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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Kneipen Fragment
Eingestellt am 23. 06. 1999 00:00


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ziner
Festzeitungsschreiber
Registriert: Mar 2003

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Nach dem Date mit Tina und eines langen Tages MĂŒh, begab ich mich mal wieder in den sozialen Brennpunkt meines Daseins. Hockte im stillen ZwiegesprĂ€ch mit meinem schwarz-cremigen Freund Arth Guinness, im Auge des Tornados und versuchte, ihm einige Weisheiten aus dem Leib zu leiern, die er mir - wie immer - verweigerte. Im Gegenteil. Je mehr ich ihn befragte desto mehr ging die mir bis dahin bekannte Welt im Nebel des Zweifels und der Unsicherheit verloren - denn nie sollst du mich befragen. Löste sich in ein schwarzschimmerndes Fragezeichen auf, hinterließ mir nichts als eine Abo-Karte beim Apotheker meines Vertrauens. Der, eigens zu meinem Wehe und seinem Frommen, immer eine Industriepalette Aspirin zu Hand hat. Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihren Wirt oder Apotheker. Auch an diesem Abend hĂŒllte sich mein Freund in beharrliches Schweigen. Stattdessen stellte er sich vor mir in Pose, und war so attraktiv wie Josefine Baker in ihren besten Tagen, so hilfreich wie Mata Hari, sah aus wie ein blond gefĂ€rbter Denis Rodman und hatte die Anziehungskraft eines Schwarzen Loches. In dieses ließ ich mich fallen und wurde grĂ¶ĂŸer, lĂ€nger, breiter. Die Zeit dehnte sich, schien endlich stillzustehen, um dann rĂŒckwĂ€rts zu gehen. Nicht umsonst gibt es diese berĂŒhmten gegenlĂ€ufigen Kneipenuhren. Ich fiel, und fiel. Um mich herum war die Stimmung gelöst. Aus den Lautsprechern, die an der Decke hĂ€ngen - wahrscheinlich seit den frĂŒhen siebziger Jahren, so wie die Dinger klingen - dröhnte Musik aus den Mittsiebziegern. Maike, die blonde ehemalige BrĂŒnette Tresenkraft, eierte auf auf Plateausohlen aus den spĂ€ten Siebzigern durch die Gegend. Ich fragte mich, ob das Not oder Tugend war. Ob wir mit diesen Retro-Trends maltrĂ€tiert werden, damit wir glauben können, man ließe uns Gelegenheit, uns an - vermeindlich - bessere Zeiten erinnern zu können. Zeiten, zu denen die meisten hier noch nicht einmal einen Lolly halten konnten. Ab und zu tauchte aus der GerĂ€usch-Fassade, ein spitzes Lachen auf. Das ist Netty. Annette, eine rothaarige Schönheit, die hin und wieder - das "wieder" richtet sich nach dem Grad der Aufmerksamkeit, die ihr bei ihrem letzten Besuch zuteil wurde - die also gelegentlich "den Club" besucht. Dann allerdings meistens bis in die frĂŒhen Morgenstunden. Und sie ist eine Schönheit - das ist nicht zu bestreiten - nach formalen und Ă€sthetischen Gesichtspunkten. UngefĂ€hr einsdreiundsiebzig groß, etwa fĂŒnfundfĂŒnfzig Kilogramm schwer. Schlanke Fesseln, einen geraden Gang und einen Hintern zum steinerweichen - besonders, wenn sie eine dieser Markenjeans trĂ€gt, fĂŒr die es fĂŒnfhundert und einen guten Grund gibt sie nicht zu tragen. Daneben nennt sie eine wohldimensionierte, handliche Oberweite ihr Eigen. Nicht eines dieser ĂŒberbetonten, rubens'schen Mitbringsel. Das wird - vorallem im Sommer - deutlich, wenn sie entscheidet, keinen BH nötig zu haben. Rund und - wahrscheinlich - fest, trotzen ihre zwei Handvoll der Schwerkraft. Eine Erscheinung also, die den guten alten Moses zum Berserker hĂ€tte werden lassen - vonwegen: nicht-des-NĂ€chsten-Weib und so. So wohlproportiorniert, Leonardo hĂ€tte seine helle Freude gehabt. Auf ihrem Gesicht findet sich stets ein etwas ĂŒberraschter aber gerader, neugieriger Ausdruck und ĂŒber den slavisch anmutenden Jochbeinen ruhen Augen, die die Farbe von ungeschliffenen Smaragden haben. Unter der geraden Nase, auf der sich Legionen von kleinen Sommersproßen niedergelassen haben, trĂ€gt sie ein LĂ€cheln voller ebenmĂ€ĂŸiger, wunderschöner ZĂ€hne. Doch wehe, wenn sie den Mund aufmacht. Frau Morgenstund hat nicht ein Gran Gold im Mund. Nicht nur, daß diesem fein ziselierten Mund unablĂ€ssig inhaltsloses Geplapper entströmt, ihr Lachen ist ein Anschlag auf die guten Sitten. Pretty-Netty lacht nicht. Sie gackert. Ein scharfes nasales a-a-a-ahh-ahh-ahh... Ein GerĂ€usch, das Weltherrschaft beansprucht. Ein Gackern, das jeden anderen Ton in den Hintergrund drĂ€ngt. Ein Lachen, das Messmer auf den Berg treibt, den Yeti schaudern lĂ€ĂŸt. Ein Lachen wie Free-Jazz - man kann