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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Knistern
Eingestellt am 27. 07. 2003 00:29


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flammarion
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Knistern

Wigald lag in seinem Bett und versuchte, einzuschlafen. Da hörte er ein leises Knistern vom Schrank her. „Nanu,“ dachte er, „sind da etwa MĂ€use hinter dem Schrank? Das fehlte mir gerade noch!“ Eigentlich wollte er aufstehen und nachsehen, aber seine Lider waren so schwer, er bekam die Augen nicht auf.
Wieder vernahm er ein Knistern. Er konnte es genau orten – es kam von den SchranktĂŒren! Sie bewegten sich. Nein, nicht in den Scharnieren, wie jeder es kennt, sondern nur die Furniere. Das polierte Kastanienholz wellte sich leicht und knisterte. Hellwach saß Wigald nun auf dem Bettrand und fragte: „Was ist denn hier los? Wer knistert da mit meinen SchranktĂŒren?“
Eine dĂŒnne Stimme antwortete: „Das bin ich, Gilmarinda. Ich bin eine schöne Fee und ich wurde vor fĂŒnfhundert Jahren von einer ganz, ganz bösen Zauberin in einen Kastanienbaum verwandelt. Jetzt könnte ich wieder leben und frei herum laufen, aber irgendein Mensch hat den Baum gefĂ€llt und jetzt bin ich auf mehrere Bretter verteilt! Aber ich spĂŒre, es gibt diese Bretter alle noch. Es wĂ€re wundervoll, wenn du losgehen wĂŒrdest, diese Bretter zu suchen. Ich werde dir dabei helfen und dir sagen, wo du so ein Brett findest, ich spĂŒre es nĂ€mlich, wenn du in die NĂ€he meiner Teile kommst.“
Wigald ĂŒberlegte: „Soso, schöne Fee und böse Zauberin. Und ich soll in der Welt herumirren und darauf warten, dass sie was merkt. Erst will ich genauer wissen, um wen es sich hier handelt!“
Er fragte: „Was hast du denn ausgefressen, damit dich die Zauberin verhext?“
„Garnix!“, kam es wie aus der Pistole geschossen vom Schrank her.
„Aber irgendeinen Grund muss die Olle doch gehabt haben, also, weswegen wurdest du ein Baum?“
„Weil . . . weil . . .“, stotterte die dĂŒnne Stimme. In Wigald keimte der Gedanke, dass es sich bei dem Geschöpf in den SchranktĂŒren wohl kaum um etwas Edles handelt. So fragte er weiter: „Wenn ich dir nun nicht den Gefallen tue, was wird dann aus dir?“
„Dann könnte ich als Geist existieren oder im Körper eines Menschen.“
„So wie Voldemort?“
Die angebliche Fee ließ sich erklĂ€ren, wer Voldemort ist und bestĂ€tigte freudig. Nun war Wigald pappesatt. Der Unhold Voldemort hatte schließlich das wunderbare Einhorn getötet! Nein, so einem Wesen wollte er nicht helfen. Er nahm die Axt und schlug den Schrank in kleine StĂŒcke, die er dann im Ofen verbrannte. Das Wimmern und Wehklagen und die wĂŒsten Beschimpfungen verstummten erst, als die Glut zu verlöschen begann. Sehr zufrieden legte Wigald sich zu Bett und schlief ein.
Am anderen Morgen wurde er von den Sonnenstrahlen wach gekitzelt und glaubte zunĂ€chst, immer noch in die Ofenglut zu schauen. Da erinnerte er sich daran, dass er eine Wohnung mit Zentralheizung hatte und keinen Ofen, in welchem er was auch immer verbrennen könnte. Er riss die Augen auf und starrte zum Schrank hinĂŒber. Die eine TĂŒr war einen Spalt breit geöffnet.
Aufseufzend sank er in die Kissen zurĂŒck. Er hatte vergessen, den Schrank richtig abzuschließen. Und immer, wenn das geschah, öffnete er sich einen Spalt breit. Mit einem leisen Knistern.

Juli 2003

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Old Icke

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Traveller
???
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Nina

Hallo,
Deine Geschichte hat mich gerade zu einer eigenen Geschichte inspiriert. Du sieht Deine Worte am Anfang und wie ich diese dann -aus mir- weitergesponnen habe.

