? Himmel! Kalt! Drehten, drehten, drehten... usw.


Dann der Schluss:

"Sie t├Ątschelte mein Ohr.ÔÇťKomm mit, unsere kleine Liebe wird noch diese Nacht haben, und morgen verschwindest du, f├╝r immer, ich will dich nie wieder sehen.ÔÇť "

Wunderbar - die Entdeckung der KLEINEN LIEBE. H├Ąttest du hier aufgeh├Ârt, w├Ąre ein Echo im Herzen des Lesers entstanden. Mit dem letzten Absatz bremst du den Leser aus.

Und wenn schon kein offenes Ende (denn ohne den letzten Absatz bliebe offen, ob die Dame den vom Verstand diktierten Vorsatz auch durchhalten wird bzw. der Student sich konform verh├Ąlt), dann w├╝nschte ich mir, mit dem letzten Absatz zu erkennen, ob das Treffen f├╝r den Studenten auch eine Begegnung mit der KLEINEN LIEBE war. Es w├Ąre die letzte Gelegenheit, die emotionale Entfaltung der Figur anzudeuten.

Vor diesem Hintergrund betrachte ich den Text als sehr gute Vorarbeit zu einer guten Kurzgeschichte.

Werde auch weitere Texte von dir lesen.

Val Sidal

PS
Ich bin frisch in der Leselupe, noch unge├╝bt und ungelenk.
Sollte mein Beitrag nicht hilfreich sein, bitte ich dich um Nachsicht.


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valS
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┬ę Meine Werke und Kommentare sind mein Eigentum. Diebe werden verflucht.

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