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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Kopfräume
Eingestellt am 08. 03. 2001 15:52


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Eve
Routinierter Autor
Registriert: Mar 2001

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Kopfräume

"Da ist sie, los, wer sie zuerst erwischt, hat gewonnen!"
Die Augen des kleinen Mädchens weiten sich, sie hat Angst. Aber Lisa hat immer Angst, besonders vor den großen Jungs, die sie jeden Tag verprügeln. Der Bretterhaufen in der Ecke des Hofes, hinter den sie sich immer wieder verkriecht, wenn alle Kinder draußen zum Spielen sind, ist kein wirklicher Schutz. Warum sie sich kein anderes Versteck sucht, ist einfach: Die großen Jungs finden sie sowieso, warum also soll sie sich in falsche Hoffnungen flüchten. In jeder Pause rennt sie so schnell ihre kleinen Beine sie tragen hinter den Bretterhaufen und wartet auf den Tag, an dem ihre Verfolger einfach vergessen, dass sie da ist, an dem sie vielleicht keine Lust mehr darauf haben, sie zu jagen, zu treten und zu beschimpfen. ‚Bastard' rufen sie immer wieder, ‚dreckiges Hurenkind'. Sie weiß nicht, was das ist, und die Heimleiterin hat sie geohrfeigt, als sie gefragt hat. ‚Wir sind ein anständiges Heim, nimm nie wieder dieses Wort in den Mund, sonst fängst Du gleich noch eine!' Es ist ganz schön schwer immer zu wissen, was man sagen darf und was nicht.

Der Boden bebt unter den vielen trampelnden Füßen, die sich unausweichlich dem Bretterhaufen nähern. Schon zieht eine Hand an ihrem Bein, Fingernägel kratzen durch die dünne Wollstrumpfhose.
"Hast Du Angst, Du Spasti? Interessiert doch eh keinen, was mit Dir ist!"
Michael presst seine dreckige, nach Erde und Hundescheiße riechende Hand, auf ihren Mund - damit sie nicht schreien kann. Aber das ist unnötig, Lisa hat schon lange aufgehört zu schreien. Sie weint auch nicht mehr. Melanie hat ihr das gesagt. Melanie schimpft immer mit ihr, wenn sie heimlich weint, ‚weinen ist was für Pisser - und Du willst doch kein Pisser sein, oder?' Vor Melanie will Lisa kein Pisser sein, Melanie ist nämlich die einzige, die mit ihr spricht. Und sie hat versprochen immer bei ihr zu bleiben. ‚Ich bin Deine Familie, aber Du darfst nicht heulen, ich hasse Leute, die heulen!' Melanie wohnt in Lisas Kopf, hinter einer Tür, die sie immer für Lisa aufmacht, wenn die Jungs kommen. Wenn sie durch die Tür gegangen ist, spürt sie die Tritte nicht mehr, auch das Ziehen an den Haaren macht ihr dann nichts mehr aus. Sie lacht mit Melanie über die Jungs, die immer wütender werden, weil sie nicht weint. ‚Das sind nämlich die Pisser, und wenn ich's denen mal geben würde, dann würden die richtig anfangen zu heulen.' Lisa glaubt das aufs Wort, weil Melanie viel größer ist. Größer als sie selbst, und auch größer als die Jungs. Und stark ist sie auch. Melanie ist überhaupt toll - sie fällt nie hin und macht ihre Kleider schmutzig, ihr würde die Tante vom Heim auch nie eine Ohrfeige dafür geben. Aber die Ohrfeigen kann Lisa aushalten, man darf auch nicht so zimperlich sein, hat Melanie ihr gesagt. ‚Ich kann ja nicht immer da sein, wenn Du Angst hast.' Aber Lisa wünscht sich heimlich, dass sie wie Melanie wäre. Dann würde es ihr nichts mehr ausmachen, dass sie keine Eltern hätte, dass kein anderes Kind im Heim mit ihr spielen wollte.

