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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Kopfbahnhof
Eingestellt am 11. 10. 2017 09:18


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Sunyata
Wird mal Schriftsteller
Registriert: Oct 2017

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Endlich war der alte Mann mit dem kleinen, hektisch zappelnden Kind fertig. Es hatte mindestens dreimal seine Puppe auf fremde Personen geworfen und sie dann mit großen Augen angestarrt. Der Reisende quetschte sich an ihnen vorbei nach vorne an den Schalter, blickte gestresst einige Sekunden auf die Armbanduhr und drĂ€ngte sich ganz nah an die Scheibe.
Die Frau mit den heidelbeerblauen Augen hinter dem fingerdicken Sicherheitsglas brummte eine wenig einladende BegrĂŒĂŸung.
„Guten Tag. Wann fĂ€hrt der Zug nach Bielefeld ab?“, fragte der Reisende.
Die Frau zwickte ihre auffÀlligen Augen zusammen, spannte ihre Stirn an und raunte, er solle sich einen von den grauen Faltzetteln holen.
„Aber wegen der Bauarbeiten sind die nicht mehr gĂŒltig. Es hieß, am Bahnhof wĂŒrde ich die neuen Abfahrtszeiten bekommen.“
Langsam wurde die Bahnangestellte sĂ€uerlich. Sie schlug ihre Tastatur fĂŒnf oder zehn Mal krĂ€ftig an, drehte den Bildschirm so, dass Claus ein Wirrwarr von Tabellen sah und fragte ihn, ob er die Abfahrtszeiten erkennen könne.
30 Sekunden Schweigen.
Hinter sich hörte Claus jemanden schnaufen.
Die Heidelbeeraugen starrten ihn emotionslos an.
Ihre spitze Nase rĂŒmpfte sich alle sieben Sekunden.
Das stÀndige Anrempeln, sowie der Atem eines Fremden in seinem Nacken, erzeugte Unbehagen und verriet ihm, dass man es heute wieder sehr eilig hatte. Die Touristen, Pendler und Heimatlosen hinter ihm glaubten anscheinend, dass Pöbeln seine Unterhaltung beschleunigen könnte.
„Und wie erfahre ich jetzt, wann ich wo einsteigen muss? In genau vier Stunden muss ich in Bielefeld sein!“
Gereizt entgegnete sie, er solle am Besten auf eine Durchsage warten.
Eine patzige Antwort hÀtte er vielleicht noch eingesehen. Aber diese Standardphrase ging zu weit.
Das hÀtte er sich auch selbst denken können.
Sie sĂ€uselte es spitzzĂŒngig, mit einem hĂ€misch - ironischen Ton, einer Spur Überlegenheit und Selbstsicherheit, einzig zu dem Zweck, ihn endlich loszuwerden.
Aber was sollte er denn auch von den motivationsfreien Bahnangestellten erwarten?
Claus nahm verÀrgert sein GepÀck und begab sich in die Infrastrukturhölle.
Sofort wurde er von der geistlosen Masse erfasst. Jeder ging in eine andere Richtung, versperrte den Weg, schubste ihn, machte Platz, blieb stehen, Ă€nderte sein Ziel. Claus blieb nichts anderes ĂŒbrig, als sich treiben zu lassen. Immer wieder stolperte er beinahe ĂŒber Koffer, die seinen Weg unvermittelt kreuzten. Wie ein Geisterfahrer auf der Autobahn, montags um halb acht, musste er bereit sein, jede Sekunde auszuweichen.
Claus blickte zu einer Uhr an der Wand.

