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Leselupe.de > Krimis und Thriller
Diamanten sind unvergänglich
Eingestellt am 14. 04. 2003 22:29


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Jael
Hobbydichter
Registriert: Apr 2002

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DIAMANTEN SIND UNVERGÄNGLICH



1


Als ich aus dem Badezimmer zurückkam - das Badetuch um die Lenden geschlungen - summte der Wecker noch immer. Ich hatte vergessen, ihn abzustellen, als ich um genau 6.40 Uhr ins Badezimer ging. Das Läutwerk war auf 6.45 Uhr eingestellt und hatte zu surren begonnen, als ich gerade dabei war, mir den Rücken trocken zu reiben. Das Surr-Geräusch war tief und durchdringend; die ganze Wohnung schien zu vibrieren. Aber auf Loraine machte das keinerlei Eindruck. Sie hatte sich die Bettdecke über die Ohren gezogen; der Stoff zeichnete die Konturen eines Embryos nach. Sie holte den Schlaf nach, den sie die Nacht über versäumt hatte.
Die Digitalziffern zeigten 6.51 Uhr.
Um zum Nachttisch zu gelangen, auf dem der Wecker stand, musste ich durch das ganze Zimmer. Vorbei an diversen Möbelstücken, über die die Kleidungsstücke verstreut lagen, die Loraine und ich am Abend vorher auf dem Weg zum Bett eilig abgestreift hatten. Nach einigem Gestolpere erreichte ich schließlich den Knopf; ich drückte ihn, und der Wecker schwieg. Seine Ziffern zeigten 6.53 Uhr.
Ich ging zum mannshohen Schrankspiegel, um mich anzukleiden - begleitet wurde ich dabei von den regelmäßigen Atemzügen Loraines. Meine Kleidung wählte ich, wie stets, konservativ: Dreireiher mit Krawatte; die Farben beschränkten sich auf schwarz, weiß und Blau. Ich musterte meine fertig eingekleidete Erscheinung im Spiegel. Zufriedenstellend. Ein typischer Angestellter der gehobenen Kategorie. Mein Blick fiel auf die Brusttasche des Jacketts: Es fehlte das weiße Taschentuch. Ich lege Wert auf solche Dinge, deshalb ging ich zu einer Kommode und zog eine Schublade auf: Es erschien ein Stoß Hemden, allesamt weiß und säuberlich zusammengelegt und aufeinander gestapelt, daneben ein paar uni-Krawatten. Dahinter musste, ich bin in jeder Beziehung ordnungsliebend, der Stapel Taschentücher liegen, der nur dazu diente, mein Erscheinungsbild zu vervollständigen. Ich zog die Lade weiter heraus, und tatsächlich: Da lagen sie, genau so säuberlich zusammengefaltet und aufeinander gestapelt wie die Hemden. Ich nahm eines heraus, streifte dabei den Hemdenstoß, der daraufhin verrutschte und den Blick auf etwas Schwarzes freigab, das aussah wie ein Fleck, der auf dem darunter liegenden Hemd die letzte Reinigung überstanden hatte. Aber das war mehr als unwahrscheinlich; ein solches Hemd würde im Müllschlucker landen und nicht in einem meiner Schränke.
Im Spiegel sah ich, wie Loraine sich umdrehte. Ein blonder Haarschopf kam über der Bettdecke zum Vorschein. Dann eine Hand, die - eine mir sehr vertraute Geste - das Haar zurückstrich. In meiner Magengegend entstand ein leichtes schmerzliches Ziehen, als sie mich schläfrig anblickte. Ihr Lächeln folgte mit einer kleinen Verspätung. Ich lächelte zurück, ein wenig befangen, wie jeden Morgen, wenn ich die vergangene Nacht mit ihr verbracht hatte. Sie drehte ihr Gesicht wieder ins Kissen; der Haarschopf verbarg, was sie empfinden mochte.
Dann kam das Schwarze wieder in mein Blickfeld, das unter dem Hemdenstoß unvermittelt aufgetaucht war. Ich konnte nicht so viel davon erkennen, dass ich mit Sicherheit hätte sagen können, was es darstellte. Aber natürlich wusste ich es. Es gibt Dinge, die vergisst man nicht, auch wenn man sich viel Mühe gibt, sie zu verdrängen. Ich schob die Hemden beiseite - und da lag sie vor mir: schwarz und massiv und vermutlich schussbereit. Letzteres nahm ich an, da ich sie, seit ich sie mir besorgt hatte, nicht mehr angefasst hatte. Das angenehm melancholische Gefühl, das bei Loraines Anblick in mir entstanden war, verschwand und machte etwas anderem Platz: einer Mischung aus Scham und Minderwertigkeit, wie ich es auch empfand, als ich mir die Waffe besorgt hatte. Um diese unangenehme Empfindung loszuwerden, nahm ich sie auf, wog sie in der Hand, wie das jedermann aus zahllosen Filmen her kennt. Aber das Gefühl verschwand nicht.
Ich wollte sie schon zurücklegen, sie wieder unter dem Hemdenstoß verbergen, als ich erneut Loraines Blick im Spiegel begegnete. Sie saß mittlerweile im Bett; die Decke hatte sie sich bis zum Brustbein hochgezogen. Ihr sanftes Lächeln wich aus ihren Zügen je tiefer ihre Augen nach unten wanderten, verschwand schließlich gänzlich, als sie die Waffe in meiner Hand erreicht hatten. Obgleich es nicht unbedingt ein gutes Licht auf meine Qualitäten als Mann, als ganzer Kerl warf, hatte ich ihr nicht verschwiegen, unter welchen Umständen ich sie erworben hatte.
Ich musste bereits eine Menge Demütigungen einstecken, bevor ich auch nur an eine Stelle geriet, die mir - der ich in diesem Punkt über keinerlei Erfahrung verfügte - geeignet schien, zu dem zu kommen, was ich wollte. Es handelte sich um eine schäbige Nachtbar mit einem schäbigen Keeper hinter dem Tresen. Links und rechts von Huren umgeben, die in mir weniger ein Gefühl männlicher Selbstsicherheit als eines von kindlicher Unsicherheit hervorriefen, brauchte ich ein halbes Dutzend Anläufe, bis ich dem Mann nahe gebracht hatte, woran ich interessiert war. Als er es endlich begriffen hatte (und dabei zu erkennen gab, dass er es schon längst gewusst hatte, mich aber ein wenig am Angelhaken zappeln sehen wollte), übergab er mich einer Art Bodyguard, der mich in ein Hinterzimmer brachte.
Dort angekommen, Weiblichkeit war nur noch in Form eines Hochglanz-Monatskalenders vertreten, fühlte ich mich eher noch unwohler. Der Bodyguard hatte mich mit einer knappen Geste durch eine Tür gewiesen und war dann verschwunden. Die Tür schnappte hinter mir ein und ich sah mich einem Mann hinter einem klobigen Schreibtisch gegenüber, dessen Äußeres nur als unbeteiligt zu beschreiben war. Seine Miene verriet nichts von dem, was er angesichts seines Besuchers empfand. Er war weit jenseits der Fünfzig und ließ - so schien es mir zumindest - beinahe eine halbe Stunde vergehen, ehe er das Wort an mich richtete.
Während ich vor der Kommode stand und den Blick Loraines auf mich gerichtet fühlte, stieg in mir sogar der Geruch jenes Zimmers in die Nase: eine unangenehme, beinahe ekelerregende Mischung aus edlem Gehölz, billigem Parfum und Männerschweiß. Selbst nach so vielen Monaten, die seit meiner Anwesenheit in diesem Zimmer vergangen waren, fühlte ich mich, als stünde ich in diesem Augenblick jenem Mann gegenüber, der mir endlich das offerierte, wonach ich seit Wochen gesucht hatte.
Der Mann holte die Waffe samt einem Magazin aus einer Schublade und schob beides an das vordere Ende des Schreibtisches. Mit einer Geste forderte er mich auf, die Ware zu begutachten. Ich nahm die beiden metallenen Gegenstände auf, besah sie mir flüchtig - selbst wenn es so war, hätte ich nicht feststellen können, ob man mich betrog oder nicht - und bezahlte dann die Summe, die der Mann mir genannt hatte, während ich seine Ware vermutlich reichlich ungeschickt in den Händen hielt.
Die Summe erschien mir lächerlich klein. Ich hatte ein Vielfaches des geforderten Betrages in der Tasche. Ein Ding, mit dem man immerhin ein Menschenleben auslöschen konnte, schien mir einfach sehr teuer sein zu müssen. Viel teurer, als der Betrag, der mir mit einem verständig-spöttischen Lächeln genannt worden war.

