Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, mĂĽssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5439
Themen:   92265
Momentan online:
535 Gäste und 13 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Kolumne: Gebranntes Kind sucht Feuer
Eingestellt am 08. 05. 2005 14:43


Autor
Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
Ivy
Manchmal gelesener Autor
Registriert: Mar 2005

Werke: 7
Kommentare: 42
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Ivy eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Gebranntes Kind sucht Feuer

SVBWAY TO SALLY

Bei einem der Kult-Status besitzenden Neujahrskonzerte der aus Potsdam stammenden Band, bei dem ich mich ertappt habe, wie ich meine Wut durch Tanz loslassen konnte, meine Trauer ausleben durfte, meine Wunden erkannt habe und mich selber in den Arm nehmen konnte, entlud sich die allgemeine Spannung des Abends im SCHREI, in den die gesamte Zuschauer – und Zuhörerschaft mit einfiel: Frei – der beste Beginn, den ein Neues Jahr nehmen kann…

Bei dieser Gelegenheit nahm sich die Band weder selber noch ihr Publikum allzu ernst, da konnte es vorkommen, dass die tobende Menge skandierte „Brennen! Sie soll brennen!“
und mit einem Grinsen kam von der Bühne zurück: „Seht ihr, so einfach ist das…“

Trotz der Abkehr von der mittlerweile oft nachgeahmten Kombination alter Instrumente mit Gitarre, Bass & Schlagzeug und der Hinwendung zu mehr Rock als Minne, ist es Subway auch auf dem siebten Album „Engelskrieger“ wieder gelungen, die musikalische Eulenspiegel-Funktion wahrzunehmen.
Subway prangern die unter der Oberfläche der Gesellschaft brodelnde Gewaltbereitschaft an. Sie enttarnen, den Terror, das faszinierende Entsetzen und dieses „zwischen den Fingern nicht wegsehen können“-Gefühl, das die Medien durch permanente Wiederholung von Schreckensszenarien erzeugen, ungeachtet der Tatsache, dass vorbelasteten Menschen einzelne Bilder ausreichen, die aufgenommene Gewalt gegen sich selber zu richten.

Konnte der Zuhörer sich bei den vorangegangenen Alben immer noch damit beruhigen, dass die besungenen Phänomene und Exzesse weit weg und lange vergangen sind, so holt Subway to Sally ihn nun quasi auf dem eigenen Sofa ab. Mitten bei den abendlichen Nachrichten, angefüllt mit Berichten über Kannibalismus, Amokläufe und Missbrauch, Missbrauch, Missbrauch…

Gerade da bietet die besondere Art der Auseinandersetzung, die Subway zelebrieren, einen unbestreitbaren Vorteil: denn die nunmehr weniger mittelalterlastigen Soundgebilde und Lyrics, die nichtsdestotrotz direkt in den Bauch gehen, lassen genügend Spielraum, um das Kopfkino in grade noch ertragbaren Grenzen halten zu können.

Und Subway machen Mut.

„Ich spür´, es ist jetzt Zeit
[…]
ich leugne nicht mehr, was ich bin
ich diene meiner Sache,
mein Leben hatte nur den Sinn,
dass ich heut´ Nacht erwache.
[…]
Ich spür´ so eine wilde Lust,
ich zittre vor Verlangen,
mit starkem Arm und breiter Brust
mein Schicksal einzufangen
[…]
Ich unterwerf´ mich meiner Pflicht,
ich muss dies´ Werk vollenden,
so hell erstrahlt mein Strafgericht,
es soll Euch alle blenden
Der Geist des Kriegers ist erwacht,
flammt durch die Nacht,
nehmt Euch in Acht
Ich hab´ die Macht!“
(Auszug aus „Engelskrieger“)

Ja!
Nach dem Erinnern und Hervorbrechen, nach dem Lösen von alten Mustern, Zwängen und eingeimpften (Teil-)Schuldgefühlen kann der Phönix aus der Asche steigen. Endlich das Schweigen brechen und Konsequenzen ziehen.

„Woher kommst Du, kleine Schwester?
Mit der Last auf deinen Schultern,
mit so angestrengtem Lachen,
in den Augen so viel Grauen?
Und mit zittern in der Stimme, wie bei einer alten Frau?
[…]
Komm zu mir, kleine Schwester,
ich bringe Dich in Licht
es verbrennt dich nicht
[…]
Niemand hört die stummen Schreie,
niemand sieht dich leise weinen,
Du hast keine Tränen mehr
[…]
Du bist so hilflos, still und leer
[…]
Was verbirgst Du, kleine Schwester?
Wonach hungert deine Seele?
Nach Vergessen oder Rache?
Nach Vergeltung ohne Plan?“
(Auszug aus „Kleine Schwester“)

Sechs solcher „großen Brüder“ und eine „große Schwester“, die mit jedem Ton und jeder Zeile meinem Schmerz Ausdruck geben, hätten gerne zehn Jahre eher kommen dürfen.
Subway zeigen auf die schmerzenden Narben, schneiden die alten Wunden wieder auf – damit der Splitter endlich herauskommen kann. Lassen nach dem Hinsehen aber die Wahl, wie mit dem Erkannten umzugehen ist. Keine neuerliche Bevormundung. So kann von Grund auf heilen und wieder zusammenwachsen, was in der Seele krank, kaputt und zerrüttet ist.

Hatte ich bei „Henkersbraut“ (Schrei!) das Gefühl, hier malt jemand ein Bild von mir, singt mir aus der Seele, zeigt mir, wer ich bin, erklärt „Engelskrieger“ mir nun, warum ich so bin.

Dieses Erfahren geht weit über das übliche „Musik-Hören“ hinaus und macht es zu einem unvergleichlichen Erlebnis.

Laut dröhnen die Bässe in meinen Ohren, bittersüß die Spieluhr.
Und während ich dies schreibe, kann ich endlich wieder weinen.
Gespannt warte ich auf das nächste Album – vielleicht, hoffentlich zeigt es mir, wohin ich gehe…

(bis hierhin: DANKE)

Ivy




__________________
Der Kopf ist RUND
Damit das Denken die Richtung ändern kann...

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


Bluomo
Guest
Registriert: Not Yet

Hallo Ivy,

ich war auch schon bei ein paar Konzerten. Wobei mein "Subway" Lied "Der Vagabund" ist. Weil es mir ein wenig Mut gibt, wenn ich ihn mal brauche.

Gruss

Bluomo

Bearbeiten/Löschen    


ZurĂĽck zu:  Essays, Rezensionen, Kolumnen Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.


Leselupe-Bücher



Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!