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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Krieg
Eingestellt am 17. 03. 2004 13:58


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rappelchen
Schriftsteller-Lehrling
Registriert: Mar 2004

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Der Platz!

Der Junge lutschte an dem kleinen Kieselstein und betrachtete den Himmel. Es wollte sich kaum noch Spucke sammeln. Der Mund blieb trocken und das Durstgef├╝hl wurde st├Ąrker und fordernder. Er lehnte an der br├Âckeligen Betonwand. Ein leichter Wind wellte sein zu weites, zerschlissene Hemd, das eine flache, d├╝rre Brust bedeckte. Seine Levis starrte vor Schmutz. Die langen Arme hingen herunter, als w├╝rden sie nicht zu diesem K├Ârper geh├Âren. Mit den Fingern trommelte er gegen die Wand, ohne jeden Rhythmus. Man sah ihm die Todesfurcht nicht an, nicht auf den ersten Blick.
Seine welligen Haare waren schwarz wie die Augen, deren Lieder leicht flatterten. Die Z├╝ge waren grob und zu streng f├╝r einen Jungen seines Alters. Volle, aufgeworfenen Lippen gaben ihm etwas weibliches und es war nicht schwer sich vorzustellen, dass er in einigen Jahren zu einem sch├Ânen, von den Frauen begehrten Mann heranwachsen w├╝rde. Dies war eine M├Âglichkeit. Eine andere war, dass er gleich sterben w├╝rde.
Der Junge sah weiter nach oben, als g├Ąbe es nichts wichtigeres auf der Welt als diesen blauen, von wei├čen Wolkenschlieren durchzogenen Fr├╝hsommerhimmel. Sonst war das Wetter um diese Zeit, in dieser Gegend, immer diesig, regnerisch und tr├╝b. Doch diesmal hatte es seit Tagen nicht geregnet, die Temperaturen war ungew├Âhnlich hoch und von morgens bis zum sp├Ąten Abend glitt die Sonne durch ihre vorgegeben Bahn.
Ein Ruck ging durch den Jungen. Er l├Âste sich von der Wand. Sein Blick wanderte vom Himmel, ├╝ber die anderen Wartenden, zu dem Platz. Noch vor einem Jahr war dies der Platz der Republik gewesen. In der Mitte hatte ein Reiterdenkmal gestanden, umgeben von Sitzgelegenheiten. Alte Leute hatten Boule gespielt, P├Ąrchen sich im Schatten der B├Ąume gek├╝sst und in den benachbarten Gesch├Ąften waren die Einwohner einkaufen gegangen.
Alle waren sehr lustig gewesen in dieser Zeit, doch dann war der Krieg gekommen. Jetzt war das Reiterdenkmal umgest├╝rzt, der Platz leer und verlassen und die B├Ąume waren vollkommen verschwunden. Granaten hatten sie zerfetzt und im Winter waren sogar ihre Wurzeln freigehackt worden um sie in notd├╝rftigen ├ľfen zu verbrennen.
Niemand ├╝berquerte mehr freiwillig diesen Platz, nur eine lauwarme B├Âe trieb Staub und Sand vor sich her.
Der Junge biss sich nerv├Âs auf die Lippen. Dort, auf der anderen Seite, gesch├╝tzt von einer H├Ąuserwand, war der Brunnen. Vor einigen Monaten hatten ausl├Ąndische Helfer ihn dort eingerichtet, nachdem die Wasserversorgung, nach den Bombardements und den H├Ąuserk├Ąmpfen, zusammengebrochen war. Drei Tage hatten sie gebraucht. Dickliche, freundliche M├Ąnner aus Deutschland, die einem auf den R├╝cken klopften, Kaugummi schenkten und rund um die Uhr arbeiteten. Da hatten sie nicht wissen k├Ânnen, dass der Brunnen an einer sehr ung├╝nstigen Stelle errichtet worden war.
Jetzt war die Stadt eine einzige, graue Ruine; und der Platz war von den Bergen im Westen her gut einsehbar. Anfang des neuen Jahres hatten sich die Scharfsch├╝tzen dort eingerichtet. Sehr gute Scharfsch├╝tzen mit sehr guten Gewehren und sie ├╝bten flei├čig den t├Âdlichen Schuss auf sehr weite Entfernungen.
