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Leselupe.de > Krimis und Thriller
Fuchs auf brüchigem Eis
Eingestellt am 19. 11. 2002 16:25


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starcoin
Hobbydichter
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FUCHS AUF BRÜCHIGEM EIS


„Dann gute Fahrt, Markus!“ Skinny’s Abschiedsspruch ist genauso obligatorisch wie sein Händedruck und sein bubihaftes Lächeln, wenn er mich nach getaner Arbeit aus der Garage läßt. Er hat auch allen Grund zu seiner guten Laune. Er weiß, dass die Ware, die er gerade vakuumiert und im Wagen verstaut hat, so gut wie ausgeliefert ist. Er wird jetzt nach Hause gehen und wie immer das Wochenende mit seiner Familie und seinem Hund verbringen. Skinny zieht das große Garagentor hoch und ich starte den Wagen. In nur wenigen Minuten erreiche ich die Ringstraße um Amsterdam und nehme südlichen Kurs.

"Das darf doch nicht wahr sein!"
Zum Glück hört niemand mein Entsetzen. Oder vielleicht doch? Ich befinde mich zwar im Auto und auf dem Highway, aber die plötzlich aufkommende Paranoia, läßt mich an die Möglichkeit von Richtmikrofonen denken.
Dann käme dieser Schreckensruf einem Schuldbekenntnis gleich.
"Was macht dieser Wagen dort auf dem Standstreifen? Sind sie das oder habe ich bloß Paranoia?"
Meine Lippen haben sich diesmal nicht bewegt. Sicher ist sicher!

Ich passiere gerade das Autobahnkreuz Arnheim und bin auf dem Weg nach Hause. Wenn aber meine Vermutung richtig sein sollte, bin ich wohl eher in einer Sackgasse und auf dem Weg ins Gefängnis.
Der weiße BMW mit zwei Männern drin hat ganz offensichtlich keine Panne. Ich sehe weder ein Warndreieck, noch eine offenstehende Motorhaube. Dafür eine ungewöhnlich lange, nach Funk aussehende Heckantenne.
Sie scheinen nur zu warten. An und für sich ist eine Zivilstreife eine durchaus normale Erscheinung; nur habe ich während mehrerer Jahre auf dieser Strecke nie eine gesehen.
Ich überlege, ob es mit einem außergewöhnlichen Check meines Wagens und meiner Person vor vierzehn Tagen am Grenzübergang ELTEN zusammenhängen könnte. Ich spüre Panik aufkommen. Beim Einfädeln auf die Autobahn, auf deren Standstreifen der BMW steht, gerate ich in ihren Sichtkreis. Mein Blick klebt jetzt im Innenspiegel. - Tatsächlich, der BMW setzt sich in Bewegung. Blut schießt in meinen Kopf. Für einen Moment bin ich wie gelähmt.
"Das ist doch kein Zufall!", formulieren meine Gedanken.
"Wenn sie es sind, ist jetzt alles aus. Was soll ich nur machen?"
Der erste Adrenalinstoß klingt ab. Ich muss unbedingt Gewissheit über diesen Wagen bekommen..
"Vielleicht ist ja doch alles nur Zufall? Falls nicht, muss ich mich irgendwie retten. Bloß wie?"

*

Die Autobahn von Arnheim bis zur deutschen Grenze zeichnet sich durch häufig wechselndes Tempolimit aus. Alle paar Kilometer wechselt die Beschilderung zwischen 100 km/h und 120 km/h.
Ich entscheide mich für ein ungewöhnliches, jedoch völlig korrektes Verhalten, denn ich brauche zunächst absolute Gewißheit über den BMW, der immer noch in gebührendem Abstand hinter mir ist.
Es ist früher Abend und die Autobahn relativ leer. Dennoch stelle ich den Tempomat meines Mercedes auf nur fünf km/h mehr als die erlaubten 100 km/h. Nach ein paar Kilometern dieser unerträglichen Schleicherei, gibt die Strecke 120 km/h frei. Ich beschleunige auf 125 km/h und fixiere das Tempo. Der BMW schließt auf, aber überholt immer noch nicht. Mein Blick klebt wie gebannt im Innenrückspiegel. Meine Gedanken wälzen hin und her. Bei der nächsten Tempodrosselung werde ich hoffentlich Genaueres wissen.

Ich kenne das Fahrverhalten holländischer Autofahrer ziemlich gut. Entweder fahren sie konstant zwischen 110 km/h und 130 km/h oder zwischen 130 km/h und 150 km/h, abhängig vom Erlaubten. In all den Jahren, in denen ich mich auf Hollands Straßen bewegt habe, ist nie jemand in dem Rhythmus gefahren, den ich heute abend verwende.
Auch heute bin ich der Einzige, der sich derart vorschriftsmäßig verhält. Sollte der BMW beim nächsten Tempo-100-Schild ebenfalls drosseln, würde er sich zwar völlig korrekt, aber für mich trotzdem nicht koscher verhalten.
Meine Befürchtung wird wahr. Ich spüre einen zweiten Adrenalinstoß, der in einer Welle durch meinen Körper schießt.
Da sind zwei 'Toms', die 'Jerry' jagen, was mich immer nervöser werden läßt. Ich fühle mich genauso, wie Jerry, der der Katze zu entkommen versucht.
Ein paar Wochen zuvor noch, erzählte mir ein Freund eine Tatsache aus der Polzeischule in Sachen Verfolgen. Wenn die Beschatter den Eindruck haben, dass das Objekt ihrer Begierde etwas gemerkt hat, fahren sie ab.

Der BMW fährt jetzt ebenfalls nur noch 100 km/h. Allerdings fühlt er sich durch meine List enttarnt. Er wechselt auf die Überholspur. ‘Bevor ich ihnen entkommen kann, werden sie mich bestimmt jetzt gleich stoppen’.
"Jetzt ist der Ofen aus!" Ich erwarte die rote Kelle, als der Wagen mit mir auf gleiche Höhe kommt. Doch nichts passiert. Meine mutmaßlichen Verfolger beschleunigen stattdessen weiter. Ich schätze ihr Tempo jetzt auf cirka 150 km/h.
"Sehr merkwürdig!", geht mir durch den Kopf. Ich kann gerade noch erkennen, wie der Wagen die nächste Abfahrt rausfährt.
"Genau wie im Lehrplan."

Leider ist diese Aktion für mich kein Grund zur Beruhigung. Im Gegenteil! Meine vermeintlichen Verfolger würden an dieser Stelle sicher nicht aufgeben. Das sagt mir mein Verstand, der jetzt auf Hochtouren läuft. Irgendwo hinter mir muß die Wechselschicht fahren. Bei diesem Staffettenlauf, läßt man den Stab nicht so leicht fallen. Ich schlucke unwillkürlich, denn ich habe keinen Zweifel; ich bin der Stab und fühle förmlich den Griff, der meine Kehle zuschnürt.

