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Leselupe.de > Tagebuch - Diary
Knack die Nuss
Eingestellt am 10. 04. 2010 10:50


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Karinina
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Registriert: Jan 2010

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Von Freunden wurde ich gefragt, warum ich ausgerechnet eine Novelle ├╝ber den Hunnenk├Ânig Attila geschrieben habe. Eine plausible Erkl├Ąrung daf├╝r gibt es nicht, au├čer der Tatsache, dass dieser Attila schon einmal in meinem Leben eine nicht geringe Rolle gespielt hat:

Ich bin in eine dreistufige Dorfschule gegangen, die erste und zweite Klasse wurden nachmittags im unteren Schulraum unterrichtet, die dritte, vierte und f├╝nfte vormittags ebenfalls unten und die sechste, siebente und achte im oberen Schulraum, neben dem sich die Wohnung unseres Schuldirektors, Herrn Oberlehrer Friedrich, befand.

Als ich in die Schule kam, muss ich, aus erkl├Ąrbaren Gr├╝nden, schon eine gewisse Kraut- und R├╝benbildung besessen haben, denn ich lebte ja in einem Dorf, das aus 18 Bauernh├Âfen bestand und in dem ungef├Ąhr 15 Kinder aller Altersgruppen tags├╝ber sich mehr oder weniger selbst ├╝berlassen waren. Die ├Ąlteren M├Ądchen spielten mit uns Kleineren Schule, oft auf sehr strenge Art, die gr├Â├čeren Jungen durchstreiften Scheunen, Schuppen und Keller, und dann waren ja noch die K├╝he, Schafe und G├Ąnse zu h├╝ten. Also schreiben und lesen konnte ich schon mal und wie viele G├Ąnse es von 15 sein mussten, wenn zu Weihnachten sieben geschlachtet worden waren, kein Problem. Die ersten beiden Schuljahre waren "Herrenjahre" f├╝r mich, wie man so sagt, und dann kam ich in die dritte Klasse, und da passierte es.

W├Ąhrend die Fensterreihe, also mein drittes Schuljahr, die Aufgabe erhielt, ein Bild zu malen, ich stellte ├╝brigens schnell fest, dass das nicht meine starke Seite war, wurde in der f├╝nften Klasse, Sitzreihe an der Wand, das "Nibelungenlied" erz├Ąhlt.

Und jetzt brach sie ├╝ber mich herein: Die Literatur. Auf einmal wurde ich in "die Welt gesetzt", Himmel, Erde, Fl├╝sse und Meer, L├Ąnder und St├Ądte, Schl├Âsser und Kirchen, merkw├╝rdige Tiere, einschlie├člich Drachen, und Menschen aller Art traten auf die B├╝hne. Da gab es wunderbare Frauen, stattliche M├Ąnner, K├Ânige und Knappen, Waffenschmiede und Priester.
Ich frage mich nat├╝rlich heute, was ausgerechnet das "Nibelungenlied" auf dem Lehrplan der f├╝nften Klasse zu suchen hatte. Nun ja, Oberlehrer Friedrich war kein Neulehrer, ich nehme mal an, dass er schon in der Weimarer Republik und auch sp├Ąter unter Hitler Dorfschullehrer gewesen war und das "Nibelungenlied" zu seiner eigenen "humanistischen" Schulbildung geh├Ârt hatte. Das heroische Menschenbild mit den starken Recken, Gefolgschaftstreue neben Verrat, der ges├╝hnt werden musste, die edlen Frauen usw. war f├╝r ihn die M├Âglichkeit, der Sittenverwilderung in den Jahren des Krieges und der Nachkriegszeit einen Moralkodex entgegenzustellen. Es gab f├╝r ihn noch kein "neues Menschenbild" und noch keine "neuen Leit- und Vorbilder".
Aber das sei mal dahingestellt. Ich jedenfalls begann nun zu begreifen, dass die Welt nicht nur aus unseren 5 D├Ârfern bestand, deren Kinder in unsere Schule gingen, sondern riesig und sehr vielf├Ąltiger Natur sein musste und dass sie dar├╝berhinaus von den merkw├╝rdigsten Lebewesen bev├Âlkert war.
Aber es gab noch etwas viel Interessanteres: Gut und B├Âse, Liebe und Hass, und so etwas Hinterh├Ąltiges wie Verrat, und vor allem Rache.
Ja, und auch l├Ąngst vergangene Zeiten, und wenn es die gab, dann musste es zwangsl├Ąufig auch eine zuk├╝nftige Zeit geben, wom├Âglich eine, in der ich nicht mehr existent sein w├╝rde, was ja zwar undenkbar war... aber immerhin...
Wenn ich nachts wach lag in dem Bett, in das meine Mutter nach dem letzten K├╝hemelken auch schl├╝pfte, denn ein zweites Bett stand ihr als Magd nicht zu, und der Mond gerade mal Wache ├╝ber mir hielt, dann stellte ich mir diese ganze sagenhafte Szenerie vor, diese wunderbar farbig gekleideten Frauen mit goldenen Kronen, die riesigen Recken in eisernen R├╝stungen mit blinkenden Schwertern an der Seite, auch den Drachen nat├╝rlich und wie aus seinem Leibe so eine So├če quoll, in der man sich baden konnte. Meine Visionen gingen grausame Wege...

