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Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Kolumne
Eingestellt am 13. 09. 2003 11:26


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Locmaar
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Sep 2003

Werke: 5
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Ein Schatzkartenschatzmarkierungskreuz f├╝r eine Zeitkapsel

Es soll ja Menschen geben, die, wenn nach dem Inbegriff von Romantik befragt, von Gitarrenbegleiteten N├Ąchten an Lagefeuern auf Jugendfreizeiten berichten. Diesen Menschen muss man ihren Irrtum erkl├Ąren, denn es ist n├Ąmlich ├╝berhaupt nichts Romantisches an einem verqualmten Singkreis. Oft wird da was verwechselt, wie z.B. der vom Gesang verursachte Fluchtversuch zu zweit, der dann zu innigen Momentan romantischen Ansatzes f├╝hren kann. In diesem Fall ist aber an dem Lagerfeuer rein gar nichts Romantisches zu finden, sondern das Gegenteil. Aber was ist das Gegenteil von Romantik? Gotik? Sind Lagerfeuer gotisch? Egal, jedenfalls nicht romantisch.
Was hingegen sehr romantisch ist, sind Flaschenposten. Eine Flaschenpost ist der Inbegriff von Abenteuer, Romantik und fremdbestimmten Schicksalen. Ganze Dynastien sind zur├╝ckzuf├╝hren auf den Versand von in Glas versiegelten Botschaften. Dass mir jetzt kein Beispiel einf├Ąllt, will nichts hei├čen. Viele hochqualifizierte P├Ądagogen haben mir ├╝ber Jahre hinweg ein Defizit in der Sachkenntnis geschichtlicher Zusammenh├Ąnge bescheinigt. Aber ich bin mir sicher, dass es dennoch wahr ist. Das mit den Dynastien, meine ich.
Als Junge habe ich ganze Urlaube an st├╝rmischen Str├Ąnden auf der Suche nach meiner pers├Ânlichen Zukunft verbracht. Die junge Tochter des Maharadschas, der es auf der Flucht vor m├Ârderischen Rebellen gelang, mir eine Nachricht in einer Flasche zukommen zu lassen, einen Lageplan des Kerkers, in dem sie die geh├Ąssigen Schergen gefangen hielten. H├Ątte ich die Flasche doch nur bekommen, ich h├Ątte sie gerettet, ganz sicher. Doch ihre Post hat mich nie erreicht. Vermutlich wurde sie an der Adriak├╝ste von vorbildlichen Umwelthelfern zusammen mit anderem Unrat eingesammelt und liegt nun als Scherbenhaufen auf einem dampfenden M├╝llberg auf den Philippinen. Oder sie fristet ihr Dasein als abgebrochener Flaschenhals in einer Asservatenkammer auf den Balearen, wo sie in einer Plastikt├╝te mit der Aufschrift "Beweisst├╝ck C - Tatwaffe" an einen blutigen Zwist zwischen einem ungehobelten, roth├Ąutigen Engl├Ąnder und einem unter auf ├╝berm├Ą├čigen Sangriakonsum zur├╝ckzuf├╝hrende Heiterkeit leidenden J├╝rgen Drews-Fan in der Schinkenstra├če erinnert. Kann ja sein, man wei├č ja nie. Vermutlich hat sie es aber nie den Ganges hinunter bis ins Meer geschafft, sondern wurde von einem munteren Palmblattw├Ąscher aus den rei├čenden Monsunfluten gefischt, der daraufhin meinen Auftrag ungefragt ├╝bernahm und noch heute ein hoch angesehenes Mitglied einer geheimnisvollen indischen Exilregierung ist, eine Position, die mir eigentlich zusteht. Aber das kommt eben davon, wenn man Urlaub in D├Ąnemark macht.
Ja, die Flaschenpost. Dutzendweise habe ich die gl├Ąsernen Boten in tosenden Fluten versenkt, in der Hoffnung, jemand m├Âge meine Nachricht finden und mich kontaktieren. So etwas passiert ja st├Ąndig. Unsterbliche Bande werden geschmiedet, wie wir alle aus der hochemotionalen Schicksalsprosa aus der Feder von Nicholas Sparks wissen. Und wenn nicht aus dessen Feder, dann doch aus der schw├╝lstigen Breitwandprojektion desselben Namens, die uns einen abermaligen Comebackversuch von Kevin Costner bescherte. Nicht zu vergessen seine charmante Filmpartnerin Prinzessin Butterblume, die ja bekanntlich mit dem intellektuellen Raufbold Sean Penn liiert ist. Ob die sich auch per Flaschenpost kennen gelernt haben? Das w├╝rde mir gefallen. Butterblume findet auf der