Wollte man zum Brunnen hatten die Sch├╝tzen freies Schussfeld und jeder der zum Wasser holen auf die andere Seite wollte war eine bewegliche Zielscheibe. Irgendwann ging das Wasser immer aus und man musste welches holen.
Der Erste starb an einem verregneten Januarmorgen. Ein ├Ąlterer Mann der sich ahnungslos mit zwei Kanistern durch den Matsch k├Ąmpfte. Die Kugel traf ihn direkt in den Kopf. Er fiel einfach zur Seite und blieb liegen. Jemand ging zu ihm. Der Scharfsch├╝tze traf den Helfer in die Schulter, dann ihn die Brust. Er r├Âchelte wohl eine halbe Stunde lang. Niemand ging mehr hin um zu helfen. Die Leichen blieben drei Tage im Schlamm liegen, dann fasste sich der Sohn des Alten ein Herz und schleppte die Leichen fort. Ihm passierte nichts, aber alle wussten das der Platz nun zu russischem Roulette geworden war.
Wenn es viel Regnete konnte man das Wasser sammeln, aber entgegen allen vergangenen Jahren war der Winter nur kurz, brachte wenig Schnee und das anbrechende Fr├╝hjahr war voller Sonne und wolkenlosen Himmel gewesen. Alle f├╝rchteten einen trockenen Sommer, aber der Junge dachte nicht mehr in kommenden Tagen oder in vergangenen Monaten. F├╝r ihn z├Ąhlte nur der Augenblick.
Die Menschen lebten in den Kellern der H├Ąuserskelette, welche nun das Bild der Stadt beherrschten. Kinder, Alte, Frauen und Deserteure, die sich vor der Milit├Ąrpolizei versteckten. Sie kauerten sich aneinander, wenn Brand und Splitterbomben weiter zerst├Ârten, was schon zerst├Ârt war. Dann herrschte wieder tagelang Ruhe.
Die Scharfsch├╝tzen hockten in den Bergen im Westen, die ihnen einen erhabenen Blick auf die Stadt erm├Âglichten. Man konnte den Platz auch umgehen, nach Osten. Aber dort lauerten ├╝berall Minen und ausgekl├╝gelte Sprengfallen. Fast unsichtbare Dr├Ąhte an deren Ende im besten Fall der Tod lauerte. Verletzten konnte nicht geholfen werden. Das Rote Kreuz hatte sich schon lange zur├╝ckgezogen, nachdem ein gutes Dutzend der Freiwilligen Helfer ums Leben gekommen waren. Sogar ihre Zelte hatten sie zur├╝ckgelassen. Die zerrissenen Planen flatterten jetzt nutzlos im Wind, die st├Ąhlernen Operationstische blieben leer. Jede Verletzung bedeutete meistens nur den Beginn eines langsamen Sterbeprozesses, in dessen Verlauf sich dreckige Wunden in schw├Ąrende Wunden verwandelten, solange, bis Nekrosen und Fieber den Tod brachten.
Nein, er w├╝rde nicht den Umweg nach Osten nehmen. Er w├╝rde laufen, zum dreizehnten mal. Er konnte nicht mehr lange warten. Der Durst begann ihn zu schw├Ąchen, seine Muskeln auszutrocknen und den Mut zu rauben. Er hatte kein gutes Gef├╝hl. Sein Magen zog sich zusammen. Dreizehnmal. Er war zw├Âlf und schon ein Veteran.
Eine Frau erreichte die sch├╝tzende H├Ąuserwand. Vor der Brust hielt sie einige Flaschen fest umklammert. Schwei├č lief ihr ├╝ber das Gesicht und ihre Pupillen zuckten wild hin und her. Sie war kaum zwanzig, sah aus wie vierzig und hatte eine Massenvergewaltigung hinter sich. Mehr wu├čte er nicht. Ihre Augen sahen aus, als w├Ąre alles Leben aus ihnen gewichen. Sie schimmerten wie ausgebleichtes Perlmutt. Sie sah aus, als w├Ąre sie schon tot und klammerte sich trotzdem an das Leben. Ohne innezuhalten ging sie keuchend weiter, die Wasserflaschen fest umklammert. Wie ein Geist verschwand sie im Schutt der Stra├če.