*


Ich strich die Hemden über der Waffe glatt. Und war mir bei jeder Bewegung nur zu deutlich der Blicke Loraines bewusst. Als ich ihnen wieder begegnete, sah ich, dass in ihr angesichts der Waffe ähnlich unangenehme Empfindungen aufgestiegen waren wie in mir. Zwar war sie es gewesen, die eine Waffe ins Spiel gebracht hatte, aber sie hatte - lange vor mir selbst - diesen Gedanken auch wieder verworfen. Es genügte, so ihr Standpunkt, wenn unsere gekauften Räuber im Ladenraum mit Waffen herumfuchtelten, um die Sache halbwegs glaubwürdig zu gestalten. Wir beide organisierten das Ganze - Waffen waren dazu völlig unnötig, womöglich sogar hinderlich.
Ich wünschte, ich hätte früher auf sie gehört. Natürlich war die Beschaffung dieser Waffe nur eine Nebenepisode in unserem großen Plan. Aber jetzt, da sie mir so deutlich wie schmerzlich in Erinnerungen gerufen worden war, ließ sie in mir Zweifel aufkommen. Ist unser Plan wirklich so gut durchdacht, wie ich bisher geglaubt habe, fragte ich mich. Hatten wir nicht irgendetwas Wesentliches übersehen? War das Ganze nicht ein wenig zu durchkonstruiert und -getimt?
Unsicher geworden musterte ich erneut meine Erscheinung im Spiegel.
Und das, was ich sah, ließ meine Zweifel wieder ein wenig schwinden. Niemand käme auf den Gedanken, in mir einen Kriminellen zu sehen. Ich entsprach schlichtweg nicht dem Bild, das man im Allgemeinen von einem Räuber hatte. Die Waffe ... nun, die Waffe war ein Fauxpas. Ich war mir sicher, dass sie der einzige in dieser ganzen Angelegenheit blieb.
Energisch rückte ich mir die Krawatte zurecht.
Loraine blickte mich noch immer an. Ich lächelte ihrem Spiegelbild zu. Sie lächelte zurück. Ein wenig reserviert, wie mir schien. Aber vermutlich empfand sie noch immer die Unsicherheit, die ich gerade überwunden hatte. Raub war schließlich keine Kleinigkeit. Das konnte einen schon ein wenig durcheinander bringen (erst recht galt das für eine Frau wie Loraine).