Flucht vor Prinz Humperdinck eine Flaschenpost mit einem Hilferuf an eine unbekannte Prinzessin, die den Absender aus der Ehe mit einem neurotischen Megastar erretten m├Âge. Nur was wird aus dem armen Westley? Wer mit den exotischen Namen dieser Passage so recht nichts anzufangen wei├č, der m├Âge sich in einen Buchladen begeben und eine Kopie des bezaubernden Buches "Die Brautprinzessin" erstehen. Auch die Betrachtung des gleichnamigen Films sei dem werten Leser ans Herz gelegt, damit er einen Blick auf des Raufbolds Prinzessin erheischen m├Âge. Aber erst nach der Lekt├╝re dieses Textes.
Zur├╝ck zur Flaschenpost. Man stelle sich Folgendes vor: Eine Person verbuddelt eine Zeitkapsel und besorgt sich die Koordinaten der Verbuddelung beim zust├Ąndigen Katasteramt, worauf sie sie auf ein St├╝ck Butterbrotpapier zeichnet und die Position der Zeitkapsel mit einem auf Schatzkarten zur Markierung des Objekts der Begierde ├╝blichen Kreuz versieht. Ein Schatzkartenschatzmarkierungskreuz f├╝r eine Zeitkapsel! Das ist einfach ungeheuerlich! Aber es kommt noch toller. Diese Person verteilt Kopien dieser Zeitkapselkarte an Freunde und Bekannte, auf das diese sie als Flaschenpost versenden m├Âgen. Als Flaschenpost! Da kann ich mir das Gesicht des Heranwachsenden, der diese Flasche auf seinem t├Ąglichen Spaziergang durch d├Ąnische D├╝nen ersp├Ąhte, gut vorstellen, wenn der sich nach langen Wochen auf dem Fahrrad endlich am Ziel seiner Tr├Ąume w├Ąhnt. So etwas kann nur einem Sadisten einfallen, einem Traumzerst├Ârer, der sich den s├╝├čen Vogel Jugend, gek├Âchelt in einem Sud aus Bardolino, Rosmarin und schwarzen Oliven, einverleiben m├Âchte. Einem seelenlosen, gotischen Zyniker - oder einem K├╝nstler, denn denen ist ja bekanntlich alles zuzutrauen.
In unserem Fall war es eine K├╝nstlerin, die uns ersuchte, ihre Schatzkarte in eine Flasche zu stopfen, um diese verkorkt den Fluten anheim fallen zu lassen. Dieses sei fotografisch zu dokumentieren und aus diesen Fotos entstehe dann ein Kunstwerk. Was f├╝r eine s├╝├če Idee, fanden wir und nahmen das Pergament mit auf die Reise in den staubigen Sommer an Portugals Algarve. Was f├╝r einen unglaublichen Spa├č man doch im Urlaub haben kann.
Es war der Sommer der Waldbr├Ąnde, als ein Haufen geisteskrank Entr├╝ckter einen Eukalyptushain nach dem anderen in Flammen aufgehen lie├čen, um bei der Wiederaufforstung ein wenig mitverdienen zu k├Ânnen. Oder die Korkeichenz├╝ndler, die schon mal Platz schaffen wollten f├╝r einen Formel 1-Ring, denn dann w├Ąre Portugal ja ganz schnell die f├╝hrende Wirtschaftskraft in Europa. Verehrte Z├╝ndler, will es da aus mir heraus, in Deutschland gibt es bereits zwei Formel 1-Strecken und unsere Position in der ma├člos ├╝bersch├Ątzten europ├Ąischen Wirtschaftsrangliste ist nun mal nicht wesentlich besser als die Portugals. An den ├Âden Rennstrecken liegt es halt nicht. Im ├ťbrigen wird dieser Sport bald wieder in der Bedeutungslosigkeit versinken, weil es eben nicht mehr zeitgem├Ą├č ist, Leuten dabei zuzusehen, wie sie viel zu schnell im Kreis fahren. Tja, wenn sie dabei wenigstens bewaffnet w├Ąren, aufeinander sch├Âssen oder ├ähnliches, tja, dann? Aber so wie die Dinge liegen ist ein Formel 1-Rennen noch langweiliger als ein Blick hinter die Kulissen einer Daily Soap mit all ihren irrsinnig frischen Jungstars, die in solchen Berichten immer Bedeutsames aus ihren privilegierten, an Erfahrung nicht mehr zu ├╝berbietenden, sechzehn Jahre w├Ąhrenden Leben zu predigen wissen. Aber wir wollen nicht ├╝ber die Jungstars n├Ârgeln, denn N├Ârgeln macht gr├╝n im Gesicht. Wir g├Ânnen ihnen ihren Erfolg und hoffen, dass ihnen die Peinlichkeit erspart bleibt, sich ihre Backfischweisheiten in sp├Ąteren Jahren anschauen zu m├╝ssen.