Es hatte keinen Sinn auf schlechtes Wetter zu hoffen, auf Nebel oder auf die Finsternis der Nacht. Die Scharfsch├╝tzen hatten Zielfernrohre, die m├╝helos Regen, Dunst und Schw├Ąrze durchdrangen. Es war am besten man kam, rannte los, ohne nachzudenken, ohne zu hoffen. Doch heute hatte er Angst. Es lag so eine unheimliche Stille ├╝ber den Ruinen. Eine dr├╝ckende Ruhe, wie es sie sonst nur im Winter gibt, wenn eine dicke Schneeschicht den Schall schluckt. Er spuckte den Kieselstein aus und schnallte sich den Rucksack mit dem 10 Liter Kanister um. Das Kind zog an seinem Hemd. In der linken Hand eine leere Colaflasche aus Plastik. Der Junge sch├Ątzte es auf 7 vielleicht 8 Jahre. Seine Augen waren gro├č und braun. ÔÇ×Bitte, kannst Du diese Flasche mitnehmen?ÔÇť Er stank erb├Ąrmlich, wie alles in dieser Stadt. Es stank nach verwesenden Leichen, nach bitterem Rauch und nach ungewaschenen Leibern. Das Kind starrte vor Dreck. Der Junge kannte das Kind. Er hatte es schon gesehen, wie es den Platz ├╝berquert hatte. Stocksteif, die Plastikflaschen fest umklammert
Der Junge fragte sich warum die Eltern das Kind mit dieser lebensgef├Ąhrlichen Aufgabe betreuten. Hofften sie auf die Gnade der Scharfsch├╝tzen? Hofften sie die M├Ąnner, oder die Frauen? , w├╝rden nicht auf ihn schie├čen, weil eben war was er war: Ein Kind! Konnten sie so eine unsinnige Vorstellung haben, oder lag ihnen am eigenen Leben mehr als an dem ihres Nachwuchses?
Manchmal fragt sich der Junge was das f├╝r Menschen waren die aus dem Hinterhalt auf unschuldige schossen. Er stellte sich ihre kalten, gelangweilten Gesichter vor die auf Menschen schossen wie auf Hasen, nur so, zum Zeitvertreib. Vielleicht rauchten sie dabei und der Qualm der Zigarette bi├č ihnen in die Augen, so da├č eine Kugel ihr Ziel verfehlte. Vielleicht waren sie in der Ausbildung und ├╝bten? Vielleicht brachte ihnen die Sache einfach Spa├č? Hatten sie Kerben in ihren Gewehren?
Der Junge nahm schweigend die leere Colaflasche des Kindes. Seit Tagen war kein Schu├č mehr gefallen, aber das hatte nichts zu bedeuten.
Er atmete tief durch, saugte Luft in seine Lungen, dann rannte er. Der Hinweg war leicht, viel leichter als der R├╝ckweg, wenn man die schweren gef├╝llten Wasserflaschen tragen mu├čte. Auf dem Hinweg konnte man sich im Zickzack fortbewegen und pl├Âtzliche Ausweichbewegungen machen. Auf diese Entfernung mu├čten die Sch├╝tzen bei sich bewegenden Objekten auf Vorhalte schie├čen, deshalb blieb der Junge pl├Âtzlich stehen, rannte weiter, ging langsamer. Jedesmal, wenn er rannte, sp├╝rte er diesen brennenden Wunsch zu leben. Wenn er rannte wurde alles intensiver. Der trockene Boden unter den F├╝├čen, die Strahlen der Sonne, die alles in ein durchdringendes Licht tauchten. Da war auf einmal ein Glanz, den er sonst nicht sah. Dann wollte er leben. Wenn er in dem verdunkelten Keller hockte, fernen Explosionen und Gewehrfeuer lauschte und seine kleine Schwester weinte, dann war dieser Wunsch zu leben schon manchmal verschwunden. Grauer Mehltau legte sich dann auf seine Seele und er w├╝nschte, da├č sich einfach alles aufl├Âsen wurde, da├č alles zerfallen w├╝rde und nichts zur├╝ckbliebe.
Er rannte, vorbei an dem zerst├Ârten Denkmal, von dem nur noch zerborstene Metallstreben ├╝brig waren.
