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Leselupe.de > Kurzprosa
Kleiner Engel
Eingestellt am 15. 08. 2006 19:48


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Franka
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Kleiner Engel


FrĂŒher nannte er sie “mein kleiner Engel”.

Heute hasst er sie.

Sie fĂ€hrt ihn besuchen, einmal im Jahr. Es ist sein Jahrestag, der Tag, an dem sie ihn holten. Sie hatte dafĂŒr gesorgt.
Seit dem gibt es fĂŒr sie einen zweiten Geburtstag.

Sie nimmt den Zug. Die Fahrt dauert lange. Sie muss umsteigen. Warten, eine dreiviertel Stunde Aufenthalt liegt dazwischen.

Sie könnte natĂŒrlich auch das Auto nehmen. Ginge schneller, wĂ€re auch bequemer.
Doch sie will keine fahrende Zeitbombe sein, nicht fĂŒr sich und erst recht nicht fĂŒr die Anderen.
Es ist kalt auf dem Bahnhof. Sie ist froh, als der Zug kommt.

Der Zug hĂ€lt, sie steigt aus. Nun ist es nicht mehr weit. Dreißig Minuten zu Fuß, wenn man langsam geht. Und sie geht langsam.
Sie legt kurze Pausen ein, bĂŒrstet sich das Haar. Sie zieht die Lippen nach und rĂŒckt die Naht an ihren StrĂŒmpfen gerade. Sie wird gut aussehen. Gut und zufrieden. So soll er sie sehen.

Der Wachmann schließt ihr das Tor auf und begleitet sie durch die Kontrollen.
Dann sagt er ihm Bescheid, dass sie da ist. Er wird kommen, wie immer. Und sie wird die Wut sehen. In seinen Augen. Weil sie hinter der Scheibe steht. Sie wieder gehen kann. Weil sie schön aussieht und stark. Und vor allem, weil er weiß, dass sie es geschafft hat. Weil sie ihn feiert, ihren zweiten Geburtstag.

Die Besuchszeit ist um. Sie geht. Nie kommt sie wieder her.
Er wird nicht mehr dort sein, im nÀchsten Jahr. Seine Zeit hier ist vorbei.
Sie wird auch weg gehen. Weit genug fĂŒr ihn, doch nah genug fĂŒr sie.

ZurĂŒck geht sie schnell. Unterwegs wischt sie sich die Farbe aus dem Gesicht. Das Haar dreht sie zu einem Knoten. Warm scheint die Sonne auf ihre bleichen Wangen.
Sie geht in die Bahnhofswirtschaft, stĂŒrzt zwei Klare hinunter. Einen Dritten auch noch hinterher. Ihre HĂ€nde werden ruhiger, zittern nicht mehr. Das Herz schlĂ€gt leise.

Sie steigt in den Zug. Er weiß nicht, wo dieser hinfĂ€hrt.

Aber sie, sie wird ein “Auge” auf ihn haben. Sie wird aufpassen, dass es fĂŒr ihn nie wieder einen “kleinen Engel” gibt.


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Denschie
Guest
Registriert: Not Yet

hallo franka,
du hast ein talent dafĂŒr, solche dramen zu schildern,
das ist mir letztens schon aufgefallen.
nach dem lesen weiß ich nie, ob es mir gefallen hat oder
nicht. "mit freude gelesen" kann ich schlecht sagen,
dafĂŒr ist mir zu viel schaurig-ungesagtes zwischen den
zeilen.
du hast empfindungen ausgelöst, vielleicht sollte ich
es so nennen.
ein bisschen fehlt mir noch, um sagen zu können, du
hÀttest gedanken ausgelöst. dazu ist es eben eher eine
kurzprosaische skizze.
viele grĂŒĂŸe,
denschie

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Melusine
Guest
Registriert: Not Yet

Hi Franka,
ich glaube ich verstehe was du meinst, und falls ich mich darin nicht irre, muss ich sagen: Der Text ist in meinen Augen bei weitem (und ich meine ca. Lichtjahre) zu seicht, um dem Thema auch nur annÀhernd gerecht zu werden.
Bitte nicht böse sein.
LG Mel