es hören, aber nicht lange, und auch nur, um seine Toleranz zu beweisen. Aber, wer unter euch ohne Makel ist, werfe als erster das Handtuch. Nobody is perfect. Am Nachbartisch fand sich ein Trupp unausgegorener, sehr kurzhaariger SchreihĂ€lse, die sich gegenseitig, mit ihren mobilen Telefonier-Modulen zu beeindrucken trachteten. Prahlen mit den VorzĂŒgen ihrer Funk-Knochen, und können es sich sich doch nicht leisten, damit zu telefonieren. Und so warten sie darauf angerufen zu werden, Angerufen von Freunden die es sich ebenfalls nicht leisten können. Nichtsahnende Auszubildene, zwischen Baum und Borke die versuchen, die Welt zu begreifen und dann doch nur Begriffe zustande bringen. Strampeln sich ab in dem BemĂŒhen, ihre siebzehneinhalb - fast achtzehn - zu ignorieren um endlich in der anderen Liga spielen zu können, zu der ihnen aber noch ein ganzes StĂŒck an Klasse fehlt. Also umgeben sie sich mit den Attributen des Erwachsenseins, schmĂŒcken sich mit den Insignien der MĂ€nnlichkeit. Sitzen in der Kneipe, sondern SprĂŒche gegen AuslĂ€nder ab. Hecheln auf blutroten Zungen ihre alkoholischen und körperlichen Meisterleistungen durch. Wer, wann, mit wem gesoffen und diesen oder jenen zusammengeschlagen hat. Dummheit der Jugend. Wenn sie dann nach Hause kommen, sind sie wieder "Mammas Liebling", bekommen mit dem speichelgetrĂ€nkten Taschentuch den Rotz von der Backe geputzt und: "Um zehn ist Licht aus, verstanden!". Kleine, mobil telefonierende WĂŒrstchen, die den Ernst des Lebens noch vor sich haben. Einen Tisch weiter, ein Triumvirat aus euphorischen, blitzblanken JungmĂŒttern auf MĂ€dchenabend. Vor sich ein kleines alkoholfreies GetrĂ€nk, eine Schachtel Lights-Zigaretten - das darf "Axel" aber nicht wissen - unterhalten sie sich ĂŒber Kinder, TischwĂ€sche und die zustĂ€ndige KindergĂ€rtnerin. FĂŒnfundzwanzigjĂ€hrige BĂŒro-, Reise- oder Versicherungskauffrauen auf Heimaturlaub. Sie haben sich, als die Zeit reif schien, bevor die biologische Uhr allzu vernehmlich tickt, aufgemacht ihren gesellschaftlichen Pflichten nachzukommen. Haben, ihrer Sozialisation mehr gehorchend als folgend, fĂŒr den Fortbestand der Art gesorgt. AnstĂ€ndige, reinliche, kleine Frauen, die Saskia, Andrea oder Britta heißen und ihr kleines, sauberes Sein mit einem kleinen Kind, in einer kleinen Wohnung und einem kleinen, schwer arbeitetenden Bankkaufmann in dieser großen dreckigen Welt zu behaupten versuchen. Die ihr kleines GlĂŒck am Wieviel, Wiesehr und Wieweit messen. Ganz normale MĂ€dchen eben, wie sie Jahr fĂŒr Jahr aus den Realschulen dieser Welt, ins Leben entlassen werden. Visionslose kleine Geister. Die Kneipe ist Spiegelbild der Gesellschaft. Die Kneipe ist Gesellschaft. Im Kleinen. Es gibt den Überbau - selbsternannt oder nicht - Mittelbau tummelt sich - zufrieden oder nicht. Und Unterbau - oder nicht. Am nĂ€chsten Tisch findet Beziehungsanbahnung statt. Da sitzt ein aschblonder, kurzer Mann - dem man den Skandinavien-Camping-Urlauber ansieht - neben der blonden Susanne. Und das nur wegen einem dieser, mit kumpelhaftem Ellenbogen-Check einhergehenden "Die-Kleine-aus-der-Buchhaltung-du-weißt-schon"Hinweise. Susanne, die nichts sehnlicher wĂŒnscht, als einen Sinn in ihrem Leben. Die sich mit Pierrot-Puppen, Sammel-Kissen und einer Katze, die sie PĂ€ddie nennt, umgibt. Eine romantische Seele, mit besticktem Angora-Pulli. Die StoffbĂ€ren herzt und Kevin Costner fĂŒr einen tollen Schauspieler hĂ€lt. Am Tresen arbeitet sich die etwas zu breit geratene Elke am großen, blonden Maik ab, der zu ihrem Leitwesen sein blaues Augenmerk auf neunzehnjĂ€hrige, blonde Arzthelferinnen-Azubis - mit Zirkuspferd-Blondinen-Puschel auf dem Oberkopf - gerichtet hat. Der aber - wahrscheinlich wegen seines promiskuitiven Tunnelblickes - nicht sieht, was er in Elke haben könnte: Eine fĂŒr's Leben. Eine Garantin fĂŒr anhaltende Treue, einen bestĂ€ndig warmen Bauch und einen nie versiegenden Nachschub an Peter Maffay-Platten. Als ich mich auf diese Weise wieder neu positioniert, in meinem eigenen ĂŒberschaubaren Sein eingerichtet, also meinen Gedankenhaushaushalt in Ordnung gebracht hatte - und - mir selbst meine Einzigartigkeit bestĂ€tigt hatte, wurde mir klar, wozu Vorurteile gut sind. Es gibt ohne Vorurteile keinen Grund, tolerant zu sein. Das Vorurteil ist reine SelbstbestĂ€tigung.

(Übernommen aus der 'Alten Leselupe'.
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