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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Krieg und Trauer
Eingestellt am 13. 12. 2014 18:32


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Generix
Wird mal Schriftsteller
Registriert: Dec 2014

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Erinnerst Du Dich?

Ich ├Âffne die T├╝r meines Zimmers und trete langsam in die Ruine meines alten Ichs, als w├Ąre ich ein Unbekannter in fremden Gebiet. Doch ein mir bekannter Geruch durchstr├Âmt mich und l├Ąsst mich tief einatmen. Ich sp├╝re die Verbundenheit, die mich all die Jahre begleitet hat. Wie sehr habe ich den Geruch meiner B├╝cher, meines Bettes, des Holzes meines Schreibtisches vermisst. Ich wurde vor zwei Monaten im Krieg verwundet, ich bin jung und ich bin gl├╝cklicher den je und doch erf├╝llt mich eine Trauer. Aber auch ein gewisses Schuldgef├╝hl meiner Kameraden und meines guten Freundes Johann wegen, die ich an der Front im Stich gelassen habe, l├Ąsst mich nicht in Frieden.
Ich schleiche tiefer in mein aufger├Ąumtes Zimmer hinein und schaue mich um. Alles liegt an seinem Platz. Und obwohl es albern klingt, solch einen Vergleich zu starten, erkenne ich in meinem Zimmer keine Anzeichen f├╝r einen Krieg. Wie soll ein aufger├Ąumtes Zimmer in Verbindung mit dem Krieg gebracht werden? Ja, es ist albern, aber im Moment erinnert mich alles an den Krieg. Aber dies wird sich bestimmt ├Ąndern, wenn ich mich eingelebt habe; eingelebt, in ein warmes Haus, in dem keine Gefahr lauert und in dem ich keine Angst um mein Leben haben muss.
Nun bin ich Zuhause und doch sind meine Gedanken bei meinen Freunden. Ich habe das Gef├╝hl, dass ich etwas unternehmen muss und da f├Ąllt mir urpl├Âtzlich etwas ein. Wie konnte ich das nur vergessen? Ich setze mich an meinen Schreibtisch, hole Papier und Stift aus meiner, seit Monaten unge├Âffneten, Schublade und beginne an meinen Freund Johann zu schreiben:

