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Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Kleine praktische Übung in Medienkompetenz
Eingestellt am 11. 04. 2019 10:22


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Trojan
Festzeitungsschreiber
Registriert: Mar 2019

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Sueddeutsche Online vom 7. April 2019 bringt einen Artikel mit der Überschrift „Extrem schön – und extrem stark in Gefahr“ – es geht um um eine neue Dokumentations-Reihe von David Attenborough auf Netflix, Unser Planet. Laut „Teaser“-Text zeigen die acht 50-minütigen Filme die Widerstandsfähigkeit der Natur gegen ihren Feind, den Menschen.

Gegen ihren Feind, sagt die Sueddeutsche, das klingt nach großem Drama – und ist es ja auch tatsächlich: ein Drama! Andererseits ist ein Drama ein Theaterkonzept und die Natur spielt eigentlich nicht Theater, der Mensch spielt Theater, und zwar um das Publikum zu unterhalten und um ein Thema, ein Problem, sichtbar zu machen. Scheinbar trifft dieser Satz aus dem Teaser-Text die Sache auf den Punkt: offenbar sind wir dermaßen eingespannt von anderen Dingen, dass uns Natur erst wieder nähergebracht werden muss, in dem Fall als Theaterstück von David Attenborough. Was die Sueddeutsche vergisst zu sagen, ist, wie uns das Theaterstück von Netflix nähergebracht wird, nämlich als Angebot – das ich als TV-Zuschauer auswähle, weil ich im Moment nicht House of Cards gucken will oder Making a Murderer, sondern „Natur“. Aber das versteht sich ja von selbst, wozu wäre ein solcher Hinweis gut?

Attenborough informiert und Netflix entertaint, könnte man zusammenfassen, keine schlechte Kombination.

Aber auch eine Kombination, zu schön, um wahr zu sein. Laut Teaser der Sueddeutschen haben die Attenborough-„Dokus“ ein Mitteilungsbedürfnis – sind also quasi im Auftrag unterwegs. Eine TV-Sendung mit Sendungsbewusstsein. Wenn aber der kommunikative Aspekt der Filme im Vordergrund stehen soll, dann darf man sich ja fragen, wie denn diese Kommunikation gestaltet ist, damit die Botschaft, falls vorhanden, den Zuschauer auch erreicht. Mein Verdacht ist eher, dass die Filme mit der Art, wie sie ihr Thema gestalten, ihr eigenes Sendungsbewusstsein unterlaufen. Indifferenz ist eine Folge dieser Gestaltung – die ihrerseits und idiotischerweise wiederum Folge einer Differenz ist, nämlich der neumodischen Unterscheidung Content/Inhalt.

Zur Sache: auch wenn ganz offensichtlich bei Unser Planet die Bilder beeindrucken sollen, ist es doch auch die wunderschöne Musik im Hintergrund, die sofort ins Auge springt – hätte ich fast gesagt, aber Musik springt ja nicht ins Auge, sondern höchstens ins Ohr, wie man vielleicht etwas vorschnell protestieren könnte.

Wenn man bei Unser Planet das Bild wegschalten und nur den Ton laufen lassen würde, dann hörte man ein durchgängiges, konzertantes Musikstück, sehr ambitionierte und sehr hörbare Musik! Wie gesagt, das Musikstück ist durchgehend, pausenlos – wenn immer wieder die Erzählstimme Attenboroughs einsetzt, wirkt das nicht als Unterbrechung, sondern fügt sich perfekt in den Fluss der Töne ein.

Natürlich ist klar, dass in den Attenborough-Filmen die Musik auf das Drama der Bilder komponiert ist, aber bei schwarzem Bildschirm wird eben auch klar, dass die Musik gut für sich allein bestehen könnte und schon deshalb keine Nebenrolle hat, sondern eine zweite Hauptrolle, und damit die umgekehrte Annahme genauso plausibel ist, nämlich dass die Bilder, die ja angeblich nur zeigen, was ist, und deshalb wahr sind, auf die Musik komponiert sind, und erst so überhaupt ein Drama entsteht – und die Bilder damit auch erst als Drama „wahr“ werden. Im Hinblick auf eine TV-Dokumentation ist das eine interessante Erkenntnis, nämlich nicht hinter dem Schein das Wirkliche zu suchen, sondern im Schein die Wirklichkeit zu finden. Vermutlich spricht man deshalb so vertraulich von „Dokus“.

Aber wer macht das schon, das Bild wegschalten! Nochmal zusamengefasst: die Musik ist nicht dazu gedacht, sie zu hören, nicht mal das Wort Musik trifft es, vielmehr handelt es sich um einen Soundtrack, und einen Soundtrack hört man nicht, sondern man guckt ihn, Musik, die man nicht hören, sondern sehen soll.