Nina

Nina lag in ihrem Bett und versuchte, einzuschlafen. Da hörte sie ein leises Knistern vom Schrank her. „Nanu,“ dachte sie, „sind da etwa MĂ€use hinter dem Schrank? Das fehlte mir gerade noch!“ Eigentlich wollte sie aufstehen und nachsehen, aber ihre Lider waren so schwer, sie bekam die Augen nicht auf.
Wieder vernahm sie ein Knistern. Sie konnte es genau orten – es kam von den nicht verschlossenen SchranktĂŒren! Sie bewegten sich. Nein, nicht in den Scharnieren, wie jeder es kennt, sondern nur die Bretter und Furniere. Das polierte Eichenholz wellte sich leicht und knisterte. Hellwach saß Nina nun auf dem Bettrand und fragte: „Was ist denn hier los? Wer knistert da mit meinen SchranktĂŒren?“
Eine dĂŒnne Stimme antwortete: „Das bin ich. Ich bin eine gefangene Seele und ich lebte in einer großen Eiche. Aber ein Mensch hat vor langer langer Zeit den Baum gefĂ€llt und jetzt bin ich auf viele Bretter verteilt! Aber ich spĂŒre alle Bretter noch, was mich zwischen verschieden SchrĂ€nken, Tischen und StĂŒhlen an unterschiedlichen Orten hin und her zieht, an mir jede Nacht reisst. Es gibt diese Bretter fast alle noch.
Erst wenn alle zusammengetragen und in Öfen verbrannt sind, werde ich wieder frei sein, erlöst aus dem GefĂ€ngnis des Holzes des mĂ€chtigen Baums.“
Nina dachte laut: „Was ist mit der Seele des Baumes“. Wieder knisterte der Schrank und sie hörte die flĂŒsternde Stimme. „Als der Baum gefĂ€llt wurde zog dessen Seele in die Wurzel sich zurĂŒck und trieb vom Baumstumpf neu aus. Aber ich war gefangen im Holz und wurde zerteilt in hunderte Bretter.“ Nina fragte sich nun, weshalb die Seele in dem Baum gefangen war. Immer leiser flĂŒsterte der Schrank: „Auch ich wollte einst den Baum fĂ€llen, da seine Äste zuviel Schatten auf mein Haus warfen. Da meine SĂ€ge fĂŒr den Stamm zu klein war, kletterte ich an ihm hinauf und sĂ€gte an seinen mĂ€chtigen Ästen. Immer wenn diese Ă€chzenden zu Boden krachten, spĂŒrte ich den Schmerz des Baumes und ihn bitten - hör auf, hör auf - . Ich achtete nicht darauf, bis ein SĂ€geblatt riß. Nun auf dem Weg hinab, verlor ich den Halt und fiel hinab. Mein Kopf verfing sich in einer Astgabel des Baumes, in der ich hĂ€ngen blieb. Dort blieb mein lebloser Körper, bis er andertags gefunden wurde. Meine Seele sah den Schmerz des Baumes und be-gann den verletzten Baum zu heilen. So drang sie immer tiefer hinein und verband sich mit der Seele des Baumes. Wir waren so fĂŒr viele Jahre eine Einheit und ich sah die Schönheit der Natur um uns, all das was ich als Mensch vorher nie gesehen. Aber als HolzfĂ€ller kamen und die Eiche fĂ€llten, blieb ich allein im Holz zurĂŒck und erlitt das Leid des Zerteilens. So lebe ich nun dahin in den HĂ€usern der Menschen und sehe deren Leben hundertfach, sehe sie lieben und leiden, bin mitten drin und nur nachts kann ich mich als Ganzes spĂŒren, mich dehnen und strecken.“
Nina hatte zugehört und war dabei eingeschlafen. Am nĂ€chsten Morgen wußte sie nicht, ob sie dies getrĂ€umt hatte und betrachtete den alten Schrank. Schon lange wollte sie sich von ihm trennen, aber keiner wollte diesen haben. Sie berĂŒhrte ihn vorsichtig und die TĂŒre knarrte. Plötzlich riß ein TĂŒrscharnier. Nina erschrak und ihr wurde bewußt, daß ihr Traum real war. Sie erinnerte sich deutlich der flĂŒsternden Worte und ein kalter Schauer lief ihr ĂŒber den RĂŒcken.
Nach dem FrĂŒhstuck holte sie eine Kerze und entzĂŒndete diese im Schrank. Als diese niedergebrannt war, holte sie eine SĂ€ge und zerteilte den Schrank in viele handliche Einzelteile. Das Feuer im Kachelofen loderte hoch und das trockene Holz knisterte auf seinem letzten Weg. Nina fĂŒhlte, wie sich damit etwas erlöste. Am Abend war im Raum eine LĂŒcke, aber keine Leere und sie selber fĂŒhlte sich erlöst. Sie war befreit von Altem und Neues konnte in den Raum ihres Lebens einkehren. Als sie gerade am Einschlafen war, hörte sie ein Knistern am Fenster und hörte leise ein langes „Daaaaaanke !!!“. ZunĂ€chst erschrak sie, als ein feiner Lichtstrahl vor dem Fenster sich zeigte. Aber darauf wurde es ihr warm im Herz und sie schlief ein und trĂ€umte eine wunderschöne Geschichte. Sie sah den Schrank zum Himmel fliegen, begleitet von lichtvollen Engeln. Diese streuten wunderschöne Sterne auf sie herab und ihr Haus fĂŒllte sich mit diesem Sternenstaub.
Ab dieser Nacht hatte Nina nur noch GlĂŒck und der getrĂ€umte Sternenstaub materialisierte sich in MĂŒnzen, genug fĂŒr ein zufriedenes Leben. Ab diesem Tag litt sie keinen Hunger mehr. Alles was sie nun altes ablöste, brachte ihr doppelt soviel neues und ihr Leben wurde reicher und tĂ€glich immer schöner.
Ihre Zimmer waren nun frisch und leuchtend, so wie sie selber leuchtete. Alle Menschen spĂŒrten dies und sie wurde zu einer lebenden Lichtgestalt. Denn sie verstrahlte etwas Leichtes, was den Anderen fehlte, welche immer noch ihre Vergangenheit festhielten.