2


Wie jeden Tag kam ich als erster in den Juwelierladen. Loraine war stets die zweite, gleichgültig, bei wem sie die vergangene Nacht verbracht hatte, bei mir oder ihrem Mann. Ich wollte nicht an Georg Maier denken; er war mir nicht unsympathisch, er war mein Chef, aber er war auch Loraines Mann, und in dieser Rolle vermied ich jeden Gedanken an ihn (vielleicht aus Furcht, ich könnte noch dunklere Tiefen in mir entdecken als die, einen Raubüberfall zu planen und auszuüben).
Per Fernsteuerung öffnete ich von innen das Stahlgitter vor der Tür, zu der man von der Hauptstraße nur um ein Paar Ecken durch eine Arkade gelangen konnte. Auch an diesem Morgen klemmte das Gitter der Tür auf halbem Wege, bevor es nach einigem Stottern anstandslos oben einrastete. Alles wie immer, dachte ich. Was bestimmt ein gutes Omen war. Automatisch fiel mein Blick auf die Uhr über dem Eingang: Sie zeigte digitale 8.36.
Ich ging nach hinten in den separaten Tresorraum. Ich musste dazu mehrere Mauervorsprünge und einige massive Blumentöpfe mit mannshohen Gewächsen umsteuern. Der Raum war von vorn, wo die Kunden sich aufhielten, nicht einzusehen. Ich trat an den Tresor und betrachtete die drei Kombinationsschlösser und die beiden Schlüssellöcher eingehend. Es war eine Art Meditationsübung, die ich jeden Morgen absolvierte.
Hinter dieser Stahltür lagen die wertvollsten Stücke, über die MEYER & MAIER verfügte, jene Stücke, die tagsüber in den Spezialvitrinen mit dem dicksten Glas und den kompliziertesten elektronischen Sicherungen ausgestellt lagen. Versicherungswert zusammengenommen: knapp fünf Millionen (grob geschätzt, denn genaue Zahlen kannte auch ich, die rechte Hand Georg Maiers und Liebhaber seiner Frau, nicht).
Meine Armbanduhr - eine Funkuhr wie die über dem Eingang - zeigte 8.45.
In einer Viertelstunde würde Loraine erscheinen, den Tresor öffnen und die wertvollen Stücke - unter meiner Mithilfe - in den entsprechenden Vitrinen auslegen. Der Unterschied zu den Wochen und Monate zuvor war, dass die Stücke am Abend nicht wieder in den Tresor zurückgebracht würden.
Wir hatten den Plan gemeinsam ausgetüfftelt, häufig genug im Bett: "danach" wie "davor" oder "dazwischen". Loraines Mann, mit dem sie seit fünf Jahren verheiratet war, hatten wir die Rolle des Opfers zugedacht, uns beiden die der Täter und Nutznießer, derjenigen, die die Fäden in der Hand hielten.
Die Waffe, die ich besorgt hatte, war sinnlos gewesen - ein Fehler der Anfangsphase in unserer Planung. Ich brauchte keine Waffe; imgrunde war das von vornherein klar, aber irgendwie ging das in den ersten Gedankengängen, die wir auf unseren Plan verwendeten, verloren. Aber die Männer, um die ich mich wenig später unter ähnlich demütigenden Bedingungen bemühte, waren nicht sinnlos. Wir waren auf sie angewiesen; ohne sie wäre unser Plan nicht durchführbar. Irgendwie landete ich schließlich bei Ricky und Fuller. Der eine jung, einfältig, spontan, hatte nur die "große Kohle" im Blick, war aber, wie mir versichert wurde, zuverlässig und lenkbar in seinen Aktionen. Der andere, Fuller, war älter, daher erfahrener, ging nicht wie ein blinder und geldgieriger Jugendlicher durch die Welt, sondern als Profi, der die Risiken kalt berechnete und entsprechend handelte. Ein für unsere Zwecke durchaus ideales Paar. Was es erträglicher machte, dass es beinahe ein Drittel von dem kassierte, was nach den Abzügen bei unserem Hehler (ebenfalls von mir organisiert) übrig blieb. Ich musste das akzeptieren, da sie immerhin die größten Risiken trugen - die Bullen würden sich, ginge etwas schief, vor allem an sie halten; außerdem war es nicht möglich, das Ding ohne sie durchzuziehen.
Als ich aus dem Tresorraum wieder nach vorne in den Verkaufsraum kam, zeigte die Uhr über dem Eingang 8.57. Und obwohl der Laden erst um zehn Uhr öffnete, schlug die altmodische Türglocke an, um das Erscheinen Loraines durch den Kundeneingang anzukündigen. So verfuhr sie (anders als ihr Mann, der stets den dezenten Hintereingang benutzte) jeden Morgen, fegte als gut gelauntes Energiebündel herein und überrollte mich mit dieser ihrer Fröhlichkeit. Ich war ein Typ, der erst im Laufe des Vormittags langsam in Fahrt kam, und so faszinierte mich für gewöhnlich diese ihre Energie, die sie schon um diese frühe Stunde an den Tag legte. Weniger faszinierend fand ich allerdings, dass sie das jeden Tag tat - gleichgültig, ob sie die Nacht bei mir oder bei ihm verbracht hatte.
"Guten Morgen", sagte sie, als sie mich sah. Alle ihre strahlend weißen Zähne waren dabei zu sehen. Sie ging auf mich zu und drückte mir einen Kuss auf die Wange. Als ich nicht darauf reagierte, machte sie eine Bemerkung über meine morgendliche Missmutigkeit und küsste mich direkt auf den Mund. "Vielleicht wirkt es ja", lachte sie.
Statt auf ihre Frivolität einzugehen, erwiderte ich knapp: "Guten Morgen."
Sie musterte mich eine Weile und fragte dann plötzlich sehr ernst: "Wir können nicht mehr zurück, nicht?"
"Nein", erwiderte ich, "das können wir nicht. Sie stehen bereit. Es ist neun Uhr fünf. Alles läuft jetzt strikt nach Zeitplan."
Nach diesem kurzen Augenblick völliger Ernsthaftigkeit, wurde sie wieder frivol und zuckte die Achseln. "Schön", sagte sie. "Bringen wir es also hinter uns."
Sie öffnete den Tresor. Als die Tür aufschwang, beeindruckte mich wie stets eine Weile der Anblick der Juwelen. Natürlich war das Glitzern und Funkeln, das Leuchten in den verschiedensten Farben beeindruckend, aber jetzt, wo der Zeitpunkt des Überfalls sehr nahe gerückt war, bedeuteten die Steine nur Geld für mich. Ich - oder vielmehr es rechnete in mir, wie lange ich damit in einem paradiesischem Südseestaat würde auskommen können.
Die Zahl der Jahre, auf die ich dabei kam, war überraschend groß. Beeindruckend groß. Es dauerte eine Weile, bis ich wieder auf den Boden der Fakten zurückfand. Noch war es nicht so weit.
"Du weiß ja, was du zu tun hast", sagte sie und übergab mir einen Schlüsselbund mit den Schlüsseln für die einzelnen Vitrinen samt einem kleinen schwarzen Kasten, der mit allerlei elektronischer Sicherheitstechnik voll gestopft war. Nur mit beidem - einem Schlüssel und der Box - konnte man die Vitrinen im Kundenraum öffnen.
Ich nahm beides, dazu noch die Schmuckstücke auf ihrer Samtunterlage für die erste Vitrine und ging nach vorn.

