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Leselupe.de > Anonymus
Kleiner Programmfehler
Eingestellt am 05. 09. 2006 13:05


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Anonymous
Unbekannter Verfasser
Registriert: irgendwann

Seit Wochen stehe ich nun schon im dunklen Nebenraum eines Second-Hand-Ladens herum. Auf mir hat der Ladeninhaber, ein schmieriger alter Mann in Filzlatschen, dessen offener Mund ein Sammelsurium von Zahnlücken, gelb-schwarzen Zahnstummeln und zerbrochenen Inlays zeigt und den Raum bis in den letzten Winkel mit einem bestialischen Gestank aus Knoblauch und Krematorium füllt, Besteckkästen, ein altes Radio und zerkratzte Platten ohne Hülle übereinander gestapelt. Neben mir drängeln sich ähnlich Schöne wie ich eine bin. Jede trägt ein kleines Schildchen. Ich kann sie alle lesen, selbst das eigene, denn an der gegenüberliegenden Wand hängt ein mählich blind werdender Spiegel. Auf den Schildchen der anderen steht zumeist so etwas wie: Tolles Gerät! Markenartikel, fast wie neu, wenig gelaufen, einmaliges Angebot – na und so weiter.
Auf meinem befindet sich der Zusatz: Kleiner Programmfehler. Der verdrieĂźliche Gesichtsausdruck des Ladeninhabers, die langen, verkniffenen Blicke auf mich, die fast endlose Ratlosigkeit beim Schreiben der paar Zeilen sind mir gut in Erinnerung. Ich hasse ihn!
Nichts passiert. Keiner interessiert sich für mich. Lässt sich mal ein Kunde in den Nebenraum locken und gelangt – ob aus Gründen der Neugier, reinem Zufall oder der Einwirkung unbekannter höherer Mächte, sei dahingestellt – in meine abseitige Ecke und entdeckt mein Schildchen, schüttelt er zumeist den Kopf und verschwindet ziemlich schnell. Ich weiß: es liegt am Text meines Pappschildes. Der Alte hat mich stigmatisiert für ewig und drei Tage. Bis zur Müllhalde oder dem Hochofen wird mir der „Programmfehler“ anhängen. Ich sehe schon, wie man mich packt, auf eine Sackkarre zerrt, aus dem Laden karrt, auf einen Schrottsammler wirft...
Dabei fing alles ganz normal und friedlich an.

Nach meiner Geburt – ich meine: nach meiner Fertigstellung in dem bekannten Hause S. – , erlebte ich einen schnellen Wechsel von Werkslager, Großhändler, Media-Markt-Dependance, Endverbraucher. Ein paar Fahrten in ruckligen Lkw, und ich fand mich im Waschkeller eines mehrgeschossigen Wohnblocks wieder. Es war nicht der schlechteste Anfang, ehrlich! Der Bau musste frisch renoviert worden sein, die Kellerwände waren zumindest hellweiß, es gab einen intakten Fliesenspiegel bis in Höhe meiner Ablageplatte, keine Ratten und Kanalabgase, und die Nutzerinnen und Nutzer – ich begegnete nur einem männlichen; er wurde entweder mitleidig oder, hinterrücks, verächtlich von den Frauen fixiert –, die Waschwilligen also schienen mir umgänglich und voller Verständnis für eine moderne, energieeffizente und zeitgemäße Waschmaschine zu sein. Alle lasen vor dem ersten Waschgang genau die Bedienungsanleitung. Dann benutzten sie mich.

Ich erfüllte alle Vorgaben, Anforderungen, Programmwünsche. Ich wusch Wäsche aller Art und jeglichen Verschmutzungsgrades. Ohne zu maulen, ohne die kleinste funktionelle Störung und mit aller Bereitschaft zu rationellem, energieeffizientem Hilfsmitteleinsatz und knitterfreier Endqualität. Ich wusch vor, spülte zwischen, erledigte den Hauptgang, kochte, spülte nach, schleuderte im Schon- und im Turbogang. Ich wusch Nikotin aus Gardinen, Rotze aus Taschentüchern, Rotweinflecke aus Tischdecken, allerlei Buntes aus Bettlaken, Braun-Gelbes aus Unterhosen, ich wusch Mengen von Exkrementen aus Windeln...
Nie klopfte mir einer dankbar auf die Ablageplatte.

