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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Kopfschmerzen
Eingestellt am 16. 02. 2003 14:16


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flammarion
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Kopfschmerzen

„Hallo, Freunde, ich m√∂chte euch mal was Lustiges erz√§hlen . . .“ – „Dein Lustig kennen wir schon.“ – „Na, lass ihn doch mal, Nummer 86, vielleicht ist es ja diesmal was Gescheites.“ – „Also, ich bin ja nun schon n altes Haus . . .“ – „Sind wir alle. Du machst uns m√ľde, Mann!“ – „Und genau wie ihr habe ich auch schon Menschen und Leute aller couleur beherbergt, fast jeder Religion wurde schon in meinen Mauern gefr√∂nt . . .“ - Darauf biste wohl noch stolz, was?“ – „Ja, und fast jeder Beruf wurde von meinen Mietern ausge√ľbt, vom Bettler bis zum Kaufmann . . .“ – „Hm, Kaufmann war einer, aber √ľber hundert waren Bettler.“ – „Nun unterbrich mich doch nicht andauernd, Nummer 86! Wei√üt du denn nun √ľberhaupt schon, was der Spruch bedeutet, den man dir mit schwarzen Buchstaben auf dein nagelneues vergissmeinnichtblaues Kleid geschmiert hat?“ – „Ja, ich hab mich erkundigt. „Is black still beautifull?” hei√üt: “Ist Schwarz immer noch sch√∂n?“ Jetzt h√§tte ich gerne einen Menschen, der darunter schreibt: „Nee, in der Form nicht. Aber unsereiner kann ja nichts gegen den Unverstand der Menschen tun.“ – „He, 88, du wolltest uns doch was Lustiges erz√§hlen, also los jetzt!“ – „Ja, also, zum Hof raus ist so eine kleine Zweizimmerwohnung, da haben bis jetzt nur kuriose Leute gelebt. Zuerst eine siebenk√∂pfige Arbeiterfamilie, die hat die Wohnung damals trockengewohnt.
Der Familienvater rauchte einen derartigen Knaster, das hat gestunken, sage ich euch! Als sie ausgezogen waren, kam der Hausbesitzer zur Kontrolle. Er sagte: „Von dem Gestank bekommt man ja Kopfschmerzen!“ und riss alle Fenster auf.
Dann wohnte dort ein Tr√∂dler. In der Wohnung sah es bald schlimmer aus als in seinem Laden, v√∂llig zugem√ľllt. Ihr k√∂nnt euch nicht vorstellen, was der alles f√ľr Ger√ľmpel hatte! Besonders gern hatte er die B√ľcher. Sie waren so alt und ungepflegt, vielen fehlte schon der R√ľcken. Sie verbreiteten einen modrigen Gestank. Den nahm der Alte aber gar nicht wahr, er meinte, seine Kopfschmerzen k√§men von seinen Geldsorgen.
Nach seinem Tod zog ein Alkoholiker ein. Dem fiel der Gestank auch nicht auf und er meinte, seine Kopfschmerzen k√§men vom allt√§glichen Kater. Seine Familie zahlte die Miete f√ľr ihn, aber nicht lange. Als sie merkten, dass der Kerl das Saufen nicht l√§sst, steckten sie ihn ins Alkoholikerheim.
Sie desinfizierten die Wohnung gr√ľndlich, aber das war v√∂llig f√ľr umsonst.
Der nächste Mieter war nämlich eine Klavierlehrerin. Ein hageres, vertrocknetes Fräulein. Sie lebte mehr schlecht als recht von den Klavierstunden.
War schon recht nett, das Geklimper. Aber die steinalten Notenb√ľcher, die sie verwendete – ich kann verstehen, dass sie ihre Sch√ľler immer nicht lange hatte. Die Dinger stanken n√§mlich genauso, wie die alten Schwarten von dem Tr√∂dler. Vielleicht hatte sie sie ja sogar von ihm, hihi.
Bald blieben die Sch√ľler ganz aus und sie ist verhungert. Hat gar keiner bemerkt. Erst, als die anderen Mieter sich √ľber den Gestank, der aus der Wohnung drang, aufregten, wurde sie gefunden.
Nun zog ein junger Mann ein. Er war gehbehindert und bekam eine kleine Rente. Er hatte eine gro√üe Leidenschaft: B√ľcher. Bald war die Wohnung wieder vom Duft modernder Schriften durchzogen. Der Mann war daran gew√∂hnt und mochte diesen Geruch. Er bekam keine Kopfschmerzen davon.
Er schrieb auch selber, meist herzzerrei√üende Gedichte √ľber Liebe und Leid. Einige wurden sogar in der „Gartenlaube“ abgedruckt. Er war ein richtiger Stubenhocker und √∂ffnete sehr selten das Fenster. Er konnte die spielenden Kinder auf dem Hof nicht ausstehen und schimpfte oft mit ihnen. Versteht sich, dass er keine Freunde hatte. Er bekam nie Besuch, aber er war derjenige, dessen Name am l√§ngsten an der Wohnungst√ľr stand. Wenn er nicht im hohen Alter von einer Stra√üenbahn √ľberfahren worden w√§re, h√§tte man vielleicht auch eines Tages seine verwesende Leiche aus der Wohnung getragen.
K√ľrzlich wurde ich general√ľberholt, so, wie die meisten hier in der Stra√üe. Ich war gespannt, was f√ľr einen Gestank der neue Mieter wohl mitbringen wird. Aber die alte Dickmadam, die dann einzog, war nicht anders als die meisten Leute. Doch eines Tages bekam sie von irgendwo ein Buch geborgt, das verbreitete genauso einen Geruch wie damals die alten Scharteken. Sie bekam starke Kopfschmerzen und wollte das Buch wegwerfen, aber der Kumpel, von dem sie es hatte, sagte, dass er den Schm√∂ker noch braucht und ihn irgendwann abholen wird. So steckte sie das Buch in eine Plastikt√ľte, damit es seinen Gestank nicht weiter ausd√ľnstet.
Sie musste sich einen Duftspender in die Stube stellen, um wieder durchatmen zu können. Es dauerte viele Tage, ehe die Luft wieder rein war.
Kopfschmerzen, so was Bl√∂des k√∂nnen nur Menschen haben, nicht wahr?“ – „Na, ich wei√ü nicht, 88. Als mir letztens der Sturm ein paar Dachziegel ausgebrochen hatte, das hat auch ganz sch√∂n weh getan.“ – „Hm, hast recht. Ich erinnere mich, als ich noch ziemlich jung war, habe ich auch mal was auf s Dach bekommen. Und 1943, 44 wieder. Einige von uns sind damals v√∂llig kaputt gegangen. Und jetzt k√∂nnte es sein – so wie Nostradamus f√ľr das Jahr 2004 vorausgesagt hat – dass die Menschen wieder mit solchem Zeug herumwerfen, was uns Kopfschmerzen bereiten kann. Aber wie schon gesagt, unsereiner kann kaum etwas gegen den Unverstand der Menschen tun.“