Hier hatte sich vor zwei Wochen ein Drama abgespielt. Einer der ├älteren, siebzehn Jahre hatte er hinter sich, war angeschossen worden und mit einem Bauchschu├č hinter das Denkmal gekrochen. Jedes mal, wenn er versuchte die Deckung zu verlassen hatten die Kugeln dicht vor seinem Gesicht die Erde aufspritzen lassen. Schnell hatte der erste Schock nachgelassen, das Adrenalin aufgebraucht und dem Schmerz den weg bereitet. Erst hatte er geschrien, aber niemand hatte den Mut zu helfen. Er hatte sehr laut geschrien, so laut, da├č die Leute sich die Ohren zuhielten oder einfach fortgingen; fortgingen um wiederzukommen, wenn der Siebzehnj├Ąhrige tot war. Doch er starb nicht. Er heulte in die Abendd├Ąmmerung und in der Nacht rief er nach seiner Mutter.
Der Junge rannte weiter. Der Brunnen war nicht mehr weit. Schwei├č lief ihm den R├╝cken herunter. Das salzige Wasser schmerzte in seinen Augen. Sein Herz raste.
Alle Verletzten schienen nach ihrer Mutter zu rufen. Als das Rote Kreuz noch seinen Verbandsplatz betrieb hatte er oft genug das j├Ąmmerliche Rufen nach Mama geh├Ârt. Mama, Mama, O Gott, Mama hilf mir. In der Nacht trieb das j├Ąmmerliche Rufen des Siebzehnj├Ąhrigen ├╝ber den Platz und irgend jemand hatte seine Mutter tats├Ąchlich geholt. Vielleicht war sie auch so gekommen, weil sie wissen wollte, wo ihr Sohn blieb, ahnend, dass er tot war, nicht ahnend, dass er ihm sterben nach ihr rief. Am Anfang hatte sie gefleht, da├č ihm doch jemand helfen m├╝sse, dann war sie weinend fortgelaufen. Der Siebzehnj├Ąhrige hatte weiter nach ihr gerufen. Erst gegen Morgen war seine Stimme schleppender geworden und mit den ersten Strahlen der Sonne verstummte sie ganz. Seine Mutter kam wieder, den Wahnsinn in den Augen. Einige versuchten sie aufzuhalten, aber sie ging ├╝ber den Platz zu ihrem nun schweigendem Kind, nun, wo es zu sp├Ąt war schlug sie sich an die Brust, raufte die langen Haare und schrie das t├Âdliche Gespenst in den gr├╝nen Bergen an, es solle auch sie t├Âten. Kein Schuss fiel. Die Scharfsch├╝tzen kannten keine Gnade oder sie waren gar nicht da. Einen Tag harrte sie bei ihrem totem Sohn, dann verschwand sie nach Osten und keiner hatte sie seitdem mehr gesehen.
Der Osten der Stadt war nicht mehr als eine t├Âdliche Falle.
Mit einem Hechtsprung landete der Junge auf der anderen Seite des Platzes. Der Brunnen, nicht mehr als ein Rohr das aus der Erde ragte, lag hinter den dicken Mauern einer ehemaligen Bank. Das Innere der Bank war schon lange ausgebrannt und gepl├╝ndert, aber sie bot einen guten Schutz.
Die alten M├Ąnner klatschten. Der Junge ha├čte sie. Sie hockten auf Mauerresten, schmierigen Klappst├╝hlen oder rostigen Tonnen und wetteten darauf, wer es schaffen w├╝rde und wer nicht. Sie waren zu alt f├╝r den Krieg. Ihre Gesichter waren zerfurcht von Falten, unter den Augen hingen gewaltige Tr├Ąnens├Ącke, auf den kahlen H├Ąuptern klebten schmierige Baskenm├╝tzen. Sie rauchten selbstgebastelte Pfeifen oder kauten den Tabak einfach so. Unn├╝tz gewordener Treibsand aus Krieg und Frieden. Einige l├Ąchelten verschmitzt.