Wir waren aber fernab von Formel 1-Zirkus und Hintergrundberichten an der fernsehlosen Algarve, wo es nun mal schrecklich brannte. Und mit uns f├╝hrten wir eine Flasche mit einer Butterbrotpapierrolle zum Inhalt, auf die eine Dame mit k├╝nstlerischem Scharfsinn einen Grundbucheintrag der Stadt Braunschweig gepaust hatte. Diese Flasche sollten wir in irgendeinen Fluss werfen und dieses fotografieren. Dann k├Ânnten wir uns unserem Urlaub widmen. Wir blau├Ąugigen Traumt├Ąnzer, wir. Ein Fluss? An der Algarve? Im Sommer? In diesem Sommer? Ich will nicht ├╝bertreiben, denn das geziemt sich nicht, aber die Fl├╝sse in Europas S├╝den sind, wenn man sie denn als solche erkennt, im Sommer eben nicht besonders wasserreich, will sagen, sie ├Ąhneln in der Flie├čgeschwindigkeit den H├Ąngen des Vesuv, tausend Jahre nach dem gro├čen Fest. Eine Flasche dort hinein zu werfen w├╝rde diese laut zersplittern lassen und aus w├Ąr's mit der Kunst.
Geschlagene drei Wochen fuhren wir dieses romantische Kleinod spazieren, bis die Heimreise dr├Ąute und wir es in einem Nebenarm des spanisch-portugiesischen Grenzflusses versenkten. Was dann mit der Flasche geschehen ist, wage ich nicht zu erahnen, denn ich tr├Ąumte einen gar schrecklichen Traum, mit dem ich schlie├čen m├Âchte.
An der kanadischen Ostk├╝ste in der Provinz Neu Braunschweig, oder auch New Brunswick, wie viele Kanadier gern sagen, lebte ein alter, verwitterter Walf├Ąnger, Carl Meiers wollen wir ihn nennen. Carl ist nicht sehr reich, weil er aus Gewissensgr├╝nden keine Wale mehr fangen mag und wie das mit den Hummern funktioniert, hat er nicht so recht verstanden. Seine Frau Diane, hat ihn vor Jahren verlassen, weil sie ihn f├╝r einen Versager h├Ąlt, und lebt seitdem mit einem jungen Walf├Ąnger zusammen, der sie auf H├Ąnden tr├Ągt, warum, wei├č ich auch nicht mehr. Carl sitzt also oft am Meer und blickt, w├Ąhrend er auf einer Baumwurzel herumkaut, in Richtung der Heimat seiner Ahnen, da blitzt ihm schicksalsschwanger etwas aus dem Wasser entgegen. In Nullkommanix ist Carl mit seinem Boot zum Glitzern unterwegs und zieht eine verkorkte Flasche aus den Fluten. Rasch entkorkt er die "Message in a Bottle", wie viele Kanadier gern sagen, und findet darin ein Pergament, eine Karte aus Braunschweig, wie er der Beschriftung sachkundig entnimmt. Es stehen Zahlen drauf, die Carl nichts sagen, und ein Kreuz, wie man es auf Schatzkarten findet. Da Carls Leben in Kanada nicht viel zu bieten hat, verkauft er kurzerhand seine H├╝tte, um von dem Geld ein Flugticket nach Deutschland zu erstehen. Erst kurz nach London und dann nach Hannover-Langenhagen. Von dort mit der S-Bahn zum Hauptbahnhof Hannover, von wo die Fahrt nach Braunschweig ein Klacks ist. In Braunschweig will schnell noch ein Architekt auf offener Stra├če nach der Bedeutung dieser merkw├╝rdigen Zahlen befragt werden, der unseren Carl dann zum Katasteramt schickt, weil er in architektonischem Scharfsinn das Geheimnis der Nummern zu l├╝ften vermochte. Flugs noch ein Sch├Ąufelchen erstanden und schon eilt Carl zum Ort seiner Tr├Ąume und gr├Ąbt, bis er die Kiste findet. Er kann sein Gl├╝ck kaum fassen, tr├Ąumt sekundenlang davon, dass in diesem kleinen K├Ąstchen die wertvollsten Geschmeide aus dem Nazigold die Zeiten ├╝berdauert haben. Carl glaubt nun mal, er h├Ątte eine Schatzkarte gefunden und demzufolge auch einen Schatz. Dann ├Âffnet er die Kiste und findet in dieser Reihenfolge: ein paar Steinchen und Muscheln, Taubenfedern, eine kaputte Spieluhr, die in besseren Tagen wenigstens noch "Seasons in the Sun" zu intonieren vermochte, einen handgeschriebenen Brief der K├╝nstlerin, in dem diese dem Finder gratuliert und ihm Aprilscherzhaft seinen Fauxpas erl├Ąutert, gefolgt von Fotos, auf denen selbige g├╝tig und milde l├Ąchelt. So wird aus einer liebreizenden Kunstidee eine menschliche Trag├Âdie ungeheuren Ausma├čes und aus Romantik Gotik. Was bin ich froh, dass ich als Kind nie eine dieser Flaschenposten gefunden habe.

