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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Kotzbude
Eingestellt am 11. 02. 2014 12:47


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arielleira
Schriftsteller-Lehrling
Registriert: Jan 2014

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Der Laden war brechend voll. Er lag direkt am ZĂŒlpicher Platz und lockte tĂ€glich mit „Motto-Partys“ die Erst-Semester-Studenten. Es war die vierte Location die wir an dieser Freitagnacht ansteuerten. Alina, Jule, zwei Freunde aus Berlin und ich. Wir gaben links neben dem Eingang unsere Jacken ab. Es roch streng nach Schweiß und Kotze. Es tropfte von der Decke und der Boden war ĂŒbersĂ€t mit Flaschen und zerbrochenen GlĂ€sern. Auf der TanzflĂ€che hĂŒpfte die Menge zu den derzeit angesagten Hits der Oberstufe.

„Lass mal zur Bar gehen!“ meinte Alina. Ich nickte, folgte ihr durch die Maßen feierwĂŒtiger Kids. Die MĂ€dels waren schĂ€tzungsweise durchschnittlich 19,20 Jahre und die Jungs mit Sicherheit um die 23,24. Quasi in meinem Alter. Man könnte meinen wir hĂ€tten die gleichen Interessen, irgendetwas gemeinsam. Nichts. Sie tanzten als gĂ€be es kein Morgen und soffen als wenn dies der letzte Ort auf der Welt wĂ€re der Alkohol ausschenkte. Dessen waren sich auch die 4 MĂ€dels hinter der Bar bewusst. Eines rannte wie ein Duracel-HĂ€schen hin und her, die andere verließ ihren Posten am Ende der Bar nicht und die zwei etwas ĂŒbergewichtigen MĂ€dels hielten ihren Zapfhahn fest als wĂŒrde er jeden Moment umfallen. Das nenn ich mal eine super Aufteilung. Die zwei Korpulenten Ă€rgerten die Schnelle und mit ihrem versteinerten zickigen Blick zeigten die beiden wer hier das Sagen hatte und 2 Euro mehr pro Stunde verdiente. Aus diesem Grund warteten wir auch gefĂŒhlte 30 Minuten auf unsere Drinks.

Mit meinem Glas in Hand lehnte ich mich an die Bar und schaute mich um. Fiese Kreaturen, schreckliche Frisuren, unvorteilhafte Kleidung, amateurhafte ZungenkĂŒsse, offensichtliche Grabsch-Versuche, taktloses HĂŒfte schwingen, peinliche Anmachen und grauenvolle Musik zierten dieses Etablissement. Ich fĂŒhlte mich fehl am Platz. Ich beobachtete das Schauspiel noch eine Weile weiter bis ich unter einer vollkommenen ReizĂŒberflutung litt.

Hier war alles vertreten. Wenn man sich ĂŒber die neusten Trends und AnmachsprĂŒche junger Studenten informieren möchte, ist man hier genau an der richtigen Adresse. Hier tummeln sich die typischen Streber die schon einen roten Kopf bekommen wenn die daran denken ein MĂ€dchen zu kĂŒssen. Die Streber die es schon getan haben. Die HobbysĂ€ufer die laut grölend sich in einer Gruppe Jungs unverwundbar fĂŒhlen. Die nach dem dritten Bier schon besoffen sind und spĂ€testes 2 Stunden spĂ€ter irgendwo in der Ecke hĂ€ngen. Die Sportler. Die Hippster. Die mit einem Totenkopf-Schal und Nietenschuhen verkleideten Rocker. Die Normalos. Die Unscheinbaren. Die Player, welche jedenfalls davon ĂŒberzeugt sind. Die wasserstoffblond gefĂ€rbten Tussis. Die vorzeige Schwiegersöhne.

Ich fratge mich unentwegt wessen Idee das war hierher zu kommen und wie ich hier wieder schnellst möglichst weg komme. Das soll ein Abbild der Jungstudenten sein und denen, die sich im dritten Semester immer noch so fĂŒhlten? Ich flipp aus. Das kann ja nicht wahr sein.

Um mir die Zeit zu vertreiben versuchte ich die Fachrichtungen der FeierwĂŒtigen zu erraten. Nach einiger Zeit verlor ich auch darin das Interesse. Ich starrte stattdessen auf ein MĂ€dchen in einem schwarz-weiß gestreiften langen Shirt-Kleid, roter Leggins und braunen Schuhen. Sie schafft es, sich konsequent aus dem Takt zu bewegen. Ihre HĂŒften stoß sie verkrampft von links nach rechts, schwang ihre Arme als wĂŒrde sie gleich wie ein Vogel abheben und versuchte dabei so verfĂŒhrerisch wie nur möglich zu schauen. Ich war mir nicht sicher ob sie das wirklich ernst meinen konnte.