*


Nachdem ich die erste Vitrine geöffnet hatte, begann ich die Schmuckstücke nach dem von Loraine entworfenen Plan zu arrangieren. Viele Wochen lang hatte ich dazu ein Stück Papier gebraucht, auf dem die Lage jedes einzelnen Steins, jeden Rings, jeder Kette, jeden Diadems skizziert war. Inzwischen wusste ich für alle der teuren Vitrinen die Anordnung des Glitzers auswendig.
Um 9.45 - ich stand an der vierten und letzten Vitrine - sah ich durch das Glas eines der Schaufenster den soliden Familienwagen meiner Crew vorfahren. Von den Insassen konnte ich nichts erkennen, da sich die Aufschrift der Scheibe genau auf Höhe ihrer Köpfe befand.
Sie waren pünktlich auf die Minute, was vermutlich Fuller zu verdanken war. Der Profi legte Wert darauf, dass der Zeitplan akribisch eingehalten wurde. Improvisieren würde er erst, wenn es die Lage unbedingt erforderte, also wenn irgendetwas im Begriff war schiefzugehen. Aber damit rechnete ich nicht. Das Timing war perfekt. Das ganze Unternehmen würde so präzise laufen wie die funkgesteuerte Uhr über dem Eingang (die jetzt 9.48 anzeigte).
Als ich gerade die letzten Stücke auslegte, hörte ich, wie die Hintertür geöffnet wurde.
Georg Maier, der Inhaber von MEYER & MAIER und Gatte von Loraine, betrat, wie jeden Morgen um diese Zeit, sein Geschäft.
Meine Magenmuskeln zogen sich einen Augenblick zusammen. Nur allzu genau sah ich den Mann vor meinem inneren Auge, wie er, schwer und muskulös, zielstrebig und selbstsicher, über den Flur in sein Büro marschierte und dabei penetrant viel Energie und Tatkraft verströmte. Der Mann schien ständig unter Strom zu stehen, schien immer irgendetwas Geschäftliches am Laufen zu haben. Er war die Seele und der Motor von MEYER & MAIER. Nicht umsonst hatte er sein Geschäft zum führenden der Stadt gemacht.
Ich schloss die Vitrine ab, begutachtete noch einmal das Arrangement der Schmuckstücke - es war perfekt - und wandte mich dann Loraine zu, die hinter der Kasse stand. Die Lade stand offen und sie zählte den Inhalt der Geldfächer ab. Auch das war jeden Morgen um diese Zeit so. Ungewöhnlich war allerdings, dass ihr Mann, noch mit Hut und Mantel bekleidet, neben ihr stand.
Ansonsten war es nämlich so, und zwar die letzten zehn Monate über, die ich nun für ihn arbeitete, dass er erst einmal eine Zeitlang in seinem Büro herumhantierte, bevor er - niemals vor 8.00 Uhr - im Ladenraum erschien.
Gefiel mir nicht. Hatte es wirklich, wie immer behauptet wird, etwas zu bedeuten, wenn eine Gewohnheit plötzlich durchbrochen wird? Kriminalisten sollen davon ja ausgehen. Oder war es in diesem Fall doch nur Zufall? Vielleicht hatte er irgendeine Kleinigkeit zu Hause vergessen und wollte Loraine davon in Kenntnis setzen. Vielleicht wollte er sie auch über einen Termin informieren, der sich kurzfristig ergeben hatte. Vieles, fast alles, war möglich.
Während er sprach, sah ihn Loraine mit einem Blick an, der nicht zur Entspannung meiner Magenmuskeln beitrug. Es hatte etwas Verschwörerisches an sich; als teilten sie ein Geheimnis, dessen Unappetitlichkeit nur Geflüstere und Geraune vertrug. Gefiel mir ebenfalls nicht. Andererseits konnte es natürlich sein, dass ich überall Verschwörungen sah, wie ich selbst eine ausgeheckt hatte.
Als ich Loraine fast erreicht hatte, griff Georg Maier nach seinem Koffer, den er kurz abgestellt hatte, und verschwand, ohne mich anzusehen, in seinem Büro. Auch Loraine sah mich eine Weile nicht an, während sie weiterhin das Geld in der Kasse zählte.
"Alles in Ordnung?", fragte ich.
Sie nickte. Ich legte den Schlüsselbund und die Elektronikbox auf den Kassentisch. "Alles in Ordnung", wiederholte sie in Worten. Sie sah nicht auf dabei. Als schien sie sich für irgendetwas zu schämen. Offenbar fiel es ihr, je näher der bewusste Zeitpunkt kam, immer schwerer, sich damit abzufinden, dass sie gerade dabei war, ihren Mann im Komplott mit ihrem Liebhaber über den Tisch zu ziehen.