__________________
Old Icke

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Quidam
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Hallo flammarion.

H√§user sprechen lassen - eine interessante M√∂glichkeit, die du zudem sehr √ľberraschend verpackt hast.
Kurzweilig geschrieben, allerdings gefällt mir der Titel nicht besonders. "Kopfschmerzen" klingt doch ein wenig zu oberflächlich und zuwenig spezifisch.

Ansonsten: Gelungen!

*winke*
quid

Ps.: Ich hoffe nicht nur f√ľr die H√§user, dass sich Nostradamus irrt.

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Ole
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Pillen f√ľr H√§user

Hallo Flammarion,

da ich ja soeben (indirekt) aufgefordert wurde, doch einige Pillen gegen Herzschmerz zu entwickeln, mu√ü ich Dir aber leider mitteilen, da√ü es sicher weit au√üerhalb meiner M√∂glichkeiten liegt, jene auch f√ľr H√§user herzustellen.

Tolle Idee, die Kopfschmerzen in eine Häusergeschichte zu verpacken.

Und deswegen auch die √úberschrift, Quidam, dies ist das Ergebniss einer Schreibaufgabe mit dem Titel "Kopfschmerzen"... (konntest Du aber nicht wissen)

LG Ole.

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flammarion
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danke,

danke f√ľr euer interesse und das lob. ja, einige berliner lupis treffen sich hin und wieder und stellen sich eine schreibaufgabe. dabei haben wir sehr viel spa√ü. letztens war Annabelle G. bei uns zu gast und hat als thema "Kopfschmerzen" vorgeschlagen, so kam es zu er geschichte. ganz lieb gr√ľ√üt
__________________
Old Icke

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[aZrael]
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*smile*

also, ich muss sagen, ich fand die story einfach herzerwärmend, da die gestaltung einfach mal was wirklich neues ist. und wie oft heißt es doch: wenn diese hallen reden könnten... von daher: ein ganz großes SUPI an flammarion, eine von meinen lieblingsautoren hier

mgf, aZrael
__________________
Die klimatischen Bedingungen in der Hölle sind sicher unerfreulich, aber die Gesellschaft dort wäre von Interesse.

Oscar Wilde (1854-1900), ir. Schriftsteller

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flammarion
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oh,

vielen dank, azrael. was soll ich sagen (roten kopf krieg)?
ganz lieb gr√ľ√üt
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Old Icke

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[aZrael]
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*lach*

ja, wie jetzt? nur weil ich mal ein lob f√ľr eine wirklich w√ľrdige & gute autorin ausspreche, muss man (frau) ja nicht gleich rot werden *smile* btw: was h√§lst du eigentlich von meiner neuen kurzgeschichte?
mfg, aZrael
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Oscar Wilde (1854-1900), ir. Schriftsteller

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