Die Hand von ihrem Mund ist verschwunden, endlich kann sie wieder richtig Luft holen. Ihr Knie blutet und die Strumpfhose hat ein großes Loch. Lisa liegt auf dem Boden, ihr Glücksstein, den sie immer in der Hand hält, ist verschwunden. Aber das macht ihr nichts aus, denn sie verliert ihren Glücksstein jeden Tag. Melanie kennt die besten Verstecke für Glückssteine, sie findet wieder einen für sie, das ist sicher. Und sie hat nicht geweint; manchmal kullert nämlich doch eine Träne über ihre verstaubten Wangen, wenn sie das Blut an ihren Knien sieht. Aber sie will auf keinen Fall riskieren, dass Melanie böse wird. Einmal war sie einfach fort, nur weil Lisa nachts im Bett in ihr Kissen geweint hat. Sie hat nichts mehr gegessen, extra alles in die Taschen ihrer Jacke gesteckt und es für Melanie unter dem Bett versteckt. Erst zwei Tage später war sie wieder da. ‚Mach das nie wieder, das macht mich verrückt.' Lisa hatte versprechen müssen, nicht mehr zu weinen.

Beim Frühstück stellt die Heimleiterin Frau Wiegand den Kindern einen Neuzugang vor.
"Das ist Susi, sie bekommt das Bett am Fenster. Ich möchte, dass Ihr alle nett zu ihr seid und Euch vertragt."
Susi ist auch klein, und sie hat blonde Haare, wie Lisa. Sie sieht traurig aus, hält aber tapfer die Tränen zurück. Frau Wiegand schiebt sie auf den Platz neben Lisa, weil der immer frei ist.
"Ich heiße Susi", sagt das neue Mädchen leise. So leise, dass Lisa sie fast nicht verstehen kann.
"Ich heiße Melanie", sagt sie deshalb lauter, die Tür in ihrem Kopf ist nur angelehnt und sie weiß genau, dass Melanie das freut. Sie essen schweigend, bis ein Mädchen von gegenüber aufsieht und Susi anspricht.
"Geh lieber nicht mit der in den Hof, die wird immer verprügelt. Und jeder, der mit ihr spielt, kriegt sie auch ... Du kannst mit uns Murmeln spielen."
Die Tür in Lisas Kopf schwingt in großem Bogen auf, ‚siehst Du, die wollen Dich alle nicht dabei haben!'

Als um zehn Uhr alle Kinder wieder auf den Hof zum Spielen geschickt werden, ist Lisa allein. Heute rennt sie nicht, sie kann genauso gut auch langsam zum Bretterhaufen laufen.
"Kann ich mit Dir kommen?"
Eine Hand schiebt sich in die ihre, die Neue lächelt sie an.
"Wir haben beide die gleichen Haare, wir sollten Schwestern sein."
Melanie gefällt das gar nicht, sie will Lisa verbieten, mit dem anderen Mädchen zu gehen, aber Lisa hört ihr nicht zu. Sie läuft mit Susi in schon zum Bretterstapels, dort kriechen beide in die Lücke zwischen Wand und Holz und warten. Melanie wartet auch, wäre doch gelacht, wenn sie das andere Mädchen nicht vertreiben könnte. Es dauert nicht lange und die Jungs stürmen in die Ecke des Hofes, bereit für ihr tägliches Spiel, bereit, ihre Aggressionen an dem wehrlosen Kind abzulassen. Doch diesmal stockt die Hand des einen, der Lisa aus der Lücke hervorzerren will.
"Hey, da sitzen zwei, was machen wir jetzt?"
"Ist doch egal, zwei sind ja besser als eine", sagt Michael, der mit den ekligen Händen. Aber ganz so wohl fühlen sie sich auf einmal nicht mehr, als sie die beiden Mädchen sehen, die sich an den Händen halten und mit großen Augen zu ihnen aufsehen.
"Wir passen sie besser getrennt ab, es wird denen noch leid tun, dass sie uns verarschen wollten."
Der Glücksstein in Lisas Hand ist warm und rauh, und er ist noch da. Zum ersten Mal kann sie denselben Stein zweimal mit ins Bett nehmen. ‚Bild Dir nichts ein, die kommen wieder, hast Du doch gehört', Melanie meldet sich zu Wort. ‚Ich kann Dir viel besser helfen, so wie immer. Wenn Du noch weiter mit dieser Kuh Händchen hältst, hau ich ab. Dann bist Du allein.' Lisa bekommt Angst, Melanie ist doch ihre Freundin, die anderen Kinder werden ihr Susi ganz schnell wieder wegnehmen, aber Melanie kann ihr niemand wegnehmen. Sie darf sie nur nicht böse machen. Mit einem Ruck zieht sie ihre Hand weg.
"Ich kann nicht Deine Schwester sein, und wir haben auch nicht dieselben Haare!"
Dann läuft sie weg, den Glücksstein fest umschlossen.