ÔÇ×Gut gemachtÔÇť, t├Ânte einer und erhielt von einem anderen zwei Zigaretten. Auf dem Boden lagen Konservendosen, Reste von Soldatenproviant, Kekse, Tabak in Plastikbeuteln, Zigarettenschachteln und halbvolle Flaschen mit einer klaren Fl├╝ssigkeit. Die Wetteins├Ątze. Das er es geschafft hatte war zwei Zigaretten wert gewesen. Der Junge versuchte die Alten nicht anzusehen. Mit verkniffenem Gesicht, die Augen fest auf den Boden gerichtet, ging er zum Brunnen und drehte den Hahn auf. Als erstes Trank er. Das war das Beste von allem. Durstig, aus vollen Z├╝gen zu trinken und dabei zu wissen, da├č man es vielleicht zu letzten mal tat. Der Junge saugte das Wasser auf wie ein nasser Schwamm. Er geno├č das Prickeln auf der Zunge, das Gluckern im Bauch und das Gef├╝hl von St├Ąrke und Kraft die wieder in seinem K├Ârper zur├╝ckkehrten. Er lie├č das Wasser aus den Mundwinkeln laufen. Es schmeckte schwer und erdig. Nachdem er genug getrunken hatte f├╝llte er die beiden f├╝nf Liter Plastikkannen, drehte Verschluss so fest wie m├Âglich zu und legte die Kanister in den zerschlissenen Armeerucksack, den er einem toten Soldaten abgenommen hatte. Das Gewicht war eigentlich zuviel, es machte ihn langsam, aber wenn er weniger trug, musste er h├Ąufiger laufen, und das wollte er nicht. Zum Schluss f├╝llte er die Colaflasche. Die alten M├Ąnner grinsten ihn an. Er sah auf den Boden. Er f├╝hlte sich besser, dass flaue Gef├╝hl im Magen wollte jedoch nicht weichen. Er rieb sich die Augen. Es brachte nichts zu z├Âgern. Wenn er anfing nachzudenken, dann wurde es immer schwerer, aber die Beine wollten ihm nicht richtig gehorchen. Er hockte sich hinter die Mauer und sah um die Ecke. Friedlich lagen dort der Berghang. Gr├╝n, dicht bewachsen, ruhig. Die Kanister dr├╝ckten auf seinen R├╝cken und er begann wieder zu schwitzen. Wieder schlug sein Herz schneller und seine Kehle schn├╝rte sich zu.
Bei seinem zehnten Lauf hatte man ihn gefilmt. Die Reporter waren mit einem Hubschrauber gekommen. In einer Kampfpause, einem Waffenstillstand von einem Tag, von dem die Bewohner der Stadt aber nichts gewusst und nichts gemerkt hatten. Der Kameramann war ein d├╝rrer, nerv├Âser, schweigsamer Typ gewesen, ein Auge st├Ąndig am Objektiv. Sie hatten alles gefilmt. Die zerst├Ârte Stadt, die alten M├Ąnner, das zerschmetterte Denkmal. Die Reporterin war jung und sch├Ân gewesen, mit einem glattem Gesicht und langen, blonden Haaren. Sie hatte mit den Leuten gesprochen, einige Zigaretten verteilt und selber viel geraucht. Sie war nicht nerv├Âs, sondern unruhig gewesen und hatte immer wieder auf die Uhr geschaut. Es war eine klobige, silberne Uhr gewesen, die so gar nicht zu ihrem zartem Handgelenk passen wollte. Sie war unzufrieden gewesen. Die Ruinen, die ausgemergelten Gestalten, die f├╝rchterlichen Zerst├Ârungen reichten nicht. Es fehlte die Action. Es fehlten die Sch├╝sse, die erschreckt weglaufenden Menschen, die Toten. Er hatte geh├Ârt wie sie sich bei ihrem Kameramann dar├╝ber beklagt hatte und wie dieser mit einem best├Ątigendem Grunzen geantwortet hatte. Sie hatte eine Wasserflasche aus der Seitentasche des Kameramanns gezogen, getrunken und dann in die Runde gefragt: Rennt da heute noch einer r├╝ber? . Er hatte sich gemeldet. Warum wusste er selber nicht. Es war noch Wasser da gewesen. Nicht viel, zwei drei Liter vielleicht. Er h├Ątte noch nicht laufen m├╝ssen, aber er hatte an die Kamera gedacht und an die Zeit vor dem Krieg. Es hatte diese Zeit vor dem Krieg gegeben, nur dass sie ganz weit weg war. Daran wie es zu dem Krieg gekommen war erinnerte er sich nicht. Das war zu kompliziert. Aber er wusste noch, wie er zur Schule gegangen war, wie es ihm Freude bereitet hatte mit seinen Freunden zu spielen und das Rechnen