Die Borduhr zeigt 21.30 an und die Dämmerung nimmt stetig zu.
"Ob ich diese Nacht wohl wieder in meinem Bett schlafen darf?"
Mein Blick wandert immer öfter in den Innenspiegel. Ich suche das Fahrzeug, das die Ablösung übernommen hat. Eins der wenigen Autos hinter mir muß es sein. Ich fahre meinen ungewöhnlichen aber korrekten Stil weiter, in der Hoffnung, dass sich der andere genauso outet. Mir fällt ein japanisches Modell auf, welches die Schicht übernommen haben könnte.
Und tatsächlich! Nachdem wir uns zwanzig Kilometer lang bei diesem ungewöhnlichen Temporhythmus gegenseitig beobachtet haben, setzt auch dieser Wagen zum Überholen an. Da ich nunmehr den zweiten und möglicherweise letzten Beschatter überlistet habe, erwarte ich jetzt erst recht die rote Kelle. Doch auch diesmal geschieht zu meiner Überraschung nichts. Der Wagen zieht mit steigendem Tempo an mir vorbei. Im Scheinwerferlicht erkenne ich ihr Nummernschild: HB-BB-20.
Ich habe von je her ein Faible für Kennzeichen. Seit meiner Jugend, habe ich den Buchstaben Namen oder Bedeutungen gegeben. Bei deutschen Kennzeichen, lassen sich manchmal interessante Nomen assozieren, z. B.: EN-TE..., KO-MA ... oder DO-PE ... usw.
Die holländischen Nummernschilder haben in der Regel nur Konsonanten. Das Schild meines verdächtigen Wagens hat allerdings gleich drei der selben Konsonanten hintereinander und das ist eine völlig außergewöhnliche Erscheinung.
Auch dieser Wagen beschleunigt jetzt auf cirka 160 km/h und ich kann noch soeben erkennen, wie auch er die nächste Abfahrt nimmt. Mein Herz klopft so laut, dass ich den Eindruck habe, der Ton dringe von außen in meinen Gehörgang.
"Verdammt, ich glaube sie wollen mich zur Grenze treiben. - Ja, das haben sie wohl vor!"

Mich hier in Holland zu fassen, ist vermutlich noch kein Schmuggeln, allenfalls ein illegaler Transport einer sonst weitgehend legalen Ware. Theoretisch könnte ich ja einen Coffeeshop mit zollfreier Ware am holländischen Fiskus vorbei beliefern. Damit hätten sie nicht so viel in der Hand, wie bei einem Grenzübertritt. Sollte meine Vermutung also richtig sein, bleiben mir noch rund fünfzig Kilometer bis zur Entscheidung. Wie gelähmt, fahre ich meinem Trott weiter. Jetzt bin ich sogar froh, mal nicht so schnell zu fahren. Mir bleibt so mehr Zeit zum Überlegen. "Es muss eine Falle sein!" Im allgemeinen kann ich meiner Intuition vertrauen.

*
Aufgrund einer dunklen Vorahnung , basierend auf dem Grenzcheck vor vierzehn Tagen, habe ich einen Freund gebeten, die Grenze just zu der Zeit zu passieren, die meinem Timing entspricht. Er soll seine Beobachtung verschlüsselt auf meinen Anrufbeantworter sprechen, den ich noch vor Erreichen des Checkpoints abfragen werde.
Dreißig Kilometer vor dem Übergang ELTEN fange ich an, immer nervöser zu werden. Ich spüre förmlich die mir gestellte Falle. Ich muss zunächst von dieser Autobahn runter, die geradewegs in mein Verderben führt. Auf einer Parallelautobahn Richtung deutsche Grenze suche ich eine Tankstelle mit Telefonzelle.
Mittlerweile ist es Nacht geworden, und ich parke meinen Wagen auf dem Parkplatz der erstbesten Tankstelle, auf die ich treffe. Ausgerechnet hier ist kein Telefonhäuschen zu sehen! Ich nutze die Rast, um meinen Fingerhut von Tank vollzumachen, um wenigstens wieder rund einhundertfünfzig Kilometer Aktions- und womöglich Fluchtradius zu haben. Ich fülle meinen Reservekanister in den Tank. Vor mir parkt ein holländisches Auto. Der Fahrer, ein gepflegt wirkender älterer Herr, steht daneben. Er wartet offensichtlich auf irgend etwas oder irgend jemanden. Ich spreche ihn an, um mir ein Bild zu machen, ob dieser Mann zur Truppe meiner Häscher gehören könnte. Leider gibt mir sein Verhalten keinerlei Aufschluß.
Die Dunkelheit verbirgt meine sorgenvolle Miene, mit der ich wieder in meinen Wagen einsteige. Ich fühle mich inzwischen völlig kraftlos.

‘Was ist bloß schiefgegangen?’ Natürlich habe ich früher schon öfter mal an die Möglichkeit gedacht, in flagranti aufgegriffen zu werden; doch habe ich diesen Supergau - ähnlich den Kernkraftwerksbetreibern - nur als Theorie abgetan. Ich starte den Mercedes und fahre an der Reihe der parkenden Wagen vorbei. Die Scheinwerfer beleuchten nach und nach die ruhenden Fahrzeuge und geben kurz ihre Identität preis. Beim fünften Wagen in der Reihe bekomme ich einen Schock. Ich habe ein Deja-Vu ! HB-BB-20...Wie gelbe Tigeraugen leuchtet dieses Kennzeichen im Licht meiner Scheinwerfer auf.

Habe ich bis zu diesem Moment noch die irreale Hoffnung einer berufsbedingten Paranoia gehabt, so ist mir klar, dass ich psychisch zwar gesund bin, dafür aber hoffnungslos in der Falle sitze. Einem Sterbenden gleich läßt meine Erinnerung die Anfänge meiner kriminellen Karriere Revue-passieren. Genauso wie noch vor wenigen Stunden, hatte ich mich auf den Abflug in mein Winterexil gefreut.



***

"Noch ein paar Tage und ich bin aus dem Schneider!", ging mir seinerzeit unentwegt durch den Kopf.
Für mich bedeutet, weder damals noch heute, der vielzitierte Schneider jedoch nicht das Ende meiner chronischen finanziellen Talsohle oder die langersehnte und nun bevorstehende Scheidung nach einem möglichen, zermürbenden Ehekrieg.
All diese Schrecken sind für mich nicht mit der bedauernswerten Gestalt des Schneiders verknüpft. Vielmehr ist es die Auseinandersetzung mit dem Winter; diesem ekligen, naßkalten mitteleuropäischen Winter. Seit meiner Frühpensionierung gilt mein Streben, diesen mit jedem Lebensjahr unerträglicher werdenden Winter zu vermeiden - ihm zu entfliehen, soweit das Geld reicht. Für mich gilt, dieses fast nicht mehr lebenswerte Dasein zwischen November und März zu vermeiden, wie der Junkie den Entzug.