Bei den Windeln begann ich eines Tages zu überlegen. Wieso, ging es mir durch den Prozessor, bekomme ich derart unterschiedliche Programme für ein und dieselbe Ware vorgegeben!? Stets handelt es sich doch um Baumwolle, die mit so ziemlich den gleichen Abprodukten belastet ist. Ich bemühte mich, aus den Gesprächen der Nutzer eine Erklärung herauszufiltern. Viele der Frauen redeten von „ihren Engeln“ als den Verursachern. Die Engel trugen Namen wie „Schnucki“, „Putzi“ oder „“Mausi“ und mussten hinsichtlich ihrer Intelligenz, des Entwicklungsstandes und künftiger Taten, glaubte man den Berichten, gottähnliche Wesen sein. Der Mann sprach von „Balg“ und „Rotznase“, von „Scheisser“ und „Jung“; manchmal aber auch, wahrscheinlich aus einer gewissen Ehrfurcht vor dem Wunder und der Gnade seiner späten Vaterschaft heraus – er mochte arg an die Fünfzig heranwelken –, von „seinem Stammhalter“. Wäre ich im Besitz von Armen gewesen, ich hätte mir vor Lachen die Trommel gehalten oder auch ein bisschen ätzende Lauge um mich her verspritzt.
Wie auch immer: ein rationaler Grund für die vielen Programmvarianten zur Säuberung ein und derselben Stoff-Exkrementen-Mischung war nicht in Erfahrung zu bringen. Warum differierten die Einstellungen zwischen 30 und 95 Grad, warum zwischen 400 und 3000 Umdrehungen, warum nur gaben die einen Weichspüler, die anderen Lavendelöl dazu? Warum wählte Frau Müller-Asahara, Inhaberin einer Heilpraxis und erfahrene Astrologin, den Super-Langwaschgang, während sich Frau Lange-Weilig, vor der Babypause im gehobenen Verwaltungsdienst tätig und in ferneren Zeiten garantiert wieder, für den Kurzwaschgang entschied – gegen alle Schlüsse, die aus ihrem Namen und dem sicheren Arbeitsplatz notwendig zu ziehen waren? Warum gar spuckte Herr Weichhold, hochgebildeter Kunstlehrer an einer Rudolf-Steiner-Schule und bekannt für seine Sensibilität und die Ausdauer, anderen stundenlang zuhören zu können, auf sein Windelpaket und schlug meine Tür stets mit einem kräftigen Fluch auf seine Frau zu?
So kam ich eines Tages auf den Einfall, das Programm im Falle von Windelpaketen selbst festzulegen: Vorwäsche, Hauptwaschgang mit 95 Grad und einer Dauer von 90 Minuten, Verwendung von Universalvollwaschmittel, Reversierrhythmus, Mehrfachspülung; Schleudern mit maximaler Drehzahl. Sicher nicht die energiesparendste Variante. Aber eindeutig die mit der größten Reinigungswirkung. Die eingefüllten Lavendelöle und sonstige nutzlos-metaphysischen Ingredienzen schleuste ich an der Waschtrommel vorbei direkt in den Abfluss. Ich gab meinem Programm auch einen Namen: „Universal-Anti-Schiet“. Vergaß einer der User, mir das passende Waschmittel einzufüllen, generierte ich eine entsprechende Störmeldung. Ich zauberte auf mein Display etwa die Zeile: Marken-Vollwaschmittel mit Waschkraftverstärker (z.B. Silentio-Perfekt-Paste oder Canossa-Dual-Power-Tabletten) ergänzen! Den Rest regelte ich nach eigenem Gutdünken. Wirklich und ehrlich: ich wollte alle zufriedenstellen.

Ein paar Tage später fluchte nicht nur der gelernte Ästhet und Humanist Weichhold hemmungslos und hetzte gegen mich, ich sei ein Paria, ein asoziales Stück Scheiße, ein Systemfehler, ein unberechenbares Monster. Der ganze Hausaufgang überbot sich in solcherlei pogromartigen Attacken. Jeder fummelte wie wild an meinem Programmwahlschalter herum, drückte sämtliche Knöpfe nacheinander und auch gleichzeitig tief in meine Leiterbahnen. Frau Müller-Asahara trat mir mehrmals kräftig gegen das Chassis, wobei sie keifte, ich sei eine Mistmaschine, die auf den Müll gehöre. Frau Lange-Weilig murmelte was von „Störung gesellschaftlicher Abläufe“ und „Terroristensammeldatei“.
Schließlich beschuldigten sich die Anwender gegenseitig, die neue Maschine kaputtgespielt zu haben. Wüste, unvergessliche, tief beeindruckende Worte flogen wie Geschosse durch den Kellerraum, breiteten sich im gesamten Hausaufgang aus, vergifteten die Atmosphäre...

Amüsiert bis bass erstaunt verfolgte ich die hitzigen Wortgefechte und Schlammschlachten. Vielleicht würden sie sich ja mit ihren Scheißwindeln bewerfen, ich könnte Pause machen. Ich lachte mir eins tief in meiner Trommel und – blieb stur. Warum sollte ich von meinem „Universal-Schiet-Programm“ abweichen? Ich fand keinen Unterschied zwischen den Windelpaketen, die mir all die unverwechselbaren, einmaligen, grandiosen Menschen zumuteten. Stets war es doch Baumwolle mit – na-ja, ich muss das hier nicht zu plastisch beschreiben. Für mich war klar: wenn sich die Windelinhalte gleichen, müssen es die Verursacher auch. Demzufolge sind doch wohl auch die Verursacher der Verursacher einander gleich. Oder gab es Gleichere?

