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Leselupe.de > Horror und Psycho
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Eingestellt am 30. 05. 2001 11:18


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Zefira
???
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Das Telefon dudelte. Ich schob die Zeitung vom Gesicht, tastete ziellos auf dem Tisch herum, fand endlich den schnurlosen Hörer und drĂŒckte auf den grĂŒnen Knopf.
„Jaa?“
„Hilf mir“, flĂŒsterte eine gebrochene Stimme am anderen Ende. „Bitte.“
„Wer ist denn dran?“ Bestimmt einer von diesen VerrĂŒckten, die fremde Frauen anrufen und ins Telefon stöhnen.
„Patrick“, kam es aus dem Hörer. „Hier ist Patrick. Hilf mir. Mir geht’s nicht gut.“
Ich setzte mich mit einem Ruck auf, wobei die Zeitung in einem wĂŒsten Haufen zu Boden rutschte und Pamela Anderson auf Herrn MĂŒntefering zu liegen kam. Patrick und sein Handy waren in unserer alten Clique Zielscheibe unzĂ€hliger Witze gewesen. Er nahm es ĂŒberall mit hin, sogar aufs Klo.
Jetzt hatten ich schon lange nichts mehr von ihm gehört.
„Wo bist du denn?“ rief ich. Es blieb eine halbe Minute still, und ich glaubte abermals an einen schlechten Scherz. Dann kam die gebrochene Stimme wieder. „Weiß nicht genau. Im Wald.“
„Bist du krank?“ rief ich, blödsinnig laut jetzt. „Hattest du einen Unfall?“
Es kam nichts mehr. Ich wußte nicht, was ich tun sollte, legte das Telefon endlich weg und fing an, die Zeitung einzusammeln. Eine Minute spĂ€ter tutete es wieder.
Ich riß den Hörer an mein Ohr. „Jaaa!“
Nichts passierte. Verflixt, erst den grĂŒnen Knopf drĂŒcken. „Hallo? Ist da jemand?“
„Ich glaube, mit mir ist’s aus.“ Die Stimme klang fern und hohl.
„Menschenskind“, rief ich in heller Panik, „ich schicke dir den Notarzt, sag‘ doch, wo du bist!“
„Im Wald. In der Klingelmannkurve“, tönte es ĂŒberraschend deutlich. Dann knackte es, und die Verbindung war wieder unterbrochen.
Klingelmannkurve. Das war ganz bei mir in der NĂ€he. Hier hatte sich der Sohn des Bauunternehmers Klingelmann vor drei Jahren mit seinem Auto ĂŒberschlagen. Daher der Name. Seitdem stand ein Holzkreuz mit Plastikblumen in der Klingelmannkurve. In Gedanken sah ich Patrick unter dem Kreuz hingestreckt, die Augen gebrochen, das Handy in der starren Hand am blutĂŒberströmten Ohr, und ich wĂ€hlte hastig die 110.
Als der Rettungswagen kam, war Patrick bereits tot. Sein Wagen, ein BMW mit Alufelgen, lag im Straßengraben auf der Schnauze. Patrick selbst war hinausgeschleudert worden und auf einer Streugutbox gelandet. So stand es am nĂ€chsten Tag in der Zeitung.


Ich ging zur Beerdigung.
Ungern zwar, und wir hatten uns ja auch nicht besonders nahegestanden, Patrick und ich. Aber schließlich hatte er mich angerufen, und es wĂŒrde komisch aussehen, wenn ich mich nicht blicken ließ.
Es waren noch ein paar andere Leute aus der alten Clique gekommen, die herumstanden, als gehörten sie nicht recht dazu. Ich erkannte meine alte Freundin Trixie, die ich seit zwei Jahren nicht gesehen hatte. Sie trug einen langen schwarzen Mantel, nicht weil sich das bei einer Beerdigung so gehört, sondern weil sie immer Schwarz trĂ€gt; sie hatte schwarz ummalte Augen und einen Silberring in der Unterlippe und an den FĂŒĂŸen schwarze Stiefel mit acht Zentimeter hohen AbsĂ€tzen.
„Sieht die Frau nicht komisch aus?“ fragte sie mich und zeigte auf eine der Hauptleidtragenden, die lĂ€ngst nicht so komisch aussah wie Trixie selbst. „Das ist die trauernde Mutter.“
Patricks Mutter hatte stahlblau gefĂ€rbte Haare und trug ein kleines schwarzes HĂŒtchen mit getupftem schwarzem Schleier. Sie hing am Arm eines militĂ€risch aussehenden Herrn mit grauem BĂŒrstenhaarschnitt.
Das sei nicht Patricks Vater, klĂ€rte Trixie mich auf, sondern der Stiefvater. Patricks zweiter Stiefvater, wenn sie sich recht erinnere. Das dort sei der jĂŒngere Bruder (Glatzkopf und Bodybuilderschultern), das dort der Ă€ltere Bruder (Ziegenbart, abstehende Ohren, Westernstiefel zum schwarzen Anzug). Sie deutete ununterbrochen mit ihrer schwarzbehandschuhten Hand herum und nannte Namen. In der Hand hielt sie eine Zigarette. Trixie ist Kettenraucherin, aber da sie auf dem Friedhof nicht gut qualmen konnte, war die Zigarette kalt.
Die Familie warf Schaufeln voll Erde auf den Sarg, wÀhrend Trixie die Zigarette zerbröselte.
„Dich“, konnte ich mir nicht verkneifen zu sagen, „sollte man am besten mit deinen Fluppen begraben.“
„Du hast recht, ich muß rauchen“, erwiderte sie, nicht die Spur beleidigt. „Gehen wir einen Kaffee trinken?“