Seit ein paar Jahren weiß ich auch, wo ich das Balsam zur Linderung meiner Schmerzen finden werde. Ich habe es kurz nach Abschluß meines verspäteten Studiums durch Zufall entdeckt. Eigentlich war die 'Dritte Welt' nie die Sehnsucht meiner Reisewünsche. Ich war auf dem Rückweg von Neuseeland und einfach froh, nach Stunden im Faraday'schen Käfig, wieder unter freiem Himmel zu stehen. Selbst wenn er wie im Falle Bangkoks stets etwas verschleiert erscheint.
Dieser kleine Schritt aus dem Flughafen, war ein großer Schritt für mein weiteres Leben. Trotz der smoghaltigen Luft, erscheinen die Farben Bangkoks von einer Buntheit, die mich spontan an die Farbwahl der naiven Malerei erinnert. Ein oberflächlich betrachtet chaotisches Treiben, welches bei näherem Hinsehen einer improvisierten Verzahnungstechnik gehorcht, der wir Europäer anfangs eher hilflos gegenüberstehen. Ich halte mich für einen guten Autofahrer, doch in dieser Stadt würde ich mich nicht für Geld hinter das Steuer setzen. Alles in allem ein Moloch, den Heinz Rühmann mit den Worten ‘hübsch häßlich habt Ihr's hier’, kommentiert hätte.

Die erste Liebe zu Thailand ist vergleichbar mit der ersten Liebesnacht, die mehr Aufregung als Lust war. Vor lauter Faszination, weiß ich mich in dieser Weltmetropole kaum zu orientieren - ähnlich einem Kind im Bonbonladen. Mich hat der Kulturschock prickelnd getroffen, obwohl mein zur Neige gehendes Urlaubsbudget ohnehin nicht zuläßt, das Kultur- und Unterhaltungsprogramm Bangkoks nur annähernd auszuloten. Mir kurzen Hosen durchstreife ich die Tempelanlagen (welch’ Fopas!) Und erliege der Verführung der unzähligen, berühmt - berüchtigten Massageparlours. Schließlich bin ich seit vier Monaten unterwegs und bis auf wenige, für mein Verlangen zu wenige one-night-stands, in Sachen Libido zu kurz gekommen.
Ich erfahre in einem dieser Etablissements, zehntausend Kilometer von zu Hause, eine völlig neue, libidinöse Sensation. Diese nennt sich’ body-massage’ und findet in einem hübschen, gefliesten Badezimmer statt. Zunächst waschen mir die liebenswerten Mädchen den Staub von Bangkoks Straßen von der Haut. Anstatt abgetrocknet, werde ich jetzt gründlich eingeseift. Genauso tut es mein Mädchen mit ihrem Körper.
Ich lege mich auf eine hoch gebaute, gekachelte Bank und nehme den glitschigen Körper der Dame meiner Wahl in die Arme. Behutsam fängt Nöng an, sich auf meinem Körper hin und her zu schieben. Ich spüre die volle Weiblichkeit ihres Körpers. Das Shampoo vermittelt den Eindruck. Als wären unsere Körper völlig eingeölt. Was für ein Gefühl! Ohne daß Nöng mich an meinem Geschlechtsteil berührt hat, habe ich eine Erregung, die kaum noch einen Aufschub duldet. Bevor ich noch recht verstehe, ist sie in der Abwärtsbewegung auf mich drauf gerutscht und ich spüre Nöng von innen genauso weich und saftig wie von außen. Ich erlebe einen ungesteuerten Orgasmus wie zu Pubertätzeiten.

*

Auf diese bis dato unbekannte Weise gereinigt und geläutert, gehe ich zurück zu meiner kleinen Privatpension.
Beim Kassensturz: plötzliche Ernüchterung! Auch wenn hier im Land des Lächeln alles ungemein preiswert ist, addieren sich die Ausgaben durch die Vielfalt der Möglichkeiten bis in den roten Bereich eines jeden durchschnittlichen Budgets.
Nachdem ich nun genug Leute gesehen und kennengelernt habe, ist es Zeit für das Land. Ich entkomme der magnetischen Bannkraft Bangkoks am nächsten Abend. Mit nur knapper Verspätung rollt mein Zug gen Süden.
Nach quälenden zwölf Stunden im Zweite - Klasse - Abteil (für einen sleeper reicht auch hier das Geld nicht), komme ich in einer unbedeutenden Hafenstadt an.
Waren die Farben Bangkoks noch der Farbpalette Naiver Malerei entsprungen, habe ich den Eindruck, Andy Warhol hat hier die Farben gemischt. Der Grauschleier der Zehnmillionen - Metropole ist verschwunden; ebenso die Hektik. Nach vier Stunden Fähre, erreiche ich die gerade erst touristisch erschlossene Insel Samui.
Ich habe natürlich früher schon Bilder von einsamen Tropenparadiesen, mit vom Monsun gebeugten Palmen gesehen. Bei diesem Anblick aber, glaube ich nun letztendlich verstanden zu haben, daß Bilder mit der Wirklichkeit nicht viel zu tun haben. Aus diesem Grund haben wohl auch Knastfilme nie eine abschreckende Wirkung auf mich gehabt.
Die wohlige Wärme, das satte blau des Meeres und die grüne Natur pur um mich herum, vermitteln das Gefühl der Urgeborgenheit. Mir ist, als gäbe es nur die Insel und mich im Moment. Wenig später falle ich in meiner Bambushütte in erholsamen Schlaf. Am nächsten Morgen fühle ich beim Blick aus meiner Hütte heraus einen Hauch von Robinson. Wieder ein Tag mit strahlendem Sonnenschein. Mein Blick schweift über das tiefblaue Wasser der Bucht. Ich höre Affen aus dem Dschungel hinter mir schreien. Unbekannte Vögel mit ungewohnten Lauten rufen um die Gunst eines Partners.
Obwohl mich ein Pickup vom Hafen hierher gebracht hat, scheint dieses Leben hier, verglichen mit der Welt aus der ich komme, die Abkehr von der Zivilisation zu sein.
Noch mehr sprengt den Rahmen des Gewohnten ein Schild am Frühstückstisch. Es verspricht in englischer Schrift, bei Einnahme bestimmter coockies, das Gehirn zu sprengen.

