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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Kollateralschäden
Eingestellt am 25. 07. 2003 03:05


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David Winterhurst
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Make-up auf meinen Füßen. Sollte ich deine Schönheit so schnell zertreten haben?

Vielleicht sei es an der Zeit, mir Gedanken über meine Zukunft zu machen, denke ich und verschlucke ein Lachen. Und ehe ich das Badezimmer wieder verlasse, schiebe ich die schwarze Wollmütze über das, was ein junger Mann mit abgeschlossener Berufsausbildung eine Frisur nennt.
Ich lass mir die Haare demnächst wohl doch wieder nur noch von Frauen schneiden, wie ich überhaupt alles lieber mit Frauen mache. Arbeiten, essen, telefonieren, Babys. Autsch.

Im Wohnzimmer sitzt du noch immer, ein Bein angewinkelt auf dem Sofa. Ist mir ein Rätsel, wie du es schaffst über Stunden so zu sitzen, ohne krampfartige Zuckungen zu bekommen.
Du schiebst dir Weingummis in den Mund, der immer halb geöffnet bleibt. Die Augen ebenso riesengroß, starrst du auf den Fernsehschirm, wo wieder grünes Kriegsbild schimmert; Feuer auf Bagdad. Doch was dich viel mehr interessiert als die Bomben, sind die politischen Psychologien, die verbalen Machtgebärden. „Wenn die massiven Gefechte beginnen, wird daran kein Zweifel bestehen.“
„Das klingt als wollen sie das ganze Land da unten platt machen“, sagst du. „Und den Kriegsgegnern bleibt am Ende nichts weiter als ihnen mit humanitärer Hilfe den Arsch abzuwischen.“
„Wäre es sehr unverschämt, mal eben nicht über den Krieg zu reden?“
Du siehst mich nicht einmal an, sondern schaltest nur um, auf die lichterkettenen Bilder hunderttausender Demonstranten.
„Und warum gehen die alle auf die Straße?“, fragst du. „Wer geht für Tschetschenien auf die Straße? Wer ging bei jahrelangen Bürgerkriegen in Jugoslawien oder sonst wo auf die Straße? Mainstreamfriedensbewegung.“
„Hallo! Hörst du mir zu?“ frage ich und traue mich endlich auf Augenhöhe mit dir. „Ich würde ganz gern mal über was anderes reden als darüber, dass wir das da nicht gut finden.“

Und dann siehst du mich an, mit diesem ungeschminkten Lächeln, für das allein ich mich von einer Brücke werfen würde. Aber ich muss Dinge zur Sprache bringen, wie süß du auch bist.
„Ich habe da etwas im Badezimmer gefunden.“
„Ja bitte?“ Du hast diesen Erklär-mir-die-Welt-Blick, und fast ziehe ich wieder den Schwanz ein.
„Einen Schwangerschaftstest“, bringe ich das notwendige Übel über meine Lippen. Doch schon siehst du wieder zum Fernseher, so als rede ich von längst beglichenen Rechnungen.
„Der ist negativ.“
„Das ist schön – ich meine, das ist – von wem ist der?“
„Wer von uns beiden hat die Gebärmutter?“
„Du. Also würdest du mir bitte erklären was das zu bedeuten hat?“ Erst jetzt setze ich mich zu dir, nehme ungefragt einen Schluck von deiner Dr.Pepper und sehe dich an, so ernst es mir ist.
„Es war nichts. Ich hatte nur den Verdacht, aber dann war nichts. Ganz sicher nicht.“
„Und warum machst du das so heimlich hinter meinem Rücken, als handle es sich nur um einen Kollateralschaden?“
„Ich wollte dich nicht unnötig beunruhigen. Das ist alles.“ Und schon bist du aufgestanden und auf dem Weg in die Küche, während mir mal wieder nur bleibt den Fernseher auszuschalten.

