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Leselupe.de > Kurzprosa
Kontrolle
Eingestellt am 04. 07. 2007 17:28


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Eve
Routinierter Autor
Registriert: Mar 2001

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Kontrolle

An einem Mittwoch hatte sie damit begonnen, alles aufzuschreiben. An einem Mittwoch vor sechs Jahren. Sie wusste das deshalb so genau, weil sie m├╝helos in ihrer eigenen Vergangenheit zur├╝ckwandern konnte, wie sie wollte. Sie konnte den Film in ihrem Kopf zur├╝ckdrehen wie die Spule eines alten Super-8-Projektors und r├╝ckw├Ąrts verfolgen, was wann geschehen war. Und wenn sie kurz zur├╝ckblickte, konnte sie heute sagen, dass der Tag ihrer neuen Ordnung vor sechs Jahren gewesen war. Zufrieden blickte sie auf die Mappe vor sich auf dem Schreibtisch, in der sie all ihre Zettel und Notizen aufbewahrte. Ihren Kontostand hatte sie heute schon ├╝berpr├╝ft und mit den Zahlen auf ihrer Liste verglichen. Es hatte alles gestimmt. Aber das war keine ├ťberraschung. Sie hatte auch die Liste mit den Dingen, f├╝r die sie sparte, angepasst. F├╝r jede Anschaffung gab es eine Viertelfl├Ąche auf dem quadratischen Zettel; vier Posten auf der Vorderseite und zwei gr├Â├čere auf der R├╝ckseite. Zahlenkolonnen machten es einfach, zu verfolgen, wann welche Summe hinzuaddiert worden war. Immer, wenn f├╝r ihr Empfinden zu viel Durcheinander auf dem Zettel herrschte, tauschte sie ihn aus und schrieb alle Zahlen zu einer neuen Summe addiert s├Ąuberlich auf einen neuen Zettel. Sie mochte Rechnungen, die aufgingen. Es vermittelte ihr ein gutes Gef├╝hl. Sie mochte es auch, wenn am Monatsende etwas auf ihrem Konto ├╝brig blieb ÔÇô eine weitere Zahl, die sie ihren Zetteln hinzuf├╝gen konnte!

Aber es gab auch Listen ohne Zahlen ÔÇô DIN-A-4-Seiten, auf denen sie aufgeschrieben hatte, was sie zu erledigen hatte, was sie in dieser Woche einkaufen musste und was sie vielleicht sonst noch brauchen k├Ânnte. Es gab eine Liste mit B├╝chern ihrer Lieblingsschriftsteller, auf der sie abstrich, welche B├╝cher sie schon gekauft hatte. Und es gab eine Liste, auf der sie die Tage eintrug, an denen es ihr gut gegangen war.

Manchmal hielt sie kurz inne und fragte sich, ob sie mit all ihren Zetteln nicht ├╝bertrieb, ob sie nicht l├Ąngst zu einem dieser Menschen geworden war, die sich Hunderte Male am Tag die H├Ąnde waschen mussten oder die das Haus nicht verlassen konnte, ohne noch zehn Mal zu pr├╝fen, ob der Herd auch ausgeschaltet war. Aber was konnte an einfachen Zetteln falsch sein? Beruhigt lie├č sie solche Gedanken schnell wieder ziehen. Wenn ihre Zettel denn eine Wirkung hatten, dann eine gute. Durch die Worte und Zahlen auf ihren verschiedenen Bl├Ąttern schaffte sie eine Verbindung, sie wurde zu einem Teil der Dinge, die sie notiert hatte. Sie schrieb sich in ihr eigenes Leben fest. Und sie mochte die ├ťbersicht ÔÇô denn das bedeutete, dass SIE den ├ťberblick hatte, dass SIE der Chef war!

Es war dringend notwendig, dass sie der Chef war und die Oberhand behielt. Denn an die Zeiten, in denen sie das nicht gewesen war, mochte sie sich nicht zur├╝ck erinnern. Nicht zu wissen, was der Tag bringen w├╝rde und stattdessen darauf angewiesen sein, jede Information, jedes Wissen, jede Erlaubnis von anderen zu erbetteln, abh├Ąngig zu sein ÔÇô das alles geh├Ârte zu einer Zeit, die sie weit von sich geschoben hatte.

Am folgenden Morgen nahm sie nicht die Bahn, um zur Arbeit zu kommen. Sie mochte die Enge in dem oft stickigen Waggon nicht, die N├Ąhe zu anderen Menschen. Obwohl sie zu ihrem Schutz immer ein Buch dabei hatte, in das sie sich versenken und so den anderen entfliehen konnte, war ihr deren N├Ąhe dennoch unangenehm bewusst. An diesem Morgen fuhr sie mit dem Auto, lie├č sich von der Musik ihrer aktuellen Lieblings-CD in den Tag tragen. Das Lied, das spielte, hatte einen traurigen Text. Er ├╝bertrug sich auf sie, breitete sich in ihr aus und machte sie ebenfalls traurig ÔÇô trotzdem dr├╝ckte sie immer wieder den Knopf, der das Lied von Neuem beginnen lie├č. Wie die Spule in ihrem Kopf. Immer wieder stoppte diese an einer bestimmten Stelle, brachte Bilder zum Stehen, die so gro├čen Kummer in ihr ausl├Âsten, dass sie glaubte, daran zu ersticken. Hier im Auto gab es keine Buchstaben, an denen sie sich festhalten konnte. Es gab auch keinen Stift, den sie akribisch ├╝ber wei├če Seiten schicken konnte, um immer neue Ziele aufzuschreiben, die sie pedantisch verfolgen konnte. Hier gab es nur ihr schweres Herz, das ├╝bervoll zwischen ihren Rippen dr├╝ckte. Sie schluckte trocken. So oft schon, wenn sie in einem Auto sa├č, hatte sie sich gew├╝nscht, nicht anhalten zu m├╝ssen. Einfach weiterfahren zu k├Ânnen und niemals irgendwo ankommen zu m├╝ssen.

Loszulassen.

Bisher hatte die Vernunft gesiegt, bisher hatte sie sich am Ablauf ihres berechneten Tages festgehalten. Bisher hatte sie immer angehalten, war aus dem Auto ausgestiegen und hatte ihre Aufgaben erf├╝llt. Und fast jeden Tag waren neue Punkte auf ihren Zetteln hinzugekommen; Punkte, die sie pflegen konnte und die am n├Ąchsten Morgen auf sie warteten.

Die Stimme aus dem Lautsprecher sang irgendetwas von "loslassen, um anzukommen". Vielleicht, dachte sie, waren ihre ganzen Listen nur der Versuch, Anker zu werfen und ankommen zu k├Ânnen in einer anderen Zeit. Und indem sie versuchte, sich ├╝ber ihre ganzen Schreibereien mit ihrem Jetzt zu verbinden, kettete sie das Alte unweigerlich genauso fest an sich ÔÇô immer wieder und wieder.

Als sich an diesem Morgen die Autobahnausfahrt n├Ąherte, die sie zu ihrem Arbeitsplatz f├╝hrte, z├Âgerte sie. Das Lied war wieder angelaufen und dr├Ąngte sich mit s├Ąuselnder Melodie in ihre Gedanken. Die Stimme der S├Ąngerin war leise aber eindringlich, vermischte sich mit dem gr├╝nen Band der verwischten B├Ąume und Str├Ąucher am Stra├čenrand. Mit gedrosselter Geschwindigkeit fuhr sie schlie├člich unsicher an der Abfahrt vorbei.

Sie w├╝rde nachdenken m├╝ssen.

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