hatte ihm immer Spa├č gemacht. Rechnen war sein Lieblingsfach gewesen und dass hatte gar nichts mit dem Lehrer zu tun gehabt, der ein fetter Mann mit kleinen Schweinsaugen gewesen war. Das Einmaleins, subtrahieren, dividieren, sogar mit richtig langen Zahlen. Auch das Bruchrechnen. Das war schwer, aber er hatte es doch schnell begriffen. Schneller als alle anderen und er hatte immer eine gute Note bekommen. In den anderen F├Ąchern war er nicht so gut, aber auch nicht schlecht. Er war gerne zur Schule gegangen. Sonntags waren sie immer in die Eisdiele am Platz gegangen. Ja, er erinnerte sich gut, wie das Eis geschmeckt hatte. Manchmal war er auch mit seinem Vater und der kleinen Schwester in das Kino gegangen und hatte Hollywoodfilme gesehen. Es waren ruhige, sch├Âne Tage gewesen. Er erinnerte sich so gut und doch war diese Zeit so weit weg. Seit einem Jahr war Krieg, aber es h├Ątte genauso gut eine Ewigkeit sein k├Ânnen. Ein Abgrund trennt ihn von dieser Zeit. Mein Gott, damals waren Touristen in die Stadt gekommen, weil es in den Bergen einen alten Tempel gab. Einen Tempel mit Priestern und allem, aber der Tempel war l├Ąngst zerst├Ârt. Er hatte sich gemeldet und die Reporterin hatte ihn angel├Ąchelt und ihre Augen waren so blau gewesen und er hatte nichts ihn ihnen lesen k├Ânnen. Ihre Augen waren sch├Ân und doch wie ein unbeschriebenes Blatt Papier. Die M├Ąnner und Frauen, die kamen um zu helfen, hatte alle ganz andere Augen gehabt. M├╝de, entsetzte, abgestumpfte, freundliche, traurige oder ├ängstliche Augen. Doch ihre waren leer gewesen. \"Gut Junge\", hatte sie gesagt. Sie wollte nicht wissen wie er hie├č oder ob er sich f├╝rchtete. Er hatte einer Frau wortlos die Wasserflaschen aus der Hand genommen, weil er die Kanister nicht mitgenommen hatte und sich davor f├╝rchtete zur├╝ckzugehen und sie zu holen, denn dann waren die Reporterin und der Kameramann vielleicht schon wieder mit ihrem Hubschrauber verschwunden und dann w├╝rde er nicht ins Fernsehen kommen. Und er wollte ins Fernsehen. Dort war alles nicht wirklich. Wenn man im Fernsehen war, dann konnte einen nichts passieren. Er hatte die Flasche genommen und war losgelaufen. Er glaubte zu sp├╝ren, wie das Objektiv ihn einfing. Er war hin und zur├╝ckgelaufen und das war das Einzige mal gewesen, dass er keine Angst gehabt hatte. Alles war mit Fernsehen zu tun hatte war nicht wirklich. Einige Sch├╝sse w├Ąren sogar sehr gut gewesen. Der Staub w├Ąre aufgewirbelt worden und die Reporterin h├Ątte eine richtig gute Story gehabt. Er hatte sich gef├╝hlt wie ein Mann und als er wieder bei der Reporterin war und stolz die gef├╝llte Flasche hochgehalten hatte, da hatte er sie um eine Zigarette gebeten. Sie hatte nur den Kopf gesch├╝ttelt, gesagt das Rauchen ungesund sei und ihm ein Kaugummi gebeten. Da hatte er sich wieder wie ein kleines Kind gef├╝hlt und am liebsten h├Ątte er sie geschlagen, h├Ątte seine Faust ihn ihr sch├Ânes, glattes Gesicht versenkt bis Blut aus ihrer feinen Nase geschossen w├Ąre. Die beiden hatten ihre Sachen gepackt und waren, ohne sich noch einmal umzusehen, in ihren Hubschrauber gestiegen und losgeflogen. Er hatte das Kaugummi genommen und es in den Mund geschoben und er war w├╝tend gewesen. Aber jetzt hatten vielleicht Millionen Menschen sein Gesicht gesehen.
Wirklich, da hatte er sich gut gef├╝hlt, erwachsen. Jetzt hatte er dieses Gef├╝hl nicht. Er war kein Kind mehr, schon lange nicht mehr, aber er war auch kein Mann. Er musste sich um seine kranke Mutter k├╝mmern und um seine kleine Schwester. Vom Vater hatten sie seit Monaten nichts mehr geh├Ârt. Er war Soldat und im letzten Brief der angekommen war schrieb er, dass man ihn in den Sektor Alpha versetzt h├Ątte. Das war seine letzte Nachricht gewesen.