Die Thaifamilie, die das Restaurant betreibt, ist gerade dabei, den Teig für die brainbusting coockies zu rühren.
Nach einem Blick auf den grün gefärbten Teig, ist mir klar, dass das Gute daran, das Gute darin ist. Es muss schon eine ordentliche Menge Marihuana verrührt worden sein. Flink werden Teigtaschen geformt, in die exotische Früchte gelegt werden. Während sie auf dem Grill dahinbruzzeln, überlege ich, worauf ich mich mehr freue, auf das coockie oder auf das brainbusting?
Ob die Familie schon selber am Teig genascht hat, kann ich nicht sagen. Thais lächeln fast alle und fast immer. Noch warm, lasse ich mir die Backwaren schmecken. Offensichtlich macht es den Thais Spaß, mich zu beobachten, wie das heimische Kraut auf den Fremden wirkt. Ich entziehe mich dem Test und genieße alleine bei einem Bad im Meer. Das Meer, sowie das coockie, übertreffen meine Erwartungen. Es gibt jede Menge Fische um mich herum und eine göttliche Wassertemperatur, bei der ich zum ersten Mal keine langwierige Naßmachprozedur abhalten muss. Ich gehe sofort in medias res.

Eigentlich gibt es keinen Grund, damit vor Sonnenuntergang aufzuhören, doch ich gehöre nun einmal zu dem Menschentyp, der ähnlich Peter Pan, ein Spielzeug fallenläßt, um ein anderes aufzuheben. Diese Philosophie wird mehr und mehr der rote Faden meines Lebens.
Mein liebstes Hobby ist die Kommunikation. Deswegen steige ich aus der großen Badewanne, um zu sehen, welche anderen Touristen dieses Stückchen Paradies betreten haben. Wenn man alleine reist, ist der Drang zur Unterhaltung noch viel größer als sonst. Dann bin ich auch mal nicht so wählerisch, mit wem ich ins Gespräch komme.
Am Tisch im Restaurant sitzt eine Frau alleine. Ich setze mich zu ihr und erfahre, dass sie Holländerin ist. Als mein Blick auf ihre Halskette fällt, stellt sich eine gewisse Enttäuschung ein. Der Anhänger daran zeigt das biologische Symbol des Weiblichen. Wäre es nur ein Gebilde, dass da baumelt, hätte ich es allenfalls als emanzipatorischen Ausdrucks ihres Wesens interpretiert. Es handelt sich aber um ein Doppelsymbol, welches keinen Spielraum für das männliche Pendant erkennen läßt. Trotzdem spreche ich sie an und stelle mich vor:
"Ich heiße Markus. Und du?"
"Jane!"
"Das erste Mal in Thailand?"
"Ja."
"Bist du tatsächlich alleine unterwegs?"
"Meine Freundin muß arbeiten und ich hätte sonst keinen Urlaub bekommen."
Damit war die Katze aus dem Sack. Also, doch eine Freundin! Meine stille Hoffnung, die Nacht eventuell nicht wieder alleine verbringen zu müssen, ist zunichte. Während dieses niederschmetternden small - talks, rolle ich einen Joint und reiche ihn Jane.
"Magst du? - Ich komme gerade von Neuseeland und mache hier einen Zwischenstop. Es gefällt mir super gut hier. - Was hältst du von einem Strandspaziergang?"
"Gute Idee, Markus. Laß uns das machen."
Wir rauchen den Joint zu Ende und brechen auf. Auch wenn unsere Herzen offensichtlich nicht in Einklang kommen werden, sind wir es zumindest in Drogenhinsicht.

*

Zu diesem Zeitpunkt, Anfang der Achtziger, sind meine Hüftgelenke noch voll funktionsfähig. Wir kraxeln etwa zwei Stunden über Steinbrocken und umgekippte Baumstämme die herrliche Küste entlang. Die Kulisse entschädigt für die Anstrengung. Beim Blick in Richtung Landesinnere, sieht man das Gelände in Wellen ansteigen. Und in unserer Richtung marschieren wir auf die halbmondförmige Bucht zu. Sanfte Wellen rollen ans Ufer und gelegentlich erfrischt uns ein Nieselregen, der durch die wellenbrechenden Gesteinsbrocken mehr vornehm zischend als krachend um uns herum erzeugt wird.
Endlich erreichen wir ein Fischerdorf und laben uns an einem Papayashake. Für den Rückweg wollen wir noch einen Snack im Bauch haben und wir studieren daher die Karte.
"Siehst du das auch, Jane?! Magic mushroom omelette - ich kann's kaum glauben!"
"Meinst du das sind die ..."
"Na klar", falle ich ihr ins Wort. "Die wachsen hier zumindest. Ist doch gut möglich!"


Jane scheint ebenso wie ich Erfahrung mit LSD zu haben. Hier sind wir beide jedoch erstmalig mit dem eigentlichen Naturprodukt aus der Familie der Halluzinogene konfrontiert.
"Weißt du, wieviel man davon nimmt, Markus?"
"Nein, keine Ahnung. Die Dinger habe ich nie probiert. Uns bleibt wohl nichts anderes übrig, als der Omeletteköchin zu vertrauen."
"Na gut, dann lass uns welche bestellen."

