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Leselupe.de > Humor und Satire
Konsumenten-Outing
Eingestellt am 22. 07. 2009 17:40


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Midian
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Jul 2009

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Es ist, wie man unschwer wird erkennen können, schon ein paar Jährchen her, dass ich diese Satire verfasst habe. Dennoch sind die meisten Dinge, wie ich finde, noch hochaktuell. Heute würde man keine Nokia-Handys kaufen, dafür jede Menge Opel, oder was?


Konsumenten-Outing

Politiker sind korrupt, Manager profitgeil, Sozialhilfe-Empfänger Schmarotzer und Asylanten getarnte Terroristen. Das alles wissen wir und sind froh, dass wir zu den Guten gehören, die ihre Flaschen nach Farben getrennt in die Glascontainer werfen, auch Schwarze freundlich zurückgrüßen und jeden Monat zehn Mark an Greenpeace überweisen. Oder?

Leider haben Sie die längste Zeit in der moralischen Hängematte überwintert – oder sind Sie etwa kein Konsument? Sind Sie? Na dann gehören Sie zu den Übelsten. Ich gehe jede Wette ein, dass auch in Ihrer Wohnung die Indizien menschlicher Verkommenheit zu finden sind.

Auch ich bin früher nicht besser gewesen. Heute hingegen darf ich mich zu den Geläuterten zählen. Wie das kam? Lassen Sie es mich Ihnen erzählen!

Es war ein Morgen wie jeder Morgen, und ich begann ihn wie stets mit einem fröhlichen Lied, denn positives Denken hat Ausstrahlung. Bevor ich mich von einem verschlafenen Menschen in einen Konsumenten verwandelte, fütterte ich ahnungslos meine Katze. Ahnungslos mein Gewissen betreffend, denn als ich die Dose mit dem ausgewogenen vitaminreichen Katzenfutter öffnete, dachte ich nicht daran, dass so viele Menschen auf der Welt hungerten.

Dennoch befand ich mich schon damals nicht auf der untersten Konsumenten-Stufe, dem so genannten Konsumenten-Soziopathen. In meinem Kühlschrank gab es nur Eier von glücklichen Hühnern, meine Plastiktüten waren recyclebar, und in Joghurtbechern züchtete ich Kressesamen. Natürlich besaß ich weder Pelze, Krokotaschen oder Elfenbeinschnitzereien. Damals glaubte ich noch, mein Gewissen mit diesen Dingen beruhigen zu können.

Bevor ich mich in das Konsumieren, also den täglichen Einkauf stürzte, machte ich mir meinen Morgenkaffee und las die Morgenzeitung. Beinah hätte ich den Kaffee wieder ausgespuckt, so schlecht wurde mir, denn da stand, dass wir Bundesbürger uns von dem Schweiß armer Kaffeebauern aus Nicaragua ernähren. Geschmacksmäßig hatte ich schon immer den Verdacht. Rasch goss ich den Kaffee weg und betrachtete mit Abscheu mein halbvolles Glas mit Pulverkaffee einer weltbekannten Marke. Was sollte ich mit diesem viel zu preiswert eingekauften Kaffee bloß tun? Ich beschloss, ihn nach dem Einkaufen an eine Gastarbeiterfamilie zu verschenken.

Nachdem ich um meinen Kaffee gebracht worden war, schaute ich im Küchenschrank nach. Eine Packung Ceylon-Tee fiel mir in die Hände. Misstrauisch beäugte ich sie. Schmale, gebeugte, unterbezahlte Teepflücker glitten vor mein geistiges Auge. Rasch schob ich die Packung ganz nach hinten und ließ ein Glas Leitungswasser einlaufen. Ich hatte gehört, dass unsere Klärwerke noch gut funktionieren, und trank es unbesorgt. Dumpf erinnerte ich mich zwar daran, dass das Trinkwasser auf der Erde immer knapper wurde, aber dafür hatte ich das Baden eingeschränkt.

Ich warf die gelesene Zeitung ins Altpapier. Ein Blick in diese Ecke machte mir klar, dass da ein ganzer Baum lagerte. BedrĂĽckt entrĂĽmpelte ich den Haufen und schleppte in einen Kilometer zum Papiercontainer. Mit Abscheu dachte ich an die Autobesitzer, die ihren ContainermĂĽll per Pkw entsorgten. So tief gesunken war ich zum GlĂĽck noch nicht. Dann wusch ich die leeren Katzenfutterdosen aus, ĂĽberlegte, ob ich das SpĂĽlwasser aufheben sollte, lieĂź es dann aber doch ab.