Abends setzt sie sich ganz außen auf ihren Stuhl, summt leise vor sich hin, damit Susi sie nicht ansprechen kann.
"Siehst Du, die spinnt echt."
Die anderen Mädchen am Tisch unterhalten sich mit Susi, und sie antwortet. ‚Hab ich's Dir nicht gesagt, Du hast nur mich.' Das stimmt, denkt Lisa, Melanie ist meine Freundin. Als sie später im Bett liegt, den Glücksstein fest in der Hand, denkt sie daran, dass die Jungs sie heute in Ruhe gelassen haben. Zum ersten Mal seit sie in dieses Heim gekommen ist. Melanie hat das noch nie geschafft. Und ihren Glücksstein hat sie auch noch, endlich muss sie nicht alleine einschlafen. Aus der Ecke am Fenster hört sie ersticktes Weinen. So, als ob jemand sein Gesicht ganz fest in das Kissen drückt, damit niemand hört, wie die Tränen heiß über das Gesicht laufen. Das kennt Lisa auch, und so sehr man sich auch anstrengt, man schafft es nie, ganz leise zu sein. Sie schlägt ihre Bettdecke zurück, läuft barfuß auf den kalten Steinplatten rüber zum Fenster, durch das der Mond einen kleinen Spalt fahles Licht wirft.
"Eigentlich heiße ich Lisa", sagt sie und öffnet die Hand, in der sie den Glücksstein hält.
"Wenn Du magst, kann er uns zusammen gehören."
Das Schluchzen wird leiser, dann hebt Susi das Gesicht aus dem Kissen.
"Sind wir dann auch Schwestern?"
"Ja", antwortet Lisa, und die Tür in ihrem Kopf fällt zu.

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flammarion
Foren-Redakteur
Routinierter Autor

Registriert: Jan 2001

Werke: 278
Kommentare: 8208
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eine

sehr schöne geschichte. gut erzählt. hoffentlich nicht selbst erlebt! ganz lieb grüßt
__________________
Old Icke

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Eve
Routinierter Autor
Registriert: Mar 2001

Werke: 28
Kommentare: 516
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Nein, nicht selbst erlebt! Es war mal als Anfang für eine größere Geschichte geplant, die ich aber (noch) nicht beendet habe. Ich freue mich sehr über Deine positive Kritik. Danke!

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kira
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Feb 2001

Werke: 3
Kommentare: 50
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Liebe Eve

Deine Geschichte geht mir wirklich unter die Haut.
Trotz ihrer Kürze ist sie psychologisch stimmig, und dafür hast du meine vollste Bewunderung. Ich zumindest kenne das Gefühl ganz gut, das sich einstellt, wenn man eigentlich nur einen kleinen Ausschnitt aus dem Geschehen bringen möchte, aber alles, was gefühlsmäßig unbedingt erwähnenswert scheint, den Rahmen der Story letztlich niederreisst. Die andere Gefahr ist die, dem Leser Informationen vorzuenthalten, die wirklich für den logischen Aufbau der Geschichte notwendig wären.

Für den logischen Aufbau nicht unbedingt notwendig, aber trotzdem interessant: Würdest du mir bitte verraten, warum es gerade Lisa trifft? Was macht sie zum Opfer, was unterscheidet sie in dieser Hinsicht von den anderen?

Bin gespannt auf deine Antwort - alles Liebe - Kira

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Eve
Routinierter Autor
Registriert: Mar 2001

Werke: 28
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Liebe Kira,

Lisa unterscheidet sich eigentlich in nichts von den anderen. Sie ist ein kleines, sehr verschlossenes Mädchen, das immer Angst hat, zuviel zu sagen und die anderen damit zu vertreiben. Eben weil sie niemanden - keine Familie, keine Freunde - hat, die hinter ihr stehen. Sie hat sich Melanie geschaffen, die für sie stark ist, die es nicht hinnehmen würde, von den anderen abgelehnt zu werden. Die anderen Kinder spüren instinktiv, dass sie anders ist, sich zurückzieht und nichts mit ihnen zu tun haben will. Obwohl Lisa sehr gern dazu gehören würde. Und die Jungs haben sich einfach das schwächste Glied der unfreiwillig zusammengewürfelten Gemeinschaft gewählt. Ich wollte in Lisa zeigen, dass es wichtig ist ein Zuhause zu haben, zu wissen, wo man hingehört - aber auch, dass man sich nicht für immer in seine Höhle zurückziehen darf, sonst kann man die Sonne (hier in Form von Susi) nicht sehen, wenn sie aufgeht.

Eve

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