*


9.58 Uhr.
Ich ging - exakt nach Plan - zur Eingangstür und schloss sie auf. Beinahe synchron zum Geräusch, das der Schlüssel im Schloss verursachte, hörte ich draußen das Knallen von Wagentüren. Meine Hand zitterte ein wenig, als ich den Schlüssel herauszog. "Keine Nervosität jetzt!", mahnte ich mich selbst leise. "Es kann und es wird nichts schiefgehen!"
Ich wandte mich von der Tür ab - mir nur allzu deutlich meiner Männer bewusst, die gleich den Laden stürmen würden - und ging zurück in den Ladenraum. Loraine saß noch immer am Kassentisch und blickte müßig in den Raum hinein. Auch das war eine winzigkleine Abweichung vom Gewohnten: Normalerweise sah man sie nur kurz vor Öffnung des Geschäfts hinter der Kasse, wenn sie den Bestand an Bargeld überprüfte. Danach verschwand sie nach hinten, entweder im Büro ihres Mannes oder im Tresorraum oder auch im Aufenthaltsraum, der einmal für die Angestellten eingerichtet worden war, und eine Mischung aus Küche und Wohnzimmer darstellte.
Sie mochte den Platz an der Kasse nicht, da er sie wie eine simple Angestellte von MEYER & MAIER erschienen ließ. Doch rechtlich war sie auch kaum mehr. Zwar bildete ihr Name, MEYER, den ersten Bestandteil des Firmennamens, doch hatte ihr Vater, der Begründer des Juweliergeschäfts (damals noch schlicht JUWELIER MEYER), es nicht geschafft, sich im Kampf gegen immer mehr Konkurrenten zu behaupten. Sein Laden stand kurz vor dem Konkurs, als sich seine Tochter in Georg Maier verliebte; wenig später heiratete sie ihn, den studierten Wirtschaftler. Loraines Vater setzte sich zur Ruhe (die ihm von Georg Maier finanziert wurde), woraufhin der junge Maier die Leitung des Geschäfts übernahm, dessen Namen bald in MEYER & MAIER geändert wurde. Wohl zu Recht, denn Georg Maier schaffte innerhalb weniger Monate, was Loraines Vater über Jahrzehnte nicht gelungen war: das Geschäft zu einer Goldgrube zu machen. Gelegentlich ließ Georg Maier eine Bemerkung fallen, dass der Name des Ladens rein traditionelle Gründe habe; die tatsächlichen Verhältnisse rechtfertigten durchaus ein MAIER & MEYER. (Ein MAIER allein fand er wohl trotz der "tatsächlichen Verhältnisse" als ein wenig zu schlicht, um als Namen für das führende Juweliergeschäft der Stadt zu dienen.) Wahrscheinlich war das auch ein Grund, neben ihrer Liebe zu mir, dass Loraine sich auf das Unternehmen eingelassen hatte, das jeden Augenblick starten würde.
Es war jetzt 10.01 Uhr. Georg Maier war mittlerweile aus seinem Büro gekommen und schlenderte zwischen den Vitrinen hindurch, gab sich gelegentlich den Anschein, als prüfte er die Anordnung der Schmucksteine. Loraine saß nach wie vor am Kassentisch. Der Kundenraum war um diese frühe Stunde leer. Das war nicht immer so, aber es war Hochsommer, ein sehr heißer Tag angekündigt, und die Leute hatten zumeist Besseres zu tun, als einen Juwelierladen in der Innenstadt zu besuchen. Die Ziffern der Uhr wechselten auf 10.02 Uhr, dem abgemachten Zeitpunkt.
Und quasi zeitgleich mit dem Wechsel der Ziffern ertönte die altmodische Türglocke. Loraine hielt ihre Augen auf die Kasse gesenkt, als sähe sie gerade in diesem Augenblick irgendetwas von Bedeutung zum ersten Mal, das sie sich unbedingt einprägen müsste. Maier wendete, ganz routinierter Geschäftsmann, den Kopf in Richtung dieses Geräusches.
Wen er sah war Ricky.
Und wer Ricky sah, wusste in der Regel, woran er war. Aber als Geschäftsmann dachte Maier anders - zumindest vorläufig. Man konnte ja nie wissen, ob man nicht einen exzentrischen Jungmillionär vor sich hatte, der sich darin gefiel, in abgerissenen Jeans einen Juwelierladen zu betreten, und der dann, hatte er sich entschieden, ein Bündel zerknitterter Hunderter oder sogar Tausender aus irgendeiner Tasche herauszog, um damit das edelste und teuerste Stück des ganzen Ladens zu erwerben.
"Sie wünschen?", fragte Maier glatt, indem er auf Ricky zutrat.
Dieser grinste, breit und ein wenig - wie ich fand - dreckig. Was mich verständlicherweise nervös machte. Er sollte sich nicht zu sehr heraushängen lassen, dass er imgrunde gar nichts wünschte. Jedenfalls nichts, was einen Geschäftsmann wie Maier Freude bereitete.
"Ehm", machte Ricky.
Maier überging diese Unsicherheit des vermeintlichen Kunden. "Einen Verlobungsring?", fragte er, weil es das Wahrscheinlichste war, was ein Mann wie Ricky wollen konnte und wandte sich einer Vitrine der mittleren Preisklasse zu. Ricky folgte ihm, wirkte dabei plötzlich unsicher, als bewegte er sich auf schwankendem Boden. Maier verstand das falsch und versuchte dem potentiellen Kunden die Unsicherheit, die diesen eingeholt hatte (eine Erfahrung, die Maier schon oft erlebt hatte), mit belanglosem Geplaudere zu nehmen.
Ich wusste es natürlich besser. Die Uhr zeigte 10.05 Uhr und Ricky müsste jetzt zur Sache kommen. Doch dazu musste Fuller in der Tür erscheinen. Und genau das war bisher nicht geschehen. Auch mich verunsicherte dies. Was musste geschehen, dass ein Mann wie Fuller vom ausgearbeiteten Zeitplan abwich? Ich ging zu einem der Schaufenster. Ich sah Fuller noch immer hinter dem Steuer des Wagens sitzen, den er vor Kurzem irgendwo gestohlen hatte. Meine Uhr zeigte inzwischen 10.06 Uhr, und Fuller sollte längst den Laden betreten haben. Was ließ ihn zögern? Ich konnte nichts erkennen, was sein Verhalten rechtfertigen würde. War es das Misstrauen, das er mir, dem beschlipsten Vertreter des geschäftstüchtigen Bürgertums entgegenbrachte? Es gab kaum einen Wortwechsel zwischen uns, in dem das irgendwann nicht zur Sprache käme. Andererseits hielt ich ihn für professionell genug, um sich bei der Durchführung eines Coups von derartigen Ressentiments nicht beeinflussen zu lassen. Eine Einschätzung, die sich bestätigte, als er aus dem Wagen stieg, noch bevor er mich gesehen haben konnte. Er ging auf die Ladentür zu wie ein ganz gewöhnlicher Kunde. Er war gut gekleidet, bewegte sich überzeugend natürlich, und jedermann würde ihm abnehmen, dass er einen Laden wie MEYER & MAIER einmal die Woche betrat.
