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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Kreuz des Südens
Eingestellt am 25. 03. 2002 08:14


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Frieda
Routinierter Autor
Registriert: Mar 2002

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Kreuz des Südens

Als ich noch zur Schule ging, da war bei und was los, das kann ich euch sagen. Einmal brachte Florian, mein bester Freund, einen ganzen Beutel Kletten mit. Nicht so kleine Kuller, wie sie überall wachsen, sondern richtig große, braun und stachlig wie Seeigel. "Mensch, wo hast du die denn her?", wollte ich wissen. Florian grinste nur und fragte zurück: "Was machen wir jetzt damit? Wollen wir Mädchen ärgern?" "OK, aber diesmal machst du es." "Nee nee, Tommy, du machst es, ich hatte die Idee." "Flori, alte Memme, immer muss ich alles machen. Na schön, wenn's sein muss." Und da kam auch schon eine wunderbare Zielscheibe angewackelt, und ich schmiss ihr eine ganze handvoll Kletten in ihr langes Haar. Das Gezeter hättet ihr erleben sollen, im Nu hatte sie eine ganze Horde aggressiver Weiber um sich gescharrt, wir konnten uns gerade noch auf den Schulhof retten. Puh, das war knapp, manchmal ist es echt besser, sich auf seine schnellen Beine zu verlassen. Nicht dass wir Angst gehabt hätten, aber in diesem Fall ..., das hätte leicht schief gehen können. Also gut, das war nichts, wir mussten uns was anderes ausdenken. "Wie wäre es, wenn wir die Lehrer ein bisschen verschönern? Was haben wir denn gleich? Englisch, ja das passt. Der Giebold ist immer so etepetete, ein paar gut platzierte Kletten würden seine noble Erscheinung bestimmt aufwerten." Florian war begeistert von meinem Vorschlag. "Aber du machst es, war schließlich deine Idee." "Wieso immer ich, reicht doch, dass ich die Idee hatte." "Und ich habe die Kletten mitgebracht, außerdem sitzt du vorne, wie soll ich von meinem Platz aus treffen! Also machst du's jetzt oder bist du feige?" "Quatsch, ich mach's schon, wirst ja sehen." So ganz wohl war mir nicht bei der Sache, aber jetzt konnte ich nicht mehr zurück. Wieder in der Klasse angekommen gab Florian mir die restlichen Kletten, nicht ohne noch ein bisschen zu sticheln: "Und ich sag' dir, du traust dich nicht." "Na warte", dachte ich, "mutiger als du bin ich allemal."

Herr Giebold kam rein, schnieke wie immer, wie aus dem Ei gepellt, schickes Sakko, Schlips und Kragen, und dann seine gezierte Sprechweise, "The Queen's English", da kann einem ja schlecht werden. Wie kann man überhaupt so heißen, Giebold, das klingt so wie Kobold. Aber an einen Kobold erinnerte er mich ganz und gar nicht. Er war zwar ein kleines, schmächtiges Männchen, vom Alter her schwer einzuschätzen. Ganz sicher war er wesentlich jünger als er aussah. Aber Kobolde stellte ich mir eigentlich entweder lustig oder unheimlich vor. Der Giebold war keins von beidem, er war einfach nur nervtötend langweilig. Außerdem war er nachtragend. Wenn der mal einen auf dem Kieker hatte, der konnte am besten gleich die Schule wechseln, der kam in Englisch nie wieder auf einen grünen Zweig. Deshalb hatte ich auch arge Bedenken, ihm einen Streich zu spielen. Englisch mochte ich immer ganz gerne, da konnte auch der Giebold nichts dran ändern. Naja, er würde mich wohl nicht gleich erwischen, wenigstens eine wollte ich ihm verpassen.

Meine Geduld wurde allerdings erst mal auf eine harte Probe gestellt. Florian grinste mich die ganze Zeit so hämisch an. "Siehst du, du bist zu feige", hieß das. Aber der Giebold wollte und wollte sich nicht umdrehen. Ich konnte ihm ja wohl schlecht eine direkt vor den Bug knallen, oder? Endlich nahm er sein Buch, ging zur Tafel und fing an, sie mit seiner krakeligen Schrift vollzuschmieren. Das war die Gelegenheit, ich griff eine Klette und warf sie in seine Richtung. Blattschuß! Sowas von Volltreffer, ich konnte mir nur gratulieren. Die Klette hatte sich dick und stachelig genau zwischen seine Schulterblätter geheftet. Und sie stand ihm gar zu gut, so ein hübscher runder Stachelbuckel auf seinem hellbraunen Jacket. Erst merkte niemand etwas, außer natürlich mir und Flori. Aber dann wurden in der Klasse die ersten unterdrückten Lacher laut. Der Giebold drehte sich sofort zu uns um. "Was gibt's denn da zu kichern?" Kinners, ich konnte kaum noch. Kennt ihr das? Du musst so unheimlich lachen und darfst keine Miene verziehen? Ich beugte mich unter den Tisch und kramte irgendwas in meiner Tasche. Alle strengten sich an, möglichst ernst und unbeteiligt auszusehen. Oh, aber manche sahen aus wie kurz vor'm Erstickungstod. Nur Laura und Julia, die alten Gickeltanten, konnten sich wieder nicht beherrschen und prusteten laut los. "Laura, Julia, jetzt nehmt euch mal zusammen! Man sollte meinen, ihr seid drei und nicht dreizehn Jahre alt!", wies der Giebold sie zurecht. Das war zuviel, die ganze Klasse explodierte förmlich in unbändigem Gelächter. Und der Giebold? Der dachte doch tatsächlich, er hätte was witziges gesagt und lachte arglos mit. "So, Spaß beiseite, jetzt wird wieder gearbeitet. Julia, komm doch mal an die Tafel, wir wollen mal sehen, ob deine Vokabelkenntnisse mit deinem Humor schritthalten können."