Schon jetzt ahnte ich, dass ich nicht immer auf dem Tugendpfade wandelte. In meiner Schublade fand ich eine SOS-Kinderdorf-Überweisung von Weihnachten. Reumütig steckte ich sie ein, ebenso eine Zahlkarte der Hand- und Fußmaler. Was man spendet, kann man nicht für überflüssigen Konsum ausgeben. Solchermaßen moralisch aufgerüstet, bestieg ich mein Fahrrad und fuhr zum nächsten großen Kaufhaus. Vor dem Eingang wurden stapelweise Kataloge verkauft. Ich beachtete sie nicht, das war ein Fehler. Stattdessen kaufte ich einem Obdachlosen eine Zeitung ab, die meine Altpapier-Ecke wieder füllen würde – ungelesen. Aber ich konnte mir noch im Spiegel begegnen.

Ich streifte durch die Abteilungen und betrachtete die Waren. Natürlich wusste ich, an welchen ich naserümpfend vorbeigehen musste: an den Eiern aus Käfighaltung, an den blutleeren Kalbskoteletts, den Produkten mit abgelaufenem Verfalldatum und Äpfeln aus Südafrika.

Als ich gerade Äpfel aus Vierlanden in meinen Einkaufswagen tat, fragte mich die Verkäuferin, ob ich denn die Bestrebungen Nelson Mandelas nicht unterstützen wolle? „Doch, immer“, sagte ich. „Na, weshalb kaufen Sie dann keine Äpfel aus Südafrika?“ Ich stammelte etwas von Apartheid und Boykott und wurde belehrt, dass das ein alter Hut sei. Inzwischen müsse man Südafrikas Wirtschaft unterstützen. Ich tat also die Vierlandener Äpfel raus aus dem Korb, Johannisburger rein. Hatte da ein älterer Herr was gemurmelt? Also, ich hatte glatt verstanden, ich würde die deutschen Bauern schädigen. Man muss nicht immer hinhören. Ich jedenfalls wollte mir meine guten Taten nicht madig machen lassen.

An der Fleischabteilung ging ich grußlos vorbei. Wer hier einkauft, muss ziemlich hartgesotten sein. Ich überlegte, was ich heute Mittag reinen Gewissens verzehren konnte. Nach etlichem Suchen fand ich ein Brot, das mit Sauerteig gebacken war. Keine chemischen Zusätze zur Schimmelverhütung und so. Aber sicher konnte ich trotzdem nicht sein. Man weiß schließlich nicht, ob Schwarzbrot noch Schwarzbrot ist oder bereits eine Züchtung aus Supergenen tiefozeanischer Schleimwürmer. Schleimwurm-Brot schreiben die natürlich nicht drauf. Trotzdem ging ich zufrieden weiter.

Am Obststand traf ich Frau Brickwedel, meine Nachbarin. „Oh! Guten Tag, wie geht es denn? Haben Sie bei diesem Wetter auch immer diese Kreislaufbeschwerden?“ Nein, hatte ich nicht. Ich nahm ein Päckchen türkischer Feigen. Frau Brickwedel stieß einen spitzen Schrei aus. „Was? Sie unterstützen dieses Folterregime?“ Entsetzt ließ ich das Päckchen fallen. Frau Brickwedel war offensichtlich eine fortgeschrittene Konsumentin, denn besorgt fügte sie hinzu: „Außerdem sind die doch alle noch belastet von Tschernobyl.“ Ich bedankte mich für ihre Fürsorge und nahm tunesische Datteln. Fragend sah ich Frau Brickwedel an. Sie hatte keine Einwände.

Olivenöl aus Griechenland – ausgebeutete Oliven-Ernter? Davon hatte ich noch nichts gehört. Frau Brickwedel konnte ich nicht mehr fragen, sie war inzwischen zum Käsestand gegangen. Das Olivenöl kam in den Einkaufskorb. Neben mir sortierte ein blasser Jüngling spanisches Olivenöl in die Regale ein. Er warf einen Blick auf meinen Einkaufswagen und räusperte sich. „Äh – es geht mich ja nichts an, aber Öl aus Griechenland? Sie wissen doch, dass die Griechen die Serben mit Waffen beliefern. Gerade jetzt in der Bosnien-Krise sollten wir – „ Verunsichert wies ich auf das Regal. „Aber Sie verkaufen doch – „ Er nickte sanftmütig. „Ein Restposten. Nehmen Sie lieber spanisches.“ Freundlich hielt er mit eine Flasche hin. Zögernd tauschte ich die Öle aus. „Sagen Sie, junger Mann, sind Sie sicher, dass dieses Öl nicht aus der Franco-Ära stammt?“ Er würdigte mich keiner Antwort.

