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Kleinstaaterei
Eingestellt am 26. 07. 2010 10:29


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Michael Schmidt
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Registriert: Jan 2002

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Kleinstaaterei

Ja, einst gab es Zeiten der StabilitĂ€t. Der eiserne Vorhang war mĂ€chtig und undurchlĂ€ssig. Die 80er Jahre waren ein Hort der StabilitĂ€t. Die Weltkarte hatte Bestand und fast bekam man den Eindruck, die Landesgrenzen gelten fĂŒr die Ewigkeit.
Bekanntermaßen waren es die 90er, die in Europa viele neue LĂ€nder schufen. Jugoslawien teilte sich auf, die Sowjetunion und die Tschechoslowakei.
Gleichzeitig startete eine Globalisierungswelle, die Glauben machen durfte, Landesgrenzen hĂ€tten keine Bedeutung, da die FreizĂŒgigkeit des Handels und des Kapitals die Welt enger zusammen rĂŒcken ließen.
Deutsche Firmen produzieren in Nordafrika, in China, in Osteuropa. Gleiches gilt fĂŒr die USA oder die Franzosen. Skoda aus der Tschechei gehört jetzt VW, Dacia aus RumĂ€nien ist Teil von Peugeot. China investiert im großen Maß in Afrika und die japanischen Automarken Toyota und Nissan sind Schwergewichte auf dem nordamerikanischen Markt. Speichermedien kommen zum Großteil aus Asien, egal welche europĂ€ische oder amerikanische Marke sie verkauft.
Wie sehr das Kapital vernetzt ist, zeigte die Finanz- und Wirtschaftskrise. Die Konjunktur ĂŒberhitzte weltweit und hatte RekordstĂ€nde bei Öl und fast allen Rohstoffen wie Kupfer und Eisen. Stahl wurde begehrtes Gut und SchrotthĂ€ndler berichteten von DiebstĂ€hlen ihrer BestĂ€nde direkt vom Hof. Auch Altpapier wurde knapp da die Chinesen alles aufkauften.
Der Zusammenbruch geschah dann auch ĂŒberall gleichzeitig. Rohstoffpreise rauschten in den Keller, nur das Gold erklomm immer neue Rekordmarken. Amerikanische Immobilienbesitzer sorgten fĂŒr den Zusammenbruch riesiger deutscher Bankinstitute.
Die Globalisierung hatte mehr als einen DĂ€mpfer erhalten. Als Heilsbringer weltweiten Wohlstands hatte sie fĂŒr eine weltweite Depression gesorgt. Die Alarmglocken gingen an.
Siehe da, fast alle Regierungen tendierten dazu, ihre MĂ€rkte abzuschotten und versuchten ihre Konjunktur zu stĂŒtzen.
Doch die Erfahrungen lĂ€ngst vergangener Krisen sorgten wohl dafĂŒr, dass die Staaten trotz dieser Tendenz zusammen rĂŒckten und versuchten, ihre Konjunkturpakete zu koordinieren und die Flucht zurĂŒck zum nationalen Blick zu begrenzen.

Das ist aber nur eine Seite der Medaille. Der andere ist die Autonomiebestrebung diverser Regionen, die teilweise schon lÀnger anhalten, teilweise aber neueren Datums sind. Der Kosovo war bis 1918 ein Teil Albaniens und so ist die ausgerufene UnabhÀngigkeit von Serbien zwangslÀufig.
Die Bestrebung der RumĂ€nen und Moldawier, eine Nation zu werden, ist dagegen eher der Wunsch, zur EU zu kommen (Moldawien) bzw. ein GroßrumĂ€nien zu werden. Gleichzeitig will sich der östlich des Dnepr gelegene Transnistrien abspalten.
Gleiches gilt fĂŒr Georgien, auch dort gibt es UnabhĂ€ngigkeitsbestrebungen einzelner Regionen.
Auch in Afrika wird fleißig an den Landesgrenzen gewerkelt. Somalia oder auch der Kongo stehen vor einem Auseinanderbrechen. Einzig in China werden Abspaltungsbestrebungen wie gewohnt blutig verhindert.