Jetzt war ich mutig geworden, und kaum hatte er sich wieder umgedreht, da flog auch schon die nächste Klette. Oh Mist, viel zu hoch, die trifft nicht! Doch, Glück gehabt, sie klammerte sich an Giebolds dichten Haarschopf, genau am Hinterkopf an die Stelle, wo andere Männer ihre rückwärtige Kniescheibe haben. Ein Aufstöhnen ging durch die Klasse. Das hatte er bestimmt gemerkt, keiner wagte sich zu mucksen, und doch waren alle kurz vor'm Platzen, ein einziges Wort hätte genügt. Kaum zu glauben, der Giebold war so damit beschäftigt, die arme Julia zu malträtieren, dass er gar nichts mitgekriegt hatte. Er präsentierte uns schamlos seine Rückansicht mit dem Blattschuß und dem Stachelkrönchen obendrauf. Einige meiner Mitschüler wanden sich schon in Krämpfen, ich konnte Flori überhaupt nicht ansehen, der war sicher nahe dran, sich vor unterdrücktem Lachen in die Hosen zu machen. Gleich warf ich noch eine dritte Klette, aber die ging nun wirklich daneben. Sie fiel auf das Lehrerpult und kullerte über die ganze Schreibfläche bis vorne an die Kante. Das musste er doch gehört haben. Und wenn er sich jetzt umdrehte und die Klette sah? Mir war auf einmal gar nicht mehr zum Lachen. "Na Julia, was machen die Vokabeln? Jetzt ist dir das Lachen vergangen, was?" Oh Giebold, du bist dermaßen blind! Jetzt tritt er auch noch ein paar Schritte zurück und setzt sich auf die Tischkante. Autsch, die arme Klette! Und der Kerl merkt wieder nichts. Schade, dass es nicht ein richtiger Seeigel war, der hätte ihm schön in den Pöter gepiekst. Aujau, mir tat schon alles weh. Als er wieder aufstand sah ich erst, dass alle drei Schüsse exakt auf einer Linie waren. Oben das Stachelkrönchen, in der Mitte der Blattschuß und unten an seinem Südpol schlabberte die dritte Klette. Jetzt brauchte er nur noch zwei schöne Kletten links und rechts auf den Schultern, und schon hatte er ein perfektes "Kreuz des Südens" auf dem Buckel. Ich war so aufgekratzt, dass ich jede Vorsicht vergaß. Entschlossen warf ich die vierte Klette.

Tja, das war denn wohl eine zuviel. Entweder war die Klasse inzwischen schon zu unruhig, und er hatte tatsächlich was gemerkt oder es war purer Zufall, jedenfalls trat er einen Schritt beiseite und drehte sich unvermittelt um. Die Klette ließ sich nun natürlich nicht mehr aufhalten, sauste stramm an seiner Nase vorbei und knallte gegen die Tafel. "Was war das? Oder vielmehr: Wer war das?" Er musste sich sehr erschrocken haben, aber nicht mal jetzt konnte er seine gestelzte Sprechweise sein lassen. Die meisten Klassenkameraden waren genau so erschrocken, aber es gab auch erwartungsvolle und schadenfrohe Gesichter. Für sie würde das Spektakel noch weitergehen, sie waren es ja nicht gewesen. Als ich aber sah, wie der Giebold versuchte, die Autoritätsperson hervorzukehren, und dabei trug er noch immer sein unvollendetes Kreuz des Südens auf dem Rücken ... Tut mir leid Leute, aber ich konnte einfach nicht ernst bleiben. "Aha, Thomas, habe ich es mir doch gedacht!" Naja, jetzt konnte ich es auch zugeben, jetzt war eh alles verloren. Außerdem lagen noch etliche stachelige Beweisstücke unter meinem Pult. Was dann kam, könnt ihr euch wohl denken, das war gar nicht mehr lustig.

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Gagamello
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hi

alte erinnerungen an die schule werden wachgerufen :-)) nette geschichte
lg
gagamello
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Des Menschen Verhängniss ist,
dass er vergisst

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