Gehörlose wüssten sicher auf der Stelle, wovon ich spreche, obwohl die Untertitel von Netflix in der Hinsicht unvollständig sind. Die Untertitel übersetzen allein Attenboroughs Erzähltext in Schrift, die Musik wird leider nicht übersetzt, etwa als [dramatische Musik], [fröhliche Musik], [Abfolge von lustigen Tönen], [leiser Übergang in Moll-Töne] – der Gehörlose hat allein die Bildinformation, und wird damit einerseits belogen – unbeabsichtigt –, weil die Bilder der schönen, aber bedrohten Natur ohne ihre Musik offenbar ja nicht bestehen können (nicht resilient genug sind), andererseits kommt die avisierte Botschaft, das Sendungsbewusstsein der Dokumentation, unverfälscht bei ihm an, nämlich als Bild und Text! Allerdings auch das: unbeabsichtigt!

Viel zielführender wäre es also für einen Zuschauer, der sich durch die Filme informieren und nicht bloß unterhalten lassen will, sich vorübergehend einmal selbst zum Gehörlosen zu machen, und nicht das Bild, sondern den Ton auf stumm zu schalten! Den Text dazu bietet Netflix als Untertitel ja an. Aber auch auf die Idee kommt man nicht als Zuschauer, warum auch? Man will sich unterhalten, ablenken, und die Doku über die bedrohte Schönheit der Natur unterhält bestens. Warum soll ich mir das kaputt machen?

Ich halte Netflix für ein extrem starkes Sendeformat und eine echte Bereicherung im TV-Angebot, aber Netflix ist in erster Linie ein Wirtschaftsunternehmen und produziert nicht, um Inhalte zu erzeugen, sondern Content. Schon der Form halber liegt Attenborough deshalb unter Content-Verdacht, bietet vermutlich nicht Information, sondern Unterhaltung, nicht Teilhabe, sondern Wachkoma.

Macht die Gestaltung als Drama tatsächlich das Problem sichtbar, das die Natur mit dem Menschen hat, der für sie Feind ist? Oder desinformiert das Drama nicht eher, weil die Natur womöglich gar kein Problem mit dem Menschen hat, sondern der Mensch eines mit der Natur? Machen Zeitlupen von kalbenden Gletschern, von riesigen Eisabbrüchen, die ins Meer klatschen, tatsächlich die Einzelheiten dieser Szene sichtbar? Oder verdecken Zeitlupen nicht eher die Tatsache, dass unser Problem mit der Natur in Echtzeit abläuft, auch wenn die großen Zeiträume, in denen Natur „passiert“, das Gegenteil nahelegen?

Ein wichtiges Kriterium der Medienkompetenz ist es, sich als Publikum nicht nur zu informieren, sondern auch, sich der Information zu entziehen – und eben auch dafür sich Kriterien zu schaffen. Mindestens so entscheidend wie die Information selbst, ist zu wissen, dass etwas gerade Thema ist, dazu muss ich nicht in jeden Artikel gehen, um mich dort etwa zunächst darüber informieren zu lassen, dass die Lesezeit hier 3 Minuten beträgt. Ich begnüge mich mit dem Teaser, und für den brauche ich durchaus mehr als diese „3 Minuten“. Und dieser Teaser jedenfalls in der Sueddeutschen zu den Attenborough-“Dokus“, dieser Teaser lügt.

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Penelopeia
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Registriert: Nov 2002

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Hallo Trojan,

im Text stecken interessante Gedanken, mir kommt sofort der berühmte "Doppelcharakter der in der Ware verkörperten Arbeitskraft" in den Sinn, wobei Marx in seinen umständlichen Erläuterungen vor allem wohl den Unterschied zwischen allgemeiner Mühe (er spricht vom "physiologischen Sinn") und der Effizienz des sich Mühenden (für ihn: "zweckbestimmte Form...konkreter nützlicher Arbeit") meint.

Jedes Netflix-Produkt ist eine Ware, muss also auch verkäuflich sein - wie auch alle anderen Kunstprodukte: die besitzen für meine Begriffe keine wesentlichen Unterschiede zu profanen, gering geschätzten Produkten des täglichen Bedarfs, z.B. zu Müllbeuteln, Wischtüchern, Klobürsten, denn sie müssen ebenfalls griffig und preiswert sein und die in sie gesetzten Erwartungen erfüllen... Um Netflix- und andere Produkte der digitalen Konsumwelt in kritischer Distanz betrachten zu können, müsste es eigentlich reichen, sich die (widersprüchlichen) Ansprüche an das jeweilige Produkt aus der Sicht jedes Teilnehmer am Produktions-Verbrauchs-Spiel vor Augen zu führen.

P.

Vielleicht könnte man den Artikel ein wenig straffen, die wichtigen Gedanken kämen dann ev. doch noch "teasiger" rüber!?

Auf jeden Fall: gern gelesen.

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