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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Kobra
Eingestellt am 14. 01. 2018 16:10


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wowa
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Registriert: Jan 2013

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Kobra


Sie gab dem Mann das Geld cash, sagte noch ein paar Worte und verlieĂź das Studio. Auf dem Weg zum Auto strich sie vorsichtig ĂĽber den nackten Bizeps. Jede spontane Bewegung schmerzte, sie mochte das. Den Schmerz hatte sie bezahlt.
Der Mann war ein Künstler, alt, schweigsam, eigensinnig. Einer der besten der Stadt. Er hatte ihr eine aufgerichtete schwarze Kobra auf den Oberarm gezaubert, die Nackenpartie gespreitzt, die Zeichnung gut sichtbar, aber nicht zu stark betont. Eine Brillenschlange, schnell, tödlich, effizient.
Sie liebte dieses Tier.
Alle, die ihr wichtig waren, hatten dieses Tattoo. Ein Stigma, freiwillig, leicht erkennbar für die Bullen, idiotisch, andererseits Schutz, eine Chance zu überleben. Sie hatte lange gezögert, die Endgültigkeit dieses Schrittes erschreckte sie immer noch.
Doch letztlich war alles vorgezeichnet, ob mit oder ohne Tattoo.
Langsam dirigierte sie ihren Wagen durch die Hitze des Nachmittags und musterte die Männer am Straßenrand. Sie bewegte sich so seit Jahren durch die Stadt, aufmerksam, bereit, auf der Jagd. Sie suchte einen bestimmten Mann.
Es war eine Obsession, eine Fixierung, ein Psychater hätte gewiss eine Zwangsvorstellung diagnostiziert. Aber sie fühlte sich gut.
Als junge Frau war sie von fünf besoffenen Männern aus der Nachbarschaft vergewaltigt worden. Während des Verbrechens hatte sie gebetet, sie überlebte, die Männer ließen sie liegen. In dieser schwärzesten Not half ihr eine Frau, eine Kobra. Sie gab ihr Obdach und Pflege. Die Nachbarschaft sammelte für die Abtreibung und langsam, ganz allmählich gewann sie ihre Selbstachtung zurück und traute sich wieder auf die Straße.
Sie war nicht die erste Frau, die gefoltert wurde und gewiss nicht die letzte, aber sie war nun eine andere. Stoisch, kalt und konsequent lauerte sie ihren Peinigern auf. Den ersten stieß sie im Gedränge vor die einfahrende U – Bahn. Den zweiten erstach sie hinterrücks. Die drei anderen verließen fluchtartig die Stadt.
Sie stellte natĂĽrlich Nachforschungen an.
Das dauerte, aber schließlich erfuhr sie vom Tod zweier Männer, deren Profil exakt passte. Auch die Fotos hatten Ähnlichkeit, man hatte ihnen allerdings ins Gesicht geschossen. Der eine starb im Kugelhagel der Cops, der andere in einem Bandenkrieg. Nur die Spur des dritten verlief sich, er blieb verschwunden.-
Das Auto folgte ihrem inneren Kompass und hielt vor `French Garden`: ein schattiges open – air und Sidney war der Boss. Sie kannten einander seit Kindesbeinen und merkwürdigerweise blieb auch er in der Stadt trotz allem Hype um freie Fluktuation und Flexibilität. Sie hatte manchmal, in schwachen Momenten, das Gefühl, hängen geblieben zu sein. Er jedoch vermittelte den Eindruck von Selbstbestimmung und Beharrungsvermögen.
Der Laden war voll.
Ihr Tattoo war das hi – lite, alle redeten, fanden ihre Entscheidung cool und später erzählte Sidney von einer Ausstellung über afrikanische Kunst. Er hatte neben Sex & Drugs noch andere Kompetenzen.
Später fuhr sie ihn nach Hause und ging mit rauf.
Ihr Sex – Interesse war nach der Vergewaltigung erloschen. Jahrelang war das ok, aber mittlerweile, fand sie, sollte es weitergehen. Sie wollte wieder guten Sex haben trotz ihrer Vergangenheit. Sie bestritt ihren Vergewaltigern die Macht über ihre Zukunft.
Sidney kannte ihre Geschichte und war vorsichtig. Sie redeten lange und sie weinte. Das half. Sie wurde lockerer, sie streichelten sich und dann taten sie es und es war gut; kein Desaster.
Sidney stand frĂĽh auf, sie blieb liegen und schlief weiter.
Später rief er an : sie hätten hier einen Mann, der könnte passen, sie solle mal vorbei kommen und ihn sich ansehen. Sie sagte: „Wenn ich etwas fühle, bringe ich ihn um.“
Er sagte: „Tu, was du tun musst.“
Sie stieg in ihr Auto und fuhr rĂĽber zum `French Garden`.
Sidney führte sie in eines der hinteren Zimmer, da saß ein Mann gefesselt auf einem Stuhl und blickte zu Boden. Sie erkannte ihn nicht. Sie sagte: „Schau mich an. Bist du es ?“
Er hob den Kopf, sah sie an und sagte: „Ja.“
Sie fühlte nichts. Sie löste seine Fesseln und wies auf die Tür: „Geh jetzt, verlass die Stadt und komm nie wieder. Geh schnell, heute ist dein Glückstag.“
Der Mann stand auf und verschwand im Laufschritt, gefolgt von den Blicken der andern.
Sie setzte sich auf den leeren Stuhl und starrte auf die offene Tür. Plötzlich kam ein Schrei aus ihrem Körper, sie fluchte und ein Zittern überlief sie. Dann lachte sie, stand auf und reckte sich. Heute war auch ihr Glückstag. Sie streichelte ihr Tattoo.


Version vom 14. 01. 2018 16:10

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