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Denschie
Guest
Registriert: Not Yet

nun bin ich aber auch gespannt.
ich hatte den eindruck, es ginge um eine frau,
der von einem mann was-auch-immer angetan wurde,
zumindest etwas, das schlimm genug war, ihn
in den knast zu bringen. ich hatte gewalt im sinn.
schlimmer konnte ich es mir nicht so recht
vorstellen, weil sie sonst wahrscheinlich nicht
die kraft hÀtte, ihn jedes jahr zu besuchen.

du bringst mich etwas durcheinander, mel. ich
hatte nichts "weltbewegendes" mehr dahinter
erwartet, dem hier nicht gerecht wĂŒrde.

lg, denschie

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no-name
Guest
Registriert: Not Yet

Hallo Franka,

also mir gefÀllt Dein Text, ich finde ihn keineswegs seicht, wie Melusine schreibt. Im Gegenteil, mich regt Dein Text zum Nachdenken an, gerade weil so vieles offen bleibt. Ich mag es ja generell eher, wenn mir Interpretaionsspielraum bleibt.

Liebe GrĂŒĂŸe von no-name.

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Franka
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Hallo,

ja, es ist eine Skizze und ja, es ist ein schwieriges Thema.
Diese Fassung entstand nach einer lÀngeren Diskussion. An der ersten Fassung wurde bemÀngelt, dass sie dem Leser zu viel Interpretationsspielraum zumutet.

Hier mal zum Vergleich die Urfassung:

Kleiner Engel


FrĂŒher, als sie fast noch ein Kind war, nannte er sie “mein kleiner Engel”.
Heute hasst er sie.


Sie fÀhrt ihn trotzdem besuchen, einmal im Jahr.
Nimmt den Zug. Die Fahrt dauert lange. Sie muss umsteigen. Warten, eine dreiviertel Stunde Aufenthalt liegt dazwischen.

Es ist kalt auf dem Bahnhof. Sie ist froh, als der Zug kommt.

Der Zug hĂ€lt, sie steigt aus. Nun ist es nicht mehr weit. Dreißig Minuten zu Fuß, wenn man langsam geht. Und sie geht langsam.
Sie legt kurze Pausen ein. BĂŒrstet sich das Haar. Sie zieht die Lippen nach und rĂŒckt die Naht an ihren StrĂŒmpfen gerade. Sie wird gut aussehen. Gut und zufrieden. So soll er sie sehen.

Man öffnen ihr das Tor und begleiten sie durch die Kontrollen.
Sie wird die Wut sehen, in seinen Augen. Weil sie auf der geschĂŒtzten Seite steht. Sie wieder gehen darf. Weil sie schön aussieht, schön und stark. Weil er weiß, dass sie will, dass er sie so sieht.

Die Besuchszeit ist vorbei. Sie geht. Wird nie wiederkommen. Er wird nicht mehr dort sein, im nÀchsten Jahr. Seine Zeit hier geht zu Ende.
Sie wird auch weg gehen. Weit weg!

Sie geht schnell zum Bahnhof. Unterwegs wischt sie sich die Farbe aus dem Gesicht. Das Haar dreht sie zu einem Knoten. Warm scheint die Sonne auf ihre bleichen Wangen.
In der Bahnhofswirtschaft stĂŒrzt sie zwei Klare hinunter. Den Dritten gleich hinterher. Ihre HĂ€nde werden ruhiger, zittern nicht mehr. Das Herz schlĂ€gt leise.

Sie steigt in den Zug. Er weiß nicht, wohin dieser fĂ€hrt.


Sie wird nie wieder ein “kleiner Engel” sein.


Und, ich muss Melusine widersprechen, ich finde den Text nicht zu seicht, vielleicht mehr geglÀttet, mehr leserfreundlicher, wenn man das so sagen darf.

Die meisten Leser (auch Opfer) haben sich hĂ€ufiger fĂŒr die Urfassung entschieden.

LG Franka



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