Der Herr Oberlehrer Friedrich muss einen guten Blick f├╝r seine Sch├╝ler und ihre Gedankenspiele gehabt haben, denn an dem Tag, an dem die f├╝nfte Klasse ihre Aufs├Ątze vorlegen musste, rief er mich auf und verlangte, dass ich den Aufsatz von Brigitte M├╝ller laut lesen solle. Ich st├╝rzte mich woll├╝stig auf deren Heft. Mitten drin wurde ich ern├╝chtert: Also was diese Brigitte M├╝ller da geschrieben hatte war einfach l├Ącherlich, und ich begann mich f├╝r das, was ich lesen musste, zu sch├Ąmen. Und so kam es zu meiner Laufbahn als Geschichtenerfinderin: W├Ąhrend ich so tat, als w├╝rde ich vorlesen, erz├Ąhlte ich meine eigene Version zur ├Ąu├čersten Zufriedenheit von Oberlehrer Friedrich.

Aber dann entschl├╝pfte mir ein merkw├╝rdiger Satz und damit hatte ich der Brigitte M├╝ller einen Schlag versetzt und ihr eine f├╝nf eingebracht:

Der K├Ânig Etzel ist eine Nuss!

Wieso war Etzel f├╝r mich eine Nuss? Ja, hin und wieder sagte meine Mutter zum Knecht Mateo, der f├╝r mich der Inbegriff eines akzeptablen Mannes war, "He, du Nuss!". Und das muss es wohl gewesen sein, denn in den Mondn├Ąchten hatte sich mir alsbald eine Lichtgestalt zu erkennen gegeben: K├Ânig Etzel, meine Nuss!

Auch heute noch gr├╝ble ich dar├╝ber nach, was wohl der Herr Oberlehrer Friedrich f├╝r Worte oder Gedanken gebraucht hat, um mich auf Etzels Spur zu bringen. Irgendeinen Anlass muss es doch gegeben haben. Wieso lie├č mich der hehre Siegfried kalt? Ich bin noch keinem M├Ądchen begegnet, das nicht beim Gedanken an Siegfried schwach geworden und vor Trauer dahingeschmolzen w├Ąre.

Also mit Etzel bin ich sozusagen in das Weltgeschehen eingestiegen, er war f├╝r mich "der Baum der Erkenntnis", und ich muss reichlich davon genascht haben, sonst w├Ąre ich nicht heute noch davon so fasziniert...

Oder ist es etwas ganz anderes? Ist es vielleicht der uralte Wandertrieb, der die vielen V├Âlkerschaften dieser Zeit kriegerisch und ruhelos durch Europa ziehen lie├č, um einen Platz zum Leben zu finden, ist es dieser unbeherrschbare Trieb, der, gefesselt in meinem stillen K├Ąmmerchen, in meinen Fingern zuckt und mich zwingt, die Tasten meines PC zu bewegen?

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