27.7.2003


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Traveller Peter

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flammarion
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is ja unglaublich!

ich krieg mich ĂŒberhaupt nicht wieder ein! was fĂŒr eine schöne geschichte. kannste ruhig fĂŒr sich alleine posten, die glĂŒhbirne wurde auch von mindestens zwei erfindern gleichzeitig entwickelt.
ganz lieb grĂŒĂŸt
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Old Icke

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Traveller
???
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lach

Der Anfang Deiner Geschichte steckte mich spontan an und da ich mich gerne in BĂ€ume einfĂŒhle, setzte sich diese Geschichte frei. Zudem habe ich vor vielen Jahren einen Schrank meines Vaters "rituell verbrannt" und damit mich von einer Belastung befreit!
Meine Mutter besass einen Schrank, an dem ich lange sehr hing und den ich unbedingt erben wollte. Als sie verstarb, sagte mir mein Bruder, dass er mit Mutter diesen Schrank nach dem Krieg aus einem Depot der Waffen-SS abtransportiert hatte. So liess ich ihm diesen Schrank und heute bin ich froh nicht mehr mit dieser Vergangenheit leben zu mĂŒssen. Denn in SchrĂ€nken speichert sich oft auch gelegte Vergangenheit, im Guten wie im Schlechten.
Alle diese eigenen Erfahrungen flossen nun spontan in diese Geschichte ein.

Schön, dass Du es so locker nimmst !!
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Traveller Peter

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flammarion
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na

klar nehm ich das locker. ich hab fantasie und du auch. sie sind gleichberechtigt! ich finde deine geschichte sogar noch schöner als meine.
was alles in schrĂ€nken drin sein kann außer sachen - daran habe ich noch gar nicht gedacht. fĂŒr mich is n schrank nur n gebrauchsgegenstand.
ganz lieb grĂŒĂŸt
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Old Icke

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Traveller
???
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Alte SchrÀnke

In alten SchrÀnken und in alten HÀusern kann das gespeicherte Wissen von Generationen sein, aber auch das Leid von Generationen.
Es gibt "bereichernde" SchrÀnke und HÀuser. Aber es gibt auch hochbelastete SchrÀnke und HÀuser, in denen man mit dem Leid der Anderen konfrontiert wird. In wenigenen FÀllen leben die Bewohner das Leid der Anderen aus, obwohl sie nichts damit zu tun haben.
Es gibt da PhĂ€nomene, die weit ĂŒber das Vorstellbare des Verstandes gehen !

Schön, dass Dich meine Variante der Geschichte anspricht !


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Einen wunderschönen Tag wĂŒnscht

Traveller Peter

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