Diese seltene Mahlzeit schmeckt, wie Eier mit Pilzen eben so schmecken. Während eines Instantkaffees danach und unserer Plauderei, kommt auch schon die Wirkung - schleichend aber stetig. Die ohnehin schon prallen Farben scheinen ihre Intensität noch zu erhöhen. Ich höre Jane reden aber ich höre ihr gar nicht mehr richtig zu. Alles fängt an auf mich einzuwirken und ich bekomme mehr und mehr das Gefühl Beobachter in einem ‘Epischen Film’ zu sein.
In den Tropen geht die Sonne immer früh zu Bett und wir entscheiden uns deswegen für den Aufbruch. Wir sind ohnehin über die angenehme Wirkung der Pilze zu lange sitzen geblieben. Wir kramen nach unseren Portemonnaieses.
Ich zahle meinen Teil. Das Thaimädchen wendet sich Jane zu und nennt ihr die Summe. Da die Rechnung eigentlich nur 'peanuts' ist, kann das nicht der Grund dafür sein, warum Jane wie fassungslos in ihre offene Geldbörse stiert. Mittlerweile bin auch ich richtig high und daher dauert es ein paar Sekunden, bis ich realisiere, dass der Trip Jane fortgetragen hat. Sie und Gott allein wissen wohin.
Nun ist es für mich von jeher quasi eine intellektuelle Herausforderung, auch 'stoned' noch zu funktionieren. Ich möchte mich nicht passiv in meinem Rausch verlieren, sondern aktiv und vor allem kommunikativ sein. Ich merke, dass ich mich fortan um Jane kümmern muss. Deshalb greife ich jetzt ungeniert in ihr Portemonnaie und hole das entsprechende Geld heraus.
Es ist ein fataler Trugschluß im Drogenmilieu, an eine automatische Bewußtseinserweiterung zu glauben. Zunächst gibt es nur eine Bewußtseinsveränderung. Für das andere muss man schon selber etwas tun. Wie gesagt, ich möchte high sein, aber nicht ausgehebelt; nicht quasi halb entmündigt. Ich realisiere, dass Jane sich gerade in genau diesem Zustand befindet, daher schließe ich ihre Börse und stecke sie in ihre Handtasche.
"Komm. lass uns gehen, Jane!" Ich strecke ihr die Hand hin, um sie außer durch meine Worte, noch auf einem anderen Sinneskanal zu erreichen. Wir sind uns einig, daß der Weg zurück ein anderer sein muss. Zum einen sind wir 'high as a kite', zum anderen schon spät dran.
In diesem Jahr gehören wir noch zu den handverlesenen Touristen auf der Insel. So ist verständlich, warum die Dorfbewohner uns so neugierig beäugen..
"Warum gaffen die alle so, Markus?"
"Ich könnte mir vorstellen, dass sie zum ersten Mal in der Geschichte Thailands eine Frau im Bikini durch ihr Dorf laufen sehen."
Jane schaut an sich herab und schlingt dann ein dünnes Tuch verschämt um ihre Hüften. Mein Verständnis für die neugierig blickenden Dorfbewohner, wächst in dem Maße meiner Einsicht über unsere despektierliche Strandaufmachung. Unser Trost für diese Garderobe ist, dass wir nicht vorhatten, ein Thaidorf aufzusuchen.
Der immer heftiger werdende Trip befähigt mich, die Andersartigkeit dieser Kultur zu fühlen und ich fange an, uns mit ihren Augen zu sehen. Wir beschleunigen unseren Schritt und wollen versuchen, die Straße, die hinter dem Dorf zu unserem Ressort führen muss, zu erreichen. Bevor wir am Ende der Fischersiedlung angekommen sind, fällt unser Blick in eine offenen Bretterbude. Es sieht aus wie der hiesige Souvenierladen sein. Über unseren Köpfen muss ein Fragezeichen schweben. Wir wissen beide nicht, ob wir lachen oder weinen sollen. Dort baumelt ein Mobile von so fragwürdigem Geschmack, dass ich bereue, mich noch soeben für unser Outfit geschämt zu haben.
Ein halbes Dutzend Kugelfische drehen sich in der leichten Brise und immer wieder glotzen uns welche an. Für unseren Trip zwar irgendwie schon lustig, aber für den frisch examinierten Biologiestudenten in mir auch unendlich traurig.
Jane und ich schauen uns nur an. Wir sind unfähig, das Gesehene zu kommentieren. Schweigend setzen wir unseren Weg fort. Ich sinniere über das Für und Wider solcher Fernreisen. LSD wirkt auf mich sehr tief und oftmals richtig prägend. Eindrücke und Gefühle werden regelrecht eingraviert. Es gibt keine Flucht, kein Verdrängen. Nur die Auseinandersetzung mit dem Eindruck oder dem Problem.
Wie leicht und innerlich unvorbereitet kommt man 'für eine Handvoll Dollars' und elf Stunden Stillsitzens in eine andere Welt. Natürlich hätte ich einen Reiseführer kaufen können und hätte erfahren, dass Tempelanlagen nicht in Shorts betreten werden. Hätte ein Studium daheim aber überhaupt auf eine Begegnung wie mit dem Mobile vorbereiten können?

*

Ich fühle mich auf einmal wie ein Fremdkörper in der Gesellschaft in dieser Hemisphäre unseres Globus. Mir fällt Mark O’ Polo ein - der ein Wanderer durch die Welten war. Auf dem Landweg und nicht schneller als ein Pferd, hat man wohl noch eine Chance, sich den Kultur- und Klimazonen anzupassen.
Jetzt bin nun einmal hier und ich tue gut daran, den Thais und mir zu verzeihen. Wir haben uns gegenseitig geschockt, ohne es zu wollen. Mir wird unter dem Einfluß der Droge auch völlig bewusst, dass ich über kurz oder lang, wieder in ein Fettnäpfchen treten werde. Manche sind so unsichtbar wie Tretminen. Ich kann ihnen kaum entgehen; es sei denn, ich reise ab. Das aber will ich auf keinen Fall!
Ich beruhige mich in meinem inneren Dialog mit der Erkenntnis, wenn ich schon Fehler mache, es wenigstens mit einem Gewissen zu tun. Trotz aller Lasterhaftigkeit, fühle ich mich in Einklang mit der Gesellschaft und der Natur - so gut das in unserer Zeit noch möglich ist.