Lieber Johann,
Erinnerst Du dich an unser Versprechen? Wir wollten einander nie im Stich lassen... Nun bin ich hier und Du dort. Und ich habe das Gef├╝hl Dich im Stich gelassen zu haben. Wie Du immer sagtest: Mit einem Arm l├Ąsst es sich schwer k├Ąmpfen. Ich kann dir sagen, dass das mit einem Bein auch nicht leichter ist. Aber ich will mich nicht daf├╝r entschuldigen, weil ich denke, dass du mich verstehst mein Freund.
Gestern Abend kam ich nach Hause. Das Taxi brachte mich direkt vor die Haust├╝r. Der Fahrer schien noch irgendwas zu sagen, doch ich h├Ârte schon nicht mehr hin. Ich war wie in Trance. Ich ├Âffnete die T├╝r des Autos und bewegte mich wie in einem Traum auf unser Haus zu. War das alles Realit├Ąt? Bin ich wirklich auf dem Weg nach Hause? Der Weg f├╝hlte sich so richtig an und ich war so in Gedanken, dass ich ihn ohne Kr├╝cken ging. Doch der Sturz in die Pf├╝tze aus Dreck lie├č mich aus der Vorstellung, alles w├Ąre okay, erwachen. Ich f├╝hlte mich wieder im Krieg und so presste ich mich tiefer in die Pf├╝tze. Es war eine unkontrollierbare Reaktion. Ich wollte zugleich schreien und weinen, doch der Dreck hinderte mich daran. Ich erinnerte mich an den Augenblick, als wir das Zischen ├╝ber uns h├Ârten, uns gegenseitig in den Erdtrichter vor uns dr├╝ckten und einander festhielten bis die Gefahr vor├╝ber schien.
Erst als mein Vater mich aus der Pf├╝tze zog, gingen meine Gedanken wieder einen normalen Weg. Und obwohl ich am ganzen K├Ârper verdreckt und schmutzig war, umarmte er mich - so fest, dass ich kaum noch Luft bekam. Als wir uns loslie├čen h├Ątte ich schw├Âren k├Ânnen, dass er weinte, doch ich kann nichts Genaues sagen, denn er lotste mich mit einer Handbewegung ins Haus, um mir dann den R├╝cken zu kehren. Ich humpelte ins Haus, mein Blick fest auf meinen Vater gerichtet. Er zeigte mir immer noch die kalte Schulter. Ich vermute, es war ihm peinlich zu weinen. Er war immer mein Vorbild gewesen und obwohl er nicht im Krieg gewesen war, sah ich ihn an den Folgen zusammenbrechen. Es war ein seltsames Gef├╝hl. Du kennst meinen Vater mindestens genauso lange wie ich und deshalb wei├čt du wovon ich rede.
Ich kam also an unserer Haust├╝r an und schon wurde die T├╝r aufgerissen. Meine Schwester Jana steht mit strahlenden Augen vor mir und warf sich mir um den Hals. Zum ersten Mal seit ich aus dem Krieg gekommen war, muss ich auflachen, doch das einzige Wort, das ich von mir geben konnte, war >Schwesterherz<. Und obwohl ich wusste, dass ich sie nicht ewig festhalten kann, wollte ich mich nicht von ihr l├Âsen. Und sie schien es zu merken, und lie├č mich nicht los. Ich sp├╝rte ihren Atem an meinem Ohr, als sie zu mir sagte, dass sie mich lieb hat. Wie oft habe ich Dir diese Worte vorgelesen, wenn wir uns gegenseitig unsere Briefe von Zuhause vorlasen? Es waren Worte, die mich zu einem anderen Menschen werden lie├čen, denn man wusste, dass jemand Zuhause war und sich Sorgen machte. Doch werden sie einem gesagt, haben sie eine v├Âllig andere Wirkung, als das Geschriebene. Mit diesen Worten kam die W├Ąrme und die Geborgenheit und ich f├╝hlte mich mit einem Mal sicherer.
Doch ich sp├╝rte auch, dass Jana weinte. Ihr ganzer K├Ârper bebte und doch war der Moment so still und erleichternd.
Im Nachhinein frage ich mich, wie meine Schwester und mein Vater die Zeit ├╝berstanden hatten, in der ich weg gewesen war. Sie hatten Wochenlang Angst, dass ihr Bruder bzw. Sohn nicht mehr zur├╝ck kommen w├╝rde. Unsere Aufgabe war es lediglich, ihre Angst zu mildern, indem wir ├╝berlebten. Wir nehmen das Leben als selbstverst├Ąndlich hin und gehen davon aus, dass es dann endet, wenn wir es wollen. Der Krieg hat uns etwas anderes gelehrt und ich bin froh ├╝ber jeden neuen Tag mit meiner Familie.
Ich l├Âste mich nach einer langen Zeit von meiner Schwester und so standen wir uns gegen├╝ber. Sie hatte ihre Hand auf meiner Wange. In dem Moment stellte ich mir die Frage, wieso ich ihre Ber├╝hrung nicht sp├╝rte? Doch ich blieb mit den Gedanken bei mir,neigte meinen Kopf und k├╝sste ihr auf die Handfl├Ąche. Sie war entz├╝ckt und verbeugte sich. Ich hatte sie sehr vermisst, und doch hatte mich die Zeit nicht gelehrt f├╝r ihr Leben dankbar zu sein. Es klingt schlimm, so zu denken und ich machte mir Vorw├╝rfe, dass ich solche Gedanken hatte, doch sie schien es nicht zu merken und so brauchte ich zumindest vor ihr keine Erkl├Ąrung in Worte zu fassen. Hatte mich der Krieg vielleicht zu etwas gemacht dass ich nicht bin? Zu einem Soldaten allemal. Ich habe Menschen get├Âtet, die genauso wie ich zur falschen Zeit am falschen Ort geboren waren. Hat mich dieses sinnlose T├Âten abgeh├Ąrtet? Doch ich wei├č, dass Du keine Antwort auf meine Fragen kennst.
Erinnerst Du dich an unsere Zeit als Kinder. Wir waren schon damals unzertrennlich. Einmal haben wir der alten Dame vom Gem├╝sehaus Hundeschei├če vor die T├╝r gelegt. Es klingt dumm, aber es war einfach fantastisch damals. Mit 13 Jahren hast du dich total in Jennifer verknallt und dann seid ihr doch tats├Ąchlich miteinander gegangen. Unglaublich!
Ich musste dich tr├Âsten, weil sie Dich versetzt hat. Wei├čt du noch?
Ich sagte Dir, dass wir genug Zeit haben werden, um das Herz einer Frau zu gewinnen.
Ich schweife vom Thema ab. Ist doch komisch, oder? Obwohl ich nie Briefe schrieb, geht mir dieser so leicht von der Feder, dass man h├Ątte glauben k├Ânnen, ich h├Ątte die Worte einstudiert.
Ich kann Dir eins sagen, es ist nicht leicht. Man denkt, dass alles besser wird, wenn man wieder zu Hause ist. Doch so ist es nicht. Man ist zu Hause und doch ist das wirkliche Heim ferner denn je. Gef├╝hle, die man schon vergessen hat, ├╝berfallen mich und lassen mich in die Vergangenheit schauen. Du wei├čt, die Zeit in der wir nicht zum T├Âten verurteilt waren. Doch es war auch eine Zeit in der wir es noch vor uns hatten - das Leiden - Zuhause hat man die Zeit, die einem im Krieg fehlt, um zu ├╝berlegen. Ich habe versucht zu verstehen, wieso alles so gekommen ist, wie es kam, und doch fand ich keine Antwort. Ich f├╝hle die Ungerechtigkeit, die uns angetan wurde und doch bin ich auf niemanden sauer. Ich f├╝hle den Willen nach Liebe, der mir ├╝ber Monate geraubt wurde. Ich sehe best├╝rzte Gesichter von Menschen, die jemanden verloren haben. Ich sp├╝re deren Schmerz, und doch kann ich sie nicht tr├Âsten, weil ich mit den L├╝cken in meiner Seele zu k├Ąmpfen habe...