Und wie so oft gehe ich dir nach, bleibe im Küchendurchgang stehen und sehe dich an, dir so tief es geht in die Augen, auf der Suche nach Wahrheit. Ich weiß, dass du es unter diesem Blick nicht länger schaffst auszuweichen. Du legst Korkenzieher und Wein aus der Hand, ziehst dir die zwei Nummern zu großen Cargo Pants hoch und legst deine Hände auf meine Brust.
„Ich hatte echt Panik“, sagst du, und nach einiger Zeit der Pause: „Die haben es alle so eilig. Eilig mit dem Krieg, eilig mit dem Frieden, eilig ihren Spaß zu haben, eilig den richtigen Menschen zu finden. Aber die wichtigsten Dinge brauchen Ausdauer und Zeit. Und eben da muss man sich ranhalten. Alles andere hat noch Zeit. Nicht alle Zeit der Welt. Aber ein bisschen Zeit schon noch.“
Du hast bereits deine Arme um mich gelegt, als du diese Sätze beendest. Und dann schiebst du mir die Mütze vom Kopf, willst mich küssen, aber siehst mich plötzlich skeptisch an.
„Soll das etwa eine Frisur sein?“
„Nur ein Kollateralschaden.“

[21.03.2003]
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gox
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Schöne Geschichte - allerdings würde ich die Formulierung 'so heimlich hinter meinem Rücken' weglassen, denn ein Kollateralschaden soll ja eine unbedeutende Nebengröße sein. Und die müßte man nicht bewußt hinterm Rücken verheimlichen.
Viele Grüße !
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strumpfkuh
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Lieber David,
Titel, Stil, Charaktere, Anfang und Ende überzeugend. Eine rundrum tolle Story.
LG
Doro

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Andrea
???
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Ein klasse Text, sehr locker und trotzdem einprägsam geschrieben, intelligent, witzig, kurz: gut. Es gibt nur zwei Stellen, an denen ich gestolpert bin:

„Vielleicht sei es an der Zeit, mir Gedanken über meine Zukunft zu machen, denke ich und verschlucke ein Lachen.“
Intuitiv würde ich den Indikativ nutzen und die Gedanken somit direkt statt indirekt machen. Da du ja eh einen Ich-Erzähler hast (daß er auch ein Du hat, gefällt mir ausgesprochen gut!), klingt es sehr seltsam, daß ausgerechnet seine Gedanken indirekt wieder gegeben werden. Das ist sowieso recht außergewöhnlich. Stehen Gedanken nicht immer im Indikativ?

„Und wie so oft gehe ich dir nach, bleibe im Küchendurchgang stehen und sehe dich an, dir so tief es geht in die Augen, auf der Suche nach Wahrheit.“ Die Doppelnutzung von „sehe“ wirkt irgendwie krumm, und dieser fast schon pathetisch anmutende nachgeschobene Satz... die Suche nach der Wahrheit ist schon arg dramatisch. Vorschlag:
„Und wie so oft gehe ich dir nach, bleibe im Küchendurchgang stehen und sehe dich an, blicke dir so tief es geht in die Augen, suche nach der Wahrheit.“ Eventuell würde ich auch noch das „so tief es geht“ streichen.

Aber abgesehen davon kann ich nur noch mal wiederholen: ein wirklich guter Text.
__________________
Andrea Rohmert

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David Winterhurst
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Danke erstmal alle zusammen für die netten Antworten und die hilfreiche Kritik.
Andrea: Das mit dem "blicke" passt vielleicht wirklich besser, aber die Wahrheitssuche würde ich dann wohl doch lieber ganz rausschmeißen.
Was den Indikativ angeht: Du hast schon recht und ich hatte beim Schreiben des Textes auch daran gedacht, es aber nicht geändert - warum weiß ich nicht mehr. Wenn man etwas noch einen Schritt weiter als normaler Weise neben sich steht, denkt man ja vielleicht doch so.

Übrigens ist dieser Text Teil einer Trilogie. (Die andern beiden werden hier auch bald erscheinen.)


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