Das alles ist aber nichts gegen einen Blick in das alte Westeuropa. Asien, Afrika und Osteuropa waren schon immer fragile Gebilde. Die Bevölkerung war gemischt und unterschiedliche Interessen der diversen Eliten sorgten fĂŒr Bewegung in den Landesgrenzen.
In Westeuropa war dagegen StabilitĂ€t angesagt. Wir haben eine EU, das bedeutet ein Wirtschaftsraum, FreizĂŒgigkeit und mittlerweile eine einheitliche WĂ€hrung. Wozu also Grenzen verschieben, gerade wenn den einzelnen Regionen ein großes Maß an Autonomie eingerĂ€umt wird?
SĂŒdtirol ist seit 1918 italienisch, auch wenn rund zwei Drittel der Menschen dort deutsch sprechen. Immer wieder gibt es Bestrebungen, sich mit Tirol wieder zu vereinigen.
Italien selbst ist faktisch zweigeteilt in den wohlhabenden Norden und den verarmten SĂŒden. Auch dort gibt es Autonomiebestrebungen.
Aktueller ist die Situation in Belgien. Das Land ist zweigeteilt zwischen den Wallonen und Flamen, die einen sind französischsprachig, die anderen sprechen hollÀndisch, dazu kommt ein kleiner, deutschsprachiger Teil.
Schwelt der Sprachenstreit in Belgien schon lange, eskalierte er aber zuletzt und sorgte fĂŒr eine tiefe Regierungskrise, die immer noch nicht gelöst ist.
Basken (in Spanien und Frankreich) und Nordirland sind weitere, allerdings schon lange schwelende Konflikte, die leider zumeist blutig gefĂŒhrt werden.

Ein neues, fast schon originelles Streben nach GrenzverĂ€nderung betrifft die ach so neutrale Schweiz. Da deren Bevölkerung nicht in die EU will, andererseits aber die Krisensignale der Eidgenossen unĂŒberhörbar sind, hat man einen neuen Weg zu Wachstum gefunden.
Baden-WĂŒrttemberg, Deutschlands wirtschaftliches Vorzeigeland, soll vereinnahmt werden und das natĂŒrlich freiwillig. Denn es ist laut schweizerischem Gesetz möglich, sich als Kanton an die Alpenrepublik anzuschließen.
Da ist das potente Baden-WĂŒrttemberg natĂŒrlich der erste Kandidat. Weitere sind das Elsass, das ausnahmsweise nicht die Deutschen den Franzosen streitig machen wollen (und wo es auch immer mal wieder Strömungen gibt, sich wieder Deutschland anzuschließen), Voralberg aus Österreich und die Lombardei aus Italien sind weitere Kandidaten.
Die Großschweiz als neue europĂ€ische Großmacht ist allerdings bisher nur ein Wunschgebilde einer Schweizer Partei.

Mal sehen, ob es wirklich neue Grenzziehungen gerade in gefestigten Strukturen gibt. Die anstehende Verwaltungsreform in Deutschland zeigt, die BĂŒrger sind nicht so verĂ€nderungswillig wie die Politik sich das wĂŒnscht. Auch die föderale Reform Deutschlands mit der Neuordnung der BundeslĂ€nder sowie der Kompetenzverschiebung zwischen Bund und LĂ€ndern steckt bisher nur in den Köpfen mancher Politiker.

Es wird wohl alles beim alten bleiben. Weder wird die USA in mehrere Gebilde auseinander fallen, noch wird es in Europa unter dem Schirm der EU große Verschiebungen geben. Schon der Euro zeigt, wie kompliziert es ist, aus diesem System auszubrechen.
Doch wenn es VerÀnderungen geben sollte, ist jetzt die Zeit gekommen. Warten wir ab, wo die Grenzen in den nÀchsten Jahren verlaufen werden.

__________________
Der ErnstFall Michael Schmidt

Version vom 26. 07. 2010 10:29

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