Am Käsestand traf ich Frau Brickwedel wieder. Ich beobachtete sie heimlich, denn von gewissenhaften Konsumenten kann man nur lernen. Sie schien sehr wählerisch zu sein, also stellte ich mich neben sie und sagte: „Ja, ja, wer die Wahl hat, hat die Qual. Mögen Sie es eigentlich lieber mild oder etwas deftiger?“ „Ich liebe Käse“, begann sie gleich zu schwärmen, „mild oder deftig, Hauptsache Käse. Ist ja auch so gesund.“ Ich nickte beifällig und griff nach einem gut durchwachsenen Camembert. Ein Zucken ging durch ihren Körper, ihre Hand mit dem milden Gouda verharrte in der Luft. Sie starrte zuerst auf meinen Camembert und dann auf mich. „Ist würzig“, nuschelte ich und grinste verlegen, doch nach diesem Kriterium hätte ich nicht wählen sollen. „Sie kaufen französischen Käse? Ich muss mich schon sehr über Sie wundern, Frau Nachbarin. Oder haben Sie noch nichts davon gehört, dass Frankreich wieder seine Atombombentests aufnehmen will?“ Beschämt nickte ich. Wie hatte ich das vergessen können! Ich nahm einen milden Harzer.

Ab jetzt fühlte ich mich beobachtet. Daher kaufte ich Kartoffeln aus Mecklenburg, Marmelade aus Brandenburg, Gemüse aus den Vierlanden, aber auch einige Tomaten aus Holland, obwohl die nicht schmecken, aber man muss auch was für den Europäischen Markt tun. An den Bananen schlich ich vorbei. Über die hatte ich auch nichts Gutes gehört, besser, man kaufte sie nicht. Ich betrachtete das übrige Obst und Gemüse. Was aus der EG kommt, durfte ich – wenn Frankreich nicht gerade testet. Aber welche Länder gehörten inzwischen dazu? Der Ostblock? Die Türkei? Norwegen? Verdammt, diese Bildungslücken. Und ich stand da mit meinem Einkaufswagen wie blöd. Ich sah Frau Brickwedel ganz in der Nähe an den Nudeln vorüberhuschen und entschied mich, gar nichts mehr zu kaufen. Diät ist immer gut.

Erschöpft, aber rechtschaffen, strebte ich mit meinen Sachen dem Ausgang zu und überlegte, weshalb meine Nachbarin mir als Konsumentin so weit voraus war. Jetzt erst fielen mir die vielen Kunden auf, die während des Einkaufens in einem dicken Katalog blätterten. Nur ich hatte keinen. Kennen Sie das Gefühl? Ich erinnerte mich, dass die Ringordner am Eingang verkauft wurden, und beeilte mich, einen zu erstehen. 9,80 DM auf Umweltpapier. Ich muss sagen, ich habe die Ausgabe nicht bereut. Übersichtlich war dort alles verzeichnet, was ich wissen musste: Welches Land gerade boykottiert wurde, welches Land politische Unterstützung brauchte, wo die Pflanzen mit verdünntem Strychnin gedüngt wurden und was die Verdauung förderte oder gemeingefährlich war. Auf den letzten beiden Seiten des hundertfünfzig Seiten starken Werkes waren die erlaubten Konsumgüter verzeichnet. Als Anreiz für träge Konsumenten gab es ein Punktesystem. Für 98 Reinheitspunkte bekam man eine Ado-Gardine. Volle hundert Punkte für das strahlendste Gewissen konnte allerdings niemand erreichen, weil es immer auch diese Grauzonen gab: Sollte man nun Tausende von Bauern in den Mohnanbaugebieten in den Ruin treiben oder doch Kokain kaufen?

Ich setzte mich auf eine Bank und schloss meine beschämenden Bildungslücken. Als ich den Katalog durchgelesen hatte, wusste ich, dass ich mein zukünftiges Leben in den Griff kriegen würde. Eine Demo zog friedlich an mir vorbei: ‚Deutsche Rüstung sichert Frieden und Arbeitsplätze’. Die Leute mussten den Katalog gelesen haben. Ich nickte versonnen und ging nach Hause.

Lieber Leser! Hätten Sie das gedacht? So leicht ist es, sein Scherflein beizutragen. Ich jedenfalls habe wieder ein gutes Gewissen. Selbstverständlich spendete ich das unverantwortliche Katzenfutter sofort der Caritas und sammelte für meine Katze Abfälle aus den Mülleimern. Als ich später darüber belehrt wurde, dass sich aus unseren Mülleimern Obdachlose ernähren, ließ ich meine Katze schmerzlos einschläfern. Seitdem sitzen auf meinem Sofa nur Plüsch-Hunde und Steiff-Katzen, die essen niemandem etwas weg und koten auch nicht auf den Gehweg. Und seit kurzem steht auf meinem Laternen-Parkplatz ein koreanisches Auto. Entwicklungshilfe für Ostasien. Machen Sie doch auch mit!

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