PS: Ich bin mir gar nicht sicher, ob der Plural von Flaschenpost tats├Ąchlich Flaschenposten lautet, aber Flaschenposten schreibt sich derart bezaubernd, dass ich es gar nicht erst nachschlage.

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Minds Eye
Guest
Registriert: Not Yet

Intelligent, stilvoll und superwitzig.
Hier hab ich gar nix zu meckern.
Gru├č,
ME.

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Locmaar
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Sep 2003

Werke: 5
Kommentare: 7
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Herzlichen Dank aber auch. Stilvoll... Intelligent...
Erleuchtet hat leider noch gefehlt, aber so was kann man einem einzelnen Text ja auch noch nicht entnehmen. Ich will versuchen, das n├Ąchste Mal etwas mehr Erleuchtung durchscheinen zu lassen. Und ich will gerne auf die l├Ąstigen Fragezeichen im Text verzichten, die mir bei erneuter Durchsicht erst auffielen. Sie stellen keinen typografischen Kontrapunkt dar, sondern sind auf Inkompatibilit├Ąten zwischen Word f├╝r Windows, Clipboard.exe und HTML-Code zur├╝ckzuf├╝hren. Ich hoffe innigst, dass nicht die Fragezeichen es waren, die mir das Adjektive "stilvoll" angedeihen lie├čen.

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