Endlich haben wir die Straße erreicht. Wir sind aber beide nicht mehr in der Lage, noch ein paar Kilometer zu Fuß zu gehen. Es wird auch allmählich dunkel. Und wenn es hier dunkel ist, sieht man kaum einen Schritt voraus. In ein Fettnäpfchen zu treten ist eine Sache; auf eine Schlange jedoch eine ganz andere.
"Lass uns trampen, Jane. Das packen wir sonst nicht mehr."
"Ja, ist in Ordnung", antwortet sie eher apathisch.
Es kommt uns unendlich lange vor, bis das erste Fahrzeug auftaucht. Es ist ein Pickup, mit ungefähr zehn Japanern auf der Ladefläche. Er hält auf unseren ausgestreckten Daumen hin sofort. Etwas verunsichert schaut Jane mich an. Auch ich zögere jetzt unwillkürlich. Natürlich haben wir keine rassistischen Vorbehalte. Es ist einfach so, dass Jane die einzige Frau ist und sie schon nüchtern sich nicht sonderlich zu Männern hingezogen fühlt. Daher kann ich ihre Ängste regelrecht fühlen. Trotzdem rate ich:
"Lass uns aufsteigen. Hier kommt so schnell kein zweites Auto vorbei."
Jane ist offensichtlich nicht in der Lage zu diskutieren und gehorcht wortlos. Wir klettern über die Laderampe. Dabei entgehen mir nicht die Blicke, mit denen unsere Wohltäter Janes spreizenden Schenkeln folgen. Jetzt setzt auch bei mir eine gewisse Panik ein. Zu bekannt ist die Tatsache, daß Gelegenheit Diebe macht. Dabei blendet mir der Trip ein Horrorzsenarium ein, bei dem ich durch einen Handkantenschlag rückwärts über die Laderampe kippe. Gleichzeitig zerren die Übrigen Janes losen Fummel vom Leib und dringen nacheinander in sie ein, während der Pickup unbeirrt über die wellige Ringstraße holpert.
Ein wenig entspanne ich mich, beim Anblick einer Gitarre auf dem Schoß eines Japaners. Eine ablenkende Konversation in Englisch ist jedoch mit ihnen leider nicht möglich.
Mein Anspruch, in jeder High-Situation noch den Überblick zu behalten, veranlasst mich, über mich hinaus zuwachsen. In stark reduziertem Englisch, versuche ich den Gitarristen zu einem Lied zu animieren. Spontan fällt mir ein Evergreen ein und ich intoniere mutig 'House of the rising Sun' und habe Glück. Der Gitarrist zupft ein bißchen auf der Klampfe und wir fangen unisono an zu singen.
Jane schaut zu mir rüber und ich spüre förmlich ihre Dankbarkeit. Sie ist aber immer noch außerstande ihre Lippen zu bewegen. Unsere Kollegentouristen erweisen sich als überaus freundlich. Sie fahren uns direkt zu unserem Beachressort. Dort angekommen, möchte ich alle aus lauter Dankbarkeit zu einem Softdrink einladen. Bescheiden lehnen sie dankend ab und lassen uns winkend zurück. Jetzt erst läßt bei uns beiden die Anspannung nach. Jane nimmt mich schweigend in die Arme. Die Zeit ist reif für einen Sundowner und wir bestellen einen Longdrink. Der immer noch lodernde magic mushroom in uns, gepaart mit der einbrechenden Dunkelheit, lassen leider Schwermut in meiner lesbischen Drogenpartnerin aufkommen.
"Ich vermisse meine Freundin", gesteht mir Jane mit leicht weinerlicher Stimme.
"Auch ich vermisse meine Freundin. Aber was soll's. Schau dir statt dessen diesen Sternenhimmel an. So etwas siehst du in Europa nicht." Doch ihr mind ist bedauerlicherweise nicht offen.
"Ich möchte wieder runterkommen", fleht mich Jane an.

Als einfaches Naturell, wie ich Jane einschätze, ist sie nicht in der Lage, wie Kant es ausdrückte, sich am moralischen Gesetz in uns und am gestirnten Himmel über uns, in Ehrfurcht zu erfreuen. Als erfahrener Drogenkonsument, führe ich neben diversen Protagonisten auch stets einen Antagonisten bei mir.
"Ich habe Baldrian dabei. Kennst du das?"
"Was ist das?“ Der ängstliche Ton in ihrer Stimme ist unüberhörbar. Nach dem Omelette hat sie offenbar Hemmungen, noch mehr unbekannte Substanzen zu schlucken. Ich hole das Fläschchen aus meiner Hütte und schütte eine reichlich bemessene Dosis kleiner Kügelchen in ihre Hand.
"Schluck' das, dann kommst du wieder runter. Das ist rein pflanzlich. Du brauchst keine Bedenken zu haben.“
Der Grund, warum sie die unbekannte Medizin trotzdem schluckt, wird vermutlich der Gedanke sein, dass es nicht mehr schlimmer werden kann. Irgendwie tut sie mir leid. Sie leert noch ihren Drink und geht dann zur Hütte. Ich bin sogar froh, sie jetzt los zu sein. Nun kann ich den Rest des Trips wenigstens noch alleine genießen. Ich hole meinen Walkman und setze mich an den Strand. Für mich ist dieser Abend noch nicht zu Ende. Ich halte es wie BON JOVI, 'I sleep when I'm dead'.
Ich schaue der sanften Brandung zu und bemerke, wie es im Wasser immer mal wieder aufglüht. Die fluoreszierenden Algen, die bei vermehrter Sauerstoffbildung anfangen zu leuchten, scheinen mit den Sternen kommunizieren zu wollen. Ich bin hin und weg von diesem Naturschauspiel.
Jetzt erwischt mich eine unangenehme Depression. Ich muss an meine Finanzen denken und dass dies hier schon bald Vergangenheit sein wird. Im Grunde reicht mein Geld noch nicht mal mehr, um noch zum Flughafen nach Bangkok zurückzukommen. Von Neuseeland aus, habe ich Geld im Brief bei meiner Mutter nach Thailand bestellt. Leider war auf dem Postamt in Bangkok nichts da. Sicherheitshalber habe ich dort einen Nachsendeantrag gestellt, für das nächste Postamt auf dem Festland, das sechs Busstunden vom Hafen entfernt liegt. Ein weiter Weg.
Meine Finanzlage deprimiert mich dermaßen, dass ich beschließe, mich gleich am nächsten Tag auf den Weg zu machen. Ich habe ein Paradies gefunden, aber ich kann es wegen des schnöden Mammons nicht richtig genießen. Es gäbe soviel, das ich gerne genießen würde : Surfen, Motorradfahren, Tauchen und so fort. Ich fühle wieder den Peter Pan, der durch glückliche Umstände Nimmernimmerleinland entdeckt hat. Nur besteht der große Unterschied zu diesem Spielkind darin, dass Peterle ohne Geld genießen durfte. Hier ist noch nicht mal ein Freund, den ich anpumpen kann.
Ich mache mir Vorwürfe, dass ich so undankbar bin für das Erreichte. Gibt es nicht ungleich mehr Menschen, denen es schlechter geht? Mir fallen die Arbeitskollegen ein, bei denen ich als Bauzeichner das Geld für diese Reise verdient habe. Sie hören jetzt gerade die Schlechtwetter- und Staumeldung auf dem Weg zur Arbeit.
Trotzdem fühle ich die Sehnsucht, ja vielleicht schon die Sucht nach mehr. Wie soll es für mich zu Hause weitergehen? Für das zweite Staatsexamen ist es zu spät. Meine Krankheit, sowie die Perspektiven für Lehrer in Deutschland, nehmen mir jede Motivation weiterzumachen. Ich weiß, daß ich diese Fragen, die jetzt auftauchen, wie Luftblasen aus einem heißen Schlammloch, hier und heute nicht mehr beantworten kann.

