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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Kleine sentimentale Geschichte
Eingestellt am 14. 11. 1999 00:00


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martin von arndt
???
Registriert: Nov 2001

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Kleine, sentimentale Geschichte

Da steht einer. Steht auf der Stra├če.
Steht.
Uneinsichtig. Es ist ein Uneinsichtiger. Wie wir alle, die wir die n├Âtige Einsicht besitzen, ja, und eine wesentliche ├änderung in unserer Gem├╝tslage uns doch nicht gl├╝ckt.
Er steht nun auf der Stra├če und blickt in dies Fenster, strahlend vor ├╝ppigem Licht und eitler W├Ąrme. Denn drau├čen gefriert das Eis auf den Pl├Ątzen und die Nacht l├Ądt nicht zum Stillstehn.
Blickt in dies entfernte Fenster und macht Schlu├č mit der Einbildung, es sei keine Heimat. Wer hier wacht, hat Leben.
Da steht er nun recht lange. So lange, bis ihm die Zehen zuschweigen: Wir sind Fleisch nicht mehr von deinem Fleische und er beinahe grimassieren mu├č bei dem Gedanken. Aber endlich - da beschlie├čt er, hinzugehen, auf das Licht zuzutreten und selbst zu sehen, zu bef├╝hlen, zu erwittern, was das sei: W├Ąrme, ein Ofen, ein Zuhause.
Geht dorthin und beginnt die Suche, sucht, nicht langsam, sucht und findet, er pocht an eine T├╝re.
Pochen. Jemand hat an die T├╝re gepocht.
Drinnen horcht einer unsicher auf. Er hat gelesen. Nun hat es an der T├╝re gepocht. Er zieht groteske Schn├Ârkel mit seinen Brauen, ist unschl├╝ssig, soll er das Buch beiseite legen oder wird er unvermittelt zur├╝ckkehren, er h├Ârt wieder das Pochen und hastet der T├╝re entgegen. ├ľffnet.
Nun, einer mit Brille, steht und bringt K├Ąlte herein.
Rein?
Es ist sp├Ąt, ja, au├čerdem habe er gelesen. Und. Schlie├člich. Schlie├člich.
Schlie├člich ist es, vielleicht ist es ein Tag f├╝r eine Begegnung und so l├Ą├čt er ihn ein.
Der sieht um sich. Sucht wieder, aber nicht allzu rasch und blickt nicht habgierig. Auch ist er nicht furchtsam; der andere schon. Furchtsam, ein wenig gereizt, ihn verlangt nach dem offenen Buche.
Aber der da, der sieht nur um sich.
Und l├Ąchelt unvermittelt: ja, so ist's recht, das ist es: W├Ąrme, ein Ofen, ein Zuhause.
Und beeilt sich mit der Erkl├Ąrung: nicht, da├č er st├Âren wolle. Er habe auch kein Anliegen, das sei es nicht. Nur eintreten habe er gewollt, f├╝hlen, sehen, wittern, ein Zuhause. Nicht als ob es das seine w├Ąre, bitte, er m├Âge nicht glauben, er erg├Âtze sich in unschicklicher Weise an der Vorstellung, die B├╝cher (und besonders nicht das auf Seite 518 weltoffen leuchtende, auf das der andere nunmehr seinen wehm├╝tigen, halb aller Hoffnung entseelten Blick richtet), der Branntwein, die ungeordneten Papiere, die Messer und Gabeln, die nicht gl├Ąnzen, oder die wenigen Kleider im Schrank, dessen T├╝ren sich seit Jahren schon nicht mehr bewegen lassen, seien die seinen; vielmehr wolle er das fremde Heim kosten, einen Moment im Fremden selbst heimisch sein, kurz: er suche - den "alten Hort".
Der andere klappt das Buch unwirsch zu. Nun aber. Nun ist es genug. Doch man wehrt ihn ab: nein, nein, er wolle, er k├Ânne ja nicht bleiben. Nur f├╝r diese Minuten. Und dann sei es auch schon genug, das ist wahr.
Mit vier Fingern trommelt der Heimgesuchte auf das Buch. Beider Blicke kreuzen sich, erst auf den Fingerkuppen, dann auf dem Einband. Der Fremde nickt. Er kenne sie wohl, die Erz├Ąhlung, einen Pjotr Werchowenskij sto├če man schlie├člich nicht aus seinem Hirn.
Ja, das, das mag wohl richtig sein, obschon er ja noch nicht. Aber er m├Âge sich doch wenigstens setzen. Und: Kaffee sei keiner im Hause, aber vielleicht Tee - ein Gl├Ąschen vielleicht - ein Glas, ja.
Dann setzt er den Tee auf und f├╝hlt sich nicht mehr gar so heimgesucht, denn Besuch, damit k├Ânne ja niemand mehr rechnen zu so sp├Ąter Stunde und bei dieser - nachgerade sibirischen K├Ąlte.
Jaja, spricht der Eindringling, dessen Zehen nunmehr schmerzen, wenn er sich vorsichtig in einen Stuhl niederl├Ą├čt, so als habe er bereits eingewilligt in die seichten Anspielungen des laut in einer Nische Hantierenden.
Einen Tee vielleicht, vielleicht ein Glas Branntwein dazu, dazu die Nacht, die K├Ąlte, die Heimat, die W├Ąrme, der Ofen und das Licht. Da ist man dann eingekehrt, so mu├č man es wohl nennen, und man hat den Mantel nicht abgelegt und beabsichtigt es auch nicht zu tun, und man sitzt da und streift all den liebevoll aufget├╝rmten Plunder, den man selbst nicht zusammengeklaubt hat auf den Basaren dieser Erde, und ahnt und wei├č es nicht, woher diese Photographie stammt und welcher Liebe man sie nun verdankt, und doch ist all dies - gut.
Und wo getrunken wird, wird auch geschwatzt, gewitzelt, vielleicht rasch geweint. Und wenn die Einbildung: es sei keine Heimat dann ferne, ganz ganz ferne ist, steht er unversehens auf, der Uneinsichtige, und schlie├čt die T├╝r mit einem Ruck.
Der andere aber bleibt zur├╝ck mit Branntwein, Tee und leerem Blicke. Und er mag das Buch nicht mehr anr├╝hren, mag auch nicht mehr sitzen, er bleibt zur├╝ck mit einem ungewissen Verlangen, allein. Und pl├Âtzlich - sind die B├╝cher und der Branntwein, die ungeordneten Papiere, die Messer und Gabeln, die nicht gl├Ąnzen, oder die wenigen Kleider im Schrank - sind ihm kein Zuhause mehr.
Dann steht da einer. Steht am Fenster.
Steht. Und blickt hinaus auf die entfernte Stra├če, in die K├Ąlte, in die Nacht.

(├ťbernommen aus der 'Alten Leselupe'.
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