Wir schlenderten dorfeinwÀrts. Trixie sah in dem langen schwarzen Mantel deplaziert aus, wie ein Vampir auf Futtersuche. Ich schwitzte unter meiner modisch engen Jacke, doch ihr schien die Hitze nichts auszumachen.
„Warum hat Patrick eigentlich ausgerechnet dich angerufen?“ fragte sie nach einer Weile.
Ich zuckte die Achseln. „Keine Ahnung. Vielleicht, weil ich ganz in der NĂ€he dieser Klingelmannkurve wohne.“
„Daß er das noch wußte“, wunderte sie sich. „Und dann die Telefonnummer...“
„Meine Telefonnummer hatte er wahrscheinlich noch einprogrammiert. Du weißt doch, diese Handys können ĂŒber hundert Nummern speichern. Hast du nicht selbst auch so ein Ding?“
Wie auf Kommando begann es in diesem Augenblick in den Tiefen ihres Mantels zu dudeln. Sie blieb stehen und durchwĂŒhlte ihre Taschen. „Wo ist denn... da soll doch gleich... ah, ja.“ Jetzt hatte sie es gefunden, drĂŒckte mit ihrer schwarzgelackten Klaue den grĂŒnen Knopf und hob das Handy ans Ohr. „Ja, hallo?“
Ich ging einfach weiter, wĂ€hrend sie stehenblieb, um nicht mithören zu mĂŒssen. Man will ja nicht indiskret sein.
Ich kam jedoch nicht weit. Schon nach drei Schritten holte sie mich wieder ein und hielt mir das schwarze Ding entgegen. „Er will dich.“ Ihr Gesicht war bleich, und das Handy zitterte in ihrer Hand.
„Mir geht’s nicht gut“, klang es aus dem Hörer. „Ich weiß nicht, wo ich bin... Bitte, hilf mir...“


©Anna Rinn-Schad



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Templar
Hobbydichter
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Tja, manche nehmen ihr Handy eben ĂŒberall hin mit.

Jo, liest sich sehr gut und flĂŒssig, nur schade finde ich, das vor dem Schockeffekt am Ende wenig Spannung erzeugt wird, da hĂ€tte ich mir ein wenig mehr NebulösitĂ€ten gewĂŒnscht, wie zB das Patrick im Tod sein Handy so fest umklammert hĂ€lt, das man es ihm fast nicht entreissen kann.

Eine Stelle ist mir dann noch merkwĂŒrdig vorgekommen, wenn deine Ich die Polizei verstĂ€ndigt, das sich evtl. ein Unfall zugetragen hat, dann wĂŒrde ihr die Polizei doch mitteilen was genau passiert ist, deine Ich scheint das aber erst aus der Zeitung zu erfahren.
Aber sonst gefÀllt's mir.

GrĂŒsse

Templar
__________________
Manche Leute drĂŒcken nur deshalb mal ein Auge zu, damit sie besser zielen können.

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Zefira
???
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Tja, danke Templar... aber ist es tatsĂ€chlich so, daß die Polizei von sich aus anruft und einem mitteilt, was genau passiert ist? Da muß man doch wohl selber anrufen und um Auskunft bitten, denke ich... und das tut meine ErzĂ€hlerin nicht, kaltschnĂ€uzige Tuss, die sie ist.
Ich fand eigentlich, ich habe mit der Bemerkung, daß Trixie "mit ihren Zigaretten begraben werden mĂŒĂŸte" und Patrick sein Handy sogar mit aufs Klo nimmt, genug angedeutet... zu dick wollte ich ja auch nicht auftragen, aber das ist natĂŒrlich auch Geschmacksache.
TschĂŒs bis demnĂ€xt
Zefira

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flammarion
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re

ich finde die geschichte umwerfend und echt gruselig. mach mal so weiter! lg
__________________
Old Icke

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Zefira
???
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*grins*

Herzlichen Dank, flammarion, ich bade in Deinem Lob...
Ich hoffe, hier bald wieder was zusammenzugruseln, einstweilen alles Liebe,
Zefira

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Roberpropp
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Mir hat die Geschichte auch gut gefallen!
Und von dem subtilen, angeschwaerzten Effekt wuerd' ich mir - waere ich der Autor - auf keinen Fall selbst was durch unnoetige Erklaerungen (Umklammertes Handy o.ae.) rauben. Eben mal eine Geschichte ohne "Moral von der Geschicht'" - sehr angenehm! Gelungen finde ich auch die vielen lakonisch-ironischen Beobachtungen (Die schwarz gekleidete Trixi usw.).
Hat mir viel Spass gemacht - gibt es mehr von dir?

Schoenes Wochenende wuenscht
Robert.

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