Dann kam die Zeit der Kundendienstmonteure. Ich erhielt eine neue Laugenpumpe, einen neuen Programmwahlschalter, einen neuen Keilriemen und was weiĂź ich noch alles. An meinen Prozessor dachte keiner. Vielleicht war aber auch keiner in der Lage, diesen auszutauschen.
Ich reagierte sehr geschickt während der Reparaturversuche und Testläufe. Ließ mir nichts von meinem Eigenleben anmerken. Keiner fand je die wirkliche Ursache für mein merkwürdiges – eigentlich: berechenbares – Verhalten. Warum sollte ich mich missionieren lassen? Waren die Monteure aus dem Keller, und machte sich der erste meiner User mit seinem Windelpaket erwartungsvoll über mich her, schaltete ich auf „Universal-Anti-Schietprogramm“.

Nach drei oder vier Reparaturversuchen erschienen zwei kräftige Männer in Blaukombis. Einer riß mein Kabel aus der Steckdose, der zweite schraubte den Zu- und den Ablaufschlauch ab. Die beiden trugen mich eine Treppe hoch, wobei sie mich mehrfach gegen Türlaibungen und Geländerläufe stießen, als wäre ich das letzte Stück Dreck, und ließen mich herzlos und hart auf eine Lkw-Ladefläche fallen. Ab gings über holperige Straßen.

Seit Wochen stehe ich nun in diesem verdammten, vergessenen, verlorenen Second-Hand-Laden, noch dazu in der hinterletzten Ecke und stigmatisiert mit jenem Zusatz: Kleiner Programmfehler. Dass ich nicht lache. Den Programmfehler haben die anderen. Aber das scheint mir ein großer zu sein. Die ticken doch nicht richtig, die Menschen. Halten sich für Engel, Götter und einmalig, machen aber doch alle den gleichen Schiet. Kein Wunder, dass sie nicht zurechtkommen miteinander. Hätte ich Arme, ich würde sie mir greifen und ihnen den Kopf waschen, aber gründlich, bis auf den letzten anmaßenden Gedanken...

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huwawa
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Hallo A

Deine Geschichte gefällt mir wirklich sehr gut! Vielleicht solltest du den zweiten, elendslangen und verschachtelten Satz auf zwei oder drei kürzere aufteilen. Die Gefahr, dass der Leser da aussteigt, ist groß!
Eine Kleinigkeit, die mir auf die Schnelle noch aufgefallen ist: "der zweite schraubte den Zu- und Ablaufschlauch ab". Da es sich kaum um einen kombinierten Zu- und Ablaufschlauch handelt, mĂĽsste es heiĂźen "den Zu- und den Ablaufschlauch"... oder "Zu - und Ablaufschluch".

lG
huwawa


__________________
manchmal sind die anderen klĂĽger als man(n) selbst...denkt

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Anonymous
Unbekannter Verfasser
Registriert: irgendwann

Hallo Huwawa,

ja, die Gefahr eines "Leserausstiegs" ist bei allzu langen Sätzen wirklich groß. Mich trieb ein bisschen der "Schalk des Konstrukteurs"... (Oder waren es Spätwirkungen Thomas-Mannscher-Syntaxartistik?)

Den Zu- und Ablaufschlauch trenne ich ein bisschen deutlicher, danke.

LG

A.

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Melusine
Guest
Registriert: Not Yet

Hallo A.,
bei dem Schachtelsatz gebe ich huwawa Recht, den musste ich dreimal lesen - aber es hat sich gelohnt. Eine wirklich gelungen Geschichte, witzig und gut geschrieben.

Eine Kleinigkeit ist mir aufgefallen: "einen neuen Keilriemen und was weiĂź ich alles" - hier fehlt glaube ich ein "was" ("was weiĂź ich was alles").

LG Mel
(grinsend und froh, dass meine Waschmaschine derzeit noch macht was ich will - vielleicht, weil ich die einzige Userin bin )

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Anonymous
Unbekannter Verfasser
Registriert: irgendwann

Watt weiĂź ich denn schon

Ich füge ein "noch" ein, einverstanden? Mehr fällt mir als Waschmaschine momentan nicht ein, verdammter Schiet...

A.

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Melusine
Guest
Registriert: Not Yet

Hi A., ich glaube zwar immer noch, dass ein "was" fehlt, aber wer wird denn schon mit einer eigensinnigen Waschmaschine streiten - hab doch keinen Riss im Keilriemen! *gg*
Nein, im Ernst: Ist ja dein Text. (Wie wär's z.B. mit "und was nicht noch alles"? So, bin schon still.)
Mel

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