Der Junge zitterte. Er kam sich vor wie ein Gespenst. Er dachte an die Hollywoodfilme die er mit seinem Vater gesehen, in dieser Traumwelt vor dem Krieg. Sie hatten den Hulk und Spiderman gesehen und auf DVD einige der alten Superman Filme. Er w├Ąre gerne einer dieser Superhelden. Er w├Ąre gerne der Hulk. Die Kugeln w├╝rden an seiner gr├╝nen, festen Haut abprallen und der w├╝rde w├╝tend in die Berge st├╝rzen und sich diese Scharfsch├╝tzen greifen und sie zerquetschen. Oder Spiderman, dann konnte er sich einfach ├╝ber den Platz schwingen. Oder Supermann, dann w├╝rde mit seinen Superkr├Ąften diesen ganzen Krieg beenden und alle B├Âsen dorthin schicken wo sie hin geh├Ârten, wobei er nicht genau wusste wohin sie denn nun geh├Ârten: Unter die Erde oder einfach ins Gef├Ąngnis.
Er musste sich zusammenrei├čen. \"Willst du hier Wurzeln schlagen?\" fragte einer der Alten und sein nachfolgendes Lachen klang wie das Meckern eines Ziegenbocks.
Der Rucksack dr├╝ckte sich schwer in seinen R├╝cken. Schwei├č lief ihm in den Nacken. Pl├Âtzlich erhob er sich und rannte los. Diesmal machte er keine gro├čen Ausweichbewegungen. Er starrte auf den Boden, auf seine F├╝├če, achtete nicht auf die Entfernung, versuchte nicht an die Berge, oder die zerst├Ârten Hochh├Ąuser zu denken in denen der Feind mit seinen Pr├Ązisionswaffen lauerte. Seine F├╝├če wirbelten den Staub auf und die winzigen K├Ârner glitzerten in der Sonne, die gleichm├╝tig am blauen Himmel stand. Einmal stolperte er, richtete sich aber gleich wieder auf. Er sah da Gesicht seiner Mutter, diese vom Fieber eingefallene Gesicht mit den glasigen Augen. Er sah seine Schwester, die seit Wochen das Loch, in welchem sie hausten mussten, nicht mehr verlassen hatte und deren Haut dar├╝ber fahl geworden war. Wer w├╝rde ihnen das lebensnotwendige Wasser bringen, wenn er es nicht schaffen w├╝rde. Sollte er sterben w├╝rde die Kugel des Sch├╝tzen sie gleich mit t├Âten.
\"Schie├č nicht, schie├č nicht, schie├č nicht\", wiederholte er laut, immer wieder. Er war schon am Brunnen vorbei. Die alten M├Ąnner feuerten ihn an, aber ihre Rufe wurden schon vom Wind weggetragen. Der Wind war kr├Ąftig und das war gut, denn auf eine so gro├če Entfernung ver├Ąnderte der Wind die Flugbahn einer Kugel und es war schwerer ein Ziel zu treffen. Mathematik. Wer auf so eine Entfernung schoss, der musste sich gut auskenne. Der musste Berechnen k├Ânnen, wie die Kugel fliegen w├╝rde.
Gleich hatte er es geschafft. Keine zehn Meter mehr. Der Junge blickte zu Seite und meinte ein Aufleuchten zu sehen. Nicht in den Bergen, sondern in einem der grauen, skelettierten Hochhausresten, die an der ehemaligen Hauptstrasse standen. Das Sonnenlicht reflektierte sich im Metall. Fast glaubte er die Kugel zu h├Âren, die auf ihn zukam und meinte zu sp├╝ren, wie sie, unendlich nah, an seinem Kopf vorbeijagte. Er lie├č die Colaflasche fallen und f├╝r einen Moment war da der Reflex sich hinzuwerfen und die H├Ąnde ├╝ber den Kopf zusammenzuschlagen und zu schreien, aber das tat er nicht. Er rannte weiter. Es kam keine dritte Kugel, als der die sch├╝tzende Deckung erreichte. Sein Herz raste und seine Lungen drohten zu explodieren. Die Kugeln hatten ihn verfehlt. Es war unglaublich. Ja, er hatte die Kugeln nicht nur geh├Ârt, sie nicht nur gesp├╝rt, fast hatte er sie gesehen, was nat├╝rlich unm├Âglich war. Er lebte und er hatte zehn Liter Wasser und er verdr├Ąngte den Gedanken, dass er in einigen Tagen wieder hier stehen w├╝rde und dass dann die Kanister wieder leer sein w├╝rden. Er lebte und f├╝r einige Sekunden w├╝hlte sich ein Triumphgef├╝hl durch seinen K├Ârper. Er riss sich den Rucksack vom Leib und lie├č sich auf die Erde fallen und sp├╝rte die Sonnenstrahlen auf seiner Haut und die Erde unter sich und er genoss das Gef├╝hl unsterblich zu sein. Kugelfest. Niemand konnte ihm etwas anhaben und der alte Mann auf der anderen Seite des Platzes sollte ruhig eine ganze Flasche von diesem selbstgebrannten daf├╝r bekommen dass er auf ihn gesetzt hatte, auf ihn, den Jungen, den L├Ąufer, der zwei Kugeln entkommen war.