Ich blieb am Schaufenster stehen, schaute aber nicht mehr nach draußen, sondern sah Ricky zu, wie er einen voluminösen Ring zwischen den Fingern herumdrehte. Der Stein, den das Schmuckstück zierte, war gewiss mehr wert als er in seinem ganzen bisherigen Leben hatte zusammengaunern können. Überrascht registrierte ich, dass selbst Ricky für die ästhetische Empfindung, die dieser Stein in einem Menschen auszulösen vermochte, nicht gänzlich unempfänglich war. Er hielt den Ring hoch und drehte ihn im Morgenlicht, das durch die Fenster fiel. Dann ging die Tür auf und Ricky riss sich vom Funkeln des Brillanten los. Nachdem er sich mit einem Seitenblick davon überzeugt hatte, dass es wirklich Fuller war, der hereingekommen war, griff er unter seine Jacke und zog einen Revolver hervor (Kerle wie Ricky benutzen immer Revolver, speziell Colts großen Kalibers). "Schön", sagte er und streckte Maier den Ring entgegen, "dann sollten wir jetzt allmählich zur Sache kommen." Er griff noch einmal unter die Jacke und beförderte einen leinenen Beutel hervor, den er Maier hinhielt. "Öffnen Sie die Glasschreine und packen Sie das Zeug in den Sack."
Maier starrte auf den Beutel und die Waffe; er gab keinen Laut von sich, sondern runzelte nur leicht die Stirn. Er schien weit entfernt von Angst oder Panik zu sein. Nahm er Ricky nicht Ernst? Oder war er abgebrühter als ich dachte? Etwa, weil er einer solchen Situation schon einmal gegenüber gestanden hatte (wovon ich allerdings nichts wusste). Dass auch Loraine ruhig blieb, weiterhin in den Raum schaute, als sähe sie darin nichts weiter als ein paar Kunden, die unschlüssig zwischen den Vitrinen hin und her wanderten, war zwar verständlich (schließlich wusste sie Bescheid), aber könnte sie nicht wenigstens so tun, als hätte sie Angst?
Fuller war mittlerweile so weit nach vorn gegangen, dass er von Maier und auch Loraine gesehen werden konnte. Er hielt eine Pistole in der Hand, eine kleine, unauffällige. "Tun Sie, was er Ihnen sagt", sagte Fuller ruhig. Weder sein Gesicht noch seine Augen drückten irgendeine Empfindung aus. Ihm sah man den Profi an.
"Ja, natürlich", sagte Maier und nahm den Beutel an sich. Er begann, die Schmucksteine der bereits geöffneten Vitrine hineinzupacken.
Ich beobachtete das Geschehen wie aus weiter Ferne. Fragte mich unaufhörlich, ob das Ganze nicht viel zu leicht zu durchschauen war. Gerade weil diese ganze Show nur für einen einzigen Menschen im Raum gegeben wurde - für Georg Maier -, musste sie echt wirken. Niemals durfte der Verdacht aufkommen, dass Loraine, seine Frau, oder ich, sein vielversprechendes Verkäufertalent, bei diesem Überfall die Finger im Spiel hatten. Warum zum Teufel also musste Ricky seine Waffe wie ein Killer zu Valentine's Day handhaben? Musste Fuller die Miene eines Roboters zur Schau tragen? Alles wirkte auf mich wie die billige Inszenierung eines Gangsterfilm (aus einer Zeit, als diese noch in schwarz/weiß gedreht wurden)
Auch Loraine trug nichts dazu bei, diesen Eindruck zu mildern. Sie saß nach wie vor hinter der Kasse, wirkte unbeteiligt bis zur Selbstaufgabe. Musste sie sich so deutlich anmerken lassen, dass sie hier quasi nur der Inszenierung eines Theaterstücks beiwohnte?
Aber immerhin waren wir im Zeitplan. Es war mittlerweile 10.17 Uhr, und Maier packte gerade die letzten Stücke der letzten der teuren Vitrinen in den Sack. Das Geschäft war seit einer Viertelstunden geöffnet. Natürlich war es nach wie vor unwahrscheinlich, dass ein Kunde den Laden betrat - wegen Hochsommer et cetera -, aber Fuller wandte sich immer wieder zum Eingang um. Er wirkte dabei keineswegs nervös, sondern nur wie der Profi, der sich Sorgen machte, dass in diesem Stadium, dem Ende des Projekts, noch durch einen dummen Zufall irgendetwas schiefgehen könnte. Käme jetzt ein Kunde in den Ladenraum, den es mir nicht schnell genug gelingt abzuwimmeln, könnte die Situation recht unübersichtlich werden. Und Fuller verabscheute unübersichtliche Situation. Das war womöglich das Einzige, was mich mit ihm verband.
"Werfen Sie ihm den Beutel zu", sagte Fuller zu Maier, noch bevor dieser die letzten Stücke der Vitrine darin hatte verstauen können. Ricky wollte protestieren, aber der Blick Fullers und der Umstand, dass dessen Waffe einen Augenblick neben Maier auch ihn, Ricky, im Visier hatte, ließen ihn stumm bleiben. Er fing den Beutel mit der linken Hand auf und drückte ihn gegen den Bauch.
"Raus jetzt", sagte Fuller.
Ricky gehorchte, wollte auf seine Show aber nicht verzichten. Mit dem Rücken voran arbeitete er sich auf den Ausgang zu, während er seinen Colt abwechselnd auf Maier und Loraine und (sehr nachlässig) auf mich ausrichtete. "Keine Dummheiten", brüllte er, obgleich niemand Anstalten machte, dergleichen zu begehen.
Als er endlich durch die Tür verschwunden war, schien es mir, als blickten ihm Loraine und ihr Mann nach, als hätten sie gerade dem Auftritt eines Schauspielers beigewohnt, mit dessen Leistung sie nicht ganz zufrieden waren.
Um 10.28 Uhr stürzte ich, vielleicht ein wenig übertrieben, weil ich zu sehr darauf erpicht war, die Rolle des loyalen Angestellten zur Schau zu stellen, zum Telefon und wählte die Nummer der Polizei.