Als wĂ€re er von einem Fließband transportiert worden, kam er vor der riesigen Informationstafel zum Stehen.
Es gab eine Uhrzeit fĂŒr jeden Ort.
Außerdem gab es fĂŒr viele eine Anmerkung.
Auch fĂŒr Bielefeld.
Zwei Zeitpunkte waren abgesagt, ein weiterer verspÀtete sich um eine halbe Stunde.
Er blickte erneut auf die Uhr.
Sollte sich der Zug nicht weiter verzögern, wĂŒrde es der Reisende um Haaresbreite schaffen. Auf keinen Fall durfte er diesen Termin verpassen.
Claus hatte bis zur Abfahrt noch rund eineinhalb Stunden zu warten.
Sein Körper entspannte sich.
Gedankenverloren, irritiert davon, nicht in Eile zu sein, wurde er von der Masse weitergetragen.
Er hatte nun zwar Zeit, aber die Zeit hatte trotzdem auch ihn.
Sie hatte ihn fest im Griff.
Wieder kam er ĂŒberraschend zum Stehen.
Diesmal fragte der Reisende sich, ob die Menschenmasse besser wusste als er selbst, wohin er wollte. Oder wohin er sollte.
Der Kiosk, an dem er ankam, war ĂŒberfĂŒllt, wie die gesamte graue Halle. Das GebĂ€ude spiegelte aber nur die Geschöpfe wider, die es zu dem machten, was es war.
Nach langer Zeit, als Claus endlich an der Reihe war, wurde er erneut von einer unfreundlichen, gestressten Person bedient. Nachdem er sich aufgrund geringer Auswahl und großen Hungers ein belegtes Brötchen bestellt hatte, wies sie ihn auf den Preis hin, der natĂŒrlich, wie sollte es am Bahnhof anders sein, vollkommen ĂŒberteuert war.
„Hier. Auf Wiedersehen“, verabschiedete sich Claus, bemĂŒht, freundlich zu klingen.
Er erhielt keine Antwort von der hektischen VerkÀuferin.
Schon wurde er weitergeschoben, schaffte es jedoch diesmal, aus dem Menschenstrom zu entfliehen. Der Reisende suchte eine Sitzgelegenheit, um in aller Ruhe seine Brotzeit auszupacken.
Nach einigen Minuten entdeckte er eine beinahe antik anmutende Sitzbank aus dĂŒnnen, fichtennadelgrĂŒnen Eisenstangen, die das GefĂ€ngnisgrau des Bahnhofs durch ihren zweckmĂ€ĂŸigen Stil geradezu unterstrich.
Wieder starrte Claus auf die Uhr.
Beim Essen hoffte er kurz darauf, nicht fĂŒr Salmonellen mitbezahlt zu haben.
WĂ€hrend Claus fĂŒnf Minuten spĂ€ter auf dem Weg zum Papierkorb war, fand der Reisende sich mit zu viel Zeit zum Warten ohne eine BeschĂ€ftigung. Er war auf sich selbst zurĂŒckgeworfen.
Einige Zeit lang blickte er auf die Menschen, allesamt auf ein Ziel fixiert, geist- und herzlos, immer auf der Suche nach einer BeschÀftigung, wie nutzlos sie auch sei.
Als wÀren sie maschinell gesteuert.
Dann sah er sich die abstoßend karge Bahnhofsvorhalle an, die Risse in der Wand, die abblĂ€tternde grĂŒnlich-gelb verblasste Farbe, die von kranken Tauben bevölkerten MauervorsprĂŒnge, die VerkaufsstĂ€nde und zu guter Letzt die blinden, schmutzigen Fenster und die verschmierten TĂŒren, die die Menschen in diesem VerkehrsgefĂ€ngnis einsperrten.
Beherrscht wurde dieser Mikrokosmos von der Uhr, die jedem sagte, wann er wo zu sein hatte.
Unvermittelt wurde er angesprochen.
Claus antwortete zuerst nicht. Er blickte den Mann an, hatte ĂŒberhaupt nicht wahrgenommen, was er zu ihm sagte. Noch ehe er ihn ganz erfassen konnte, murmelte dieser irgendetwas, das Claus nur schlecht verstand, und hetzte weiter. Anscheinend hatte er keine Zeit.
Er schaute wieder auf die Uhr.
Dann fragte er sich, warum er das immer tat.
Nie konnte er nicht in Eile sein. Immer stand er unter Druck. Selbst dann, wenn er genug Zeit hatte.
Aber warum?
Warum versklavte er sich selbst? Warum gab er sich dem Zeitdiktat hin? Was hatte er davon? Welchen Sinn hatte es, das Leben dadurch zu beschleunigen? Warum verkĂŒrzte er seine knappe Zeit noch einmal? Sollte er nicht sein Leben bestimmen, anstatt es durch die Zeit bestimmen zu lassen?
Seit Claus sich erinnern konnte, war er nicht Herr ĂŒber seine eigene Person.
Immer war etwas anderes das Ziel seiner Taten, nie er selbst.
Er hatte den Zweck seines Daseins falsch verstanden.


Eine Durchsage unterbrach seine Gedanken. Der Zug nach Bielefeld fuhr nun doch rechtzeitig ab.
Claus hatte zwar die Idee, sein Leben gleich zu verÀndern, doch stattdessen wollte er erst einmal an der Konferenz teilnehmen.
FĂŒr VerĂ€nderungen hĂ€tte er spĂ€ter noch genug Zeit.
Wieder wurde der Reisende durch den Bahnhof gespĂŒlt, durch die enge, niedrige und unheimlich dĂŒstere UnterfĂŒhrung, deren Geruch die Stimmung der Leute förmlich betonte.
Sie wirkte wie das Maul eines Ungeheuers, das die Leute durch einen Sog verschlang.
Über die Treppe gelangte er zum Bahngleis, wo nur wenige Menschen standen.
Die plötzliche grelle Sonne brannte in seinen Augen, die Luft war ungeahnt frisch.
Endlich war er wieder in Freiheit. Claus fĂŒhlte sich, als wĂ€re er nach Jahren in der Unterwelt aus einem Verlies befreit worden.
In seiner NĂ€he war ein ĂŒberfĂŒllter GepĂ€ckwagen. Der alte Mann vom Schalter stand dahinter und sprach zu dem Kind, das Claus aber nicht sehen konnte, weil es hinter dem GepĂ€ck stand.
Der Lautsprecher verkĂŒndete in seinem monoton - geistlosen Ton die Ankunft des Zuges, auf den er nun schon so lange wartete. Wenig ĂŒberraschend schloss sich daran die Warnung an, man solle hinter die weiße Linie treten, was eigentlich nie jemand tat.
Ihn ĂŒberkam wieder das Verlangen, auf die Uhr zu starren.
Er bekÀmpfte es, in dem er auf den glÀnzenden Schein des Zuges blickte. Noch war der Schnellzug in der Ferne, aber die Elektrolok nÀherte sich bestÀndig.
An der Grenze seines Blickfelds sah Claus eine schnelle Bewegung. MarkerschĂŒtternde Schreie erfĂŒllten seine Umgebung.
Der alte Mann, der sich gerade noch wenige Meter vor ihm mit dem Kind unterhielt, beugte sich nun aufgeregt ĂŒber die Bahnsteigkante.
Claus wurde bewusst, dass das Kind auf die Schienen gefallen sein musste. Ohne zu denken, rannte er zum UnglĂŒcksort. Er schaute sich nicht um, verschwendete keine Zeit, sondern sprang einfach ins Gleisbett.



Er sah noch die Puppe auf den Schienen und hörte den Zug auf ihn zurasen.
Im Fall blieb fĂŒr Claus die Zeit stehen.
Dann schlug sein Kopf auf den braunen Stahl auf.








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