Nach einiger Zeit richtete der Junge sich wieder auf. Dann sah er das Kind, wie es auf die Colaflasche starrte die da lag, nur zehn, vielleicht weniger Meter entfernt. Es hatte sich in die Hose gemacht. Ein dunkler Fleck breitete sich zwischen seinen Beinen aus und der Geruch von frischem Urin drang in die Nase des Jungen.
Er sagte sich, dass ihn das nichts anginge. Das er mehr als jeder andere getan hatte, aber es ging. Da war dieses Hochgef├╝hl und da war Mitleid, obwohl der Junge, wenn man ihn gefragt h├Ątte, nicht h├Ątte sagen k├Ânnen warum er diesem Kind half. Half, wo doch jeder sich selbst der N├Ąchste sein musste um zu ├╝berleben.
Der Junge betrachtete die Flasche. Das Kind wollte gehen, aber er hielt es zur├╝ck. Er war unbesiegbar. Er nahm Anlauf, einige Meter, machte eine Hechtrolle, kam auf die Beine, schnappte sich die Flasche, hielt sie einen Augenblick triumphierend in die H├Âhe, wie eine Opfergabe, hielt sie in Richtung des Hochhauses, zwei, drei Sekunden vielleicht, und wollte dann zur├╝ckrennen.
Die Kugel durchschlug mit aller Wucht seinen Brustkorb. Es hatte nicht einmal Schmerzen. Der Junge st├╝rzte und als er auf dem Boden lag und Luft holen wollte und das nicht ging, da merkte er erst, dass er getroffen war. Er hatte sich einmal um sich selbst gedreht und lag auf dem R├╝cken und er sah wie die Colaflasche fortrollte, wie das Kind sie nahm und fortrannte, ohne sich umzudrehen, ohne den Jungen noch einmal anzusehen. Und er dachte an seine Mutter, die ihn nicht angesehen hatte, als er fortgegangen war um Wasser f├╝r sie alle zu holen und an seine Schwester, die ihn nicht angesehen, sondern mit einer Puppe gespielt hatte. Der Junge versuchte noch einmal Luft zu holen, aber es ging wieder nicht. Der Brustkorb hob sich, aber er saugte keine Luft mehr ein und der Junge fragte sich wie so etwas M├Âglich war. Alles war von einer f├╝rchterlichen Klarheit. Die zarten Wolken am Himmel, leicht ausgefranst, schimmerten irgendwie golden. Die Sonne war so grell und er sp├╝rte jede Faser seines K├Ârpers. Dieses Ich in seinem Kopf, welches merkte wie die Arme und Beine unbeweglich wurden, taub und kalt und nicht mehr dem reflexartigen Befehl gehorchen wollten den K├Ârper umzudrehen und fortzukriechen aus dieser Gefahrenzone. Die Organe, die ausgeschaltet wurden, wie die Lichter in einem gro├čem Haus, die Zimmer f├╝r Zimmer abgedreht werden, wenn man dieses Haus verl├Ąsst. Zum Schluss h├Ârte das Herz auf zu schlagen und der Junge dachte dass er starb und dass es merkw├╝rdig war, dass er noch immer denken konnte und dann h├Ârte auch das Denken auf, aber der Junge hatte das Gef├╝hl noch immer da zu sein und als dieses da sein abebbte hatte er keine Angst mehr sondern lie├č sich in die Dunkelheit fallen und das letzte was er meinte in diesem da sein zu f├╝hlen, war, dass das hier doch alles nicht sein konnte, dass er doch unsterblich war.

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