3


Es dämmerte bereits. In einer Stunde würde es stockdunkel sein. Was für eine Gegend wie diese allerdings nur von Vorteil sein konnte: Die Fassaden der Häuser, zumeist Fabrikhallen, waren von grünen und braunen Flechten überzogen, die Bürgersteige wiesen große, moos- oder mit sonstigem Unkraut bewachsene Lücken zwischen den Pflastersteinen auf. Die Straße, auf der ich hierher gefahren war, war eng und holprig und würde vermutlich noch Jahre auf einen Ausbesserungstrupp der Stadtwerke warten müssen (falls je einer erschien).
Ich fuhr einen schmalen Betonstreifen auf der Längsseite einer riesigen Wellblechhalle entlang. Die Reifen surrten gleichförmig über Beton, durch die geöffneten Seitenfenster drang das knatternde Echo, das das Wellblech zurückwarf. Nach bestimmt zweihundert Metern gelangte ich endlich an das Tor, das mich mit meinen ... Komplizen - ein Wort, das mir noch immer schwer über die Lippen kam - zusammenbringen sollte.
Ich stieg aus dem Wagen aus und schlug einige Male mit geballter Faust gegen das eiserne Tor.
Meine Schläge hallten in der riesigen Halle, die sich hinter dem Schiebetor ausdehnte. Die Firma, der sie einmal gehört hatte, war längst Pleite gegangen, wie die meisten, die diese Straße einst als ihren Firmensitz gewählt hatten.
Ich musste sehr lange warten, bis ich Schritte hörte, die sich dem Tor näherten. Es mochte aber auch sein, dass ich seit meiner letzten Begegnung mit Loraine ein wenig empfindlich in puncto Wartezeit war. Ich hatte über eine Stunde an einem Tisch in einem billigen, vor allem von jugendlichen frequentierten Restaurant auf ihr Erscheinen gewartet. Und als sie endlich erschien, war ich es, der sich für sein frühes (eigentlich pünktliches) Erscheinen entschuldigte, nachdem sie vorgebracht hatte, dass sie im Geschäft aufgehalten worden war. Weshalb sagte sie nicht.
Sie setzte sich mir gegenüber, gab sich sehr kühl und unnahbar. Beinah hatte ich das Gefühl, als würde ich mich mit jemandem unterhalten, der die Ereignisse des Morgens schon wieder vergessen hatte. Aber wahrscheinlich war es einfach so, dass sie sich ihrem Mann gegenüber schuldig fühlte. Sie hatte ihn ausgenommen, ihn um einen guten Teil seiner Einlagen gebracht, den sie mit ihrem Geliebten, mich, durchzubringen gedachte. Das mochte, sagte ich mir, ihr seltsam distanziertes Benehmen erklären. Wir besprachen noch ein paar Einzelheiten, wie wir vorgehen sollten, nachdem ich das Geld für die von uns gestohlenen Steine kassiert hatte. Dann verabschiedeten wir uns. Auch das geschah ihrerseits, wie mir schien, sehr unterkühlt.
"Wurde auch Zeit", sagte Fuller, indem er das Tor aufschob. "Wir haben ... äh ... gewisse Probleme."
Ich ging nicht darauf ein. Fuller war jemand, der überall Probleme sah, gleichsam vorsichtshalber. "Ist unser Mann schon da?", fragte ich stattdessen.
"Ja, allerdings." Fullers Gesicht verzerrte sich zu einer Art Lächeln. "Kann man wohl sagen."
Bis auf einen Tisch und einen Stuhl, die etwa fünfzig Meter vom Tor entfernt standen, waren die Hunderte von Quadratmetern der Halle völlig leer. Lediglich Betonsäulen, die die oberen Stockwerke trugen, unterbrachen den monotonen Steinboden.
Auf dem Stuhl vor dem Tisch saß ein Fremder und sah durch ein Mikroskop, das auf dem Tisch stand. Neben dem Instrument lag ein Haufen Schmucksteine. Ich erkannte sie alle wieder; allesamt stammten sie aus den teuren Vitrinen von MEYER & MAIER. Der Fremde, Fuller hatte ihn besorgt und ihn uns als Steiner vorgestellt, ich selbst hatte ihn noch nie zu Gesicht bekommen, nahm den Stein, den er gerade begutachtet hatte, aus dem Objekthalter und ersetzte ihn durch einen weiteren aus dem aufgehäuften Berg edler Juwelierskunst.
Ricky stand unruhig und zappelig daneben. Fuller ruhig und gefasst.
Mich beschlich ein seltsames Gefühl beim Anblick dieses Arrangements aus dem Mikroskop, dem Experten, dem nervösen Ricky und dem gelassenen Fuller. Irgendetwas war dabei, aus den klar vorgegebenen Bahnen des Plans zu geraten. Oder war bereits weit außerhalb desselben. Der Experte nahm den zuletzt begutachteten Stein aus dem Objekthalter, und die Miene, die er dabei aufsetzte, ließ ein schmerzhaftes Ziehen in meiner Magengegend entstehen.
Er legte den Stein beiseite. "Reine Zeitverschwendung", sagte er. "Dafür" - er deutete auf die Edelsteine von MEYER & MAIER - hätten Sie keinen Experten wie mich gebraucht."
"Das heißt?", fragte Fuller ruhig.
"Gut gemacht, zweifellos, aber nur Glas. Am Bahnhof laufen genug Leute herum, die Ihnen das für weniger Geld hätten sagen können."
"Glas?" Rickys Stimme wurde hysterisch. "Was will er damit sagen?", wandte er sich an Fuller.
"Eben Glas", erwiderte dieser ruhig. "Keine Brilianten, Diamanten, Smaragde und so weiter, sondern Glas." Er griff in den Haufen auf dem Tisch, ließ sich die Steine durch die Finger rieseln. "Wunderschön, aber nur aus Glas."
Steiner begann, das Mikroskop zusammenzupacken, als er fertig damit war, stand er auf und kam darauf zurück, was ihm für seine geleistete Arbeit zustand. Mit seiner Forderung blieb er weit unter dem ihm ursprünglich zugesagten Betrag zurück. "Wie gesagt, um herauszufinden, dass es sich dabei um Strass handelt, hätten Sie nicht mich konsultieren müssen."
"Verdammt noch mal", brüllte Ricky mit hochrotem Kopf, "sagt mir endlich einer, wovon hier die Rede ist."
Jedermann ignorierte ihn. "Wenden Sie sich an ihn", sagte Fuller zu Steiner und deutete auf mich. "Er ist der Boss."
Steiner tat es und ich drückte ihm ein paar Scheine in die Hand. Er nickte, nahm seinen Koffer mit dem Mikroskop und all den anderen Dingen, mit denen man echte von falschen Diamanten unterscheiden konnte, und ging Richtung Lagertür, durch die er verschwand, ohne sich noch einmal umzudrehen.
Der hat es hinter sich, dachte ich. Sein Einsatz war gering gewesen, dafür auch die Risiken, denen er sich aussetzte.
"Tja", sagte Fuller, "das wär's." Er sprach noch immer ruhig, allerdings mit einem traurigem Unterton, den ich bisher nicht bemerkt hatte.
"Was ist damit, eh?" Ricky griff in den Haufen Glassteine. "Schmeißen wir sie weg, oder was? In dem Müll damit, wie?" Er kicherte hysterisch.
"Häng sie deiner Freundin um den Hals", sagte Fuller ungerührt. "Sie wird den Unterschied zwischen Glas und Diamanten ohnehin nicht bemerken."
Ricky schleuderte die Steine zu Boden. Wild tanzten sie auf dem Beton; einige von ihnen sprangen mir direkt vor die Füße, einer landete sogar auf meinem Schuh.
Ich stand etwa zehn Meter vom Tor entfernt. Wie lange braucht man, um diese Distanz zu überwinden? Ich dachte an die Waffe, die zu Hause unter meinen Hemden lag. Ich gäbe jetzt eine Menge dafür, wenn ich sie nicht unter einem Stoß Hemden in einer meiner Schubladen verstaut, sondern mitgenommen hätte. Andererseits war ich mir keineswegs sicher, ob sie mir, selbst wenn ich sie dabei hätte, etwas nützen würde. Fuller wie Ricky kannten sich mit Schusswaffen aus, ich hatte in meinem Leben nur eine einzige in Händen gehalten, und auch das nur, um so zu tun, als ob ich etwas davon verstünde.
Ricky starrte auf den Stein, der auf meinem Schuh gelandet war. Dann fiel sein Blick auf Fuller. "Dieser verdammte Drecksack ..." Er meinte mich. "Dieses miese Arschloch hat uns reingelegt, für dumm verkauft, hat uns ..." Er trat einige Schritt auf mich zu, griff dabei unter seine Jacke.
Nur noch eine Frage von Sekunden, dachte ich, bis ich in die Mündung eines Colts blicke. Zu argumentieren hätte wenig Sinn. Obgleich Fuller wissen musste, dass ich niemals hierher gekommen wäre, wenn ich gewusst hätte, was Steiner unter seinem Mikroskop sähe. Ich zweifelte daran, dass Fuller einen wütenden, um alle seine Hoffnungen betrogenen Ricky in Schach halten konnte. Selbst wenn er wollte. Aber vielleicht wollte er es auch gar nicht. Auch er war schließlich betrogen worden. Von wem, war letztlich uninteressant, wenn man denjenigen zur Hand hatte, der alles eingefädelt, der die großen Töne von einem gigantischen Profit bei minimalem Risiko von sich gegeben hatte.
Ich dachte an Loraine und verstand all die Ungereimtheiten allmählich, die mich die vergangen Stunden verwirrt hatten. Eine Zukunft mit einem, der zwar reich, dabei aber ständig auf der Flucht vor der Polizei war, hatte ihr offensichtlich nicht zugesagt. Die Ehebande, die Sicherheit, die diese bargen, hatten schließlich gesiegt: Ein Mann, der mit Diamanten handelte, war so sicher und unvergänglich wie diese selbst. Außerdem war MEYER & MAIER jetzt reicher als zuvor: Die Versicherung würde bezahlen - für Schmuck, der nicht abhanden gekommen war. Sie hatten doppelten Nutzen.
Irgendwie konnte ich ihr nicht einmal böse sein. Nicht einmal in diesem Moment. Sie hatte gewählt, was jeder vernünftige Mensch - nach reiflicher Überlegung - wählen würde. Ich hingegen hatte nicht lange und reiflich genug überlegt - und dafür wurde mir nun die Rechnung präsentiert.
Ich wandte mich zum Tor um. Steiner hatte es nicht ganz zugezogen. Ich sah einen Streifen der hellen Kiesfläche, die sich vor der Halle ausdehnte. Mein Wagen stand auf diesem Kies; ich konnte sein Heck durch den Spalt erkennen. Der Schlüssel steckte. Der Wagen war für gewöhnlich zuverlässig. Ich könnte es also schaffen. Im Umdrehen hatte ich aus den Augenwinkeln Rickys Waffe gesehen, aber noch nicht, wie er sie auf mich richtete. So schnell konnte Ricky den schweren Colt nicht handhaben. Vielleicht standen meine Chancen also gar nicht so schlecht.
Etwas anderes, das ich im Umdrehen sah, war Fuller, wie er ruhig und unbewegt dabei stand und der Entwicklung der Dinge zusah.