Am nächsten Abend bringt mich die Nachtfähre aufs Festland zurück. Sieben Stunden später, bin ich beim Postamt auf einer anderen größeren Insel. Ich kann noch nicht wissen, dass diese hier meine spätere zweite Heimat werden soll.
Der Besuch beim Postamt ist niederschmetternd. Kein Geld, kein Brief! Mit hängenden Schultern gehe ich ins Zentrum des Städtchens zurück.
"Hey, du bist doch Markus!", spricht mich jemand von hinten an.
"Ja, das stimmt." Ich bin völlig perplex.
"Woher kenne ich dich denn bloß?"
"Ich bin Mike. Ich habe dir das Ticket verkauft."
"Ja klar. Entschuldige bitte, dass ich dich nicht gleich erkannt habe. Da ich schlechte Nachrichten vom postoffice habe, nämlich gar keine, bin ich nicht ganz bei mir.“
Ich freue mich doppelt. Zum einen, gerade hier ein bekanntes Gesicht zu sehen, zum anderen, endlich jemanden anpumpen zu können. Ich erzähle ihm von meiner Misere.
"Na klar helfe ich dir! Komm, wir gehen zur Bank. Ich kann dir vierhundert Mark leihen."
"Du hast keine Ahnung, was für ein Stein mir vom Herzen fällt, Mike!"

Mike hilft mir, meine finanzielle Ebbe zu fluten. Ich lade ihn in einem Hotel zum Buffet ein. Meine Urlaubslaune ist schlagartig zurückgekehrt. Mike hat nicht viel Fragen gestellt, sondern gleich geholfen. Es soll jedoch von dem miesen Gefühl, als Europäer in der Dritten Welt abgebrannt zu sein, eine Narbe zurückbleiben...

*

Die restlichen Tage meines Aufenthaltes in Thailand verlaufen unbeschwert, und ich vertiefe meine Liebe zu diesem Land, bis es dann heißt, Abschied zu nehmen.
Inzwischen ist es Ende März, als mein Zug von Amsterdam nach Deutschland rollt. Die Temperaturen sind zwar auf ein erträgliches Maß angestiegen, doch die kahlen Bäume und die Farblosigkeit um mich herum lassen mich die Landschaft nachdenklich betrachten, die an meinem Abteilfenster vorüberzieht.
Wie ist es möglich, frage ich mich, daß sich hier in diesen Breiten so viele Menschen angesiedelt und vermehrt haben? Wie schaffen die Menschen es bloß, in dieser Tristesse glücklich zu sein?
Ich vermisse jetzt schon die heiteren Gesichter Asiens. Hier lächelt niemand und niemand nimmt Notiz vom anderen.
Der kleine Snack, den ich im Zugrestaurant von meinem letzten Geld verzehre, will nicht so richtig schmecken. Ich würge am Preis. Ich rechne immer noch in Baht, der Thaiwährung. Was ich für diesen lausigen Snack bezahlt habe, könnte mich in Thailand einen ganzen Tag kulinarisch verwöhnen.
Hat mich in Thailand der Kulturschock getroffen, so ist es hier der Währungsschock. Nach den fünf Monaten Lotterleben stelle ich fest, dass ich mich wieder resozialisieren muss. Noch fühle ich mich als Fremder in der Heimat.

Der erste Schritt auf dem Weg in meine Gesellschaft, ist der Weg über die deutsche Landesgrenze. In meinem Gepäck befindet sich ein kleines, aber womöglich folgenschweres Souvenir. Ich habe eine winzige Menge des bullenstarken Thaigrases aufgehoben. Bevor die deutschen Zöllner selbst für diese Menge noch ein Faß aufmachen, werde ich es rauchen und nur noch in meinem Körper aufgelöst ins Land ‘einschwärzen’.
Ansonsten könnte ich mehr Sanktionen erfahren, als wenn ich das letzte Nashorn auf Erden schmuggeln würde. Europa befindet sich schließlich immer noch in der Prohibitionszeit. In der Zugtoilette trage ich diesem inquisitorischen Phänomen Rechnung. Während des Rauchens, lasse ich die schönsten Bilder meiner Reise Revue-passieren. Immer wieder blendet sich die Realität dazwischen. Mit geschlossenen Augen und in dissoziierter Weise sehe ich mich in dieser Toilette stehen und beobachte mich wie bei einem perversen Akt.

High aber unauffällig, gehe ich auf meinen Platz zurück. Den ersten Teil der Eignung für die Heimat habe ich geschafft, wenn auch mit Schummeln. Da ich trotz meines Rucksacks keinerlei Anzeichen eines Szenemenschen abgebe, bleibt mein mühsam gepackter Sack an der Grenze unbehelligt. Anstelle roter Augen, hat mir die Natur einen wachen Blick geschenkt. Klare Aussprache und Augenkontakt, haben ebenso zu dem von mir gewünschten Abstand zum Grenzbeamten beigetragen.
Zuhause angekommen, geht die weitere Resozialisierung reibungslos voran. Allerdings habe ich mir auf der Reise einen Bazillus eingefangen. Dieser Bazillus ist aber nur psychischer Natur, mit unbekannter Inkubationszeit und ohne Symptomprognose.

Das erste, kaum merkliche Symptom, ist die Aufgabe meiner Wohnung mit Garten; denn ich habe schließlich den Garten Eden kennengelernt. Und bei meiner Wohnung stimmt das Preis-Leistungsverhältnis einfach nicht. Ich ziehe zu meiner Freundin und verschleiere vor mir selbst den Rückzug meiner Etablierung. In der nun folgenden Zeit geschieht das Unfaßbare. Am Ende des ersten Jahres im Zusammenleben mit Nicki, gehe ich an zwei Unterarmkrücken. Meine Hüftgelenke degenerieren in atemberaubendem Tempo. Ein unbeschreiblich schmerzhafter rheumatischer Prozess, in dessen Verlauf unsere sexuelle Beziehung Schaden nimmt. Ich bin zu einem normalen Koitus schlichtweg nicht mehr fähig. Nicki turnt mein schmerzverzerrtes Gesicht beim Liebesspiel immer mehr ab. Sie weiß halt oftmals nicht, wie sie mich berühren soll, aus Angst mir noch mehr Schmerzen zu bereiten.
Nach knapp zwei Jahren sind meine Hüftgelenke genauso verloren, wie mein Beziehung zu Nicki.
"Du, Markus, ich muß dir gestehen, dass ich mir von meinem Leben mehr versprochen habe, als mit dreißig einen pflegebedürftigen Mann zu haben."
Sie will mich also verlassen. Ich bin am Boden zerstört; zumindest glaube ich das. Auch wenn Nicki schon gleich zu Anfang unserer Beziehung sagte, dass es nicht gut für sie ist, sich trotz meiner Erkrankung mit mir einzulassen, trifft mich ihr konsequentes Verhalten am innersten Nerv.
"Weißt du eigentlich, daß ich kaum noch lachen kann, seit ich dich kenne, Markus?"
"Ist es wirklich so schlimm für dich gewesen?", frage ich sie am Ende unseres gemeinsamen Lebensweges.

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Tekky
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Hallo starcoin,

sei willkommen bei uns im Krimiforum!