Diesen Gedanken hatten auch einige anderen und beobachtete sie verdutzt. Ein anderes MĂ€dchen in einer sehr kurzen Jeanshose, einem zu großen Shirt und einem schwarz-glitzernden BH hatte dagegen einiges mehr an TaktgefĂŒhl in die Wiege gelegt bekommen. Das wusste sie wohl selber auch und fĂŒhrte eine selbstdarstellerische One-Women-Hip-Hop-Show ab und ließ keine Frage offen. Ich musste hier raus. Ich fĂŒhlte mich leer. Nichts in diesem Raum könnte das fĂŒllen. Meine Freunde machten sich einen Spaß aus dem ganzen hier. Mir gab es nichts. Zu oberflĂ€chlich. Zu Unecht.

Wie man so schön sagt: „Der RealitĂ€t beim Feiern entfliehen“. Doch dies konnte doch nicht wirklich eine passable Welt neben der RealitĂ€t sein. Der Gestank von Kotze und verschĂŒtteten Bier wurde schlimmer. Nicht das ich dies nicht von Festivals wie Rock am Ring oder Punk im Pott gewöhnt wĂ€re jedoch war das Umfeld fĂŒr diesen Geruch eher seltsam.

Der DJ gab nun alles und haute die Evergreens fĂŒr Teenipartys raus. Nirvana, System of a Down, Blink 182 und Rolling Stones. Die Masse „rastete“ in ihren Klamotten vom Billigdiscounter aus und fĂŒhlten sich wie kleine Rockstars. Sie grölten laut mit und schmissen ihre Haare umher da sie dachten das mache man so wenn ein Rocksong lĂ€uft. Als diese kleine EinfĂŒhrung in die Rockgeschichte beendet war lĂ€utete der DJ mit dem neuen Song „Roar“ von Katy Perry die nĂ€chsten Stunden mit ohrenbetĂ€ubend schlechter Musik ein.

Lange hielt ich das hier nicht mehr aus. Ich unterhielt mich mit Jule etwas. Alina hatte einen Kerl kennen gelernt und die zwei Berliner Freunde erweckten mir den Anschein dass sie Gefallen an solch einer Musik hatten. Ich mochte Jule sehr. Wir sahen uns viel zu selten. Doch diese Einsicht hatte ich immer erst alle paar Monate wenn sie unmittelbar vor mir stand und wir uns auf Anhieb super verstanden als wĂ€re es erst gestern als wir uns das letzte Mal gesehen haben. Sie war auch mĂŒde und so beschlossen wir nach dem ĂŒbernĂ€chsten Lied abzuhauen.

Bob Marley und Uncle Kracker waren die letzten die mich in der Kotzbude begleiteten. Wir holten unsere Jacken ab, verabschiedeten uns von den anderen und staksten schnurstracks zum Ausgang. Es war halb 5. Höchste Zeit gute Musik mit entspannten Menschen zu genießen. Die perfekte Zeit fĂŒr das Stereo Wonderland.

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lilaluna
g e s p e r r t
Hobbydichter

Registriert: Jan 2014

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Hallo Arielleira,

ehrlich gestanden - sympathisch finde ich das lyrische Ich, das uns da etwas vormosert, nicht. In der angeblichen "Studentenparty", in der mĂ€nnliche Drittsemester schon 23, 24 sind und die weiblichen erst 19 oder 20, scheint niemand unterwegs zu sein, der den hohen AnsprĂŒchen der Dame genĂŒgt - die Bedienungen nicht, die Musi nicht, das Ambiente nicht, das Publikum nicht. Alles Deppen, alle ohne jeden Geschmack, alle besoffen.

Man fragt sich, wonach das lyrische Ich in diesem Ambiente eigentlich gesucht hat und warum es sich daran stört, dass morgens um fĂŒnf der harte Kern, der immer noch Party macht, nicht mehr so ganz helle ist.

FĂŒr mich ist hier eine Geisterfahrerin unterwegs, die glaubt, sie sei richtig, aber alle anderen fĂŒhren falsch. Dabei hat sie nur versĂ€umt, rechtzeitig mitzumachen. Wahrscheinlich wird sie, wenn sie mal alt und grau sein wird, immer noch am Rand der Gesellschaft stehen und verzweifelt nach "Entspannern" suchen, die ihr die verkrampften Wadeln nach vorn richten, wĂ€hrend AndrĂ© Rieu aus einer Stereoanlage tröpfelt und Klassisches imitiert.

Der Text liest sich wie der Bericht eines stocknĂŒchternen Heilsarmeeunteroffiziers, der kurz vor dem Zapfenstreich ins LöwenbrĂ€uzelt auf dem MĂŒnchner Oktoberfest einmarschiert und erwartet, dass sofort alles aufhört, besoffen zu sein, dass es nach Rosenwasser duftet und die Kapelle den Choral "NĂ€her mein Gott zu Dir" spielt.

Ich hoffe, das StĂŒckerl war ironisch und nicht ernst gemeint - sonst sĂ€he ich schwarz fĂŒr das lyrische Ich.

Mit amĂŒsierten und lieben GrĂŒĂŸen

lilaluna



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