ENDE



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Michael Schmidt
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Hallo Jael,

willkommen in der Lupe.
Erst mal zwei grundsätzliche Anmerkungen:
Du hast die Geschichte im Krimiforum und im Archiv gepostet, eine davon müsstest du löschen.
Da wir uns im Krimiforum befinden, ist der Titel Krimi überflüssig, gar nichtssagend, und du möchtest doch, dass die Geschichte gelesen wird, oder?
Wenn du willst, ändere ich dir den Titel in "Diamanten sind unvergänglich", das dürfte wohl der Titel sein.

Zur Geschichte, die ich erstmal nur überflogen habe:
Die Anfangsszene zieht sich ein wenig, auch wenn du mit der Uhrzeit Spannung erzeugen möchtest. Erscheint mir für die Geschichte auch nicht so wichtig, vielleicht solltest du kürzen.
Zum andern : Er hat eine Waffe, braucht aber keine, aber hat sie seit dem Kauf nicht einmal kontrolliert, geschweige den ausprobiert?
Eher unwahrscheinlich, oder?

Bis bald,
Michael

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Marcus Richter
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Hallo Jael,
musste mich ein wenig durch deinen Text hindurch kämpfen. Vielleicht liegt das daran, dass du viele Umstände, die mir nicht gerade wichtig erscheinen, beschreibst und sie überbeschreibst. In gewisser Weise hat das was. Ich dachte immer wieder zwischendurch – Man oh man, was ist dieser Protagonist doch für ein Pedant! Wie gesagt, das hat was. Ist aber stellenweise etwas arg ausgeartet.
Was ich glaube, dass es deiner Geschichte ganz schmerzlich fehlt, ist das Warum. Schön, er ist ein Pedant. Er will im Leben vorwärts kommen. Auch schön. Aber warum bleibt er nicht bei seiner reichen Dame und holt sich über sie das, was er haben will? Die ganze Geschichte erinnert mich unwillkürlich an the man who was´nt there. Ebenfalls sehr schön emotionslos. Genauso emotionslos beobachtet dein Prot. die laufenden Ereignisse. Es scheint ihm ebenso unmöglich die beschriebenen Ereignisse aufzuhalten. Aber warum? Würdest du ein Warum konstruieren, würde sich wahrscheinlich auch eine Emotion einstellen, eine Intention – das Warum also. Mit einem gut konstruierten Warum könntest du, glaube ich, eine ganz ausgezeichnete(für mich interessante) Kriminalgeschichte schreiben. Der exakte Schreibstil, etwas zurückgenommen, wäre meiner Meinung nach, sehr entscheidend.

Bis dann
Marcus


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"Ein Wort aufs Papier und wir haben das Drama."
Durs Grünbein

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Jael
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thnx für eure Kommentare.
Denke darüber nach, wie ich die Story verbessern kann. Das mit dem "Warum?" finde ich jedenfalls einleuchtend.
Gruß
J

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