Mit meinen Worten, meinen Gef├╝hlen, meiner Trauer, meiner Wut schreibe ich den Brief weiter und beende ihn, gebe ihn in einen Briefumschlag und lege ihn neben mich auf den Tisch. Es wird Zeit. Ich ziehe mich an und stecke den Brief in die Seitentasche meines Anzugs.
Von unten ruft Jana zu mir empor, ich solle runter kommen. Ich tue es. Zusammen mit Vater und ihr begebe ich mich nach drau├čen und wir laufen zusammen auf dem schmalen B├╝rgersteig.
Gedanken an Johann verfolgt jeden meiner Schritte und schon bald zeichnen Tr├Ąnen tiefe Kerben in mein Gesicht. Wir sind da. Ich schlie├če meine Augen, schaue dem Himmel empor und werfe den Brief in das Grab meines besten Freundes Johann.


ÔÇŽ Eines dieser L├╝cken hast Du hinterlassen. Und obwohl ich wei├č, dass Du diesen Brief niemals lesen wirst, schreibe ich ihn. Weil Du ein Mensch bist, den ich nicht aus meinem Ged├Ąchtnis l├Âschen kann. So sehr ich Dein Gesicht vergessen will, es erscheint mir vor meinen Augen. In Deinem Gesicht sehe ich die Schmerzen, die der Tod Dich gekostet hat. Jenen Tag nach dem Angriff wachte ich im Lazarett auf. Die ersten Worte waren die meines besten Freundes. Dem Menschen, der neben mir stehen sollte, doch er war nicht da. Und ohne zu wissen, was mit Dir passiert war, weinte ich. Es dauerte lange, bis ich verstand, dass wir nicht getrennt wurden. In meinen Gedanken lebst du weiter. Es ist ein Ort, wo Du eine Zukunft hast. Ein Ort in dem Du leben und lieben darfst, wie es jeder Mensch tut. An diesem Ort sitzen wir zusammen und reden ├╝ber die guten alten Zeiten. Es ist ein Ort, der Dir im richtigen Leben gestohlen wurde, durch einen Krieg, dem sein Leid uns auf die Schulter geschn├╝rt wurde. Wir wollten leben, wir wollten alt werden, wir wollten eine h├╝bsche Frau heiraten und wir wollten Kinder mit ihnen kriegen. Ich hoffe, Du verzeihst mir, dass ich Dich im Stich gelassen habe. Der Krieg hat mich ver├Ąndert. Er ├Ąndert uns alle. Wir sind sein Spielzeug, das man in die Ecke wirft und auf dem man herumtrampelt. Doch diese Zeit ist vorbei, denn der Krieg hat gesiegt und hinterl├Ąsst in uns eine Leere, die mit nichts zu f├╝llen ist. Sie hinterl├Ąsst in mir eine Leere, in der du verschwunden bist. Aber ich werde Dich niemals vergessen, denn du bist mein Freund, erinnerst du Dich?

In Liebe Stefan


Version vom 13. 12. 2014 18:32

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DocSchneider
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