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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Kontaktimprovisation
Eingestellt am 14. 02. 2005 17:53


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Andi
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Registriert: Oct 2004

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Kontaktimprovisation

Meine zweite Ehe war zu Ende gegangen, auch diesmal hatte meine Frau das gemeinsame Kind einfach behalten. Ich stand erneut vor dem Nichts. Mir fehlte eine Partnerin, ich sehnte mich nach meinem kleinen Sohn. Die F├╝nfzig hatte ich bereits ├╝berschritten, vor mir lag der Weg ins Alter. Wie sollte ich mit dieser Restgr├Â├če umgehen? Die Zeit der unbegrenzten M├Âglichkeiten war vor├╝ber. Ich hatte versucht, sie zu nutzen, in vielen verschiedenen St├Ądten im In– und Ausland gelebt, auf unterschiedlichste Weise meinen Lebensunterhalt verdient – aber jetzt?
Es blieb nur eine Chance. Ich musste mich auf mich selbst besinnen, auf meinen inneren Reichtum, meine Erfahrung. Mich wahrnehmen, den eigenen K├Ârper in der Bewegung, den Leib im Atem, die Seele im Traum. Ich wollte endlich mit mir ins Reine kommen, mit meiner Vergangenheit, der Kindheit, den Eltern.
Ich allein war verantwortlich f├╝r mein Leben, nicht die autorit├Ąren Eltern, nicht die untreuen Partnerinnen. Wenn es mir gel├Ąnge, gut f├╝r mich zu sorgen, mich mit mir anzufreunden, w├╝rden andere (wom├Âglich sogar eine liebe Frau) wieder auf mich zugehen. Wenn ich im eigenen Inneren nach mir suchte, w├╝rde mich im Au├čen schon jemand finden.
Leichter gesagt als getan. Wie sollte ich mich mit jemandem anfreunden, der als Ehemann, Vater und Berufst├Ątiger kl├Ąglich versagt hatte? Seufzend betrachtete ich im Spiegel meine Falten und Runzeln, die ergrauenden Haare. Meine Schusseligkeit verfluchend suchte ich Schl├╝ssel und Brieftasche.
Um aus meinem Stimmungstief herauszukommen, wollte ich tanzen gehen. Ich hatte von einer Einrichtung geh├Ârt, die sich Freit├Ąnzer nannte. Keine wirkliche Disco, einfach eine ehemalige Lagerhalle mit Musik zum Austoben. Das war es, was ich brauchte. Ich wollte meine Verzweiflung aus mir herausschleudern, meine Wut in den Boden stampfen, mich frei tanzen.
Ich verschm├Ąhte den Lastenaufzug. Den vierten Stock erklomm ich auf der schmucklosen Stahlbetontreppe. Oben musste ich die Schuhe ausziehen, die Halle durfte nur barfu├č betreten werden. Unter den ausgelassen Tanzenden waren zum Gl├╝ck auch einige ├ältere, so war ich wenigstens nicht der einzige Gruftie. Trotz meiner starken Kurzsichtigkeit hatte ich die Brille zu Hause gelassen, damit sie mir beim Tanzen nicht von der Nase rutschte. Das Schummrige der Beleuchtung wurde durch Schwarzlicht, das alles in einen leichten Dunst zu h├╝llen schien, noch verst├Ąrkt.
Um mir Mut zu machen, beschloss ich ein Bier zu trinken. Ich hatte seit Monaten keinen Alkohol getrunken. Das Getr├Ąnk wirkte augenblicklich. Ich setzte mich auf eine Isomatte an der Wand und bewunderte den H├╝ftschwung einer tanzenden Sch├Ânen. Gelegentlich ├╝bten zwei, die sich auf der Tanzfl├Ąche begegneten, Kontaktimprovisation. Das war wieder so etwas aus Amerika. Zeitgleich musste man die Bewegungen seines Gegen├╝bers m├Âglichst genau nachahmen, dabei durfte man ihn auch ber├╝hren.
Obgleich mir der Computersound nicht in die Beine fuhr, mischte ich mich unter die T├Ąnzer. Eine Weile bewegte ich mich willk├╝rlich im Takt der Musik, bis mich der Beat im Innersten erfasst hatte - dann brauchte ich nur noch loszulassen. Die Halle war nicht sehr breit, schien aber unendlich lang. Immer weiter zog mich mein Tanz in den Raum hinein.
Pl├Âtzlich tauchte mir gegen├╝ber ein Mann auf, der die Kontaktimprovisation meisterhaft beherrschte. Mit erstaunlichem Geschick setzte er in der gleichen Weise wie ich die F├╝├če, schwang die Arme, warf den Kopf hin- und her. Belustigt und geschmeichelt l├Ąchelte ich dem Unbekannten zu. Im gleichen Augenblick l├Ąchelte er zur├╝ck. „Was f├╝r ein sympathischer, gutaussehender Mann und wie herzlich er dir zul├Ąchelt“, dachte ich ger├╝hrt. Ich tanzte auf ihn zu, er auf mich. Auf einmal streiften meine Fingerkuppen etwas K├╝hles, Glattes. Da wurde mir klar: “ Das bist du ja selbst!“
Die R├╝ckwand der Halle war vom Boden bis zur Decke mit einem riesigen Spiegel verkleidet.

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