Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, m├╝ssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5437
Themen:   92200
Momentan online:
341 Gäste und 14 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Knie nieder!
Eingestellt am 01. 12. 2009 10:33


Autor
Ein neues Thema ver├Âffentlichen.     Antwort ver├Âffentlichen.
Hedwig Storch
Routinierter Autor
Registriert: Nov 2005

Werke: 56
Kommentare: 61
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Hedwig Storch eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Die Feier der Geburt Jesu Christi - das s├╝├če, stille Fest des heiligen Christs - noch in diesem Monat soll Anla├č zur Auseinandersetzung mit christlicher Literatur sein. Werfen wir einem Blick in den zweib├Ąndigen Roman "Das Schwei├čtuch der Veronika". Die Autorin Gertrud von le Fort hat es uns mit ihrem kapitellosen Werk, in einem Gu├č heruntergeschrieben, wahrlich nicht leicht gemacht. Auf knapp 650 eng bedruckten Seiten zeichnet sie das Bild eines fr├Âmmelnden jungen M├Ądchens, das kurz vor 1900 in Heidelberg geboren wurde und die Jugendzeit in Rom verbringt. Veronika hei├čt das Kind. Nat├╝rlich hat sie einen Freund. K├Ânig Enzio nennt Veronika den wegen seines Blondschopfs. Der Doppelroman kann als Liebesgeschichte gelesen werden. Veronika liebt Enzio. Die Liebe wird dann im zweiten Band - der ca. 1924 spielt - erwidert. Doch es geht nicht so weiter, wie man gerne hoffen m├Âchte. Schlie├člich sprechen wir ├╝ber die von le Fort, eine Frau, die Hermann Hesse - leider vergeblich - f├╝r den Literatur-Nobelpreis vorschlug. Ich kann mir denken, wenn wir nur einmal dieses Werk hernehmen, warum Hesses gut gemeinter Antrag abgelehnt wurde. Veronika hat sich in den Antichrist verliebt. Gemeint ist nicht der Teufel, sondern ein Gegner des Christentums. Bereits im ersten Band des Romans, als die beiden um 1913 noch halbe Kinder sind, begleitet Enzio seine Freundin Veronika am Gr├╝ndonnerstag in den Petersdom. Als w├Ąhrend der Karmette das Schwei├čtuch der Hl. Veronika gezeigt wird, kniet die 15j├Ąhrige Veronika vor dem Bild des Heilands nieder. Enzio bleibt neben ihr stehen. Ihm ist dies Knien vor Jesu Christo zuwider. Zehn Jahre sp├Ąter besucht das traut vereinte Brautpaar von Heidelberg aus in einem Tagesausflug per Bahn den Speyrer Dom. Als Veronika am Altar wiederum niederkniet, tritt die schier un├╝berbr├╝ckbare Kluft zwischen den Ansichten des Mannes und der Frau zu Tage. Enzio verachtet Veronikas Glauben. Er spricht angesichts der Kaisers├Ąrge von dem untergegangenen Deutschen Reich und der Friedensliebe seiner H├Ąupter. Der im Ersten Weltkrieg Verwundete kann die Niederlage nicht verwinden und verabscheut das arbeitende Volk, diese angeblich tr├Ąge Masse, die nur vergessen, die neuem Krieg unbedingt aus dem Weg gehen will.

Gut, Schwamm dr├╝ber! So viel zur Nobelpreis-Ablehnung. Wie die Liebesgeschichte ausgeht, verrate ich Ihnen nicht. Sie sollen diese ja bitte zu Weihnachten lesen. Eine Love-Story, dekoriert mit einer frommen Christuslegende, das passt in diesen finsteren Dezember. Ganz unpassend f├╝r Demokraten hierzulande hingegen ist das Anrufen kaiserlicher Herrlichkeit. Warum ich trotz des groben Sch├Ânheitsfehlers die Veronika empfehle? Nun, ganz einfach, Gertrud von le Fort schafft es, ├╝ber die lange Seiten-Distanz, den Leser bei der Stange zu halten. Der Trick: Im ersten Band, der - wie gesagt - kurz vor dem Ersten Weltkrieg in Rom spielt, findet Veronika den Weg in die katholische Kirche und Enzio dichtet in den Pontinischen S├╝mpfen Oden. Und im zweiten Band in Heidelberg dann um 1924 kommt die geistig-geistvolle Auseinandersetzung mit dem auferstehenden Antichrist. Ein Romankonzept, das aufgeht, genu├čvolle Lekt├╝re f├╝r den, der nicht so schnell aufgibt.

Durchhalten w├Ąhrend des Lesens lohnt in dem Fall, denn eine Heldin wie die Ich-Erz├Ąhlerin Veronika, die immer einmal niederkniet, mu├č heute und wohl auch noch ├╝bermorgen unter um sich ballernden Helden in unserer Freizeit-Unterhaltungs-Landschaft wie die Nadel im Heuhaufen gesucht werden.

Bd.I erschien 1928 und Bd.II 1946. Nach dem Erscheinen des zweiten Bandes erhielt der erste Band den Untertitel Der r├Âmische Brunnen. Veronika h├Ârt durchs offene Fenster in ihrer r├Âmischen Wohnung Tag und Nacht einen kleinen Brunnen flie├čen.

├ťbrigens - ein Extra-Leseerlebnis kann auch noch versprochen werden: Beobachten Sie, wie der Stil im Laufe von achtzehn Jahren ├╝ber die zwei B├Ąnde hinweg bei der gro├čen Erz├Ąhlerin Gertrud von le Fort strenger wurde!

Gertrud von le Fort wurde 11. Oktober 1876 in Minden geboren und starb am 1. November 1971 in Oberstdorf.

Antiquarisch kann zur Zeit immer noch zwischen verschiedenen Ausgaben gew├Ąhlt werden, z.B.
Band I
Gertrud von le Fort: Das Schwei├čtuch der Veronika. Mit einem Nachwort von Herbert Gorski. 330 Seiten. St. Benno-Verlag Leipzig 1959 (Lizenzgeber: Franz Ehrenwirth, M├╝nchen)
Band II
Gertrud von le Fort: Der Kranz der Engel. 316 Seiten. Franz Ehrenwirth Verlag M├╝nchen. 3. Aufl. September 1948

__________________
Hedwig

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


Zur├╝ck zu:  Essays, Rezensionen, Kolumnen Ein neues Thema ver├Âffentlichen.     Antwort ver├Âffentlichen.


Leselupe-Bücher



Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!