Da ich nicht allzuviel Zeit habe, mache ich es kurz:

1. Mit welcher Textverabeitung hast Du Deinen Text verfasst (ich frage wegen der "s, die ich sehr gut von LaTeX her kenne).

2. Die Passage über die Verhaltensweisen der NL-Autofahrer finde ich zu lang. Ich denke, der Sinn dieses Abschnitts wird schon recht schnell klar.

2. Warum füllt der Erzähler Benzin aus dem Reservekanister in den Tank, obwohl er sich auf einer Tankstelle befindet?

3. Ab hier fängt eine Rückblende an, die aber den Weg in die Gegenwart nicht findet. Willst Du die Geschichte weiterschreiben?

4. „Für mich bedeutet, weder damals noch heute, der vielzitierte Schneider jedoch nicht das Ende meiner chronischen finanziellen Talsohle oder die langersehnte und nun bevorstehende Scheidung nach einem möglichen, zermürbenden Ehekrieg.“

Ich finde, das ist irgendwie verdreht. Der Spruch: Aus dem Schneider sein heißt zwar, dass man eine extrem schlechte Phase überwunden hat und es nun bergauf geht. Der Schneider selbst kann aber nicht das Ende einer Krise sein. Wenn überhaupt, dann ist es in diesem Zusammenhang die Personifizierung der Misere. (Aber bitte verbessert mich, wenn ich da falsch liege).

Dein Schreibstil ist gut, auch wenn Du manchmal etwas langatmig wirst. Sobald ich mehr Zeit habe, werde ich mal intensiver lesen. Versprochen!

Gruss
tekky


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Wenn es Sinn hat, etwas zu machen, dann hat es auch Sinn, es schlecht zu machen.(Gilbert Keith Chesterton)

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starcoin
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Hi Tekky!

vielen Dank für deine schnelle Kritik!

Ich habe einfach word benutzt...
den Hinweis zu dem NL-Fahrverhalten hatte mir tatsächlich auch schon mal jemand "gerügt". Dachte halt es ist wichtig, warum Plock die Verfolgung überhaupt registriert hat!

Die 'Tankstelle' war nur eine vermeintliche - imgrunde war es nur eine Raststätte!

Der Rest des skripts über quasi den Aufstieg und Fall eines deutschen Drogenkuriers ist schon fertig. Ich wollte halt erst mal nur einen Teil zum Besten geben.
von einigen aufrichtigen Freunden weiß ich, dass das ganze skript wohl sehr spannend unn unterhaltsam ist.

Habe trotzdem viele Standardabsagen von deutschen Verlagen erhalten...(haben es vermutlich nicht gelesen!)

Bin jedenfalls sehr, sehr dankbar für Kritik und Anregungen!

ciao Wolfgang

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Phantom
Guest
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Hier eine etwas intensivere Kritik ;)

Hi, schön ein neues Gesicht bei den "Kriminellen" zu sehen... fangen wir also mal an...

""Das darf doch nicht wahr sein!"
Zum Glück hört niemand mein Entsetzen. Oder vielleicht doch? Ich befinde mich zwar im Auto und auf dem Highway, aber die plötzlich aufkommende Paranoia, läßt mich an die Möglichkeit von Richtmikrofonen denken." Ich find das Wort "Highway" passt irgendwie nicht, wir sind in Europa (Holland) vielleicht wäre es gut, wenn du ab und zu ein paar holländische Begriffe miteinfließen lassen könntest (dann fühlt man sich noch oranje-hafter ) und Richtmikrofone?, Ich find das ein bisschen zu übertrieben, zwar wird der Leser hellhörig, bei dem Stichwort, doch ist das nicht ein bisschen zu dick aufgetragen?

Die Passage über die holländischen Fahrgewohnheiten ist zu lang, wie Tekky richtig bemerkt hat...

Vielleicht könntest du noch mehr ausholen, wenn die angebliche Zivilstreife direkt neben dem Fahrzeug deines Protagonisten ist... vielleicht, wie er den Blick den Polizisten einfängt... wie er die Kelle auf dem Amaturenbrett liegen sieht, und nur darauf wartet, das irgendeine Hand sie jetzt packt und aus dem Fenster hält... mehr Stimmung schaffen, nicht abbrechen!

"Die Borduhr zeigt 21.30 an und die Dämmerung nimmt stetig zu." Klingt irgendwie komisch, der Begriff "Borduhr"... hab ich noch nie in meinem Leben gehört... wann ist dein Protagonist eigentlich abgefahren... es fehlt jegliches Zeitgefühl beim Leser...

Hmm, irgendwie wundert es mich... an die 70 km Fahrt bis zur deutschen Grenze... von Arnheim? Klingt ein bisschen viel, wenn man an das "kleine" Holland denkt... hast du das richtig recherchiert?

Spätestens bei dem Gespräch mit dem Holländer auf dem Parkplatz könnte deine Erzählung ein paar holländische Brocken vertragen... sonst wirkt es nicht authentisch genug...

"‘Was ist bloß schiefgegangen?’ Natürlich habe ich früher schon öfter mal an die Möglichkeit gedacht, in flagranti aufgegriffen zu werden; doch habe ich diesen Supergau ..." Dieser Ausspruch kommt für mich zu früh... dein Protagonist hat ja bis dahin dann niemand verdächtiges mehr gesehen... am besten diesen Ausspruch erst nach dem Déjà-vu - Erlebnis platzieren...

Der Teil mit Thailand ist nett beschrieben, doch wirkt er irgendwie rangehängt und ich frage mich auch in wie weit dies für die Handlung auf dem Parkplatz wichtig ist... zwar wird in der "Thai-Rückblende" auch das Thema Drogen angesprochen, doch ich bezweifle das der Protagonist in dieser Situation diese Gedanken hegt... er würde eher alles mißtrauisch beobachten und über die Kenntnisse seinen Freundes bei der Polizei rezitieren als an Thailand und seine Vergangenheit denken...

Ich weiß nicht, seltsame Situation... Jane wird vergewaltigt, und dein Protagonist ist mit Evergreens beschäftigt... zwar ist er "high" doch ... hm... sind das nur Träume von ihm??? Das kommt nicht gut raus...

Am Ende frage ich mich, was eigentlich aus der spannenden Situation am Anfang wurde... sie wurde aufgegeben und eine Erzählung mit biografischem Charakter (die Thailand-Episode)wurde angefügt, zweifellos ganz gut beschrieben... aber nicht gerade für's Krimigenre geeignet (ich würd' sie an deiner Stelle streichen)...

Fazit: Dein Stil ist ganz gut... , doch ab und zu hat er ein paar "Längen"... die Formatierung störte, und ich würd' dem ganzen einen richtigen Titel geben, als nur dieses neutrale "Krimi"...

Gruß Phantom

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